Legende

Ingrid Haselberger 

 

Zum Eingang möchte ich, ein wenig abgewandelt, meine eigene Version der alten Geschichte von den blinden Männern erzählen, die von ihrem König ausgeschickt wurden, um zu erforschen, was ein Elefant ist.

Es waren zwölf sehr weise Gelehrte, die der König für diese Aufgabe ausgewählt hatte – und sie reisten also in ein Land, von dem sie gehört hatten, daß es dort Elefanten geben sollte, und baten einen Einheimischen, sie zu einem Elefanten zu führen. Er tat es und sorgte dafür, daß das Tier sich ruhig verhielt, während die zwölf blinden Weisen um es herumstanden und auf ihre Art versuchten, sich ein Bild von ihm zu machen. Dazu befühlte jeder einzelne der blinden Männer den Elefanten mit seinen Händen.
Danach kehrten sie zu ihrem König zurück, der sie nun aufforderte, ihm zu berichten, was sie herausgefunden hatten.

Der erste Weise sagte: „Ein Elefant ist etwas dicker als mein Arm und ziemlich lang, und dabei beweglich wie eine Schlange.“ – er hatte den Rüssel des Elefanten betastet.
Der zweite Weise sagte: „Du hast nicht ganz unrecht, ein Elefant ist tatsächlich lang und beweglich, aber er ist sehr viel dünner, als du sagst, viel eher wie ein Seil – und du hast vergessen zu erwähnen, daß er an seinem Ende eine Quaste hat!“ – denn er war am Schwanzende des Elefanten gestanden.
Der erste Weise widersprach und sagte: „Wie kommst du auf Quaste? Nein, an seinem Ende hat ein Elefant ganz im Gegenteil eine Art Öffnung... ähnlich wie ein Schlauch, aber sehr beweglich, fast wie zwei Finger, sodaß er damit richtig zugreifen kann!“ – und die beiden wollten gerade einen Streit beginnen, da meldete sich der dritte Weise zu Wort und rief: „Wie seltsam ist alles, was ihr beide da gesprochen habt! Ein Elefant ist ganz und gar nicht wie eine Schlange oder ein Seil, sondern er ist im Gegenteil flach und sehr dünn, fast wie eine Art Tuch oder besser ein großer Fächer, der einen ordentlichen Wind machen kann, wenn er sich bewegt!“ – denn er war beim linken Ohr des Elefanten gestanden. Lebhaft stimmte ihm der vierte Weise zu, der das rechte Ohr des Elefanten betastet hatte – und jeder der beiden fühlte sich bestärkt durch die Bestätigung des anderen.
Der fünfte Weise widersprach allem, was bisher gesagt worden war, und meinte: „Was für Phantastereien ihr da erzählt! Ein Elefant ist etwas sehr Starres und Unbewegliches, er ist wie eine leicht gebogene Stange, die sich zu ihrem Ende hin verjüngt; und dabei ist er wunderbar glatt...“ „Ja, so ist es! Ein Elefant fühlt sich rundherum so an wie ein glattgeschliffener Opal – und meine Hände erinnern sich auch noch gut an seine Spitze, die von Stärke und Kraft zeugt“ pflichtete ihm der sechste Weise bei – denn diese beiden hatten ihre Hände über die beiden Stoßzähne des Elefanten gleiten lassen. Und auch sie wurden sich ihrer Sache noch sehr viel sicherer durch die bestätigenden Worte des jeweils anderen.
Vier weitere Weise ereiferten sich nun und widersprachen den ersten sechs - denn jeder von ihnen hatte ein Bein des Elefanten befühlt, und sie waren sich schnell einig: „Ein Elefant ist wie eine dicke Säule! Und jeder, der etwas anderes behauptet, verdient es nicht, ein Weiser genannt zu werden!“ – Und nicht zuletzt deshalb, weil sie nicht nur zu zweit, sondern sogar zu viert waren in ihrer Einigkeit, schien ihnen das, was sie zu sagen hatten, sehr viel mehr Gewicht zu haben als alles bisher Geäußerte.
Der elfte Weise aber schüttelte zu alledem nur den Kopf – und als der König ihn schließlich nach seiner Ansicht fragte, sagte er: „Majestät, diese Männer haben alle Unrecht. Gleich, wie viele von ihnen sich auch einig sein mögen – ein Elefant ist sehr viel größer als alles, was einer von ihnen begreifen könnte. Er ist eine riesige gewölbte Wand, und wenn man versucht, dieser Wand mit den Händen zu folgen, kommt man gar nicht bis an ihr Ende...“ – denn er war an der linken Seite des Elefanten gestanden und hatte seinen Rumpf betastet.
Und der zwölfte Weise, der an der rechten Seite des Elefanten gestanden war, stimmte ihm zu: „Ein Elefant ist so groß, daß er sich nicht einmal von meinen beiden gewiß nicht kurzen Armen umspannen läßt!“ – und in ehrfürchtigem Ton fügte er hinzu: „Ein Elefant hat keinen Anfang und kein Ende – und wie könnten wir sterblichen, endlichen Menschen uns anmaßen, etwas von der Unendlichkeit zu wissen!“

Der König war eine Weile still und blickte die Streitenden nachdenklich an. Dann lächelte er, gebot ihnen zu schweigen und sprach: „Ihr weisen Männer, ich danke Euch für die Kunde, die Ihr mir gebracht habt. Dank Eurer Hilfe weiß ich nun, was ein Elefant ist: er ist ein riesiges Tier, das man selbst mit zwei wirklich langen Armen nicht umspannen kann. Er hat vier dicke Beine, auf denen sein Körper ruht wie auf vier Säulen, und er hat zwei große, flache Ohren, mit denen er sich wie mit zwei Fächern Kühlung verschaffen kann. Er hat zwei lange, spitze, leicht gebogene und wunderbar glatt geschliffene Stoßzähne. Und dazu hat er noch einen dicken, beweglichen Rüssel, mit dem er Nahrung ergreifen kann, und einen langen, dünnen Schwanz mit einer Quaste hintendran!“

Die weisen Männer schwiegen betroffen – – – und nach einer langen Pause sagte einer von ihnen: „Majestät, Eure Weisheit ist doch von ganz anderer Art als die unsere… es ist recht, daß Ihr unser König seid. Mögen die Weisen dieser Welt zu allen Zeiten solche Könige haben!“

Da lächelte der König und sprach: „Mögen die Könige aller Länder dieser Welt zu keiner Zeit damit aufhören, die Fragen, die sie haben, ihren Weisen vorzulegen. Und mögen die Weisen dieser Welt sich zu allen Zeiten auf Reisen begeben, um ihrem König Kunde zu bringen.“

Der König schwieg eine Weile, und sein Lächeln vertiefte sich. Dann fügte er hinzu: „Und mögen die Könige aller Länder dieser Welt zu keiner Zeit vergessen, daß es Dinge gibt, vor denen sie selber nicht anders stehen als ein einzelner blinder Mann, der seinem König Kunde davon bringen will, was ein Elefant ist.“

(entstanden im Jänner 2012 für den Egoistenblog)

Kommentare

  1. Wie bereits angekündigt, habe ich meinen Artikel „repariert“ - dazu mußte der alte gelöscht werden, inklusive Kommentare.

    Hier daher nochmal die bisherigen Kommentare:

    Kerstin:
    Ja, so ist das mit der eigenen Perspektive!
    Herrlich, danke Ingrid.

    Ingrid:
    Liebe Kerstin,
    vielen Dank - ich freu mich, wenn Du etwas damit anfangen kannst.

    = = =

    manroe:
    Also ich finde diese Geschichte reichlich banal, so aus den Zeiten der Mythen und Bananen stammend, die sich jugendliche Inder noch am Lagerfeuer erzählten, um sich gegenseitig in tiefere Geheimnisse zu versenken?
    Was will sie uns denn sagen, diese Geschichte, dass unser Erkenntnisbemühen eh fehl geht oder nie an ein Ziel zu kommen vermag, weil wir immer mehrere Ansichten nicht bedacht und begriffen haben, dies auch gar nicht vermögen? Oder sollte es doch nur ein gefundenes vorbereitendes Fressen für den Folgebeitrag Michaels bedeuten, die neue grosse Zusammenarbeit einläutend, an was und wofür??

    Diesen weisen Meister in dieser Geschichte tragen wir doch alle in uns!! Aber wir bemerken ihn zumeist nicht, weil wir uns in unseren geistigen Werkzeugen verirren statt den Überblicksort in uns aufzusuchen. Warum reden wir nicht über ihn? Er kann das, was die Blinden nicht vermögen!

    Ingrid:
    Lieber manroe,

    vorweg: als ich mich entschloß, diesen Artikel, der ja schon vor ein paar Jahren hier online war, quasi zum „Einstand“ nochmal zu veröffentlichen, hatte ich keine Ahnung, daß Michael seinen Rechthaber-Artikel plante. Es war auch für mich eine Überraschung, daß unsere beiden Artikel irgendwie „zusammenpassen“.

    »Diesen weisen Meister in dieser Geschichte tragen wir doch alle in uns!!«
    Ich stimme Dir zu.
    »Warum reden wir nicht über ihn? Er kann das, was die Blinden nicht vermögen!«
    Meine Motivation, diese alte Legende auf meine Art und Weise neu zu interpretieren, war damals und heute gerade das: Gedanken und Austausch über diesen „König in uns“ anzuregen.

    Herzlich,
    Ingrid

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  2. Jetzt fehlt nur noch die Deutung gemäß der anthroposophisch orientierten Textkritik (wann wird die wohl endlich mal ausformuliert?) "Ja, meine lieben Freunde, die zwölf blinden Weise, das sind die Sinne des Menschen oder die zwölf "Weisen des Wahrnehmens" (bemerkt doch nur, wie auch der Sprachgeist hier uns auf die Wahrheit hinweist!) Die liefern immer nur ein unzusammenhängendes Aggregat von Einzelheiten. Aber der König, das ist das Denken, welches zu diesen Einzelheiten den Begriff hinzufügt, welche die Sinne in ihrer Beschreibung der Wirklichkeit dem Elefanten geraubt hatten. So, liebe Freunde, stellen wir im Erkennen die ganze Wirklichkeit wieder her, die wir im Wahrnehmen fragmentiert haben."

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    1. :-) Danke – ich freue mich sehr über diese weise Deutung.

      Aber wie ist es dann mit dem letzten Satz des lächelnden Königs:

      „Und mögen die Könige aller Länder dieser Welt zu keiner Zeit vergessen, daß es Dinge gibt, vor denen sie selber nicht anders stehen als ein einzelner blinder Mann, der seinem König Kunde davon bringen will, was ein Elefant ist.“

      ?

      Herzlichen Gruß,
      Ingrid

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    2. P.S.: Und ich bin hier wohl an der richtigen Adresse für meine Frage hier...

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    3. Ja, das wäre vermutlich die richtige Adresse...
      damit 'wir im Erkennen die ganze Wirklichkeit wieder (etwas) herstellen können, die wir im Wahrnehmen (isolierter Einzelaussagen) fragmentiert haben'...

      s. birkholz

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  3. Der König ist nicht das Denken, denn man muss es ja tun und wer macht das? Der König ist das Ich, das zu denken vermag. Ich -- denke. Das Denken ist königlich.

    „Und mögen die Könige aller Länder dieser Welt zu keiner Zeit vergessen, daß es Dinge gibt, vor denen sie selber nicht anders stehen als ein einzelner blinder Mann, der seinem König Kunde davon bringen will, was ein Elefant ist.“

    Wenn der König noch nichts zum Denken hat, weil er noch nichts sieht, um es denken zu können, diesen Punkt, dieses Tor gilt es nicht zu vergessen vor lauter Beschäftigung mit und an dem, was sich vor uns ausbreitet.

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  4. Da ich privat gefragt wurde, ob meine verstärkte Mitarbeit hier im Blog bedeute, daß zwischen Michael und mir ein „stilles Einvernehmen“ herrsche bzw wir aus einer „gleichen Gesinnung“ sprächen, möchte ich das Folgende anmerken:

    Es ist wohl klar, daß Michael mir diese Art der Mitarbeit nicht angeboten hätte, wenn es nicht, trotz aller bisher aufgetauchten Differenzen, ein gewisses Einvernehmen gäbe zwischen uns.
    Aber wir haben ganz ausdrücklich vereinbart, daß jede/r von uns jetzt und in Zukunft ganz selbstverantwortlich und völlig ungebunden ist in Themenwahl und -behandlung.

    Meine „Legende“ läßt sich sicherlich auf vielerlei Weise interpretieren – ich möchte da nichts „vorgeben“ und freue mich über jede Facette, die jemand darin entdecken mag (:-) gerade auch dann, wenn diese Facette mir selbst bisher entgangen war).
    Der Grund, warum ich diese alte Geschichte jetzt zu meinem Einstand hier erneut veröffentlicht habe:

    Das „Einvernehmen“ zwischen Michael und mir sehe ich darin gegeben, daß wir denselben „Elefanten“ betasten. Davon bin ich persönlich seit langem überzeugt.
    Die Differenzen zwischen uns, die sich wohl auch in Zukunft immer wieder mal zeigen werden, sehe ich darin begründet, daß eben jede/r von uns an einer anderen „Seite“ dieses „Elefanten“ steht. Manches ertasten wir wohl ähnlich, anderes zeigt sich jedem von uns ganz anders.

    Den Sinn meiner Mitarbeit hier im Blog (auch schon, als ich hier „nur“ kommentierte) sehe ich in dem Versuch, unsere einstweiligen „Tastergebnisse“ zusammenzutragen.

    Ob es einen „König“ geben wird, bzw „wer“ das sein würde/könnte/wollte - - - das möchte ich einstweilen offen lassen.

    Herzlichen Gruß in die mit-tastende Runde,
    Ingrid

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  5. Ich frage mich, ob man so ohne weitere sagen kann: "Der König ist das Ich, denn das Ich bringt das Denken hervor." Denn genauso wahr ist das Gegenteil: "Das Denken bringt das Ich hervor." Ist nicht das Ich ist nur da, wo und insofern es denkt? Und dann wäre zu fragen: wer ist denn das "es" in diesem Satz? Das Ich? Dann wäre der Satz zirkulär. Also nicht doch eher das Denken? Oder sind beide am Ende identisch, und die Vorstellung, dass es ein individuelles "Ich" gibt, nur eine Illusion, die sich selbst aufhebt, sobald Ich sich selbst erkennt?

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  6. Es gab "Zeiten", da war der Mensch noch nicht inkarniert und irgendwann ging´s los.. . die Geschichte mit der Henne und dem Ei, was war nun zuerst da -- ? Wir wissen nur eines, es gibt jetzt Inkarnierte. Was kann uns das sagen, bis hin, was sagt es uns? Es muss so sein, dass der "Startschuss" dann doch anders vor sich geht wie uns das Rätsel mit der Henne und dem Ei irgendwie "suggeriert" und unser rätselndes Denken nicht erlöst.

    Die alten "Lateiner" sagten noch "cogito", da war es noch eine Einheit, aber jetzt sagen wir "Ich denke", da ist es getrennt. Lügt die Sprache bzw. diejenigen, die sie bloss grammatisch(?) so gestaltet haben?

    Das wahre Denken ist ein schöpferisches. Wenn es schöpferisch ist, bringt es etwas hervor. Ist dem so, oder nicht? Wie könnte man Denken beschreiben? Es ist zumindest etwas in Bewegung, da tut sich was. Man könnte sagen, Ich wäre es selbst der sich bewegt und somit auch mein Denken. Aber ist es sogleich ein Denken, wenn ich mich bewege?? Ich würde da zumindest unterscheiden, weil ein einfaches geistiges "Gehen" nicht einem Denken gleich zu setzen wäre. Wirkliches Denken wäre da schon mehr als blosse Bewegung. Schon allein die Energie, die ich aufbringen muss, um da eine Ordnung reinzulegen in meine gehende Bewegung ist komplizierter als ein blosses herumpurzeln ohne Plan.

    Wirkliches Denken hat eine formende Potenz, Qualität, die lenkenden, verfolgenden, korrigierenden, begleitenden Charakter hat, sinnvoll ist. Denken ist ein Ausdruck, da wird etwas hervorgebracht, sinnbegabt. Es ist ein un-Mittel-barer Ausdruck, es wird von jemandem getan. Denken ist eine Tätigkeit, die AUSDRUCK ist von einem Mir. Ich bin durchaus in der Lage NICHT zu denken, WER macht das, das Denken selbst?? Ich bin durchaus in der Lage, mit einem Gedanken erst in 17 Sekunden zu beginnen, WER macht das, das Denken selbst??

    Weil das Denken Ausdruck ist -- "Ich - denke" -- ist der König eine geistige Wesenheit, in diesem Falle meine Person, das Denken ist demnach königlich. Und natürlich wächst mein Ich, meine "Person" dadurch, dass ich denkend unterwegs bin, aber es geht von MIR aus!! Ich bin es, der dadurch, dass Ich denke, meine Wesenheit sich entfalten lässt.

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  7. Wie schon gesagt: ich möchte hier nicht „vorgeben“, wie meine Version dieser alten Legende „richtig“ zu interpretieren sei.

    Aber zu der Frage: „Ich“ oder „Denken“, wer von beiden könnte der „König“ sein?, und insbesondere zur Frage von Anonym: »Und dann wäre zu fragen: wer ist denn das "es" in diesem Satz?« - - - dazu möchte ich eine Stelle aus GA 17 hereinstellen (Hervorhebung kursiv Rudolf Steiner, fett I.H.):

    »Dem Gedanken-Leben sich hingeben zu können, hat etwas tief Beruhigendes. Die Seele fühlt, daß sie in diesem Leben von sich selbst loskommen kann. Dieses Gefühl aber braucht die Seele ebenso wie das entgegengesetzte, dasjenige des völlig In-sich-selbst-sein-Könnens. In beiden Gefühlen liegt der ihr notwendige Pendelschlag ihres gesunden Lebens. Im Grunde sind Wachen und Schlafen nur die extremsten Ausdrücke dieses Pendelschlages. Im Wachen ist die Seele in sich, lebt ihr Eigenleben; im Schlafe verliert sie sich an das allgemeine Welt-Erleben, ist also gewissermaßen von sich selbst losgelöst. - Beide Ausschläge des Seelenpendels zeigen sich durch verschiedene andere Zustände des inneren Erlebens. Und das Leben in Gedanken ist ein Loskommen der Seele von sich selbst, wie das Fühlen, Empfinden, Affektleben usw. ein In-sich-selbst-Sein sind.
    So angesehen, bietet das Denken der Seele den Trost, den sie braucht gegenüber dem Gefühl des Verlassenseins von der Welt. Man kann in berechtigter Art zu der Empfindung kommen: Was bin ich in dem Strome des allgemeinen Weltgeschehens, der von Unendlichkeit zu Unendlichkeit läuft, mit meinem Fühlen, mit meinem Wünschen und Wollen, die doch nur für mich Bedeutung haben? Sobald man das Leben in Gedanken recht erfühlt hat, stellt man dieser Empfindung die andere entgegen: Das Denken, das mit diesem Weltgeschehen zu tun hat, nimmt dich mit deiner Seele auf; du lebst in diesem Geschehen, wenn du sein Wesen denkend in dich fließen läßt. Man kann sich dann von der Welt aufgenommen, in ihr gerechtfertigt fühlen. Aus dieser Stimmung der Seele folgt dann für diese eine Stärkung, die sie so empfindet, als ob sie ihr von den Weltmächten selbst nach weisen Gesetzen zugekommen wäre.

    Von dieser Empfindung ist es dann nicht mehr weit zu dem Schritte, nach welchem die Seele sagt: Nicht ich denke bloß, sondern es denkt in mir; es spricht das Weltenwerden in mir sich aus; meine Seele bietet bloß den Schauplatz, auf dem sich die Welt als Gedanke auslebt.«

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    1. @ 'ICH & DENKEN'...

      Ich denke, also bin ich nicht!

      Indem wir denken über die Natur, darf also keinerlei Sein, wie wir es zuschreiben unserer eigenen Objektivität, in diesem Denken über die Natur stecken. Daher muß am Ausgangspunkte einer erkenntnistheoretischen Betrachtung der Satz stehen: «Ich denke, also bin ich nicht.» – Nur dann, wenn wir wagen, diesen Satz dem großen Cartesianischen Irrtum «Ich denke, also bin ich» entgegenzustellen, nur dann stellen wir uns wirklich auf den Boden naturwissenschaftlichen Denkens. Es ist heute notwendig, diese Wendung zu machen, von dem allverehrten, möchte man sagen, Ausgangspunkte des neuzeitlichen Denkens, von dem «cogito, ergo sum» überzugehen zu dem «cogito, ergo non sum», «Ich denke, also bin ich nicht»!


      Die Aufgabe der Anthroposophie gegenüber Wissenschaft und Leben

      Darmstädter Hochschulkurs -GA 77, Seite 23

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    2. Habe gerade Nachtdienst, darum fällt das DENKEN recht schwer und eigentlich BIN ich nur ziemlich müde...

      ...da ist mir so ohne viel Nachdenken wieder dieses «cogito, ergo non sum» eingefallen.

      s. birkholz

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    3. Wahrlich, was ein Satz!
      Darüber würde ich gerne mehr erfahren, und auch mit andern zusammen denken.
      Denn ich habe gedacht, ähem, ich habe geglaubt, daß Rudolf Steiner die Potentialität: "Denken zu können!" mit dem "Ich bin"... unter anderem - verbinde, assoziere?
      Und daß jeder Akt des Hervorbringens von Gedanken eine Tätigkeit sei: Des "Ich"s.
      Das Hervorgebrachte, was bereits ist, das kann "man" dann ...nach-denken.
      Im Sinne von: Erst wird vorgeturnt, dann nachgeturnt?
      Oder die Macht der - unfreien - "Gedanken"-Übertragung, was ist das? Hypnose, wo gleich ganze Wirklichkeits-Konzepte, Gedanken-"Teppiche" auf ein anderes Ich draufgesetzt werden... Konzepte, die wie ein Gravitationsfeld dann "Folge-Richtigkeiten" generieren. So, wie ein Virus ein Zelle "überredet", nun fürderhin Virus-DNA herzustellen, nicht mehr die zelleigene, und notwendige...
      Ich habe früher öfter mal den Satz gehört: "Du denkst zuviel!" und mich darüber geärgert. Manchmal war es gut gemeint: Da, wo gemeint war "Du denkst zu viel nach, Du reflektierst zuviel, Du ...schaust zu oft in den Spiegel, wie Du ausschaust, was für Konsequenzen folgen könnten... Du turnst zu oft das nach, was Du eh schon weißt. So lähmst Du Dein Wollen, und auch Dein aktives Welt-Erkennen, Dein wirkliches Kommunizieren, Dein Schöpferisch Wirksam- Sein!"
      Aber oft hieß ja denn doch der Satz: "Hör mal, Mensch, Du denkst zuviel! Laß das sein!" gar unterlegt mit "Du solltest mal mehr fühlen!" ;-)) ... war das so gemeint:"Kollege, Du erkennst zuviel, und das gefällt mir nicht. Außerdem wird es Dich nur unglücklich machen, denn kapieren, was in der Welt los ist, läßt einen eh nur mancher Ohnmacht bewußt werden, wo man doch selig lullern und schlummern könnte. Daher hör gefälligst bitte zu denken und tätig zu erkennen auf, sonst gibt es Ärger, ja?"
      Auch in der Aufnahme von Werbebotschaften sollen wir ja am tätigen Erkennen und letztlich am Denken gehindert werden, man denke nur an die Raumbeduftung, die das Erkennen einschläfern soll.
      Was ist aktives Denken, im Unterschied zum Nachdenken und Reflektieren, Spiegeln, und was ist kritisches Entdecken, Heraus-Finden von etwas, was in der Welt "nicht stimmt"? Was ist dazu jedoch das Hereinbringen von etwas bisher Unausgesprochenem, Unbedachten, ganz Neuem durch das tätige Erkennen? ...Da eine Ordnung hineinzubekommen, um klar zu sehn.....
      m.butty

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    4. Zum großen „Irrtum“ des Descartes möchte ich anmerken, daß sein „cogito ergo sum“ nicht ganz richtig zitiert ist und heutzutage von vielen Menschen ganz falsch verstanden wird, will heißen: nicht so, wie Descartes es gemeint hat. Es bedeutet nicht etwa „Wenn ich nicht denke, bin ich auch nicht.“
      Sondern es bedeutet etwas ganz Ähnliches wie das fallor ego sum des Augustinus:
      si enim fallor, sum. nam qui non est, utique nec falli potest. – „Selbst wenn ich mich täusche, bin ich. Denn wer nicht ist, kann sich auch nicht täuschen.“
      Descartes ist auf der Suche nach dem Punkt, an dem Erkenntnis beginnen kann, nach einem Punkt, an dem sich nicht zweifeln läßt.
      In seiner meditatio secunda heißt es:
      »6. Nun aber nehme ich an, irgendein sehr mächtiger und, wenn ich so sagen darf, bösartiger Betrüger habe mich in allem, soweit es ihm nur irgend möglich war, absichtlich irregeführt. Kann ich mir dann noch das geringste von alledem zuschreiben, was ich zur Natur des Körpers rechnete? Ich stutze, denke nach und überlege hin und her, aber nichts will sich mir zeigen […]
      Wie aber steht es mit dem, was ich der Seele zuschrieb, mit der Ernährung und dem Gehen? Offenbar bestehen auch diese Tätigkeiten bloß in der Einbildung, da ich nun einmal keinen Körper habe. Aber das Wahrnehmen? Auch dieses geschieht nicht ohne Körper, und gar oft schien es mir im Traume, als nähme ich wahr, während ich nachher merkte, daß ich nicht wahrnahm. [Man denke an das vor kurzem hier erwähnte Anton-Syndrom! I.H.] Und das Denken (cogitare, Verb)? Hier werde ich fündig: das Denken (cogitatio, Substantiv) ist es: dies allein kann nicht von mir abgetrennt werden; Ich bin, ich existiere, das ist gewiß.«
      Der letzte Satz lautet im lateinischen Original: Ego sum, ego existo; certum est.
      Wenn es dabei nur um die Verben (sein, existieren) ginge, hätte Descartes sich das „ego“ sparen können: im Lateinischen ist das Personalpronomen hier nicht nötig. sum, existo würde man übersetzen mit „Ich bin, ich existiere“.
      Daß Descartes seinen Verben beide Male „ego“ voranstellt, zeigt sehr deutlich, worum es ihm hier geht: es ist das „Ich“, das er entdeckt, sein „archimedischer Punkt“, der einzige, an dem er nicht zweifeln und von dem aus er daher weiterschreiten kann in seinem Erkenntnisstreben…

      Rudolf Steiner dazu:
      Bei ihm ist der Ausgangspunkt seines Weltanschauungsstrebens bedeutsam. Er stellt sich unbefangen fragend der Welt gegenüber, die ihm über ihre Rätsel mancherlei darbietet, teils durch die religiöse Offenbarung, teils durch die Beobachtung der Sinne. Er betrachtet nun weder das eine noch das andere nur so, daß er es einfach hinnimmt und als Wahrheit anerkennt, was es ihm bringt; nein, er setzt ihm das «Ich» entgegen, das aller Offenbarung und aller Wahrnehmung seinen Zweifel aus dem eigenen Entschluß entgegensetzt. Es ist dies eine Tatsache des neueren Weltanschauungsstrebens von vielsagender Bedeutung. Die Seele des Denkers inmitten der Welt läßt nichts auf sich Eindruck machen, sondern setzt allem sich mit dem Zweifel entgegen, der nur in ihr selber Bestand haben kann. Und nun erfaßt sich diese Seele in ihrem eigenen Tun: Ich zweifle, das heißt, ich denke. Also, mag es sich mit der ganzen Welt wie immer verhalten, an meinem zweifelnden Denken wird mir klar, daß ich bin. So kommt Cartesius zu seinem Cogito ergo sum: Ich denke, also bin ich. Das Ich erkämpft sich bei ihm die Berechtigung, das eigene Sein anerkennen zu dürfen durch den radikalen Zweifel an der ganzen Welt. Aus dieser Wurzel heraus holt Descartes das Weitere seiner Weltanschauung. Im «Ich» hat er das Dasein zu erfassen gesucht. Was mit diesem «Ich» zusammen sein Dasein rechtfertigen kann, das darf als Wahrheit gelten. […]

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    5. Ohne hier in Bezug auf die persönlich gefärbte Art des Diskutierens Kritik üben zu wollen, so scheint mir aber dennoch eine derart hochgestochene, geradezu auf akademischem Niveau geführte Diskussion doch etwas am anvisierten Ziel vorbeizuschiessen. Derartige Überlegungen und Gedankengänge führen allzuleicht aufs Glatteis und lenken vom eigentlichen Thema, d.h. vom Ausgangspunkt des Gesprächs ab.
      Sie enden in philosophischen und gedanklichen Labyrinthen, wo man am Ende alles beweisen und alles widerlegen kann, was aber doch zugegebenermassen niemals das Ziel gewesen sein dürfte.

      Die Tatsache, dass der Umkehrschluss eines wenn auch richtigen und folgerichtigen Schlusses, zwar auch richtig und folgerichtig sein kann, aber eben nicht zwangsläufig muss, ist eine Binsenweisheit. Da braucht man, wie ich meine, nicht ehrwürdige Philosophen der Antike zu bemühen. Wobei auch diese auch geirrt haben könnten, denn perfekt ist niemand.

      Besonders stechen solche absurden Feststellungen hervor, wie z.B. :
      "Wer nicht ist, kann sich auch nicht täuschen". Kompletter Humbug, wie ich meine, auch wenn er von einer anerkannten Persönlichkeit stammt. Wir sollten nicht vergessen, dass ja gerade auch Philosophen provozieren,oder irreleiten, wie die heutigen "Geisteswissenschaftler", weil sie wahrscheinlich bestimmte Ziele verfolgen/verfolgten, die uns verborgen sein können.
      Folgerichtig gedacht wäre folgendes: Weil in Bezug auf etwas oder jemand das/der nicht existiert, keine Aussage möglich ist, ist es auch sinnlos und unmöglich und daher gegenstandslos, also falsch, festzustellen, dass dieser jemand, der nicht ist, sich nicht täuschen kann. Es gibt ihn einfach nicht, und basta.
      Es wäre dasselbe, als wenn man sagen würde, jemand der nicht existiert, wäre gleichzeitig aber doch existent, mit der Begründung, dass er ja etwas "nicht tun kann". Hier würde jeder normale Mensch gleich aufschreien, und diesen Satz als Widerspruch und Blödsinn kennzeichnen.
      Aber in Form von philosophisch verpackten Haarspaltereien und Sophismen, wird dieselbe Aussage plötzlich gesellschaftsfähig. Fragt sich also nur noch, welches Ziel hier verfolgt wird.

      Der Ausgangspunkt war ja das Steinerzitat, "ich denke, also bin ich nicht".
      Da Steiner an unzähligen Stellen das Sein und das Ich mit dem Denken in engste Verbindung gebracht hat, tut sich hier ein Widerspruch auf.

      Wohin sollten uns diese eklatanten Widersprüche hinführen, was wären naheliegende Schlüsse?
      Die Anthroposophie ist nichts anderes als ein Werkzeug, mit welchem man je nach Bedarf alles beweisen und alles widerlegen kann, wie es einem gerade ins Konzept passt, meine ich!

      Das richtige Zitat zur richtigen Stelle und zum richtigen Zeitpunkt, der Fundus ist ja gross genug und Gott sei Dank auch ausreichend unübersichtlich....und voilà....es gibt keinen Zweifel mehr....darf ja auch gar keinen geben, denn die selig und unsagbar weise machende Lehre schwebt ja irrtumsfrei und unangreifbar wahr über allen Dingen und vor allem, dem menschlichen Denken!

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    6. Lieber Rudolf,

      :-) der Ausgangspunkt dieses Gespräches hier ist zunächst meine Version der alten Legende von den Weisen und dem Elefanten.
      Was jemand sich daraus zum Anknüpfungspunkt nimmt, und was weitere Teilnehmer sich aus den Gesprächsbeiträgen hier wieder zu neuen Anküpfungspunkten nehmen, das bleibt jedem einzelnen Gesprächsteilnehmer überlassen.
      Ich habe das Steiner-Zitat in Stephans posting zum Anlaß genommen, Descartes zu verteidigen gegen die falsch verstandene Bedeutung des Satzes cogito ergo sum, die ihm so oft unterstellt wird.
      Erst vor kurzem hat ja manroe darauf hingewiesen, daß die „alten Lateiner“ bloß cogito sagten, daß es also dabei noch nicht auf das „Ich“ ankam - - - nun, aber Descartes war eben kein solcher „alter Lateiner“, und ihm kam es gerade auf das „Ich“ an!
      Es ist mir einfach wichtig, das anzuerkennen.

      Zu Steiners Satz »Ich denke, also bin ich nicht« als Kennzeichnung des naturwissenschaftlichen Denkes läßt sich sicherlich auch vieles sagen – ich für mein Teil will das erst dann tun, wenn ich den betreffenden Vortrag im Zusammenhang gelesen habe.

      Herzlichen Gruß,
      Ingrid

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    7. Meine "Schuld", ich war irritiert vom Zitat, daß erkenntnistheoretische Betrachtung und Naturerkenntnis auf der Selbst-Entäußerung "Ich denke, daher bin ich nicht!" fußen solle, was ich von Steiner so nicht erwartet hatte. Obwohl mir da schon was dämmert..
      Denn einmal leben wir im Meer der Weltgedanken quasi wie eine Qualle die Gedanken ein- und ausatmend, die im Universum ein- und ausgegossen sind, dann tätigen wir das Denken, .. Mir war der Beitrag von Ingrid über Descartes hilfreich, auch Rudolfs Scharfsinn ist nicht ohne Reiz, aber ich werde nun ebenso den Vortrag lesen über das Natur-Erkennen und das Geist Erkennen. Vielen Dank für das nähere Eingehn auf Descartes "Cogito"! ,
      m.butty

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    8. Mir gings' s (wie gesagt müde im Nachtdienst) überhaupt nicht um den philosophischen, sondern um den Erlebnisinhalt:
      Eigentlich durch Müdigkeit gar nicht richtig zur Anwesenheit (zum vollen Sein) fähig, reduziert man sich auf das Denken um die Dinge im Griff zu behalten;
      wohl wissend, dass es unterschiedliche Qualitäten von Denken gibt - hier geht' s eher um das formale, folgerichtige verknüpfen von Zusammenhängen.
      Und tatsächlich ist es ja eine große Gefahr des Denkens, dass man sich in 'Konstrukten' und 'Gespinsten' verliert und damit eben NICHT IST (weil man sich verloren hat); unabhängig davon, wie folgerichtig die gedanklichen Zusammenhänge sind.

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  8. Wie wurde die Story verlaufen wenn es nicht blinde sondern sehende Weisen waeren? Und wie offenbart sich ihre Weisheit (wel sie so genannt wurden)? Oder warum werden sie Weisen genannt?

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    1. :-)
      Auch wenn ich die Legende eigentlich nicht weiter interpretieren will, als ich es durch meine Art der Erzählung getan habe (schließlich stammt sie in ihrer Urfassung gar nicht von mir), versuche ich diesmal doch eine Antwort:

      »Und wie offenbart sich ihre Weisheit (wel sie so genannt wurden)? Oder warum werden sie Weisen genannt?«
      Sie werden deshalb „Weise“ genannt, weil sie in der Lage sind, ihre Einzel-Wahrnehmungen ohne Fehler wiederzugeben. Weniger Weise würden bereits hier jede Menge Fehler machen.

      »Wie wurde die Story verlaufen wenn es nicht blinde sondern sehende Weisen waeren?«
      Dann wären es wohl nicht Weise, sondern Könige.
      Und der Wunsch, den der König in meiner Version als Schlußsatz spricht, wäre ihnen ins Herz gesprochen.

      Herzlichen Gruß,
      Ingrid

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    2. P.S.: Nicht nur der letzte, sondern alle drei Wünsche, die der König am Schluß meiner Geschichte ausspricht, wären diesen sehenden Weisen alias Königen ins Herz gesprochen.

      Gute Nacht!
      Ingrid

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