Andrew Cohen tritt von seiner Guru-Rolle zurück und entschuldigt sich

Andrew Cohen war ja auch hier, auf den Seiten der Egoisten, wegen seiner rigiden Methoden kritisiert worden- informiert etwa durch die immer zahlreicher werdenden Bücher von Aussteigern, die sein finanzielles und persönliches Gebaren anprangerten: "Die Methoden, deren sich Cohen in den internen Kreisen bedient, ist ein umfassender Spitzelapparat, dem sich Hunderte von aktiven Anhängern bereitwillig unterwerfen, um dann - angeblich um ihr "Ego" zu brechen- zunehmend gedemütigt, teilweise geschlagen und ihrer sämtlichen Ersparnisse (oder mehr) beraubt zu werden. "Beraubt" ist vielleicht der falsche Ausdruck- sie überschreiben das Geld, nehmen Kredite auf, um ihren auf sie scheinbar wütenden Guru zu besänftigen, der sich mit Kleingeld nicht zufrieden gibt, auch nicht mit buchstäblichen Unterwerfungen, Bädern in eiskaltem Wasser, stundenlangem Beten vor seinem Abbild. Die "Schuld", um die es sich handelt, ist meist sexueller Natur. Cohen kontrolliert alle (sexuellen) Beziehungen der ihm Hörigen und ahndet einen nicht von ihm genehmigten Kontakt (oder auch nur einen Akt der Masturbation)- eben alles, was die Spitzel ihm bereitwillig zutragen- so lange, bis es sie selbst erwischt. Es ist ein totalitäres System, das mit blumigen Implikationen und einem weltoffenen Erscheinungsbild verschleiert wird."

Offenbar kam Cohen, der von seinen Schülern konkrete Fortschritte erwartete, aus der Paradoxie seiner Rolle als Lehrer nicht heraus, den die Erwartungshaltung seiner Anhänger immer mehr einengte, auch wenn er sie schockierte und von sich auf sich selbst zu verweisen versuchte; die Abhängigkeiten und Projektionen blieben bestehen. Im Juni hatte Anna-Katharina Dehmelt in ihrem Rundbrief des Instituts für Anthroposophische Meditation schon von einem vermutlich halbjährigen Sabbatical Cohens nach dem Retreat in der Toskana geschrieben: "Katrin Karneth und Tom Steininger haben den Umkreis von EnlightenNext über diesen Schritt wie folgt orientiert: „Andrew Cohen, der Gründer von EnlightenNext, möchte in der nächsten Zeit auch für sich und seine Vision eines post-traditionellen Lehrers einen Schritt weiter gehen. In Gesprächen mit seinen langjährigen Schülern wurde ihm klar, dass es wichtig ist, deutlicher als bisher aus der traditionellen Lehrerrolle in eine neue Form des Schüler-Lehrer-Verhältnisses zu gehen. Um sich für diese Arbeit auch Zeit zu nehmen, hat sich Andrew Cohen entschlossen, nach dem Retreat in der Toskana für sechs Monate in eine Auszeit zu gehen, in der er darüber reflektiert, wohin er sich auch persönlich entwickeln kann, um eine post-traditionelle Lehrerrolle besser ausfüllen zu können.“ Andrew Cohen ist ja oft nachgesagt worden, mit seinen Schülern recht restriktiv umzugehen. Das hat sich jedoch schon in den letzten Jahren erheblich gewandelt. Wohin sich seine Lehrer-Rolle nun entwickeln wird und wie die Ausrichtung und Struktur von EnlightenNext sich entsprechend umgestalten wird – darauf darf man gespannt sein!"

Danach war, wie vermutet, tatsächlich die autoritäre Guru- Rolle das zentrale Problem; eine lähmende Projektion der Ich-Entwicklung durch die Schüler auf den Lehrer. Aber nun geht Cohen wesentlich weiter als erwartet; er zieht sich für eine unbestimmte Zeit zurück und entschuldigt sich für die Erstarrung in seiner Rolle und für die Übergriffe gegenüber seinen Schülern: "I’m fifty-seven years old and currently find myself facing the biggest challenge of my life. I’ve been a teacher of spiritual enlightenment for twenty-seven years. Enlightenment has always been and always will be about transcending the ego. Over the last several years, some of my closest students have tried to make it apparent to me that in spite of the depth of my awakening, my ego is still alive and well.

I’ve understood this simple truth—that we all have egos no matter how enlightened we may be—and even taught it to thousands of people all over the world throughout my career. But when I was being asked to face my own ego by those who were nearest and dearest to me, I resisted. And I often made their lives difficult as a result." (..)

"In light of all this, for the sake of my own integrity as a spiritual teacher and as a human being, I’ve decided that I need to take some time off so I can make the effort to develop in many of the ways that I’ve asked other people to. Starting this fall, once I’ve fulfilled some prior commitments, I’m going to embark upon a sabbatical for an extended period of time. During this hiatus, I will be stepping down from the leadership of my organization, I won’t be publishing anything here on my blog, and will not be doing any public teaching. My intention is to become a better teacher, and more importantly, a better man."

In der Szene wird dieser Schritt sogar als gänzlicher Rückzug zumindest in Bezug auf sein bisheriges Wirken verstanden: "Andrew Cohen, einer der einflussreichsten spirituellen Lehrer unserer Zeit, Vordenker der integralen Bewegung und Herausgeber der Zeitschrift EnlightenNext hat auf seinem Blog einen bemerkenswerten Post verfasst, in welchem er seinen Rücktritt von seinen Positionen und seiner Funktion als spiritueller Lehrer erklärt und sich bei seinen Schülern entschuldigt."

Ich bin voller Bewunderung und Respekt für einen solchen Bruch, denn natürlich ist der Abschied aus einer solchen Rolle ein sehr schwieriger Schritt. Der Widerspruch zwischen seiner Rolle und dem Anspruch, im 21. Jahrhundert spirituelle Autonomie zu lehren, hat Cohen letztendlich auf sich selbst zurück geworfen. Dass er dann auch die Konsequenzen zieht, ist mutig und konsequent.


Kommentare

  1. Ich bin verwirrt. Ich fühle mich bei solchen Posts in meine anfängliche Zeit bei den Egoisten zurückversetzt, wo ich mich angesprochen fühlte, Kritik zu üben, obwohl ich mich doch noch gar nicht so auskannte in der Szene.
    Ganz spontan fand ich es schade wenn es ihn nicht mehr geben sollte. Ein bunter Vogel weniger auf dem esoterischen Markt, und die Integralen sind doch eine große esoterische Strömung mit breitgefächerter Literatur, die viele intelligente Leute anspricht, weniger Intellektuelle allerdings nicht so, was ich nicht gut finde. Ein wirkliches Konzept sollte immer alle Sorten von Menschen integrieren. Aber dennoch waren sie frischer Wind auch für die Anthroposophen.
    Zu den Interna kann ich wirklich übehaupt nichts sagen, da lese ich wieder mehr mit.

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