Geistiger Leberkäse oder: Konzepte der Erleuchtung

Ein wenig Kitsch wird nicht schaden, werden Sie als Leser denken, und ich würde das auch sicherlich sagen, wenn ich mich nicht unangemessen ärgern würde. Warum kann mich so ein Bild beschäftigen? Warum empfinde ich es als Leberkäse? Weil es gefühlig und in dem Maß populistisch ist, dass es den Erwartungen an "geistige Erfahrung" entspricht, die da sind: Ange-, be- und erleuchtet zu werden. Natürlich kenne ich das Christuswort, das gemeint ist. Aber man muss schon vermuten, dass "unter uns" nicht bedeuten kann, dass zwischen uns eine Lavaleuchte entspringt. Das Erleuchtungskonzept ist und bleibt ja nun einmal immer dualistisch, da es darin eine Quelle des Lichtes und etwas Beleuchtetes -uns- gibt. Das entspricht unseren Sehgewohnheiten- und es entspricht daher auch den zentralen Erwartungen, die wir in Bezug auf "geistige Erfahrung" hegen.

Das ist aber eben, was in die Irre führt: Das passive Entgegennehmen können wir in der sinnlichen Wahrnehmung haben (oder zumindest glauben zu haben), aber reale Konzentration schafft eben das, was quasi- sinnlich erscheint, komplett beiseite. Es geht nicht anders. Das funktioniert nur mit einer immensen Willensanstrengung, da wir diese Konzepte mit dem ersten Ich- Sagen zu uns selbst, mit der ersten Erinnerung, mit dem ersten Erleben eines Sonnenaufgangs verinnerlicht haben. Das Ich- und Das- Konzept hat uns als personale Entität geschaffen. Wir leben in einer vom Licht durchdrungenen, aber gespiegelten Welt, denken in Vergangenheitsformen, erinnern selektiv und verteidigen die Entität, als die uns zu begreifen verstanden haben. Das dualistische Prinzip erschafft unsere kleine Welt. Das Licht selbst erleben wir nie- nur seine Spiegelungen. Wir erwarten daher auch, dass "geistige Erfahrung" in der gleichen Weise erfolgt.

Mit dem durch immer größere Steigerung des Konzentrationsvermögens belebten Denken kommt man an einen Punkt, an dem man sich nur durch reine Willenskraft selbst erhält: Ein Wendepunkt. Die Identität des reinen Willens mit dem alles durchdringenden und belebenden Licht kann erfahrbar werden. Es ist ein Reinigungsprozess, keine "Erleuchtung"- ein Hineinwachsen, eine Intuition. Es ist die Erfahrung einer ursprünglichen Einheit, einer Entsprechung. Das "Licht der Welt" zu erfahren ist ein Schöpfungsakt, aus höchster Aktivität geboren, und es ist zugleich eine Ich- Erfahrung unmittelbarer Art. Aber diese Ich- Erfahrung ist nicht an etwas wie Körper, Sinne, Objekte gebunden; auch nicht an räumliche oder zeitliche Verhältnisse.

Die non- duale Ich- Erfahrung ist Schöpfung und Erinnerung zugleich; nichts Fremdes, selbstverständlich. Es ist die Entdeckung existentieller Wirklichkeit, die, um es Zen- artig auszudrücken, das Ich im Nicht- Ich findet.
Die Entdeckung der Freiheit, des Sicherschaffens in nichts, an das man lehnen könnte, ist aber kein Ziel, sondern der Anfang. Mit der geistigen Wiedergeburt jenseits des Lunaren, der gespiegelten Existenz, beginnt erst die improvisierende Freude des Präsentseins. Denn die Präsenz kennt viele Formen und Gestalten- schließlich ist diese Welt aus Licht geschaffen. Der immer improvisierende Geist beginnt mit der "Kontemplation des astralen Lichts"* seine Selbsterfahrung, aber auch die Erfahrung der Kräfte, die seine Welt gestalten.
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*Massimo Scaligero, Das Licht. Die Entdeckung der schöpferischen Imagination, Ostfildern 1994, S. 53

Kommentare

  1. Das Ärgernis verstehe ich. Aber ich erlebe es auch als einigermassen unausgeglichen wenn Du anfängt mit ‘ich’, wechselt zu ‘wir’ und die meist persönliche Aussagen mit ‘man’ und ‘es ist’ bezeichnet. Warum nicht einfach:
    ‘Mit dem durch immer größere Steigerung des Konzentrationsvermögens belebten Denken komme ich an einen Punkt, an dem ich mich nur durch reine Willenskraft selbst erhälte: Ein Wendepunkt. Die Identität des reinen Willens mit dem alles durchdringenden und belebenden Licht ist mir erfahrbar geworden. Es ist ein Reinigungsprozess, keine “Erleuchtung” – ein Hineinwachsen, eine Intuition.’
    Das ist vielleicht straff, aber wird, denke ich, Deine Irritation und Dein anprangern der Verursachung besser entsprechen. Es gibt keine allgemeine Erleuchtung, nur sehr individuelle Erleuchtungen.

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    1. Lieber Michel, ich meinte, das geschrieben zu haben, was menschlich Existentiell ist: Das Erleben von uns selbst und Welt als ein Duales. Das generell zu überwinden ist, glaube ich, Anliegen Vieler- auch z.B. von Advaita- Leuten und Anthroposophen, sofern sie die Philosophie der Freiheit ernst nehmen. Ich weiß, dass es spezielle Neigungen und Ansätze gibt. Meine persönlichen habe ich an dieser Stelle nicht ausgeführt. Ich habe nur das "Erleuchtungs- Konzept" als solches als seinerseits dualistisch kennzeichnen wollen.

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    2. Ach so. Aber es wirkt sehr persönlich, nur die Sprache gibt das nicht her. Es wird vieles quasi wie behauptet. Vielleicht würde das anders wirken, wenn Du die Quellen benennt und so die Allgemeinheit betont.

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    3. Das ist halt auch ein meditativer Text. Wenn man es als Leser nicht innerlich mitvollzieht, steht es wirklich an Ansammlung von leeren Behauptungen da. Ich möchte nicht nur "informell" schreiben, sondern gern gelegentlich etwas herausfordernd.

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    4. Ich möchte einfach nur danke sagen, denn ich denke den Licht-Gedanken sehr gerne, er gehört in seinen Facetten zu meinen echten Erlebnissen aus den vergangenen Jahren. Ich bringe ihn auch immer mit dem Weltall in Verbindung, das doch voller Licht ist, welches man aber nur sehen kann, wenn etwas beleuchtet wird. Oder die Farben eines schönen Bildes. Wer kann sich vorstellen, was auf einem Bild drauf ist, wenn es im scheinbaren Dunkeln hängt? Wie kann man so etwas nur malen, dass es verstanden wird? Also wie gesagt, vielleicht erleben einige Blog Leserinnen auch, wie es bewegt werden kann, manchmal nur als Fragestellung, aber auch schon wirklich. Es wird.
      Nun, ich will gerade nur ein Lebenszeichen von mir geben, bin ganz im Umzugs-Alltag mittendarin, alles klappt sehr gut ist aber anstrengend. Wenig Zeit darüber nachzudenken, ob selbige wirklich nur mir gehört ;-)
      Alles Liebe an alle.

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