Peter Staudenmaier - muss man einfach gelesen haben

..vor allem als Anthroposoph. Bedauerlich ist zwar, dass seine seit Jahren in Auszügen und Statements kursierende Dissertation "Between Occultism and Nazism. Anthroposophy and the Politics of Race in the Fascist Era", die nun endlich in Buchform erschienen ist, für Viele zu schwergewichtig, zu teuer und auch nicht in deutscher Übersetzung verfügbar ist. Aber die notwendige Aufklärungsarbeit in Bezug auf anthroposophische Illusionen, Verbrämungen und Geschichtsklitterung lässt sich auch durch andere Beiträge Staudenmaiers betreiben- etwa, als Einstieg, im ausgezeichneten Interview Ansgar Martins mit Peter Staudenmaier im Waldorfblog: "„Nationalist Cosmopolitanism“: Anthroposophen und der Erste Weltkrieg – ein Interview mit Peter Staudenmaier". Es geht nicht nur, aber schon zentral, um Rudolf Steiners zwiespältige, immer wieder auch revidierte Haltung zur Rolle der Deutschen: "Der Grundgedanke kann treffend mit dem Begriff „nationalist cosmopolitanism“ erklärt werden. Für Steiner bestand die deutsche Mission gerade darin, das Eng-Nationale zu überwinden und das Allgemein-Menschliche zu verkörpern. Dies bedeutete eine deutsche Vorreiterrolle in der Weltentwicklung."Dass daraus nationalistische, nazistische, kriegsverherrlichende und verschwörungstheoretische Standpunkte im Namen der Anthroposophie abgeleitet wurden, ist etwas, was eine Auseinandersetzung erforderlich macht.

Man kann selbstverständlich auch eine Reihe von Beiträgen Peter Staudenmaiers bei den Egoisten nachlesen- also in diesem Blog. Empfehlenswert auch ein Artikel der Marquette University, an der Staudenmaier als Professor für Neuere deutsche Geschichte arbeitet: "Der Deutsche Geist am Scheideweg: Anthroposophen in Auseinandersetzung mit Völkischer Bewegung und Nationalsozialismus". Einige Stichworte aus diesem Beitrag, die sogleich sichtbar machen, wie zwiespältig auch anthroposophische Positionierungen im Umfeld des Nationalsozialismus gewesen sind: "Trotz solcher Beteuerungen wurden alle Waldorfschulen in Deutschland zwischen 1938 und 1941 geschlossen. Nationalsozialistische Gegner verachteten die "individualistische" Erziehung und beargwöhnten die esoterisch untermauerte Reformpädagogik. Waldorfvertreter suchten vergeblich den Verdacht zurückzuweisen und distanzierten sich nachdrücklich von solchen Auffassungen. Sie hielten dem entgegen, dass Anthroposophie und Nationalsozialismus die gleichen Feinde hätten, nämlich "die Kreise der Bolschewisten und Kommunisten, der Jesuiten und Freimaurer, der westlichen und östlichen Okkultisten, der jüdischen Intellektuellen, überhaupt der wurzellosen Internationalisten. [...]"

Gerade in Heydrichs skeptischer Haltung gegenüber Anthroposophen zeigt sich die durchaus peinliche Anbiederung anthroposophischer Repräsentanten: "Für Reinhard Heydrich war die Anthroposophie "keine Weltanschauung für das gesamte Volk", sondern "eine den Nationalsozialismus gefährdende Sonderlehre für einen eng begrenzten Personenkreis", um so bedrohlicher, "weil es zur ganzen Haltung der Anthroposophie gehört, dass sie sich zur Zeit sehr national und deutschbetont gibt und nach außen den Eindruck einwandfreier politischer Haltung erweckt, in ihrem tiefsten Wesen aber einen gefährlichen Faktor orientalischer Zersetzung der germanischen völkischen Art darstellt"."

Aber dann kommen diese geradezu vernichtenden Zitate Staudenmaiers - hier etwa von Friedrich Rittelmeyer 1937-, die weit über das hinaus gehen, was man "Anbiederung" nennen möchte: ""Heute ist die Stunde da, wo wirklich im Christentum all das noch in ihm lebende Judentum überwunden werden muss. Die Zeichen der Zeit fordern es gebieterisch. " (Die Christengemeinschaft von November 1937, S. 206-210, hier 209)".

Peter Staudenmaier - hier und an vielen anderen Stellen im Netz- muss man gelesen haben, wenn man eine ehrliche, wenn auch schmerzhafte Aufarbeitung will. Es ist eine Frage - wenn ich es so sagen darf- der spirituellen Hygiene.

Kommentare

  1. Aber Michael --

    " Es ist eine Frage - wenn ich es so sagen darf- der spirituellen Hygiene."

    DAS ist doch keine spirituelle Hygiene, die erleben doch gar nicht, was spirituell ist, das sind reine Geschichtslehrer, mehr nicht, sie schauen demnach nach hinten, weil sie nicht zu mehr in der Lage sind und verbauen dadurch den wahren Blick nach vorn, so ist es!

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    1. Sympathie/Blut/Wille/Zukunft/Phantasie/Imagination - Anitipathie/Nerv/Vorstellung/Vergangenheit/Gedächtnis/Begriff (GA 293 2. Vortr. AMK; 22.8.1919) http://anthrowiki.at/GA_293 … Nicht das Eine ohne das Andere!

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    2. Hallo Ketopuk,

      vielen Dank für den Hinweis auf diesen Vortrag.
      "Nicht das Eine ohne das Andere" -- aber vielleicht das Andere etwas mehr als immer nur das Eine .. :-)

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  2. Es ist halt ein menschlicher Urreflex, rückwärtsgerichtet zu forschen wer 'schuld' ist, wenn etwas schief geganden ist.
    War die Eva oder war die Schlange schuld - der Adam war' s jedenfalls nicht!
    Wenn die Refexion über die Schuldzuweisung hinausgeht, kann aber daraus gelernt werden (vielleicht können die Verstrickungen sogar etwas aufgelöst werden).

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  3. Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.

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