Lenz

"Nur manchmal, wenn der Sturm das Gewölk in die Täler warf, und es den Wald herauf dampfte, und die Stimmen an den Felsen wach wurden, bald wie fern verhallende Donner, und dann gewaltig heran brausten, in Tönen, als wollten sie in ihrem wilden Jubel die Erde besingen, und die Wolken wie wilde wiehernde Rosse heransprengten, und der Sonnenschein dazwischen durchging und kam und sein blitzendes Schwert an den Schneeflächen zog, so daß ein helles, blendendes Licht über die Gipfel in die Täler schnitt; oder wenn der Sturm das Gewölk abwärts trieb und einen lichtblauen See hineinriß, und dann der Wind verhallte und tief unten aus den Schluchten, aus den Wipfeln der Tannen wie ein Wiegenlied und Glockengeläute heraufsummte, und am tiefen Blau ein leises Rot hinaufklomm, und kleine Wölkchen auf silbernen Flügeln durchzogen und alle Berggipfel scharf und fest, weit über das Land hin glänzten und blitzten, riß es ihm in der Brust, er stand, keuchend, den Leib vorwärts gebogen, Augen und Mund weit offen, er meinte, er müsse den Sturm in sich ziehen, Alles in sich fassen, er dehnte sich aus und lag über der Erde, er wühlte sich in das All hinein, es war eine Lust, die ihm wehe tat; oder er stand still und legte das Haupt in's Moos und schloß die Augen halb, und dann zog es weit von ihm, die Erde wich unter ihm, sie wurde klein wie ein wandelnder Stern und tauchte sich in einen brausenden Strom, der seine klare Flut unter ihm zog."

(Georg Büchner, Lenz) Als digitales Kindle- Buch kostenlos.

Kommentare

  1. Die Anthroposophie sagt, dass seit dem EvG die Erde durchchristet, also sakral sei. Die ganz konkrete Erde, diese braune Materie in die ich die Zucchini-Pflänzchen setze, Kontinente, Ozeane, die Atmosphäre mit ihrem Wettergeschehen, unsere Erde, unser Globus ist vergeistigt und seit dem EvG nennen zumindest die Anthroposophen das „durchdrungen vom ätherischen Christus“. Das war sie schon immer, bloss bezeichneten patriarchale Ideologien die Erde als minderwertig, ordneten sie einer geistlosen Materie, dem Weiblichen zu, welche, beide, zu unterjochen seien.
    Die obige Naturbeschreibung, ein spirituelles Kunstwerk, ruft in mir wach, was ich auch kenne: unmittelbares Wahrnehmen des Sakralen.

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  2. Steiner schildert das "Seligwerden" der Natur als einen sehr langsamen Prozeß, der in dieser Form und in dieser Konkretheit erst seit dem 20. Jahrhundert einsetzt. Dieses Seelenhafte im Lebendigen, die Seligkeit des spiritualisierten Denkens, sind wie ein Gegenbild zu all dem Toxischen (RAdioaktivität), das Technik mit sich bringen kann. Lenz oder Hölderlin sind, wie es Büchner auch grammatisch so wunderbar ausdrückt, "Verrückte" gewesen, da sie das wie einen inneren Riß erlebten.

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    1. Das verstehe ich nicht ganz...das Seligwerden der Natur. In meinem Verständnis ist Natur immer schon spiritueller Ausdruck.

      Vielleicht ist es patriarchales Bewußtsein, das sich seiner selbst in der Natur bewußt wird. Das wäre für mich dann spiritualisiertes Denken.

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    2. Ich musste den inneren Zugang zur Natur langsam erst wieder finden, aber ich würde nicht sagen, dass ich bisher besonders "weit" damit gekommen bin.

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    3. Ich bin der Natur sehr nahe, schon von Kindheit an. Als Kind bin ich in ihr aufgegangen, war mehr unbewußt in sie eingebunden. Mit 29 hatte ich ein Schlüsselerlebnis und seither eine tiefe Beziehung mit der Natur. Ich möchte sagen, ich liebe sie.
      Je älter ich werde, umso bewußter wird mir diese Liebe.

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    4. Die Natur, das ist ja sehr vieles. Unsere Mutter Erde mit ihren Steinen Pflanzen und Tieren, aber doch auch die Milchstrasse und das ganze Universum. Daher kannst du dich doch auch in der Betrachtung all dessen, worin du dich konkret bewegst, naturverbunden fühlen. Du bist immer inmitten der "Natur" in diesem Sinn. Steiner meinte doch aber mit der Durchchristung der Erde speziell das Ankommen des Christlichen hier, in dieser Welt.
      Natürlich kann man auch ein Pflanzenbuch lesen oder die Eidechsen am Goetheanum ansehen.

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