Die Welle, die man macht


Natürlich geschieht - gewissermaßen als Nebeneffekt oder auch als Wachstumsschmerzen- bei meditativer Arbeit auch etwas, was man als Phrase gern als Schattenarbeit bezeichnet. Oder, wie Tolle es auch nennt, die Arbeit am Schmerzkörper. Bei ihm ist es sicher keine Phrase. Es ist der Bereich, den ich meine.

Damit ist überhaupt nichts Dramatisches gemeint. Es ist auch eigentlich keine Phase, sondern mehr ein aufkommendes, stetig mitwachsendes Phänomen. Es ist eine Art von Erinnerung, die nicht die üblichen, schattenhaften, sondern deutliche und multisensorische Eigenschaften hat- aber doch so ganz von Außen betrachtet vor Augen steht, dass es eine Art filmischen Charakter bekommt.

Gezeigt werden scheinbar willkürlich Szenen aus meinem Leben. Ich weiß genau, wie ich gefühlt, was ich gedacht hatte, aber auch, was die anderen Beteiligten betrifft. Und so, von dieser Warte aus betrachtet - nämlich der eines Außenstehenden und zugleich Miterlebenden- ist die so lebendig wiedererlangte Szene vor allem von einer Peinlichkeit für mich, die deshalb noch bestürzender wird, je mehr mir klar wird, wie sehr ich diese - und viele andere- Szenen bislang doch in der Erinnerung umgedeutet, geglättet, mich als Opfer geriert hatte. In der Sicht eines Fremden sieht sie doch ganz anders, nämlich unangenehm für mich, aus.

Der Kern des Problems, das bin zweifellos ich selbst. Die Alltagsszenerien, wie ich sie jetzt, in der Gegenwärtigkeit, erlebe, enthüllen schamlos meine so lange beschützte Illusion über mich selbst- das gehätschelte Selbstbild, das, was rennen und tun und machen muss, was die Rastlosigkeit hervor ruft.

Die Welle, die man wieder und wieder macht, die Identität schaffende Gebetsmühle der eigenen Befindlichkeiten, jetzt sieht man sie klar und nüchtern wie mit den Augen der Ewigkeit; bestürzt.

Gleichzeitig befreit sich in der Scham dasjenige in mir, das schaut, fühlt, was seine Biografie nun neu deutet; dasjenige in mir, das nicht verwickelt ist in das Geschehen. Es ist das "kleine Kamaloka" dessen, der meditativ arbeitet, aber dem sich eben deshalb die inneren Widersprüche enthüllen.

Kommentare

  1. "Die Welle, die man macht"

    Der Text berührt mich insofern, da in den letzten Stunden ein ähnliches Erlebnis, wo all die erlebten und gelebten Figuren sich realer geben. Jetzt waren es die Eltern, mein Zwillingsbruder, aber auch "Feinde". Es zeigte sich die Notwendigkeit, denn aus dem Kräftevorgang ergeben sich neue Qualitäten. - Mein Erlebnis wurde wohl mit ausgelöst, durch die gestrige Nachricht von einem Freund, der einen Schlaganfall erlitten hatte. Er war mit irgendwelchen freimaurerischen, rosenkreuzerischen Strömungen verbunden, hat eine umfangreiche Bibliothek und schien mir in letzter Zeit am Rande seines Lebens. Genährt wurde das Erlebnis vor Stunden auch durch die Frage hier im blog nach dem Ätherischen.
    So zogen die Lebensbilder zwar entkleidet des persönlichen Erlebens am inneren Auge vorbei, doch gleichzeitig, wie Du Michael es beschreibst, von einer Dritten Warte aus. Es tauchte Wille auf, hinter diese Bilder zu blicken, denn das Wechselspiel, wenn auch von höherer Warte, gab noch keinen Sinn. So zog sich das Bewußtsein zwischen den Augen zusammen, als ätherischer Punkt.
    Insofern berühren nun Deine Zeilen, sie sind echt. Vielleicht gilt es den "Sturz" zu wagen, damit das "Bestürzende" sich wandelt zur

    "Welle die uns trägt."

    (stellte durch die Jahre fest, es gab einige Schilderungen von Dir, die zeitgleich zu eigenem inneren Erleben passten)

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    1. In einer kleinen Übung aus: „Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten“ ist also, so sehe ich es, die ganze zukunftskräftige praktische Karma Arbeit enthalten. Sie kehrt wieder in der sogenannten „Weihnachtstagung im „Geisterinnern.“ Erinnere Dich Deiner selbst im „Erwachen am anderen Menschen.“ Eine uralte Mysterien Weisheit, die schon in dem Streitgespräch der beiden Jünger auf dem Weg nach Emaus ihre „bestürzende“ Kraft entfaltete.
      So ein momenthaftes Aufwachen löst Scham aus, kann zu einer Umkehr („Ändert eueren Sinn“ - Johannes der Täufer) und stillen inneren Metanoia führen. Damit stösst sie, wer weiss, die Welle einer lebendigen anthroposophischen Bewegung wiederum so kräftig an, dass sie aus der Verborgenheit erneut ans Licht treten kann.
      Aufwachen ... Scham ... schwertloser Kampf ... authentische Präsenz/Geistselbst Erleben ... ein wirkkräftiger Beitrag stiller praktischer Karma Arbeit.
      Ich grüsse Dich,

      Bernhard Albrecht Hartmann

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  2. Lieber Ernst,

    danke für Dein Mit-teilen, ich erkenne darin eigene Erlebnisse wieder.
    Besonders danke für:

    »Vielleicht gilt es den "Sturz" zu wagen, damit das "Bestürzende" sich wandelt zur

    "Welle die uns trägt."«

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  3. Lieber Michael,

    danke für diesen Text.

    Ich erlebe dieses „kleine Kamaloka“ immer dann, wenn ich versuche, eine „Rückschau“ auf den vergangenen Tag zu machen.
    Ich dachte früher, es gehe bei dieser Rückschau vor allem darum, mir bewußt zu machen, was ich selber erlebt habe (denn während ich etwas erlebe, entgeht mir ja vieles, das im Nachhinein dennoch aus der Erinnerung „heraufzuholen“ ist) -- aber das wollte mir von Anfang an nicht gelingen, wenn ich das versuchte, bin ich immer ziemlich bald eingeschlafen.
    Wenn ich aber wach bleiben kann, dann stülpen sich die Erlebnisse in einer solchen Rückschau gewissermaßen um, und das, was „erscheint“, ist eine Art „Gegenbild“. Ich kann gut nachvollziehen, was Du über den „filmischen Charakter“ sagst, und natürlich über die „Peinlichkeit“, die damit verbunden ist, dieses Gegenbild „von außen“ anzuschauen --- wie Du es beschreibst: eigentlich nicht nur „von außen“, sondern vor allem von den „Innenseiten“ der anderen Beteiligten aus.

    »Gezeigt werden scheinbar willkürlich Szenen aus meinem Leben.«
    Bei dem, was ich bis jetzt beschrieben habe, ist es ein wenig anders - denn ich entscheide ja selber darüber, welche Szenen aus meinem Leben mir „gezeigt“ werden.

    Anders ist es jedesmal, wenn ich ernster krank bin und eine Zeitlang zwischen Wachen und Schlafen „dahindämmere“. Dann scheinen alle Energien auf „Reparieren“ konzentriert zu sein – und seit einer schweren Grippe vor ein paar Jahren (ich hatte hohes Fieber und fühlte mich ein paar Tage lang wörtlich „zum Sterben elend“) kann ich immer bewußter „dabeisein“, wenn mir, jetzt wirklich „scheinbar willkürlich“, frühere Erlebnisse „gezeigt“ werden. Meist liegen sie ziemlich weit in der Vergangenheit, oft in der Kindheit oder frühen Jugend, ich hatte sie eigentlich schon vergessen geglaubt.
    Und ich schaue dann nicht nur zu, wie es, „von außen“ bzw „vom Inneren der anderen aus“ betrachtet, geschehen ist, sondern vor meinem inneren Auge gestalten sich die Szenen um: mein damaliges „Ich“ verändert etwas in sich, und sowohl dieses damalige „Ich“ als auch alle anderen Beteiligten verhalten sich daraufhin „heilsam“, sprechen und handeln so, daß es sich schließlich für alle „gut“ anfühlt --- und während dieser „Reparatur der Vergangenheit in der Erinnerung“ schreitet die Genesung meines physischen Körpers voran.
    Ich „erwache“ gestärkt und mit gesund-roten Wangen aus solchem „Zustand“, in einem Gefühl der Verbundenheit und inneren Freude, so als ob nun tatsächlich nicht nur für mich, sondern auch für alle anderen dieses damalige Erlebnis „repariert“ wäre... dabei weiß ich auch weiterhin (mit aller „Peinlichkeit“), wie es damals wirklich war. Aber ich sehe deutlich und in lebendigen Farben, wie es „wünschenswert“ gewesen wäre, und allein dadurch ist dieses „Wünschenswerte“ ein wenig mehr „da“ in der Welt als vorher...

    Da es sich, wie gesagt, dabei um Erlebnisse handelt, die weit zurückliegen, ist es mir bisher noch nicht gelungen, mit einem anderen der damals „Beteiligten“ darüber zu sprechen und herauszufinden, ob dieses „Reparieren“ nur für mich und mein eigenes Empfinden stattgefunden hat, ob auch die „andere Seite“ etwas davon verspüren konnte, oder ob es, um „repariert“ zu werden, erst eines Gespräches darüber bedarf.
    Denn diese anderen sind mir derzeit nicht erreichbar, entweder sind sie bereits verstorben, oder ich habe sie längst aus den Augen verloren und weiß nicht einmal mehr ihren Namen...

    Aber es bleibt mir die dankbare Empfindung, daß sie, wo auch immer sie gerade weilen mögen, auf ihre Weise mitgewirkt haben an meiner Genesung.

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  4. Alles in allem sehe ich hier zwar sehr viel guten Willen (dankedanke), muss allerdings sagen dass ich keinerlei Durchblick habe, was überhaupt los ist. Daher kann ich gar nichts zu einem evtl vorhandenen, oder auch nicht vorhandenen Kamaloka und dessen Auflösung, sagen.

    Falls ich durch irgendetwas irgendjemanden wütend gemacht haben sollte, ohne davon zu wissen oder es beabsichtigt zu haben, so täte es mir leid.

    P.S.: erst seit gestern habe ich hier wieder mitgelesen, ich war stark beschäftigt...

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