Die Anthroposophische Gesellschaft als die FDP der Esoterik- Szene

Ich selbst würde Anthroposophie - dem Anspruch nach "Geisteswissenschaft" - ja nicht der "Esoterik" zurechnen wollen; die Öffentlichkeit tut aber genau dies, und zumindest im Umkreis des Goetheanums scheint das Selbstverständnis nicht anders zu sein. Jetzt, im September, rüsten sich Judith von Halle und Peter Tradowsky wieder, fantastische Neuigkeiten über den von ihnen vorgestellten "Hüter der Schwelle" zu verbreiten, "michaelisch" über den kosmischen Kaspar Hauser zu spekulieren, und nicht existente Mysterienspiele wieder zu geben, um im Anschluss im engen Kreis über die bislang nie bekannt gewordenen Geheimnisse der Templer- Initiation zu flüstern. Wenn das nicht Esoterik ist, wie soll man frei galoppierende Fantastik denn sonst nennen?

Zugleich schwören sich die Anhänger des verstorbenen Sergej Prokofieff (s.u. folgender Artikel) gegenseitig ein als letzte Hüter der wahren michaelischen Gesinnung, rücken am Grab ihres Führers einander näher und zelebrieren in schnell gedruckten Heftchen die richtige esoterisch- anthroposophische Haltung.

Allgemein - auch dies in Heftchen (z.B. Nachrichtenblatt Für Mitglieder der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, 7. September, 2014 | 4. Jahrgang, Nr. 16)- wird eifersüchtig weiterhin gegen jeden Versuch intrigiert, die von Christian Clement heraus gegebene "Kritische Ausgabe" - d.h. eine wissenschaftlich- philologische Herausgabe einzelner Schriften Rudolf Steiners - in irgend einer Weise zu akzeptieren. Auf Vorstand und anthroposophische Verlage wird der denkbar größte Druck ausgeübt, sich von einer kritischen Aufarbeitung, und sei sie noch so wohlwollend, so weit wie möglich zu distanzieren: "In der vielleicht extremsten Zuspitzung dieser Kontroverse wird vom Rudolf Steiner Verlag gefordert, dessen Vertriebskooperation mit dem Verlag frommann-holzboog solle aufgelöst werden, die SKA solle aus dem Rudolf Steiner Verlag entfernt werden. Die Begründungen für diese Forderung gehen in die Richtung, dass die SKA Rudolf Steiners Werke nicht angemessen in die Öffentlichkeit stellt. Es wird argumentiert, der Rudolf Steiner Verlag habe eine Aufgabe darin, Rudolf Steiners Werk im Geiste dieses Werkes gegenüber der Öffentlichkeit zu repräsentieren." Damit wird unterstellt, der "Geist des Werks" Rudolf Steiners würde von irgendeiner Seite - also offensichtlich der intern- anthroposophischen- erfasst und repräsentiert- als sei das eine Art Naturrecht. Offenbar gehen nicht wenige Anthroposophen davon aus, die Deutungshoheit über das Gesamtwerk mit der Muttermilch absorbiert zu haben. Auch das ein sektiererisches Zeichen.

In den "Mitteilungen aus der anthroposophischen Arbeit" vom September 2014 wird die Quittung für das engstirnige und selbstbezogene Treiben gleich mitgeliefert. Demnach befindet sich die Anthroposophische Gesellschaft seit Jahren, was Mitgliederzahlen und Gelder betrifft, in einem Sinkflug wie die ehemals bedeutende Partei FDP: "Zunächst ist wahrzunehmen, dass der Rückgang unserer Mitgliederzahlen sich von Jahr zu Jahr verstetigt. Im vergangenen Jahr sind die Mitgliederlisten nach tiefgreifenden Klä­rungen der Mitgliedschaften in den Zweigen, Arbeitszentren und in der Landesgeschäftsstelle auf den neuesten Stand gebracht wor­den. Danach stellen wir fest, dass die Mitgliederzahl im Berichtsjahr von 14.740 um 1.008 auf 13.732 zurückgegangen ist, das sind fast 6,9 %." Sieben Prozent Schwund in einem Jahr auf ohnehin schwachen Beinen mag der genaueren Zählung mit geschuldet sein, gleicht aber doch einem Offenbarungseid, der zumindest vor der Tür steht. Das Mutterschiff Anthroposophische Gesellschaft ist leck geschlagen, aber die an Bord scheinen ihre seltsam entrückte Party unbeeindruckt weiter zu zelebrieren.

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