Alleinvertretungsrechte und Deutungshoheit in Bezug auf Rudolf Steiner

Auch in diesem Blog ist an mancher Stelle sehr kritisch über Judith von Halle berichtet worden- wer es nachlesen mag, möge sich der Suchfunktion bedienen. Das hindert mich aber nicht daran, meinen Ekel darüber auszudrücken, wie solche Kritik an einigen Orten - hier ist der berüchtigte Lochmann- Verlag gemeint- vermengt wird mit einerseits überholten anti- jesuitischen und anti- freimaurerischen, aber auch antisemitischen Reflexen: "Wir können uns selbstverständlich über jeden Versuch freuen, den Angehörige alttestamentarischer Religionen unternehmen, um durch die Anthroposophie zu einem zeitgemässem Christusverständnis vorzudringen. Leider sind nicht alle diese Versuche von Erfolg gekrönt und schlagen zuweilen auch ins Gegenteil zurück. Im vorliegenden Fall kommt noch ein weiteres erschwerendes Element hinzu: Dieses jüdische Mädchen besuchte einst ausserdem das jesuitische Canisius-Kolleg in Berlin, das durch die Ignatianische-Schüler-Gemeinschaft (ISG) noch eine „weiterführende jesuitische Schule“ beinhaltet (http://www.isg-berlin.de/index.html). Sie selber behauptet, in dieser Zeit ein „christliches“ Kolleg besucht zu haben. In Tat und Wahrheit besuchte sie aber eine rein jesuitische Einrichtung, die dem wahren Christentum diametral entgegensteht. Ausserdem wird in dem Canisius-Kolleg Jugendarbeit angeboten, die jesuitische Übungswege beinhaltet, die durchaus zu Stigmata-Phänomenen führen kann."

Solche Leute mit ihren bedenklichen Positionierungen setzen für sich also die Deutungshoheit nicht nur in Bezug auf Rudolf Steiner, sondern in Bezug auf das gesamte "wahre" und "zeitgemäße" Christentum voraus. Man kann das kopfschüttelnd zur Kenntnis nehmen und zur Tagesordnung übergehen, denn solche Exoten demontieren sich durch ihre penetranten verschwörungstheoretischen Positionierungen ausreichend selbst.

Es geht aber auch in diesem Verlag gegen andere Trends, z.B. gegen die neue achtbändige Veröffentlichung, der "Kritischen Ausgabe", von Schriften Steiners, die von Christian Clement verantwortet wird. Clement arbeitet als Germanist an der BYU (Brigham Young University) in Utah. Da diese eine mormonisch geprägte Universität ist, laufen eine Reihe von anthroposophischen Außenposten - so auch die "Europäer"- Sturm gegen die befürchtete Unterwanderung der anthroposophischen Alleinvertretungsrechte - wobei jede dieser diversen Gruppierungen die Deutungshoheit für sich allein beansprucht. Im Rahmen des Lochmann- Verlags ergriff Irene Diet das Wort, indem sie behauptete, eine kontextualisierende Ausgabe von Gedanken Steiners, die seine Ideenentwicklung nachvollziehbar mache, zerstöre jeglichen möglichen Zugang des Lesers: "Die Arbeit Clements stellt sich so dar, dass sie den Zugang des Lesers zu Rudolf Steiner zu verschließen sucht. Rudolf Steiner und seine Anthroposophie erscheinen nämlich in einer Form, die das Interesse, das wir daran finden können, infrage stellt. Dies geschieht nicht nur dadurch, dass Rudolf Steiner zu einem paraphrasierenden und von anderen Autoren abschreibenden „Philosophen“ degradiert wird, dessen Aussagen wohl interessant sein können, uns aber nur kaum etwas angehen. Nein, dies geschieht auch durch das Projekt selbst: Wenngleich es gewiss nicht unwichtig ist, die verschiedenen Auflagen, die Rudolf Steiner von seinen eigenen Werken angefertigt hat, zu kennen und auch miteinander zu vergleichen, so zerstört die von Clement besorgte Herausgabe dennoch die Möglichkeit des Lesers, in den Werken dasjenige zu finden, was ihn selbst berührt und angeht. Die Texte Rudolf Steiners erscheinen nämlich hier als tote, zerschnittene und sich lediglich an den Intellekt wendende Fragmente von ausgesprochen fragwürdiger, da nicht einmal originärer Natur."

Allerdings ruderte Diet, als sie von Clement öffentlich in eine Diskussion gezogen wurde, nach einigen Tagen zurück. Ihre im Brief von 24. 10. 13 behauptete exklusive Deutungshoheit in das "Wesen" der Arbeiten Steiners wurde ihr in der Diskussion schließlich peinlich: "Und dennoch meine ich: Mit der von Ihnen gewählten textkritischen Herausgabeform widersprechen Sie dem Wesen der Werke Rudolf Steiners. Genauer: Diese Werke sind jedes für sich, in seinen verschiedenen Auflagen und Erscheinungsformen wesenhaft. Wesenhaftes aber kann nicht in einer textkritischen Form auseinander genommen und wieder neu zusammengesetzt werden Wesenhaftes bleibt nur dann wesenhaft, wenn es auch als solches behandelt wird."
Der Entgegnung Clements, Steiners Ideen und deren Entwicklung sei Jedem durch "reines Denken" zugänglich, konnte Diet letztlich nichts entgegen setzen: "Die Kommentierung und Kontextualisierung der Texte bewegt sich freilich im Element des reinen Denkens, auch da wo über deren mögliche meditative und religiöse Dimension reflektiert wird." (Christian Clement)

Genau das ist wohl der Punkt, um den es geht: Rudolf Steiner Ideen sind nicht an "anthroposophische Deutung" gebunden, wobei es eine solche einheitliche "anthroposophische" Interpretation nie gegeben hat. Die Behauptung Diets, es gäbe eine eindeutige Art und Weise, wie Steiner gelesen werden müsse ("Das reine Denken, von dem Rudolf Steiner spricht, bezieht sich auf die Art und Weise, wie seine Texte gelesen werden müssen, und zwar unabhängig von allen möglichen Kommentaren und Kontexten"), ist nichts als das letzte Zucken einer anmaßenden Deutungshoheit. Dass Lochmann jetzt nachlegt, und versucht, Mormonen als Variante einer verschwörerischen Freimaurergruppierung zu identifizieren, macht die Sache endgültig zum Witz, wobei in die Verschwörung so ziemlich alle Beteiligten (auch das Dornacher Archiv und Info3) herein gezogen werden: "Wer mit der Anthroposophie Rudolf Steiners vertraut ist, der weiss, dass es neben den Jesuiten vor allem die Freimaurer sind, die ausschliesslich deren Zerstörung mitsamt dem Ansehen Rudolf Steiners beabsichtigen. Und dazu ist ihnen jedes Mittel und auch jede Allianz recht. Im Moment sind es die Mormonen, die ihren Assistant-Professor Christian Clement dafür finanzieren, dass er eine sog. „Kritische Textausgabe“ Rudolf Steiners herausgeben kann."

Dass Steiner heute zum Verfassen von Doktorarbeiten, zum akademischen Diskurs, zur möglichen Interpretation durch alle möglichen philosophischen und religiösen Zusammenhänge genutzt wird, zeigt, dass er "in der Welt angekommen" ist, nicht mehr und nicht weniger. Es gibt keinen exklusiven Zugang zu ihm. Wer ein Alleinvertretungsrecht behauptet, hat ihn schon verfehlt.


Kommentare

  1. Danke, Michael! Manchmal muss einfach reinen Tisch gemacht werden. Ich freue mich an deinem beschwingten Lokal zu sitzen! Es tut gut, an deinem entspannt gedeckten Herbsttisch sich warmzuhalten und in einer Steiner-Ausgabe zu blättern, mit der die „anthroposophischen“ Philister keinen Zugang finden oder haben wollen. Übrigens: „Skål!”

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  2. Erst kürzlich fanden sich dies Zeilen:


    "Es ist ja innerhalb unserer Geistesströmung Mode geworden, alles, was gesprochen wird, auch dasjenige, was gesprochen wird aus dem unmittelbaren Impuls nicht nur der Zeit, sondern auch des Ortes und der Menschen heraus, zu denen es gesprochen wird, aufzuschreiben und nun den Glauben zu haben, daß das jedem in der gleichen Weise dienen müsse, weil man die theoretische Voraussetzung macht, die Wahrheit könne nur auf eine einzige Weise formuliert werden.Nun, meine lieben Freunde, es würde sich jener Unfug, der darin besteht, daß man in genauer Weise das gesprochene Wort nachschreibt und glaubt, daß es noch immer den Inhalt habe, wenn es nun als nachgeschriebenes Wort da oder dort vorgelesen werde oder wiedergesprochen werde, es würde sich dieser Unfug ins Ungeheuerliche auswachsen, wenn man das glauben könnte, was eben angedeutet worden ist.“

    GA 174 b Seite 31

    Die Tragik des Werkes von Rudolf Steiner zeigt sich am Inhalt dieser Worte.
    Als ich im Jahre 1972 Mitglied der AAG wurde, begann die wöchentlichen Zweigabende zu besuchen, zeigte sich, wie Worte Steiners im Kreise hin und her geworfen wurden. Als junger Mensch fühlte ich die Geistlosigkeit des vergeblichen Mühens der vielen älteren Menschen, Steiner irgendwie fassen zu wollen. Es lebte damals in mir bereits das Staunen: es kommt doch auf ein inneres Erleben der sog. Geistigen Welt an, auf die Taten die daraus erfolgen.
    Durch den jetzigen Beitrag von Herrn Eggert kam ich zu:
    http://www.lochmann-verlag.com/bondarew_wtg_ergaenzung.pdf

    Wie kann nur der „Menschheitsrepräsentant“ so verstanden werden, als sei er okkultes Mittel im Weltgeschehen, so wie auch Frau Halle diese Plastik versteht. Es war ein Zeichen, eine Erinnerung, eine Vorstellung, ein Versuch einer Darstellung, mehr nicht. Das (spirituelle) Geschehen findet im Menschen statt…. .

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