Rudolf Steiners seelisches Frösteln

Quelle
Das war sicherlich eine der gründlichsten Enttäuschungen, als Rudolf Steiner dem so sehr verehrten Eduard von Hartmann begegnete. Steiner war ihm lange - als Leser und Brieffreund - gedanklich bewundernd gefolgt. Er war ihm auf bestimmte Art ein Ideal (für Nietzsche war Hartmann ein „Modephilosöphchen“- also ein Pendant zum heutigen Precht) . Wie bitter, dass Hartmann, als Steiner dessen Grunddoktrin formulierte (und dadurch gleichzeitig auch hinterfragte), nur flapsig, das Ganze auf eine Formulierungsfrage herunter brechend, einfach kneift. Er hat keine Lust auf Grundsatzfragen. Da bricht für Steiner eine Welt zusammen, was vielleicht auch ein wenig übertrieben ist:

"Als ich diese Erwiderung vernahm, bekam ich ein seelisches Frösteln. ‹Wort-Erklärungen› der ernsthafte Ausgangspunkt von Lebensanschauungen! Ich fühlte, wie weit ich weg war von der zeitgenössischen Philosophie. 

Wenn ich auf der Weiterreise im Eisenbahnwagen saß, meinen Gedanken und den Erinnerungen an den mir doch so wertvollen Besuch hingegeben, so wiederholte sich das seelische Frösteln. Es war etwas, das in mir lange nachwirkte.» **

Das doppelt gesagte Frösteln drückt das Befremdetsein Rudolf Steiners aus, was er  dann zu generalisieren beliebte: "Ich fühlte, wie weit ich weg war von der zeitgenössischen Philosophie." Dennoch hat er nach dieser desillusionierenden Begegnung, wie in einem Aufsatz im Perseus- Verlag dargestellt, weder die Beziehung zu noch das Interesse an Eduard von Hartmann eingestellt: "Dieses geistige Fröstelerlebnis hielt Steiner jedoch nicht davon ab, auch weiterhin mit Hartmann einen von warmer innerer Anteilnahme an dessen Ideen und dessen geistigem Werdegang getragenen intensiven Gedankenaustausch zu pflegen.."*
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*Rudolf Steiner als Philosoph und Okkultist. Dargestellt an seinem Verhältnis zu Eduard von Hartmann. In memoriam Wolfgang Schuchhardt, Norbert Glas und Paul Johannes Höll
**GA 28, Kap. 9

Kommentare

  1. In diesem Zusammenhang auch interessant:

    (...)Seid gewärtig, dass ihr durch eure Worte Bösewichter erzieht. (...) wenn der Meister mich nicht zu überzeugen gewusst hätte, dass trotz alledem die Theosophie unserem Zeitalter notwendig ist: ich hätte auch nach 1901 nur philosophische Bücher geschrieben und literarisch und philosophisch gesprochen.

    GA 262, Seiten 85-86


    Quellangabe aus oben genannter Quelle
    (http://www.perseus.ch/wp-content/uploads/2012/02/Rudolf-Steiner-als-Philosoph-und-Okkultist.pdf)

    Danke!

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  2. @"Da bricht für Steiner eine Welt zusammen, was vielleicht auch ein wenig übertrieben ist"

    Für Steiner bricht die Hoffnung zusammen, Verständnis für seine Weltsicht zu finden. Das "Frösteln", das durch den gesamt-verlinkten Text zum Ausdruck kommt, zeigt nur, wie Steiner die einseitig-begrenzte philosophische Darstellung von Hartmann empfindet.
    Aus den Schilderungen Steiners, seine Jugenderlebnisse usw. kommt einfach heraus, er ist "Bürger" zweier Welten. Es gibt ja auch andere hellsichtige Menschen, die berichten, wie sie erst lernen mußten, andere Menschen sehen nicht, was für sie ganz normal ist. Dies zu erkennen, kann Frösteln machen, aber dadurch bricht ja nicht die wahrgenommene hellsichtige "Welt zusammen".... .

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