Das Ende der Welt wie wir sie kennen

Michael Eggert:

Zu den bizarren Denkmodellen gehört seit den Schrecken der atomaren Bedrohung, der Wahrnehmung der Spanischen Grippe von 1918 und den menschlichen Ungeheuerlichkeit des Nazismus und Stalinismus, dass das Leben der Erde auch ohne die menschliche Existenz ausgemalt wird. Virtuelle Methoden in der filmischen Umsetzung haben den Weltuntergang in 3D, im Breitbandformat und in hyper- realistischen Bildern und Tönen in jedes Kinderzimmer einziehen lassen. So erscheint der Plot in Station Eleven von Emily St. John Mandel nicht unbedingt originell. Das Ende der Menschheit kommt hier eher beiläufig- sich häufende Meldungen über regionale Ausbrüche einer simplen Grippe- Erkrankung eskalieren; das hoch ansteckende Virus ist mutiert, verbreitet sich ungehemmt über die Atemwege, wodurch Klimaanlagen z.B. in Flugzeugen und Gebäuden zum tödlichen Mittel der Verbreitung werden. Die Landesgrenzen werden in wenigen Tagen übersprungen, 99% der Weltbevölkerung sterben; alle zivilisatorischen Fortschritte, seien sie medial, technisch, politisch oder wirtschaftlich, enden: „There was the flu that exploded like a neutron bomb over the surface of the earth and the shock of the collapse that followed, the first unspeakable years when everyone was travelling, before everyone caught on that there was no place they could walk to where life continued as it had before and settled wherever they could, clustered close together for safety in truck stops and former restaurants and old motels.“

Der vorliegende Roman begleitet eine Reihe von Figuren vor und -etwa 20 Jahre später- nach der Katastrophe, vor allem in Form von filmisch- erzählerischen Schnitten und Rückblenden- aber nicht in sensationeller, emotional aufrührender Absicht, sondern in reflektierender, ruhiger, fast beiläufiger Art und Weise. Wie in den Pest- Ausbrüchen des späten Mittelalters wird das Überleben vom Rückzug und der Wagenbau- Mentalität kleiner Gemeinschaften bestimmt. Nicht wenige entwickeln eine unüberwindliche Fremdenfeindlichkeit und verschanzen sich in sektiererischen, dörflichen Enklaven: „Some places have elected mayors or they’re run by elected committees. Sometimes a cult takes over, and those towns are the most dangerous.“ Dennoch erscheinen die Figuren des Romans weniger verzweifelt und aggressiv als nachdenklich. Das Leben ist ein Glücksfall, der immer nur geliehene Zeit an den Menschen vergibt: „“This life was never ours,” she whispers to the dog, who has been following her from room to room, and Luli wags her tail and stares at Miranda with wet brown eyes. “We were only ever borrowing it.

Eine Gruppe von Shakespeare- Darstellern, eine kleine Company hat die Katastrophe überlebt und zieht in einer Art Road- Movie durch die nach- zivilisatorische Welt. Man ist sich der Gefahren bewusst: „At other times it seemed a difficult and dangerous way to survive and hardly worth it, especially at times when they had to camp between towns, when they were turned away at gunpoint from hostile places, when they were travelling in snow or rain through dangerous territory, actors and musicians carrying guns and crossbows, the horses exhaling great clouds of steam, times when they were cold and afraid and their feet were wet.“ Natürlich treten neue Propheten auf, die in visionären Eingebungen Kurs und Ziel der Gruppe mitbestimmen: „There were nineteen of them, and they mostly kept to themselves; some time passed before the townspeople realized that the tall man with blond hair who seemed to be their leader was known only as the prophet and had three wives. “I am a messenger,” he said, when introduced to people. No one knew his real name. He said he was guided by visions and signs. He said he had prophetic dreams. His followers said he was from a place called the Museum of Civilization, that he’d taken to the road in childhood to spread his message of light.

Das „Museum der Zivilisation“ wird für die immer kleiner werdende Gruppe letztlich zur Rettung werden, denn an diesem Ort versammeln sich die sozial engagierten, technisch versierten und vernünftig handelnden Personen, die am Ende des regressiven, gefährlichen Weges Hoffnung bilden für neue zivilisatorische Bündnisse und Gemeinschaften. Die Wenigen, die es bis hierher schaffen, haben den Alptraum menschlicher Abgründe durchquert, darunter Gottsucher und Propheten, die keine innere Orientierung kennen: „Later that summer a band of religious wanderers arrived, headed south. The precise nature of their religion was unclear. “A new world requires new gods,” they said. They said, “We are guided by visions.“

Wie weit erscheinen die technischen Grundlagen der verlorenen Weltgemeinschaft des 21. Jahrhunderts vergangen? Ein Grippe- Virus hat das dünne zivilisatorische Tuch weg gerissen- was bleibt? „All that knowledge, those incredible things we had.” “To what end, though?“ Aber dennoch, jenseits der Verzweiflung, werden die Grundlagen für ein neues Zusammenleben gelegt: „Everything ends. I am not afraid.

Station Eleven erscheint weniger als effekthaschendes Endzeit- Szenario denn als ein Roman, der treibende destruktive, aber auch hoffnungsvolle menschliche Impulse in dieser spezifischen Situation aufleben lässt. Die Wanderung durch Erinnerungen, aber auch durch reale Gefahren des ausgebrochenen antisozialen Wahnsinns, durch die Ideologien und Überlebensstrategien der kleinen, völlig isolierten Reste der menschlichen Zivilisation erscheint mir schon als eine Schilderung dessen, was wir heute - auch ganz ohne diese äußere Katastrophe - erleben müssen, wenn wir uns durch die mediale Reste- Rampe des ideologisierten globalen Umfeldes bewegen. Zwischen Ebola- Epidemie und seltsamen Gangster- Staatsmännern wie Putin, zwischen Selbstbeglückungs- Strategien und virtuellen Neuzeit- Propheten bewegen wir uns- stets in der Gefahr, der inneren Orientierung verlustig zu gehen. „Visionen“ aller Art sind die Epidemie, die ein von allem losgerissener medialer Apparat in jedes Wohnzimmer spült. Der Weg zum „Museum der Zivilisation“, zu einem wirklichen sozialen Organismus ist für uns alle weit und nicht leicht zu gehen. Der Roman Emily St. John Mandels ist ein Bild für die Suche nach einer neuen moralischen Orientierung.

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Eine Meta- Besprechung dieses Buches, was Grenzen des Genres und den Bezug zur Literatur betrifft, hier in The New Yorker: ""Station Eleven," if we were to talk about it in our usual way, would seem like a book that combines high culture and low culture—“literary fiction” and “genre fiction.” But those categories aren’t really adequate to describe the book." Natürlich wird mir die sehr junge Emily St. J. Mandel schon deshalb noch sympathischer, weil sie sich als literarischen Mentor Saul Bellow ausgesucht hat: "Whose work would you like to steal without attribution or consequences?
None. The thought makes me queasy. But if I could steal anyone's talent, as opposed to their actual work, it would be nice to be magically imbued with Saul Bellow's prose style. His best work was breathtaking."

Kommentare

  1. Was ich mir immer denken muss: wer steuert nach einem solchen Szenarium wie oben geschildert, eigentlich die ja immer noch bestehenden Atomkraftwerke, und Atommülllager? Wie soll das funktionieren?

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    1. Liebe Kerstin,
      solche Gedanken macht sich Alan Weisman in seinem Buch The World Without Us (es gibt auch eine deutsche Ausgabe, aber die hat so schlechte Kundenrezensionen, daß ich sie nicht empfehlen will; scheint nicht gut übersetzt zu sein).

      Fazit: es brauchte unvorstellbar lange Zeit – aber die Natur würde all die Katastrophen wohl überleben, die (manche schon nach wenigen Tagen) entstehen müßten, wenn der Mensch seine Erzeugnisse nicht mehr betreuen könnte.

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    2. O jeh, Zeit für den Atomausstieg!
      Die Natur ist wohl etwas sehr Schönes, und hat auch einen gewissen Selbstzweck, braucht uns selbstverständlich nicht. Aber wer sollte es erkennen, wenn nicht die Menschen.

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    1. 2012 ist ja gerade erst vorüber...
      Das ist doch der Film, in dem Kirsten Dunst im Weltuntergang deshalb noch etwas Gutes und einen Neuanfang findet, weil sie vorher so desillusioniert und traurig war

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