Das erkenntnisschulische Konzept Steiners ..

..und die behauptete ideologische Verkürzung durch Christian Clement

Michael Eggert: 

Dass die Formulierung dieses anthroposophischen „Konzepts“ des Erkenntnisweges, zumal mit dem Anspruch, ohne Brüche aus dem Denken entwickelt zu sein und eine monistische Selbst- und Weltsicht zu vermitteln, im Zentrum der SKA 7* zu stehen habe, macht Christian Clement schon in seiner Einleitung deutlich: "Da Steiner selbst in den Texten dieses Bandes sein erkenntnisschulisches Konzept nicht ausdrücklich in seiner philosophischen Weltanschauung verankert hat, wird eine solche Kontextualisierung zumindest andeutungsweise Aufgabe dieser kritischen Ausgabe sein müssen. Dies soll geschehen, indem wir in dieser Einleitung sowie im Stellenkommentar Steiners Meditationskonzept in den Kontext sowohl seines Gesamtwerkes wie auch der abendländischen Geistesentwicklung überhaupt zu stellen versuchen.

Steiners „Erkenntnisschulung“ wird von Clement in sehr viel weiterem Rahmen gesehen als von Zander: "Die in diesem Band zum ersten Mal in kritischer Edition vorgelegten erkenntnisschulischen Schriften Rudolf Steiners gehören, ebenso wie seine Theosophie von 1904 und seine Geheimwissenschaft von 1910, in die beschriebene Tradition der mythischen, philosophischen und psychologischen »Jenseitsreisen« der abendländischen Geistesgeschichte von Platon bis Freud und über diesen hinaus.“ Wie Clement selbst in einer Anmerkung hinzufügt, bestand Zanders entscheidender Bezug in seiner Forschungsarbeit über Steiner in dessen theosophischen Quellen: "Helmut Zanders Versuch, die erkenntnisschulischen Texte Steiners ausschließlich aus dem Kontext von dessen unmittelbarer theosophischer Umgebung zu verstehen (vgl. Zander [2007] I, 580 ff.), erscheint uns zu eng.“ Den geeigneten Rahmen für eine Kontextualisierung Steiners sieht Clement dagegen in der abendländischen Frage des Bewusstseins nach sich selbst: "Jakob Böhme, Lessing, Kant, Schiller, Hegel, Marx, Wagner, Nietzsche, Freud und Heidegger sind nur die prominentesten in einer langen Liste neuzeitlicher Erben Platons, die den Menschen aus der Begrenzung des bisher erworbenen Bewusstseins auf eine höhere Stufe des Wahrnehmens und Denkens heben wollten, sei es durch Schulung der Ideenschau, der religiösen Inbrunst, der kritischen Rationalität, der Empfindsamkeit, der ästhetischen Erfahrung, des dialektischen Denkens, des Klassenbewusstseins oder der Analyse des Unbewussten.“

Rudolf Steiner ist in dieser Sichtweise eine der Figuren innerhalb der westlichen Kultur, die nach Ursprung und Selbständigkeit des menschlichen Geistes schlechthin fragen, nach Mythos und Verwirklichung: In „Wie erlangt man..“ z.B. suche Steiner "also einerseits den Anschluss an die mythischen Ursprünge des abendländischen Geistes und zugleich die Anbindung des präreflexiven mythischen Bildbewusstseins an jene neuzeitlichen Errungenschaften des Geistes, in denen die Grundlage des modernen Selbstverständnisses des Menschen geschaffen wurde."

Anthroposophische Meditationsübungen stehen dabei als methodisches Rüstzeug für die Arbeit am „modernen Selbstverständnis“ des Zeitgenossen bereit: "Die Faszination der modernen abendländischen Kultur an der Meditation kann denjenigen nicht überraschen, der sich bewusst macht, dass die meditative Arbeit als systematische Arbeit des Bewusstseins an sich selbst eine Reihe von Elementen aufweist, die in der westlichen Tradition sehr wohl verankert sind, sich hier aber gewissermaßen arbeitsteilig auf verschiedene Disziplinen und Schulen verteilt haben. Meditation im modernen Sinne verbindet das in Wissenschaft und Philosophie gepflegte wache Beobachten und rationale Denken mit der in Mystik, Magie und Religion kultivierten Versenkung in Bilder, Gefühle und Stimmungen, in der das diskursive Denken systematisch ausgeschaltet wird; sie arbeitet mit subtilen Methoden der Introspektion und Selbstanalyse, wie wir sie aus den bewusstseins-philosophischen, phänomenologischen und tiefen- psychologischen Ansätzen der europäischen Neuzeit her kennen, baut aber zugleich, ähnlich wie ästhetische Bildungskonzepte von Schiller bis Beuys, auf das unser Vorstellen, Fühlen und Wollen transformierende Potential der Auseinandersetzung mit den Produkten der menschlichen Einbildungskraft." Diese Methodik steht für Clement sehr viel enger in der Tradition eines Kant, Fichte und Goethe als in fernöstlichen Verwirklichungskonzepten, da es am Denken selbst ansetzt: "Ähnlich wie Platoniker zur »Ideenschau« und Mystiker zur »unio mystica«, wie Goethe zum »anschauenden Denken« oder die Philosophen des deutschen Idealismus zur »intellektualen Anschauung« anleiten wollten, so zielt auch das anthroposophische Meditationskonzept nicht primär auf eine gefühlshaft-religiöse Erfahrung, sondern auf die systematische und streng geregelte Hervorbringung neuer und verfeinerter Formen des klarbewussten Denkens, aus denen dann ebenso eigenständige Wahrnehmungs- und Erlebniswelten hervorgehen, wie die sinnlich-greifbare Welt unserer Alltagserfahrung aus dem an sinnliche Inhalte gebundenen Denken entspringt."

Der strenge Monismus Steiners erklärt sich vor allem dadurch, dass in seiner Erkenntnisschulung der Mensch Mittel und Ziel des Verwandlungsprozesses selbst ist- die mystische Einheit mit „der Welt“ wird durch eine Transformierung des Denkens des Menschen angestrebt: "Der Mensch soll nach Steiner die materielle Welt als Manifestation seines eigenen innersten Wesenskerns erkennen lernen und sich so mit ihr umso wesenhafter verbinden, um sie dann, gewissermaßen die traditionelle Rolle des Schöpfergottes übernehmend und weiterführend, mittels seiner Imaginationen, Inspirationen und Intuitionen schöpferisch um- und weitergestalten zu können.“ Es geht bei Steiner nie um eine Befreiung im Sinne der Abkehr von der realen Welt (im Sinne des klassischen klösterlichen Lebens oder der religiösen Ekstase), sondern um "eine im praktischen Leben sich verwirklichende Freiheit in der Welt bzw. eine als Welt sich verwirklichende Freiheit“.

In einem Beitrag im Waldorfblog bewegt Ansgar Martins trotz der Fülle von kulturhistorischen Bezügen in Clements Buch nicht nur die Frage, welche Möglichkeiten der Kontextualisierung dieser übersehen, sondern auch an welchem Punkt Clement Steiner verkürzt gesehen haben könnte; Martins unterstellt Clement, er "blendet wichtige Teile von Steiners Selbstverständnis“ aus, ja er produziere eine „ideologische Verzerrung“, denn "Clement versucht Steiner stattdessen als Bewusstseinsphänomenologen und die Inhalte der höheren Welten als rein bildlich-symbolischen Ausdruck für geistig-monistische Selbsterfahrung zu deuten.“ Martins ist also nicht willens oder in der Lage, die monistische Darstellung Clements - die materielle Welt als Manifestation des eigenen menschlichen Wesenskerns zu erkennen- zu akzeptieren, sondern beharrt auf der dualistischen Konzeption, „da draußen“ gäbe es eine Welt geistiger Wesenheiten und Dinge, deren separate Existenz Clement bewusst leugne - wahrscheinlich eben deshalb, um Steiner für den akademischen Diskurs verkehrsfähig zu machen. Daher behauptet Martins auch, Clement stelle Steiner insgesamt „reduktionistisch“ dar, da dieser "Steiner die Entwicklung nach 1900 abzusprechen“ wage; ja, Clement betreibe in der Kritischen Ausgabe eine "Umdeutung Steiners“.

Angesichts der oben angeführten Positionierung Christian Clements erscheint mir der Vorwurf der ideologischen Verkürzung Rudolf Steiners abwegig- dies auch deshalb, da Clement die Widersprüche Steiners durchaus aufführt. Es ist ja nicht zu bestreiten, dass der Autor einer „Philosophie der Freiheit“, ein Monist, der explizit innere Autonomie des Individuums propagierte, in seinen späteren Jahren zum Guru einer Schar von devoten Jüngern avancierte: "Hier spricht nicht mehr eine Stimme, die ein kritisches Publikum durch Argumentation von der eigenen Position zu überzeugen versucht, sondern eine solche, welche die Autorität eines Wissenden für sich in Anspruch nimmt und als Lehrer zu Schülern spricht, d. h. zu Menschen, die den »Pfad der Erkenntnis« schon beschreiten und insofern bereits für sich eine Vorentscheidung über die Validität des Vorgebrachten getroffen haben. Steiner verfasste die Schrift zeitgleich zu seiner Tätigkeit als Lehrer innerhalb der Esoterischen Schule der Theosophischen Gesellschaft.“ Gerade in Bezug auf das Schildern von übersinnlich Geschautem hat sich Steiner auf das dünne Eis des sich selbst Widersprechenden gewagt: "Diese in traditioneller mystischer und esoterischer Literatur nicht unübliche Veranschaulichung und Verdinglichung innerer Erlebnisse hat unzweifelhaft den Vorteil der Konkretheit und Fasslichkeit und bindet Steiners Text an bestehende Traditionen an, wirft jedoch beim kritischen Leser die Frage auf, ob und inwieweit Steiner hier mit seiner eigenen intellektuellen Vergangenheit und mit allen Gepflogenheiten eines kritisch-philosophischen Diskurses gebrochen hat und möglicherweise in eben jenen »naiven metaphysischen Realismus« verfiel, den er selbst zehn Jahre zuvor in seiner Philosophie der Freiheit so scharfsinnig charakterisiert und leidenschaftlich bekämpft hatte.

Es sind also die inneren Widersprüche in Steiners Auftreten und Werk, die Ansgar Martins Christian Clement gegenüber zum Vorwurf der „Ideologie“ verleiten, aber in Clements Arbeit keineswegs verschwiegen werden.
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* Christian Clement (Hrsg), Kritische Ausgabe der Hauptwerke Rudolf Steiners (SKA). Band 7, Steiners “Schriften zur Erkenntnisschulung”