Chela

Es gibt immer wieder beim Lesen von Rudolf Steiners Vorträgen diese gewissen Stellen, über die man stolpert*. Ich meine nicht die, denen gegenüber man sich distanzieren möchte, sondern die, in denen man das, was man im Innersten im Verlauf einer individuellen Entwicklungslinie durch macht, angesprochen fühlt- vielleicht nicht im Detail, nicht in der Art und Weise; sehr wohl aber in der Sache.

Natürlich spannt er als überragender Lehrer einen sehr weiten Rahmen; ein grobmaschiges Netz, dem man in vieler Hinsicht nicht genügt. Die eigenen kleinen Erfahrungen finden sich vielleicht in einem einzigen Knoten dieses gemeinten Netzes wieder; schon das ist ein Glück, wenn man die Spur entdeckt, um die es geht. Es ist natürlich bewusst, wie sehr die eigene Wegmarkierung, die Spur, die man zieht, bestimmt ist von den individuellen Bedingungen, Umständen, in familiärer, sozialer, persönlich- seelischer, genetischer Hinsicht. Die „Fortschritte“ finden weniger dort statt, wo man sie erwartet, sondern fast stets gerade dort, wo man die eigene Determination überwinden kann. Das eigene Raster des Reagierens, Denkens und Fühlens, die höchst individuelle Schmerzlinie, die Verteidigungsbollwerke des Ego verlieren ihre bestimmende Kraft an einem Punkt der inneren Stille, an dem man willentlich vollkommen ohne Erwartung ruhen kann. Das Empfangende richtet sich nicht nicht irgendwo hin, nicht an ein Jenseitiges, nicht an eine imaginierte geistige Welt, denn auch diese Richtung wäre eine neue dualistische Vorstellung. An der Schwelle gibt es keine Schwellen, keinen Sender und Empfänger, kein Innen und Außen. Das Innerlichste ist in der Hinsicht „außen“, dass es nicht der eigenen Kraft entspringt. Das Äußere ist zutiefst innerlich, da man sich gerade in dem Nicht-Persönlichen im höchsten Maß individuell entfaltet erlebt.

Die Empfindung ist ein Willenhaftes, aber so transparent zugleich, dass Vieles evident ist- im Moment des Entspringens. Es gibt kein Nacheinander des Verstehens und Erkennens. Intuition ist ein Blitz, eine Gegenwärtigkeit. Erkennen ist ein Aspekt des eigenen Wesenhaften, solange man in der Sphäre des Lebendigen verweilt. Dennoch benötigt man immer neue Anläufe, um die Reinheit dieser Lebenssphäre zu erreichen- man weiß, sie bildet etwas aus, das wächst. Natürlich ist man kein „Chela“ (S. 180), der seinen Ätherleib bereits so „von innen heraus aufgebaut hat“, dass dieser auch jenseits des Lebens und Todes „nicht mehr verloren“ geht- aber bereits bei der Berührung mit der Lebenssphäre „lernt der Mensch hinunter (zu) schreiten in das Meer seiner Bildekräfte“ (S. 212). Natürlich kommt man nicht „an einen Punkt, der in der Nähe des Ursprungs liegt“ (dito), aber, immerhin, im schweigenden inneren Raum beginnt ein Bildeprozess, eine quasi- leibliche Herausbildung einer geistigen Struktur, der Anfang. Man ist sich klar, dass das nicht mehr aufhören wird, dass es unabhängig von der eigenen physischen Existenzform ist. Das Anschlagen des ersten Akkords antizipiert bereits eine ganze Melodie; darin liegt das Geheimnis des Alpha und des Omega. Der Geist kennt keine Zeit und keine Entwicklung- aber wir selbst sind es, die wieder und wieder eintauchen müssen, um unser eigenes Wachstum anzuregen.

Es geht daher - in diesen gemeinten neuen Mysterien-, nicht mehr um Rang, Alter, Kompetenz, Wissen, Macht. Es kann keine Anmaßung geben in dem, das immer neu beginnt, ja, was selbst Anfang ist - improvisierende Kraft, sich selbst erschaffend, Formen bildend, ohne in ihnen verloren zu gehen oder ihnen zu verfallen. In diesem Sinne ist meditatives Leben zugleich ein musikalisches.


——*Die Zitate aus: Rudolf Steiner, Die Tempellegende und die Goldene Legende, GA 93, Dornach 1979

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