Digitale Besatzungsmächte

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In den letzten zehn Jahren ist das Level von Informationen aller Art für jeden, der informiert sein möchte, nicht nur enorm gestiegen, sondern auch in Echtzeit verfügbar geworden. Die Smartphones pushen die Nachrichten mit einem Pling in die meisten Winkel der Welt, in S-Bahnen, Büros und Passantenströme. Es macht kaum mehr Sinn, ein Gespräch zu beginnen mit "Weißt du schon..?", da die Antwort vermutlich ohnehin lautet: "Ja." Dass der universell informierte Gegenwartsmensch seinerseits digital transparent geworden ist, ist die Schattenseite, die er nur ungern zur Kenntnis nimmt. Er ist in seinen Bewegungen - sei es physisch- örtlich, im Internet, im Kaufverhalten, sei es - durch seine Suchbewegungen im Netz- intellektuell - nicht nur erfassbar; es ist sogar inzwischen mit hoher Wahrscheinlichkeit möglich, Prognosen über sein Verhalten abzugeben. Es gibt einige Anekdoten darüber, wozu die Erfassung von Konsumenten in Drogerien und Supermärkten führen kann: Der ihr unbewusste Appetit auf bestimmte Nahrung, Vitamine, Ersatzstoffe macht es Unternehmen möglich, z.B. eine Erkrankung oder auch eine Schwangerschaft der Konsumentin zu prognostizieren, bevor diese davon irgend etwas weiß.

Nun macht, um das noch zu ergänzen, die moderne Kriegsführung mittels Drohnen, deren Repräsentant der amtierende amerikanische Präsident geworden ist, Prognostik, Identifikation und Ortung von Individuen auf diesem Planeten nicht unbedingt behaglich. "Krieg" bekommt dadurch eine ganz andere Dimension, zumal abzusehen ist, dass derlei Techniken durchaus nicht nur auf die USA beschränkt sind und noch weniger beschränkt sein werden. In nicht ferner Zukunft werden solche Szenarien wohl Alltag sein- auch in der Hand von religiösen Fanatikern, verrückten Einzeltätern und bestimmten Gruppierungen mit deren Einzelinteressen. Das wird wohl eine Dimension annehmen wie seinerzeit im Kalten Krieg die atomare Bedrohung. Und sicherlich rückt damit etwas in Sichtweite, was Rudolf Steiner einst den "Krieg aller gegen alle" nannte.

Das Abhören des Kanzlerinnen- Handys (Obama wusste von nichts?) hat nun selbst die schläfrige deutsche Politik aufgeweckt. Man reibt sich die Augen, dass ausgerechnet der Oligarchen- und Geheimdienstfreund Putin dem großen Aufklärer (oder Verräter, je nach Standpunkt) Snowdon den Rückzugsraum bietet, um die Länder der Welt weiter über die digitale Besatzungspolitik der USA zu informieren. Erstmals rinnen die Träume von einer kompletten Weltgesellschaft in den Ausguss, dem sie vermutlich entstiegen sind. Denn ohne widerstrebende politische Mächte gäbe es für Aufklärer wie Snowdon keine Bühne und kein Entkommen. Die digitalen Robin Hoods hätten keine Chance.

Inzwischen beschweren sich Google und Yahoo lautstark darüber, dass ihr gesamter Internet- Verkehr vom NSA abgehorcht wird- jede Email, jede Suchanfrage, jede Wegbeschreibung. Dies nicht aus moralischer Entrüstung, sondern weil sie fürchten, ausländische Unternehmen und Bürger würden in Zukunft lieber auf eigene Server setzen. Man fürchtet Schäden im zweistelligen Milliardenbereich. Die NSA versichert treuherzig, man halte sich an die Gesetze, d.h. US- Bürger würden nicht bespitzelt- sehr wohl aber der Rest der Welt. Apple dagegen hat mit dem gerade erfolgten Update seiner Betriebssysteme die Möglichkeit abgeschafft (ohne das groß kenntlich zu machen oder gar anzukündigen), Smartphone und Computer im eigenen Haus zu synchronisieren. Das läuft ab sofort nur über Server der iCloud, d.h. im rechtsfreien Raum der amerikanischen Spitzelparadiese. Man fragt sich, welchen Interessen das dient.

Die amerikanische Presse fürchtet dagegen den "Huawei"- Effekt, das trojanische Pferd der Chinesen. Die preiswerten Smartphones von Huawei sollen nämlich die Nutzer in Richtung China ausspähen- etwas, was die digitale Supermacht USA keineswegs dulden möchte.

Wir sollten wohl Siemens bitten, wieder Handys zu bauen.

Kommentare

  1. USA PATRIOT Act (Apronym für Uniting and Strengthening America by Providing Appropriate Tools Required to Intercept and Obstruct Terrorism Act of 2001;
    Seitdem 11. September 2001 sind die Bürgerrechte der US Bürger massiv beschnitten worden, die USA befinden sich bis heute in einem Ausnahmezustand, wo Abhören und Ausspähen völlig normal ist und die ganze Diskussion hätte man führen sollen, als sie noch entschieden werden konnte, aber da wurden die Kritiker in eine Ecke hineinkompromittiert, aus der sie nur noch zuschauen konnten. Man machte aus ihnen Verschwörungstheoretiker, Illuminatengläubige bestenfalls Figuren, die man in den Film Das Sakrileg casten könnte, also völlig unglaubhaft. Vor sechs Jahren hat Naomi Klein einen fantastischen Artikel im Guardian herausgegeben mit dem Titel:.Facist America in 10 easy steps
    http://www.theguardian.com/world/2007/apr/24/usa.comment
    Die ganze Diskussion gäbe es wahrscheinlich nicht wenn Frau Merkel mit einem Siemens Gerät telefoniert hätte, mit einem strahlenundurchlässigem Kruppgehäuse.

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  2. Man kann sich ja nur dann besetzen lassen, durchschaut man den, der dies mit mir vorhat, nicht. In diesem Falle ist der "Gegner" die atomisierte Technik, die digitale. Aus Einzelbausteinen setzt man die Welt zusammen, die man gerne hätte, der Legokasten Ahrimans, bzw. Ahriman spielt mit seinen Teilchen.

    Unsere oder die digitale Technik kommt mir immer so vor wie der in die Materie sich verdichtende Geist eines Akteurs, DER - hörte man ihm mal wirklich zu statt ihn lediglich zu benutzen, bzw. seine Produkte, wie man glaubt!! - uns EIGENTLICH sagen möchte - vielleicht nicht unbedingt - aber auf jeden Fall könnte, was ich/wir als Mensch zu entwickeln hätten, nämlich in diesem Falle als Gegengewicht das imaginative Bewusstsein, statt jenes objekthörigen Verhaltens unserer Tage. Die Technik macht uns "bloss" vor, zeigt uns, was wir zu entwickeln hätten, BEI uns selbst, DIREKT in uns selbst, statt immer nur nach draussen gaffend, sinnenorientiert sich selbst versklavend hinterherzulaufen inzwischen dem, ja wem --- uns selbst womöglich?? Ich denke ja!.

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  3. Es wäre vielleicht mal an der Zeit, nicht nur Einzelphänomene der Computertechnologie anzuschauen, welche Wirkungen sie hier und dort in der Gesellschaft hat, sondern eine "Symptomatologie" derselben zu schreiben, damit man aus der Gesamtheit der Symptome erfasse, welches Wesen dahintersteckt.

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