Was übrig blieb

Er überlegte, alles, was er zu sein glaubte, zu werden erhoffte, oder in seiner Erinnerung gewesen war, an diesem Tag probeweise abzulegen, nur um sehen, was übrig blieb. Ein Häufchen Kleider hier und da, ein Buch mit Fotografien, Gerüche von Orten, die wie Schemen an ihm vorüber zogen, ein Regal voller Bücher, einige Zertifikate in einer Schublade, ein Bild seiner Mutter, die ihn voller Stolz und wehmütiger Erwartung anblickte, die Postkarten einer Freundin, die er verlassen hatte in der Hoffnung auf das wahre Leben. Am Ende.legte er den Stolz und die kaum bezwingbare Eitelkeit ab, den rasenden Willen, das und der zu sein, blickte auf die Landschaft um sich, die mit vielen Stimmen sprach, die er noch nie vernommen hatte, und war endlich still.

Kommentare

  1. Ich kann dazu nicht viel sagen, denn mein Leben ist seit Jahren so weit runterreduziert dass es eh nicht viel Vorstellungen gibt die zum Tragen gekommen wären.

    Mir fällt allerdings bei meinem Vater auf - er ist jetzt 70 - dass er gern über sein Leben resümiert. Er zählt mir seine Lebensstationen auf, und überlegt ob seine Lebensentscheidungen richtig gewesen sind usw. Für einen 70-Jährigen sicherlich angemessen...

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    1. Das Sich- Herausschälen aus dem Alltagsgeschehen ist nicht nur dem Alter angemessen, denke ich.

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    2. Na sicherlich ist es für jeden gut, es immer wieder mal zu tun, z.B. abends, wenn man nochmal über den Tag nachdenkt... Man denkt es halt, dass vor allem das Alter eine gute Zeit ist zum Resümieren, aber es stimmt.
      Das mag wohl auch so eine Betreuerinnensache sein, zu gucken ob andere es tun, und sich selbst tunlichst rauszuhalten (sonst kann man ja nicht sehr gut betreuen).
      An anderen lässt sich auch gut beobachten, mein Vater zum Beispiel, er ist beide Typen, der mit und der ohne die Anhaftungen. Beides ist Wirklichkeit. Beide verändern sich unabhängig voneinander. Du kannst zum Beispiel feststellen, dass du immer noch der Selbe bist wie damals in der Kindheit. Ja, klar, so ist es. Auf diesem Level verändert man sich sehr anders als auf dem Alltagslevel, wo man sich ständig anpasst...

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  2. Danke für diese Zeilen auf einer anthroposophischen Webseite.
    Seit Wochen quäle ich mich mit der Frage, wie Anthroposophie und diese "Leere", die da eben so schön geschildert wurde zusammen passen.
    Ich meditiere "anthroposophisch", habe aber vor kurzem zufällig Satsangs mit Samarpan angehört und hier Mittel gefunden mehr bei mir und in dieser totalen Entspannung zu sein.
    Habe ich da vielleicht in der Anthroposophie etwas falsch verstanden oder überlesen? ( Denken/Entspannung?)

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    1. Auf der Ebene des Lebendigen ist das Denken etwas wie flüssiges Wollen. Man ist "hell" im Bewusstsein, der Strom ist transparent. Es ist eine existentielle Ebene, d.h. man muss schon klar sein mit dem Haften, dem Illusionären des Ego. Das geht einem Anthroposophen nicht anders als Anderen. Hilfreich für Anthroposophen sind Angaben Steiners für den Weg, der hier beginnt. Man identifiziert einfach Dinge, die sonst irrelevante und unklare "Erfahrungen" blieben.

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    2. Danke für Ihre Antwort. Könnten Sie bitte Texte oder Bücher Rudolf Steiners nennen, die diesen Weg begleiten?
      Freundliche Grüsse, Cornelia M.

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    3. Lieber Anonym,

      die oben geschilderte "Leere" und die Anthroposophie passen nach meiner Erfahrung nicht besonders gut zusammen. Man kann als Anthroposoph natürlich dann und wann mal eine entsprechende "Übung" in dieser Richtung machen, das hat aber häufig etwas gewolltes und gemachtes und die "Leere" hat dann keine Tiefe.

      Es gibt u.a. einen grundlegenden Unterschied zwischen der Anthroposophie und der Advaita/Satsang Richtung (aus der Samarpan und ähnliche Lehrer kommen): Im anthroposophischen Schulungsweg geht es primär um das Willenselement des Denkens, um Konzentration und ganz grundsätzlich um intentionale Übungen. Ich mache etwas, eine Übung, um etwas bestimmtes, von mir als positiv empfundenes, zu erreichen, um etwas hinzugefügt zu bekommen: Mehr Ruhe, mehr Bewusstheit, mehr inneren Frieden, usw. Nicht umsonst heisst das entscheidende Buch bei Steiner "Wie ERLANGT man..."

      Im Advaita gibt es in dem Sinne nichts zu "erlangen" - es geht hier um die Erkenntnis, dass du das Bewusstsein und die Stille nach der du suchst, bereits bist und dass die andauernde Beschäftigung des denkenden Geistes (die auch "spirituell" sein kann) gerade diese Erkenntnis verhindert.

      Es gibt auch keine sich endlos wiederholenden weltanschaulichen Debatten (wie in diesen Monaten auf dieser Website zum Thema Judith v Halle) in der Advaita Szene; es gibt zwar zahllose Unterschiede und Nuancen bei den jeweiligen Lehrern, keiner würde aber auf die Idee kommen, sich gegenseitig zu bekämpfen.

      "Entspannung" gibt es m.E. in der Anthroposophie auch eher wenig, also keine Körperarbeit, Atemübungen, Umgang mit Gefühlen, u.a.

      Ich war lange mit der Anthroposophie verbunden, dann auch, wie Du, Lehrer aus der Satsang-Ecke kennen gelernt, einige Zeit versucht, beides zu vereinen, irgendwann gesehen, dass das nur bedingt "funktioniert" und das ich mich für eine Sache entscheiden musste, aber da kann jeder selbst schauen, was und wieviel man verbinden kann.

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    4. Im Gegensatz zu Rainer sehe ich diese Widersprüche nicht, auch wenn die real existierende Anthro- Szene sich in Grabenkämpfen und arroganten intellektuellen Gockelauftritten delektiert und oft nicht zum Sprituellen durchstösst. Als Kompromiss empfehle ich die Steinerschen Chakra- Übungen, die ich gerade auf egoisten.de erneut vorgestellt habe.

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    5. Ich hatte ein sehr interessantes Gespräch mit F.H. und anderen im Facebook, wo gerade diese Frage beleuchtet wird, ob das Nichts im Buddhismus (Nirvana) das Selbe ist wie ein Nichts im materialistischen Denken beispielsweise vor dem Urknall, ob es so etwas folglich überhaupt geben kann oder ob damit nicht ein Seelenzustand gemeint ist, der sehr lebendig ist, Leben bedeutet.

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  3. Lieber Michael,

    aber... meintest Du Deinen Beitrag nicht vielleicht auch ein wenig ironisch -- ?

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    1. Eher etwas melancholisch. Die Egos sind so gewaltig, der Schnitt so einschneidend, und man sieht, wie die Meisten, die überhaupt suchen, Gespenstern hinterher laufen. Die Egos springen einem quasi ins Gesicht. Man versteht es, man kennt ja das eigene. Man hat wirklich Verständnis. Aber manchmal sieht es wirklich trostlos aus, die Macht des Scheins, selbst und gerade in der spirituellen Szene.

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    2. Ja, das ist schon ziemlich "verrückt" mit dem menschlichen Werdegang. Zunächst beginnt man sich zu klären, das mit der Subjektivität ... zu begreifen, räumt mehr oder weniger herum und auch auf, in der Hoffnung dann "realistischer" zu sehen, was ja auch geschieht, als Zwischenzustand dann eine gewisse Erleichterung und eine aufblühende Freude am Werden, aaaber, dann begegnet man der Realität2 oder sie tut sich auf und alles wird eigentlich noch viel schlimmer. Die Betäubung durch die/eine Illusion lässt nach und weicht dem Schmerz der Klarheit.

      Das den Gespenstern Hinterherlaufen kenne ich sehr gut und ich frage mich manchmal ob es, statt zu kämpfen, nicht heilsamer wäre sich gegenseitig seine Gespenstergeschichten zu erzählen, ohne sie zu bewerten, denn sie (")bewerten(") sich gegenseitig von ganz allein, eigentlich ist das alles ein riesengrosses Theaterstück bei dem die Zuschauer zugleich die Schauspieler sind.

      Die ganzen üblichen und gewohnten Begriffe lösen sich von den gestempelten Objekten und müssen neu zugeordnet und teilweise sogar umbenannt werden. All diese Wörter fliegen umher, wie verirrt und schauen mich fragend an, ob ich vielleicht eine Lösung parat hätte. Das Schöne an einer solchen Imagination, man erkennt besser den eigentlich tragenden Boden, allerdings heisst er jetzt anders und da wird´s dann schwierig oder melancholisch, eine der besten kreativen Zustände, die ich so kenne. :-)

      Und die Egos, die lösen sich ebenfalls von den Personen, wie in einer Modenschau bei "Germany´s next Topmodel" --- und Ver-Liebte lassen sich schwer ansprechen, das ist wohl das Kreuz, was man tragen muss, insbesondere als Betrachter, allerdings scheint es auch eine Art Eintrittskarte zu sein, das ganze Theater.

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