Helmut Zander und Christian Clement - zwei Blickwinkel auf die Anthroposophie



Christian Clement:

Michael Eggert hat mich freundlicherweise hier zu den „Egoisten“ eingeladen und vorgeschlagen, meinen letzten Kommentar, der sich mit dem Verhältnis zwischen mir und Helmut Zander befasst, als thread einzustellen. Dem komme ich hiermit gerne nach.

Die Frage ist ja in der Debatte um die SKA wiederholt aufgeworfen worden. Da gibt es jene, die mich mit Zander zusammen in den Topf der akademischen „Anthroposophiegegner“ werfen. Andere sehen mich eher als „steinerfreundlich“ und Zander als „steinerfeindlich“ und meinen daher, letzteren ablehnen zu müssen. Ich finde beide Ansichten gleichermaßen unzutreffend und wenig erkenntnisfördernd und habe dazu einige Gedanken formuliert.

Zunächst einmal: Sowohl Zander und auch ich gehen an die Anthroposophie natürlich von unserem persönlichen biographischen Standpunkt aus heran, er von seinem Hintergrund als Theologe und Religionswissenschaftler, ich von meiner geistigen Heimat in der Philosophie, der Kunst und in der Mystik. Dadurch unterscheiden wir uns.

Aber wir sind uns einig darin, dass wir beide jeweils eine wissenschaftliche Methode benutzen. (Obwohl ich eigentlich nicht so gern von „Wissenschaft“ rede, sondern von meiner Arbeit lieber als von einer „kritischen“ reden würde, im Gegensatz zu einer „unkritischen“. Der Diskurs um die Wissenschaftlichkeit oder Nicht-Wissenschaftlichkeit der Anthroposophie bzw. des Umgangs mit dieser finde ich eher unfruchtbar weil anachronistisch. Aber das nur am Rande.) Also, beide bedienen wir uns einer wissenschaftlichen und kritischen Methode, die zum einen eine Beschränkung und eine Maske ist, die wir uns aufsetzen müssen, um im allgemeinen akademischen Diskurs mitsprechen zu können und ernstgenommen zu werden, zugleich aber auch ein wertvolles Instrument, um uns zu disziplinieren, um das Persönlich-Biographische im Hintergrund zu halten, welches zwar als Triebkraft und Motor unseres Interesses immer da ist, aber in der wissenschaftlich-kritischen Arbeit in den Hintergrund tritt, um möglichst die Sache selbst, den Untersuchungsgegenstand, und nicht unser persönliches Verhältnis dazu im Mittelpunkt stehen zu lassen.

Das haben wir also gemeinsam. Allerdings ist Wissenschaft nicht gleich Wissenschaft, und die jeweiligen kritisch-methodischen Zugänge bei Zander und mir sind nun wieder verschieden. Er arbeitet mehr historisch und quellenkritisch, d. h. er schaut vor allem auf Dokumente und das materielle Umfeld, in denen diese entstanden sind: die sozialen Verhältnisse und Strukturen der Zeit, der Gesellschaften, in denen Steiner arbeitete, etc. Ich hingegen arbeite eher philosophisch-geistesgeschichtlich, d. h. mir geht es weniger um Quellen und historische Hintergründe, sondern ich betrachte mehr die Vorstellungen und Ideen Steiners als solche, wie sie sich zu einander und zu ihren ideengeschichtlichen Vorfahren und Nachkommen verhalten.

Da diese Ansätze zwar beide kritisch, als solche aber grundverschieden sind, erschaffen sie sich auch je einen ganz anderen Gegenstand, gemäß ihrer inneren Logik, ihrer Methoden und ihrer Ziele. Daher ist die Anthroposophie, die Zander bearbeitet, eine ganz andere als die, die in meinen Texten erscheint. Er betrachtet gewissermaßen mehr ihren Leib, ich mehr ihre Seele, wenn dieses grobe Bild erlaubt ist. Dennoch haben beide Ansätze ihre Berechtigung, keine ist von Haus aus die „bessere“ oder „richtigere“, gar die „einzig wahre“. (Man erinnere sich an Ingrids posting der Geschichte von den Weisen und dem Elefanten.)

Zu vielen kritischen oder negativen Urteilen über Steiner muss Zander einfach kommen, nicht aufgrund seiner persönlichen Ansichten oder eines Übelwollens, sondern aufgrund der Prämissen, von denen er ausgeht, und der Methoden, mit der er arbeitet. Als quellenbasierter Historiker muss er hinter viele Ansprüche bei Steiner und hinter viele idealisierte und ungesicherte Vorstellungen über Steiner ein Fragezeichen setzen und stößt damit bei vielen Anthroposophen, für die Steiner oft eine Art Übermensch oder Prophet ist, natürlich auf harsche Kritik. Ich habe den Luxus, diese Aspekte  ganz neutral angehen oder sogar ignorieren zu können, weil bei mir die Ideen als solche und ihre ideellen Quellen im Zentrum stehen, und nicht die materiellen Quellen und auch nicht die sozio-politischen Realitäten, in denen diese entstanden sind. Steiners materielle Situation, die Machtkämpfe innerhalb der verschiedenen Gesellschaften usw., mögliche materielle Quellen für seine Ideen: also alles das, wo nicht nur Ideen im Mittelpunkt stehen, sondern der mit Fehlern und Schwächen behaftete Mensch Rudolf Steiner ins Bild kommt, bleibt bei mir weitgehend aussen vor. Ich nenne materielle Quellen nur dann, wenn sie eindeutig belegbar sind. So ist es ganz natürlich, dass Rudolf Steiner in meiner Darstellung viel unbeschadeter und mit dem anthroposophischen Ideal übereinstimmender davon kommt, weil ich mich vor allem auf die Gedanken konzentriere und den Denker und den Morast, durch den sich dieser als physischer Mensch durchkämpfen muss, aussen vor lasse. Helmut Zanders hingegen nimmt besonders diese materielle Dimension ins Auge, und da kommt eben der Steiner in den Blick, der sich durch die materielle Welt arbeiten und sich dementsprechend auch schon mal die Hände schmutzig machen musste. Das heisst aber wiederum nicht, dass Zanders Darstellung prinzipiell weniger wert oder weniger wahr wäre als meine. Sie blickt auf Rudolf Steiner und die Anthroposophie nur aus anderer Perspektive und mit einem anderen Erkenntnisinteresse. Zu einem abgerundeten Blick, muss man aus beiden Perspektiven mal geschaut haben.

Dazu muss ich natürlich auch sagen, dass an vielen Stellen Zanders Darstellung in der Tat sehr problematisch ist, nämlich da, wo er tatsächlich die Grenzen der eigenen Methode überschreitet und statt über Fakten zu berichten anfängt zu spekulieren oder zu fabulieren oder zu polemisieren. Oder da, wo seine Fakten eben nicht stimmen. Oder da, wo er ganz offensichtliche Quellen Steiners einfach nicht kennt und daher über mögliche Einflusse spekulieren muss. Solche Stellen gibt es viele bei Zander. Und verständlicherweise, denn das von ihm übernommene Pensum ist enorm und konnte von einer einzelnen Person einfach nicht adäquat bewältigt werden. Wer viel arbeitet, und dazu noch allein, der macht auch viele Fehler. - Aber all dies kann, und da ist wieder eine Gemeinsamkeit, auch von meiner Arbeit mit der SKA gesagt werden.

Aber: viele der Fragezeichen, die Zander setzt, stehen zurecht da. Und viele der unbequemen Fragen werden zurecht gestellt. Und viele seiner kritischen Fragen und viele der von ihm zusammengebrachten Fakten werden die Anthroposophieforschung und damit auch die Anthroposophie wahrscheinlich weiter bringen, als all das unkritische Nachbeten und Wiederkäuen und Idealisieren, welches einen großen Teil der binnenanthroposophischen Literatur zu Steiner ausmacht. In einem Wort: wem Anthroposophie am Herzen liegt, der sollte Zander in vieler Hinsicht dankbar sein für das, was er objektiv angestoßen hat. Und ihn korrigieren, wo er sachlich daneben liegt. Und Spekulationen über seine persönlichen Motive als völlig irrelevant beiseite lassen.

Kommentare

  1. Guten Morgen.

    Teil I
    Die Kommentare gestern verlangen aus sich heraus nach Weiterentwicklung. Nun ist dieser Beitrag im ersten Moment ein Rätsel, da nirgends der Verfasser namentlich auftaucht. Ingrid wird zu Recht genannt, da ihr Beitrag zu einer besonderen Entwicklung auf diesem blog führte.
    Nun will ich die Leistung von Ingrid hervorheben. Als ich ihren Beitrag "Saatgut oder Nahrung" zur Hälfte gelesen hatte, erfolgte der erste Kommentar, weil bestimmte Gedanken für sich zu kommentieren waren. Erst am nächsten Tag las ich den gesamten Beitrag von Ingrid und mir ging auf, da schreibt eine ganz andere, eine ganz neue Ingrid Haselberger, die etwas Besonderes, Ungewohntes praktiziert. Sie endet den Beitrag ganz im Sinne der mantrischen Arbeit von Rudolf Steiner, sie endet: "Und das ist recht". Sie schreibt diese Zeile abschließend, hebt dies durch "fett" hervor. Das hatte eine unbewußt-bewußte Wirkung auf die Seele des Lesers, die weit über den "bloßen" Inhalt hinausgeht. Und siehe da, die Wirkung war entsprechend, sie löste etwas aus und führte nun zu diesem Beitrag am Sonntagmorgen, dessen Verfasser ideell erahnt, erfasst wird.
    Nun, warum taucht der Name nicht auf?!
    Aus dem einfachen Grund, es geht, weder um "Zander", noch um "Clement". Sprichwörtlich, es droht "Wissenschaft" an dieser Stelle insgesamt wie das kleine Kind in den Brunnen zu fallen, also bildlich, wäre Steiners Bild in der Mitte zwischen den Beiden, würde "ER" sie halten, er ist ja Objekt der "Wissenschaft".
    Der Verfasser des jetzigen Beitrags, der offensichtlich Herr Clement ist, bemüht sich, die Wissenschaft zu retten, in dem er gekonnt die verschiedenen Vorgehensweisen aufzeigt, wobei tatsächlich der philosophische Ideenhintergrund seiner Persönlichkeit klar zum Ausdruck kommt, "Ihn" in seinem Bemühen verständlich macht.
    Wenn der Verfasser zu diesen Zeilen findet:
    "Zu vielen kritischen oder negativen Urteilen über Steiner muss Zander einfach kommen, nicht aufgrund seiner persönlichen Ansichten oder eines Übelwollens, sondern aufgrund der Prämissen, von denen er ausgeht, und der Methoden, mit der er arbeitet."
    wird ein wesentlicher Punkt weggelassen, den Herr Zander in einem Interview freimütig bekannte, als er zu Rudolf Steiner und seiner Haltung befragt wurde (habe das Zitat nicht zur Hand) und wo er sinngemäß frei formuliert antwortete: warum wundern Sie sich über mein Urteil, ich bin doch Katholik (das sagt und erklärt alles).
    Also die Hintergründe der Arbeitsweise von Herrn Zander muß noch tiefer erfasst werden, um ihn zu verstehen. Wer Steiners Vorträge studiert, wird unzählige Hinweise zur Katholischen Kirche finden, welche nicht nur als Abarbeitung seiner letzten Inkarnation gewertet werden dürfen, sondern welche tatsächlich tiefste esoterische Zusammenhänge aufzeigen. Das wird Steiner, das wird der Katholischen Kirche gerecht.
    Nun fand sich dank der Arbeit von Ingrid ein Satz von Herrn Clement, der wie ein Blitz aus heiterem Himmel in sich trägt, was er später in der mail an das Anthroposophische Nachrichtenblatt "bekennt", sein Bekenntnis zu Rudolf Steiner. Ich fragte mich, warum tut er dies, will er alle mit einem solchen öffentlichen Kniefall (pardon) irritieren, das Verhalten Dritter vorführen?!
    Ich war gestern in München, zum ersten Mal traf sich unsere kleine Familie in dieser Stadt und die Nacht hatte bereits in Vorwehen angekündigt, was der Tag ins helle Sonnenlicht stellte. Unsere drei erwachsenen Kinder hatten uns eingeladen. Ein Geburtstag wurde nachgefeiert, also etwas Festliches lag in der Luft.

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    1. Teil II

      Ein kleines Festessen in einem indischen Lokal. Da ging mir auf, wie all die indischen Gottheiten, die indischen Frauengestalten, ob auf merkwürdigen Stoffbildern, als Plastik, sie verkörperten ein Gedankenbild, eingeschlossen in indischer Sphäre, während draußen die Gegenwart pulsierte. So kam mir, ist die Gedankenwelt bei den "Anthroposophen" bereits museal geworden, leben sie in ihren Zweigabenden, schotten sie sich ab, wie in diesem Restaurant, wo in köstlicher Weise das Essen zubereitet wird und doch ganz alte Bilder nach Aufmerksamkeit heischen, wie der Menschheitsrepräsentant, der auf Antrag von Mitgliedern nun endlich auf der Mitte der Bühne des Großen Saales im Goetheanum stehen soll, als Fixpunkt, Angelpunkt, zum Anbeten?!
      Der jetzige Beitrag versucht, Wissenschaft zu retten. Doch die Menschheitskrise verlangt nun ein Überschreiten der Wissenschaft, das ist das Anliegen von Rudolf Steiner.
      Bleibt die Betrachtung Steiners wissenschaftlich, ist nichts gewonnen, alles verloren.
      Herr Clement schreibt in dem Satz, der blitzartig seine innere Haltung offenbart,
      von Tragik, die eintreten würde, wenn, er schreibt dies bei der Behandlung von Depression, wenn diese nur mit Psychopharmaka stattfinden würde.
      Hier erfasst Herr Clement den Menschen aus seiner Ideenwelt, den Menschen, der über Wissenschaft hinaus erfasst wird. Die Grenze von Wissenschaft zeigte sich mir, wenn der höchste Forensiker einen ehemaligen Waldorfschüler nach der Kunst der Wissenschaft für verrückt und gemeingefährlich erklärt, durch bloßes Aktenstudium. Psychiatrie versteht sich als Wissenschaft, sie will in den Gehirnmolekülen das Denken verankern, alles Seelische in die Materie ketten, nachdem der Geist abgeschafft worden war, er ist für die Wissenschaft nicht vorhanden. Die gegenwärtige Wissenschaft betreibt oftmals nur fachliche Nabelschau.

      Die Arbeit von Herrn Clement ist vielleicht bahnbrechend, insofern lohnt es sich, das Kind wird gerettet. Und die Arbeit von Herrn Zander ist wertvoll, weil sie klar zeigt, wo Wissenschaft in der Gegenwart steht. Doktortitel drohten zur bloßen Fälschung zu mutieren. Ministern wurde der Doktortitel aberkannt. Die Wissenschaft ist in einer Krise, einer Krise der Glaubwürdigkeit. Die Wissenschaft hat den Menschen verloren, auch wenn sie höchste äußere Erfolge aufweisen kann. Die Wissenschaft droht den inneren Menschen zu vernichten, zu verlieren, zu einer Wechselwirkung von Molekülen im Gehirn zu amputieren, zur wissenschaftlichen Maschine… . .

      Es ist keine Kritik, aber „kritische Ausgabe“
      führt von vorneherein zu einem verkehrten Ansatz der Herangehensweise für den Leser.

      Wer hat den Titel gewählt, der Autor, der Verlag, das bleibt offen.

      Herr Prof. Zander arbeitete nicht ergebnisoffen.
      Der Titel der Arbeit von Herrn Clement signalisiert einseitige Herangehensweise, das „kritisch“ eigentlich „Voreingenommenheit“ signalisiert, als solle an Steiners Werk alles kritisiert werden.
      Hier haben Verlag oder Autor bei der Titelwahl nicht aufgepasst.
      Möglicherweise wurde der Titel nur gewählt, um nicht mit Steiner in einem Topf geworfen zu werden. Es wurde ein Signal gesetzt, das aber vielleicht dem Inhalt, das der Arbeit von Herrn Clement nicht gerecht wird.

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    2. Lieber Ernst,

      „kritische Ausgabe“ ist ein seit langem etablierter literaturwissenschaftlicher Fachausdruck. Mit „kritisch“ ist hier nicht etwa ein inhaltliches Bewerten oder „Kritisieren“ gemeint, sondern das, was man Textkritik nennt: dabei geht es darum, Schreibfehler im Manuskript festzustellen und offenzulegen, Druckfehler, Eingriffe des Herausgebers oder eben spätere Überarbeitungen des Autors (in der Musik arbeitet zum Beispiel Nikolaus Harnoncourt immer „textkritisch“, indem er sich niemals auf die gedruckten Partituren verläßt, sondern die Handschriften der Komponisten zur Grundlage seiner Aufführungen macht. Wenn Mozart sich die Mühe genommen hat, eine Tempobezeichnung auszukratzen und eine andere darüberzuschreiben, ist ihm das ein Hinweis darauf, wie wichtig diese Bezeichnung für Mozart war...).
      Und das genau ist, soweit ich es bisher verstanden habe, der auf „materiellen“ Dokumenten beruhende – und daher wohl ganz unumstritten (literatur-)wissenschaftliche – Teil der Arbeit Christian Clements.

      Es ist wohl ein unglückliches Zusammentreffen, daß „kritisch“ in der Alltagssprache etwas anderes bedeutet und meist sogar negativ verstanden wird, wenn man nicht extra von „konstruktiver Kritik“ spricht.

      Herzlich,
      Ingrid

      P.S.: Danke für das, was Du über meine Arbeit schreibst, ich freue mich sehr, das von Dir erkannt zu sehen.

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    3. @ Ernst Seler: "Es ist keine Kritik, aber „kritische Ausgabe“ führt von vorneherein zu einem verkehrten Ansatz der Herangehensweise für den Leser."

      Womöglich kann das Nachstehende, im Hinblick auf das Wort "Kritik", zu einer Klärung beitragen.



      Aus : R. Steiner – „Fragment eines Manuskripts“ - 1879

      Es kann hier sehr leicht eine Verwechslung stattfinden, wenn man das philosophische
      Nachdenken nicht streng vom gemeinen unterscheidet. Der Philosoph
      sucht nur dessen sich bewußt zu werden, was sowohl er, wie der Nicht-Philosoph
      tut, sowie ja auch der Naturforscher nur das erklären will, was er und auch der
      Nicht-Naturforscher wahrnehmen. Nicht etwas anderes tut der Philosoph als der
      Nicht-Philosoph, sondern er hat nur Bewußtsein von dem, was beide tun, während
      dies der letztere nicht hat. Aber es ist doch ein ganz wesentlicher Unterschied zwischen dem Naturforscher und dem Philosophen. Während nämlich der erstere
      sich seiner Gegenstände nur unmittelbar bemächtigen kann, nämlich, wie uns später
      vollständig klar werden wird, durch Aufnahme derselben in seine Tätigkeit,
      ist der Philosoph in der Lage, das zu behaupten, was er selber auch tut, und da
      seine Erkenntnisse nichts anderes sind als gemachte, d. i. vom Ich gemachte, sein
      Ich zugleich dasjenige ist, welches dieselben macht und nun sich nur bewußt wird,
      daß es dieselben macht, so kann er behaupten, daß das, was er sagt, so sein müsse,
      weil er derjenige ist, der es so macht, während der Naturforscher doch nur sagen
      kann, das, was er behauptet, erscheint ihm so, ist so in seine Tätigkeit aufgenommen.
      Daher kommt es, daß der Philosoph kritisch und dogmatisch zugleich sein
      kann. Man hat unter einem kritischen Verfahren dasjenige zu verstehen, welches
      bestimmt, wie etwas zu erkennen möglich ist. Unter einem dogmatischen Verfahren
      dasjenige, welches selbst Behauptungen aufstellt. Sowie wir das begriffen
      haben, erscheint uns Wissenschaftslehre als Kritizismus sofort als eine Unmöglichkeit.

      Denn um zu sagen, wie Erkenntnisse möglich seien, muß man selbst dogmatische
      Behauptungen aufstellen. Nun dürfen diese aber jener Untersuchung
      nicht vorangehen, doch ist sie aber ohne dieselben unmöglich. Wie die dogmatische
      Philosophie daran scheitert, daß man etwas behauptet, was man nicht behaupten
      darf, weil es vielleicht ganz unmöglich ist, dergleichen Sachen zu behaupten,
      scheitert kritische Philosophie daran, daß sie selbst dogmatisch sein muß. Eine
      reine kritische Philosophie ist daher eben so unmöglich, wie eine reine dogmatische.

      Wenn also Philosophie weder kritisch noch dogmatisch sein kann, so ist nur noch einiges möglich, wenn man nämlich nicht in den schon oben als völlig widersinnig nachgewiesenen Skeptizismus verfallen will: eine Philosophie, die kritisch und dogmatisch zugleich ist, und so ist es mit der Wissenschaftslehre wirklich; wir wollen untersuchen, wie dies sein kann. Indem die Wissenschaftslehre behauptet, das Ich ist nichts anderes als zu was es sich selber macht, ist sie dogmatisch, d. i. eigentlich das Ich ist dogmatisch; indem sie behauptet, daß es eben nur das ist und nichts anderes sein kann, als das, wozu es sich selber macht, ist sie kritisch. Sie ist, indem sie sich eines Prinzipes bemächtigt, welches sich selbst zu dem macht, was es sein kann, kritisch und dogmatisch zugleich, sie ist der einzige Mittelweg, der möglich ist. Die wahre Philosophie ist somit die Wissenschaftslehre, d. i. die kritisch dogmatische Philosophie.

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    4. Danke Ingrid für die Erklärung.
      Im wissenschaftlichen Diskurs mag "kritisch" verstanden werden,
      doch der Titel geistert in der allgemeinen Presse.

      "Kritische Ausgabe" ein problematisch gewählter Titel

      Ich habe nun bei anthrowiki eingehender gelesen.

      Die Missverständnisse welche sich Einstellen müssen, wären durch einen korrekten Titel vermieden worden. Es müsste heißen

      "Textkritische Ausgabe"

      Auf der website des Verlages steht:

      "Steiner, Rudolf: Schriften. Kritische Ausgabe (SKA)
      Herausgegeben von Christian Clement. 2013 ff. 8 Bände. Ln."

      Insofern kann "kritisch" auf die Ideen Steiners, oder auf den Text bezogen werden.

      "Kritische Ausgabe" kann und wird für manchen wie ein "rotes Tuch" wirken.

      Auf anthrowikie steht dann sogar korrekt:

      "– Christian Clement: Die bewusstseinsphilosophische Grundlegung der Anthroposophie: Rudolf Steiners Schriften zur «Mystik» und zum «Christentum» in textkritischer Beleuchtung"
      http://anthrowiki.at/Rudolf_Steiner._Schriften._Kritische_Ausgabe_%28SKA%29

      Der Verlag hätte bedenken müssen, nicht nur Wissenschaftler lesen auf ihrer website, sondern auch Nichtwissenschaftler, dennen die verkürzte Version in nur "kritische Ausgabe" sich nicht sofort erschließt.

      Vielleicht korrigiert der Verlag und der Autor diese "Fehlinformation" an erster Stelle.

      Nebenbei, Herr Clement hat den Mut, Herrn Zander offen massive Fehler anzukreiden, welche bei einem Doktortitel sicherlich zur Aberkennung führen würden, wegen massiver wissenschaftlicher Fehler. Dies mag in Geisteswissenschaften hingenommen werden.
      Bei technischen Wissenschaften würden solch massiv-erkennbare Fehler zu katastrophalen Ergebnissen führen.
      Herr Clement erwähnt zurecht, eigentlich ist "Wissenschaft" gar nicht das richtige Wort für seine Arbeit, weil sie (ich gehe davon aus) mehr ist, als nur "textkritisch", das mag der Ansatz sein.

      @Burghardt Schildt

      Danke für die Bemühung, ich werde Ihren Hinweis noch lesen.

      Ich bin nicht von meinem persönlichen Verständnis ausgegangen, sondern, wie der Titel "Kritische Ausgabe" für sich wirken kann, letztlich vom Wort her wirken muß.

      Gerade im gestrigen Kontakt mit einem unseren Söhne, der nebenbei fallen lässt, er habe während seiner Doktorarbeit vier Patente entwickelt, wobei eines in einigen Jahren zur Anwendung in der Radartechnik der Autos weltweit Anwendung finden könnte, bei einem fünften Patent war er beteiligt, ahne ich, was Rudolf Steiner während seines Vortrages an der technischen Hochschule allgemein vortrug, wie gerade im Umgang mit "Ahriman" sich das Ich-Bewußtsein entwickelt. In der Technik gibt es keine Schwammigkeiten wie in der Geisteswissenschaft, die Folgen wären katastrophal.
      Ich denke einfach, Herr Clement möchte das Ansehen der Wissenschaft retten, welches durch die Diskussionen hier in Gefahr kommen könnte. Wie ausgeführt "textkritisch" wäre korrekt, das Andere ist und bleibt irreführend, außer der Titel wird nur in der Wissenschaft verwendet.

      ein

      Ren-t-neR

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    5. Lieber Ernst,

      ja, natürlich. Das Mißverständnis bei Lesern, denen der Begriff „textkritisch“ nicht geläufig ist, ist ein Problem, das auch meiner Ansicht nach zu der heftigen Abwehr durch manche Anthroposophen beigetragen hat.

      »Wie ausgeführt "textkritisch" wäre korrekt, das Andere ist und bleibt irreführend, außer der Titel wird nur in der Wissenschaft verwendet.«
      Ich gebe Dir recht: „textkritisch“ wäre sicherlich weniger mißverständlich gewesen.

      Es liegt wohl auch an der Zusammenarbeit des frommann-holzboog-Verlages mit dem Rudolf Steiner-Verlag.
      Der frommann-holzboog-Verlag ist ein wissenschaftlicher Fachverlag, „kritische“ Ausgaben sind hier die Regel, dieser Begriff ist daher seinem „Stammpublikum“ vertraut.
      Für das Stammpublikum anthroposophischer Verlage läßt sich das nicht so ohne weiteres annehmen…

      Das ist einer der Gründe, weshalb ich die Zusammenarbeit der beiden Verlage für eine zwar sehr begreifliche, aber nicht uneingeschränkt glückliche Idee halte.

      Nun – ob glücklich oder nicht: es ist nun einmal so geschehen, und wir alle haben damit umzugehen.

      Vielleicht hat das alles ja einfach eine neue Auseinandersetzung der anthroposophischen Leserschaft mit der Wissenschaft zur Folge, und es wird ein Bewußtsein dafür entwickelt, daß „kritisch“ nicht unter allen Umständen etwas „Negatives“ bedeuten muß.

      Darüber würde nicht nur ich, sondern darüber würde sich meiner Ansicht nach auch Rudolf Steiner freuen.

      Herzlich,
      Ingrid

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    6. Verstehe hier die Diskussion nicht ganz, was soll denn das für einen Sinn haben über Wortbedeutungen zu debattieren?

      Nur mal ganz nebenbei, und unabhängig vom wissenschaftlichen Diskurs und den dabei zugrundegelegten Wortbedeutungen von "kritisch", bzw. "textkritisch" usw.: Wer also wirklich der Meinung sein sollte, die SKA sei eine steinerkritische Ausgabe, beweist damit doch eigentlich nur, und zwar in jedem Falle, dass er sie gar nicht gelesen hat. Und diejenigen dürften hier doch eigentlich gar nicht mitdiskutieren?

      Oder sollte das ein Fehlschluss sein?

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  2. Lieber Christian,

    vielen Dank für diese ausführliche Gegenüberstellung, über die ich mich sehr freue.

    Ich stimme Dir, auch was Zander betrifft, in vielem zu (auch ich gehe seit langem mit der Frage um, was es wohl zu bedeuten hat, seine Lebens- und Arbeitszeit einer Sache zu widmen, der man im Grunde „feindlich“ gegenübersteht... wobei ich nicht nach einer eindeutigen Antwort suche, sondern es mir eine staunende Frage sein lasse).

    Allerdings kann ich gut begreifen, daß es schwerfällt, Spekulationen über Zanders persönliche Motive als völlig irrelevant beiseite zu lassen, wenn er selbst seinen derartigen Spekulationen in Bezug auf Rudolf Steiner völlig freien Lauf läßt.

    Über die aktuelle Bedeutung seines von Ernst erwähnten katholischen Hintergrunds für die Ergebnisoffenheit seiner Arbeit weiß ich zuwenig, das lasse ich daher jetzt erstmal beiseite.

    Aber was ich aus einer persönlichen Begegnung mit Helmut Zander weiß (und was man ja auch immer wieder zwischen seinen Zeilen lesen kann), das ist, daß er sich in seiner Arbeit von Ärger leiten läßt. Und das kann ich halt ganz und gar nicht wissenschaftlich finden.
    Ich habe vor ein paar Jahren in einem Kommentar von diesem Erlebnis erzählt, unter Michaels Artikel über ein Zander-Interview im SWR (:-) und freilich wird man meinem Kommentar wohl anmerken, daß auch ich mich damals geärgert habe...).

    Herzlich,
    Ingrid

    P.S.: Für alle erst jetzt einsteigenden Mitleser, die mit Christian Clements Erwähnung meiner Elefantengeschichte nichts anfangen können, hier der link: Legende.

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  3. Die Bezeichnung "kritisch" ist kein unglücklicher Unfall, sondern wurde bewusst gewählt. Zunächst als Abgrenzung gegenüber einer "Historisch-Kritischen Ausgabe". Dabei wird jedes nur existierende Material einbezogen, welches Hinweise auf die Textentstehung geben kann. Also: das Manuskript, Entwürfe, Briefe aus der Zeit der Entstehung usw. usw. Das ist bei mir nicht der Fall. Um die Arbeit bewältigen zu können, beschränke ich mich auf den Vergleich aller im Druck erschienenen Ausgaben einer Schrift.

    Nun hätte man für ein solches Projekt den Titel "Textkritische Ausgabe" nehmen können. Für den akademischen Leser ist das, glaube ich, gleichbedeutend mit "Kritische Ausgabe".

    Würden die Anthroposophen das Projekt anders aufnehmen, wenn auf dem Umschlag "textkritisch" statt "kritisch" stünde? Ich habe da meine Zweifel. Und selbst wenn das so wäre, würde ich darauf keine Rücksicht nehmen wollen. Wenn bestimmte Anthroposophen ablehnend reagieren, weil ein bestimmtes Wort, dessen Bedeutung sie nicht verstehen, eine irrationale Reaktion auslöst, dann ist es nicht Aufgabe des Herausgebers, das Wort zu ändern, sondern Aufgabe der Anthroposophen, sich über dessen Bedeutung aufzuklären.

    Ausserdem. Für Menschen, die ein Buch schon aufgrund des Titels ablehnen, ist die SKA ohnehin ohne Wert. Sie ist auch weder primär für Anthroposophen gemacht noch auch primär für Akademiker, sondern für solche Menschen in beiden Lagern und sonstwo, die sich kritisch mit Steiner auseinandersetzen wollen und dazu eine Ausgabe suchen, welche die Genese der Texte dokumentiert.

    Drittens: selbst wenn es noch möglich wäre, den Titel zu ändern und von nun an "textkritische Ausgabe" zu sagen, würde ich nicht dafür plädieren. Die SKA beschränkt sich nicht darauf, nur den Text nach den Gesichtspunkten der Textkritik aufzubereiten, sondern sie gibt darüber hinaus, in der Einleitung, ein Beispiel für einen kritischen Umgang mit den im Text aufscheinenden Gedanken Steiners. Das ist mir wichtig. Hinter das kritische Denken können wir nicht zurückgehen. Daber meine ich auch (wie schon einmal hier gesagt) dass die Anthroposophie nur zukunftsfähig ist, wenn diejenigen Menschen, die sie in der Welt vertreten, ihr nicht als einer neuen Offenbarung und damit im religiösen Modus gegenüberstehen, sondern kritisch. Wenn sich Anthroposophie und kritisches Denken nicht vereinbaren lassen, dann hinweg mit ihr! Dann hat sie für den Menschen im Bewusstseinsseelenzeitalter keinen Wert und keine Existenzberechtigung, ist reiner Anachronismus, sentimentaler Balsam und Droge für die Seele, die nicht damit klarkommt, dass, in Nietzsches treffendem Wort, Gott tot ist.

    Und nur, um dies noch einmal klarzustellen: "Kritisch" heisst ja nicht, etwas schlechtzumachen oder nur das Negative daran hervorzuben. "Kritisch" ist ein Denken bzw. ein Bewusstsein, welches sich selbst versteht - oder zumindest sich darum bemüht - indem es nichts auf blosse Autorität hin anerkennt und auch nichts auf der gefühlhaften Basis des "Gefallens" oder "Nichtgefallens" anerkennt und verwirft. "Kritisch" ist das Denken, das sich auf sich selbst verlässt und nichts ungepfüft lässt, auch und vor allem die eigenen Voraussetzungen, Annahmen und Methoden. "Kritisches Denken" (nicht "kritelndes" Denken) ist das nur auf sich selbst gestützte Denken.

    Ist somit kritisches Denken, im vollen Sinne des Wortes, nicht zugleich "reines Denken" im Sinne Steiners und somit Eingangspforte zur "höheren Erkenntnis"? Und ist es nicht zugleich Verwirklichung des Ideals vom "wissenschaftlichen" Denken? Und wenn dem so ist, muss es dann nicht eben solch kritisches Denken sein, welches die Brücke zu schlagen vermag, zu deren Errichtung die SKA beitragen will?

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    1. Auch ich würde nicht dafür plädieren, den Titel im Nachhinein auf „textkritisch“ zu ändern.
      Meiner Ansicht nach ist es allerhöchste Zeit, „kritisches Denken“ nicht als etwas „Negatives“ zu begreifen, sondern so, wie Du es beschreibst.
      Und unter dieser Voraussetzung stimme Dir von Herzen zu:
      Wenn sich Anthroposophie und kritisches Denken nicht vereinbaren lassen, dann hinweg mit ihr!

      :-) Wenn ich vorhin sagte, daß „textkritisch“ weniger mißverständlich gewesen wäre, dann meinte ich damit nur, daß man sich halt nicht allzusehr über „allergische Reaktionen“ zu wundern braucht, wenn man einen mißverständlichen Begriff in den Titel setzt...
      Ich glaube übrigens, daß die meisten inzwischen ohnehin mitbekommen haben, was „Textkritik“ bedeutet.

      Was allerdings den „religiösen Modus“ bzw den „Offenbarungscharakter" der Mitteilungen Rudolf Steiners betrifft - - - das wird wohl noch einiger Gespräche bedürfen. Ich hoffe auch hier auf Bewußtseinsentwicklung (auf beiden Seiten übrigens).
      Vieles an den diesbezüglichen Auffassungsunterschieden liegt meiner Ansicht nach in der begrenzten Möglichkeit, „Transzendentes“ in Sprache zu fassen.

      Wie schon Schiller so treffend bemerkte:
      Spricht erst die Seele, so spricht, ach! die Seele nicht mehr...

      Herzlich,
      Ingrid

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  4. Ich sehe schon, das Wort "kritisch" scheint offensichtlich ein beliebt-gebräuchliches Wort im Verstehen entsprechender Kreise. Als solches wird es seine Verwendung haben nach Gewohnheit und Belieben, wie Akademiker eben so sind, auch spielerisch sich liebend herzen und doch sich abgrenzen, um den Gipfel der Wissenschaft zu erklimmen, das ist recht, so auch Ehrgeiz spielt als Antrieb eine Rolle.
    Als ich mehrmals mit Prof. Müller, dem Regensburger Juristen sprach, konnte ich seine Bescheidenheit erleben, aber er sagte auch ein Wort, welches er in Anwesenheit mit Ursula Prem sprach, wir standen zu dritt, sie war zufällig auch drei Jahre auf der Nürnberger Rudolf Steiner-Schule gewesen. Er könne seine Ansicht vertreten, ohne negative Folgen befürchten zu müssen, er sei verbeamtet, er müsse also keine wirtschaftlichen Folgen befürchten. Da ahnte ich, wie es in der Wissenschaft zugeht.Er hatte - was auf dem beck-blog nachzulesen war, ziemlich Schelte vom Bayerischen Richterverein erhalten, was üblich in der Wissenschaft sei und Kritik nur intern geübt werden darf, ihm wurden sogar strafrechtliche Folgen angedroht, also ein recht lustiger Haufen von Akademikern, Richtern und Staatsanwälten, denn Herr Prof. Müller hatte sich erdreistet, von skandalösen Fehlern zu berichten, welche er alleine im Urteil des Herrn Mollath gefunden hatte, ja er schrieb davon, Jeder, der nur guten Willens ist, also auch Nichtakademiker, Nichtjurist, könne diese Fehler erkennen, Fehler, die weder das BGH, noch das BVerfG gesehen hatte. Herr Müller sagte zu mir, eigentlich müsse über dem Schriftsatz "psychiatrische Stellungnahme" stehen, nach dem Schlußvortrag von Dr. Nedopil, denn es sei kein "Gutachten". Doch die Richterbank benutzte weiter lustig "Gutachten", was die Presse übernahm und so hieß es, ein Gutachten habe am Ende festgestellt, es sei möglich, der Angeklagte sei doch wahnsinnig gewesen (tatsächlich steht auf dem Schriftsatz lediglich "Psychiatrische Stellungnahme"). Die Justiz zog also die Schlinge aus dem Hals, alle spielten mit, der Angeklagte kam zwar frei, bekommt sogar für sieben Jahre Gefangenschaft in der Psychiatrie Entschädigung, aber die Wissenschaft, die Forensik, die Justiz, alle kommen mit einem blauen Auge davon, obwohl Jeder, der den Prozeß live miterlebte und Jeder, der die Wortprotokolle des Prozesses liest, sich die Mühe macht, das Ganze ist ein abgekartetes Spiel der Akademiker, in dem sogar Herr Strate seine von den Akademikern zugewiesene Rolle knirschend übernahm, am Ende sprach "ich habe keine Lust mehr". Nun übernimmt ein "Ausländer", ein anderer Anwalt den Versuch, die wissenschaftlichen Widersinnigkeiten aufzuzeigen.
    Das heißt, es kommt auf die Verwendung der Worte wohl an, sehr wohl. Es mag sich eingefleischt haben, was "kritisch" in Zirkeln der Wissenschaft zu verstehen ist oder sei. Außerhalb dieser wissenschaftlichen Kreise wird das Wort seine innere Kraft entfalten, egal wie die Haltung dazu weiter dargestellt und verteidigt wird.
    Nun, bei Nietzsche als Zeuge..... "in Nietzsches treffendem Wort, Gott tot ist." (Clement)

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    1. Fortsetzung
      Ich habe mich nie intensiv mit Nietzsche befasst, doch lernte ich kennen, er spielt eine wichtige Rolle, auch bei der Katholischen Kirche, bei vielen Denkern, auch Herr K.Th. Willmann äußerte sich gegenüber meiner Ehefrau, Nietzsche spielte eine besondere Rolle in seinem Leben. (Ich erwähnte Willmann, weil Kerstin S. ihn auf dem anderen thread aus dem Hut zauberte und mir schwant, welche Folgen Worte haben, was sie in Seelen anrichten, aber wir haben hier schon von Anfang an eine gewisse Egoisten-Privat-Akademie).
      Also, wie war ich erstaunt, als ich mich Nietzsche zuwandte und sein berühmtes Wort las, das aber ganz anders lautet. Er sagte, Gott ist tot, weil ihr ihn getötet habt.

      Und schon schwingt die Angelegenheit ganz anders im Raum.
      Es wäre einerlei, was Philosophie, Wissenschaft bewirkt, es ist die Menschheit, die irgendwie am Abgrund steht und das Überschreiten ist eine Erweiterung des Ich-Bewußtseins in neue Realitäten. Vielleicht sind die Akademiker weiter. Als ich vor Jahrzehnten den berühmten Oberstaatsanwalt Hans Sachs vom lustigen Berufe-Raten mit Robert Lembke während der ersten Ausstellung der Chinesen in Nürnberg, farbige Holzschnittdrucke, ansprach, weil er so einsam dastand, die Leute ihn nur scheu von der Seite anblickten, geriet ich mit ihm in ein Gespräch über das nachtodliche Leben. Akademiker sind also offen, war damals sehr jung, etwa 20 Jahre.
      Nun bin ich dummerweise der Ansicht "Anthroposophie" ist tot und bleibt tot, in Anlehnung an Nietzsche, weil die Anthroposophen sie getötet haben und wenn es hochkommt, weil ich meinen jugendlichen Impuls vom Speisehaus umsetzen mußte, weil die Herzen lahm und leer, versponnen in anthroposophische Begrifflichkeiten, wie eben die Katholische Kirche auch.
      Kein akademisches Werk wird die tote Anthroposophie widerbeleben, wir können nur individuell mit der Hinterlassenschaft Steiners arbeiten, als Verein, Institution, als akademische Wissenschaft kann eigentlcih nur eine Trauerrede entstehen, ein Feld der verpassten Chancen, aber vielleicht ist dieser Spiegel auch gut, wenn er uns von einem Akademiker vorgehalten wird.



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  5. "Da gibt es jene, die mich mit Zander zusammen in den Topf der akademischen Anthroposophiegegner werfen."

    Wenn man die Anthroposophie (oder besser gesagt das Werk Steiners und alles, was bisher daraus entstanden ist) aus ihrem bisherigen Dunstkreis befreien möchte,
    dann ist für mich der erste und in diesem Zusammenhang UNUMGÄNGLICHE Schritt, Menschen nicht mehr in Fraktions-Töpfe zu werfen.
    Genau diese Töpfe mit ihren Fraktionszwängen sind es nämlich, die alles bis zum vollkommenen Stillstand blockieren.
    //
    Darum habe ich die Differenzierung Clement/Zander im anderen Thread auch etwas forciert.

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    1. Sehr geehrter Herr Birkholz,

      ja, es erschütterte mich sehr mit Herrn Andreas Delor in abgrundtiefe Tiefen der Waldorfschulen blicken zu müssen. Ich kannte bisher nur Schilderungen des ehemaligen Waldorflehrers Herrn Gunther Thriene, der immerhin durch Herrn Tradowsky in Berlin in die AAG eintrat, der mit den führenden Verantwortlichen des Berliner Zweiges sprach.
      Sie haben tatsächlich die Differenzierung Clement/Zander forciert und es ist davon auszugehen, Herr Zander nimmt auch diese Darstellung wahr, wie er sich mir ja sehr interessiert zeigte und meine Hinweise doch irgendwie dankbar entgegennahm für seine Ziele, Zwecke. Es wird ja viel mehr in Hintergrundnetzen forciert gearbeitet. Durch frühere Kontakte mit Journalisten weiß ich, wie so etwas funktioniert, so kam auch die elendige Rassismus-Debatte auf, wo die Holländer mit ihrem Sch-Gutachten Steiner sauber in die Pfanne gehaut haben, sich öffentlich distanzierten, obwohl Wenige all die Aussagen Steiners zum Judentum, zu den Rassen kennen. Das Kind ist im Brunnen ersoffen, elendig und ginge es nur um menschliche Belange, wäre die Angelegenheit hoffnungslos. Sie ist es aber nicht. Ich tu mich insofern etwas schwerer, weil neben der normalen gedanklichen Auseinandersetzung, bezw. Begegnung gibt es noch andere Ebenen, was auf dem geistigen Wege einfach nicht ausbleibt. Als die Debatten um Junko Althaus, Herrn Eggert und Ingrid H. hochkochten, kam es durchaus auch zu parallelen Wahrnehmungen, welche die Problemsituation in einem ganz anderen Lichte zeigen, gerade auch im Hinblick mit Frau Halle in Berlin. Nun hatte ich den Eindruck, Herr Clement könnte tatsächlich wesentlich neues Licht auf das Gedankengut Rudolf Steiners lenken. Vielleicht entsteht auch das Problem, weil seine Schriften zur "Anthroposophie" in einem wissenschaftlichen Verlag erscheinen und es im Ernste eigentlich bisher Niemanden aus der Wissenschaft gab, der sprichwörtlich seine Hand für Steiner ins Feuer legt. Wer die Presse in letzter Zeit verfolgte, konnte doch erkennen, die Geisteswissenschaft soll als Phantasie, als persönliches Gebilde des Herrn Steiner angesehen werden, als sei alles nur sein persönliches Produkt, nur eine "fixe" Idee, oder wie der Psychiater Dr. Nedopil mit merkwürdigem Tone im Gerichtssaal von der "Ideologie Rudolf Steiners" sprach. Ohne Herrn Clement nahezutreten, müsste ich schon erst sein gesamtes Werk lesen, um zu erkennen, was des Pudels Kern ist. Nach dem Auftreten von Prof. Zander wirkt auf manchen Anthroposophen eine "kritische Ausgabe" mehr als fragwürdig, das würde jeder Psychologe wissenschaftlich bestätigen. Es gehört also immer auch ein Gefühl für die Situation, aber manchmal braucht es die Brechstange?!
      Es ist jedenfalls keine vertrauensbildende Maßnahme, zu sagen, vielleicht sind die Anthroposophen als Gemeinschaft in hundert Jahren da, wo die Mormonen jetzt sind. Da darf sich der Zeitgenosse fragen, von was schreibt eigentlich Herr Clement, diese zwei grundlegenden Menschengemeinschaften so in Beziehung zu setzen, wie kann er dann ernsthaft das Werk Rudolf Steiners untersuchen.

      Vielleicht ist es auch nur Illussion, zu glauben, die versteinerte Anthroposophie könnte als Gesellschaft irgendwie neu belebt werden.
      Wer dieser Tage die Worte des Papstes Franziskus liest, kann erschrecken, welches Bild er von der Menschheit zeichnet. Es sind Worte, welche tatsächlich aus einer tiefen Krise geformt sind. Es ist die Gotteskrise schlechthin, die Machtkrise, die Wirtschaftskrise, die Ich-Krise.
      Gestern in München sah ich so viele Ausländer, so viele verschiedene Nationen und ich erinnerte mich an ein sehr frühes inneres Bild: "das neue Goetheanum wird mit Asylanten gebaut".

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    2. Nachtrag
      Herr Clement hat den Kern des Pudels unten aufgezeigt. Das soll aber jeder selbst erkennen.

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    3. Lieber Herr Seler,

      auch wenn die AAG in einer Krise steckt, die Früchte der Anthroposophie 'boomen' und die Anthroposophie hat doch auch viel im Umdenken der Menschen bewirkt.
      Kaum jemand redet heute noch von Pythagoras und alle arbeiten mit seinen Errungenschaften.

      Boom der Waldorfschulen
      Komplementärmedizin und biologische Lebensmittel stehen hoch im Trend - Anthroposophie hat daran sicher einen nicht unerheblichen Anteil.
      //
      Und da liegt auch das eigentliche Problem das ich persönlich mit Zander habe: Würde er nur wissenschaftlich-erkenntnistheoretisch-theologisch-philosophisch Steinertexte zerpflücken, dann wäre ihm der Spaß meinerseits gegönnt; seine konkreten Urteile über erfolgreiche anthroposophische Arbeitsfelder erlebe ich jedoch teilweise als eine Art von Gestänkere.
      //
      Übrigens steht es Herrn Zander ja frei, hier auch etwas dazu zu posten!
      //
      PS: Der Name 'Andreas Delor' sagt mir nichts - ist mir da was entgangen?

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    4. "PS: Der Name 'Andreas Delor' sagt mir nichts - ist mir da was entgangen?"

      Durch Herrn Delor blickte ich etwas hinter die Kulissen der Waldorfschulen, er sandte mir einige Schriftsätze hierzu zu, deren Inhalt vertraulich sind, jedoch die innere Krise der Waldorfschulen verstehbar machen, gerade weil es "boomt"..... .

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  6. Warum Gott sterben musste

    Ich verstehe das Wort Nietzsches so: dasjenige, was die Menschen während der letzten paar Jahrtausende mit diesem Begriff meinten: das Umhülltsein, das Geführtwerden, das Inspiriertsein von höheren, geistigen, unbegriffenen Mächten und Kräften, das Wissen um das rechte Handeln durch biologische, soziale, religiöse Instinkte - das ist heute mehr und mehr im Verschwinden. Und es verschwindet, weil der Mensch sich durch seine Entwicklung zum autonomen Individuum, zum selbständig Denkenden und Handelnden immer mehr von den Quellen dieser alten Instinkte abschneidet. Also ja: "Gott" ist "tot"; genauer, die Mordtat dauert noch an, in jedem Akt der Individualisierung und Rationalisierung und Autonomisierung eines Menschen.

    Aber das ist recht so. Denn der so Ermordete kann neu auferstehen, im "Ich", durch das "Ich", als "Ich". So verstehe ich auch Steiners auf Nietzsche anspielendes apercu: "An die Stelle Gottes den freien Menschen!" Und so verstehe ich auch das Grundanliegen der Anthroposophie: Gott nicht mehr "überm Sternenzelt" zu denken, sondern da, wo ein Mensch individuell denkt und frei handelt, seinem Leben selbst Richtung und Bedeutung gibt, seine eigene "Religion" und "Ethik" und "Mythologie" erschafft.

    So jedenfalls war, soweit ich sehe, die ursprüngliche Idee. Von da aus gesehen wären die 360 Bände der GA zu verstehen als Schilderung der "Auferstehung Gottes" im Bewusstsein Rudolf Steiners, genauer: als Bewusstsein Rudolf Steiners. Wer diese Schilderung dann aber versteht als Schilderung DER geistigen Welt (und eben nicht Steiners geistiger Welt), d. h. als Offenbarung im Sinne der traditionellen Religionen, wer mit GA-Zitaten Wahrheit und Autorität begründen will, wie einst der Scholastiker mit Schriftzitaten: der sieht meiner Auffassung nach den Wald vor lauter Bäumen nicht, er sieht vor lauter steinerschen Imaginationen die zentrale Botschaft Steiners nicht mehr.

    Warum Steiner dieser schon in seiner Zeit so deutlich sich abzeichnenden Gefahr einer Verkehrung seiner Geisteswissenschaft in eine neue Offenbarungsreligion nicht klarer und entschiedener entgegengetreten ist: das ist für mich ein Mysterium.

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    1. Wenn ein Eingeweihter Wissen offenbart, das bisher hermetisches Mysterienwissen war, dann kann man sich demgegenüber einfach nicht anders verhalten, als dass man es als 'Offenbarung annimmt' oder als 'Schmarrn ableht'.
      Das Verständnis, die Denkfähigkeit für diese Inhalte muss sich erst entwickeln - und das braucht Zeit.
      Und das ist bei jeder anderen Wissenschaft genauso: Denken Sie an Ihre Studenten oder denken Sie an Ihre Studentenzeit - da haben Sie Wissenschaft vermutlich auch erst mal mehr geglaubt als vestanden.

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    2. Aber wenn Menschen anfangen, mit diesem (ehemals) Mysterienwissen zu arbeiten, dann sollten sie es natürlich auch zunehmend in Verständnis überführen lernen und nicht am Offenbarungsglauben hängen bleiben...

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    3. Lieber Christian, vor dem Hintergrund u.a. Deines postings hier würde mich nun interessieren, nicht, ob Du die Schriften Rudolf Steiners oder die AAG oder die Weihnachtstagung oder die Anthroposophie überhaupt, sondern ob Du die Institution der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft für etwas Berechtigtes hältst.
      Gute Nacht!
      Ingrid

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    4. Ingrid, kannst du näher erklären, was hinter dieser Frage steckt? Denn natürlich kann ich, ganz allgemein, hinter jeder Einrichtung, mit deren Hilfe Menschen sich zu vervollkommnen versuchen, etwas Berechtigtes sehen. Das gilt für die Freie Hochschule genauso wie für den Mormonentempel, auch wenn beide ihr Problematisches haben. Warum deine Frage nach meiner Haltung zu eben dieser Einrichtung?

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    5. Stephan schrieb: "Wenn ein Eingeweihter Wissen offenbart, das bisher hermetisches Mysterienwissen war, dann kann man sich demgegenüber einfach nicht anders verhalten, als dass man es als 'Offenbarung annimmt' oder als 'Schmarrn ableht'."

      Dem kann ich nicht zustimmen. Kann man es nicht auch einfach zunächst mal als Hypothese hinnehmen, ohne sogleich ein Urteil zu fällen?

      Ausserdem scheint mir, dass die Frage, so formuliert, keine voraussetzungslose Frage ist, sondern bereits eine gewisse Steinergläubigkeit impliziert. Denn sie setzt ja voraus, dass Steiners Äußerungen "Wissen" sind, zu dem man sich dann so oder so verhalten kann, Aber woher weiß man denn, das es so ist?

      Ich plädiere mit der SKA für eine Haltung, welche an Steiners Aussagen ohne Vorverurteilung herangeht, mag dieses Vor-Urteil "Schmarrn" oder "Offenbarung" oder "bisher geheimgehaltenes hermetisches Mysterienwissen" heissen.

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    6. Lieber Herr Clement,
      etwas als 'Hypothese hinnehmen können' erfordert eine bestimmte Persönlichkeitsentwicklung, einen bestimmten Reifegrad,
      einen inneren Standpunkt der Halt gibt, um undeterminierte Zustände ertragen, hinnehmen und betrachten zu können.
      [Die Geschichte mit dem schiefen Kirchturm in GA 10 zeigt ja schon, dass diese Fähigkeit esoterischer Übungsinhalt und keine Naturgegebenheit ist.]
      //
      Ich meine, dass Sie sich diesen Reifegrad durch langes Arbeiten in dieser Materie erlangt haben, ihn aber nicht von allen Menschen einfordern können (sie können die Menschen ermutigen, sich auf diesen Weg zu machen).
      Als das Fässchen damals ganz neu aufgemacht wurde, war eine solche distanzierte Haltung für Menschen (manche davon sog. Huttanten und - onkels), die den Kaiser noch kannten einfach nicht möglich (also kein Mysterium).
      //
      Und auch heute halte ich eine gewisse 'Steinergläubigkeit' (im Sinne eines Vertrauens) als Ausgangspunkt für legitim - denn jeder beginnt seinen Weg irgendwo.
      //
      Ich habe ja absichtlich die folgende Ergänzung hinzugefügt:

      'Aber wenn Menschen anfangen, mit diesem (ehemals) Mysterienwissen zu arbeiten, dann sollten sie es natürlich auch zunehmend in Verständnis überführen lernen und nicht am Offenbarungsglauben hängen bleiben..."

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    7. Oder mit anderen Worten:

      Ich glaube nicht, dass man 'Steinergläubigkeit' ausrotten oder abschaffen kann oder sollte; auch wenn es ein ur-anthroposophischer Terminus ist, halte ich Metamorphose und Entwicklung hier für den einzig angebrachten Weg.
      //
      Ich verstehe natürlich, dass Sie aus Ihrem Windmühlenkampf gegen Ultra-Orthodoxie auch an die Grenzen Ihrer Geduld kommen....

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    8. Besser als Herr Clement es getan hat, könnte man es kaum formulieren.
      Wahre Wissenschaft wäre kaum vorangekommen, wenn man nicht Hypothesen stehengelassen hätte, wenn man versucht hätte alles gleich zur Religion zu erheben oder aber als Blödsinn abzukanzeln. Wobei mehr einleuchtend ist, dass beides völlig abartig wäre.

      Die Hypothese ist zunächst nichts weiter als eine Idee, eine Vorstellung wie etwas sein könnte, sozusagen. In weiterer Folge wird sie dann als wahr oder unwahr bewiesen, bzw. widerlegt.

      Wie arm da doch die "Geisteswissenschaft" erscheint. Belehren lasse ich mich ja gerne, aber hat man schon mal etwas von "geisteswissenschaftlichen Hypothesen" gehört?
      Scheint mir dort wirklich nur "Wahrheiten" zu geben, die trotz fehlender Beweise als unumstössliche, unanzweifelbare religiöse Dogmen über allen Grundsätzen des folgerichtigen Denkens und letztlich der menschlichen Vernunft thronen.

      Die Geisteswissenschaft lebt also von der Offenbarung, und von der zumeist unbewusst stattfindenden Transmutation von Glauben in (vermeintliche) Erkenntnis.
      Der Begriff Wissenschaft ist hierbei usurpiert.

      @Stephan,

      eine Hypothese hinnehmen können erfordert keine "Persönlichkeitsentwicklung". Warum sollte man denn künstliche Bedingungen für die Hinnahme von etwas schaffen wollen, was völlig frei ist und selbst keine Ansprüche auf Annahme erhebt, d.h. sie nur freistell?

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    9. @Rudolf
      Hier posten zu können erfordert offensichtlich auch keine Persönlichkeitsentwicklung...

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    10. Ach Stephan,

      hatte mir jetzt tatsächlich so etwas in der Richtung als Antwort erwartet, unglaublich was so alles Vater des Gedankens sein kann.
      Jedenfalls machts mittlerweile echt Spass, dich aus der Reserve zu locken.

      Wenn ich auch zu meinem Leidwesen gestehen muss, dass ich das aus der Reserve locken doch lieber weg von der emotionalen auf eine rein argumentative Ebene verlegen würde.....;-)

      Ach ja, gewisse Argumente sind anscheinend in diesem blog ein wenig verpönt, kann ich aber auch verstehen. Und ich gestehe ja auch, manchmal übertreibe ich wirklich ein bisschen......


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    11. @Rudolf

      Das war ein Psycho-Test!

      Meine Behauptung war 'völlig frei ist und erhob keinerlei Ansprüche auf Annahme'!
      Du konntest es einfach nicht als Hypothese stehen lassen....


      Und beim Thema 'Delirium tremens' ?

      DITO!
      //
      Meinst Du, dass es den Ur-Anthros anders ging...

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  7. "Warum Steiner dieser schon in seiner Zeit so deutlich sich abzeichnenden Gefahr einer Verkehrung seiner Geisteswissenschaft in eine neue Offenbarungsreligion nicht klarer und entschiedener entgegengetreten ist: das ist für mich ein Mysterium." Aaahaah! Stimme zu.
    Gegen "das Sektiererische" in der A. Gesellschaft hat Steiner ja öfter geschimpft, es hat in belastet, das ist allgemein bekannt, aber er hat wohl zu wenig binnenpolitische Schachzüge dagegen ausgeführt, sondern da wohl eher nur privat diese Dinge kritisiert und beklagt?
    Nun, dank Ingrids freundlicher Verlinkung ins Jahr 2011 erinnere ich mich wieder an das, was mir Zander auch unsympathisch erscheinen ließ, und ich war damals, auch gerade noch im Jahr 2007-2010 nicht frei von der Annahme, es gehöre zum amtskirchlichen Programm, regelmäßig alles anthroposophische pflicht-schlechtzumachen usw. Aber solche wirklich fokussierten To-Do Listen und Programme, die wie Fäden eines Netzwerkes dann bei wenigen Spinnen (Kreuzspinnen, im Fall der Amtskirchen, logisch..) zusammenlaufen, um die frei fliegenden Gedanken auf ihren Leim zu binden sind wohl weitgehend Verschwörungstheorie. Was es aber gibt, daß ist... das, was man mit "es menschelt" zu nennen pflegt.. obwohl ich selber eher "es instinkelt" zu sagen würde. Denn, wenn das liebend Soziale, das Gute, eine Gewisse Ehrfurcht, Ehrlichkeit, Offenheit und einfühlsame Empathie auch als Hohe Instinkte verlorengehen, indem die alten Götter sterben, .. so bleibt doch hartnäckiger das Dämonoide, die Schlauheit, statt der Klugheit, und die zweifelhafte Hellsicht der Krümelsucher und Sünden-Register-Verwalter, und letzlich sogar das Denunziantische.. in der Politik, in der Nomenklatur von Wissenschafts-Pfründen und deren juristischen Gemarkungen, in den .. Amtskirchen, bei allen möglichen an sich nicht schlechten Institutionen lauert immer ein Mißbrauch.
    Ich selbst habe im Leben gerne mal erhebliche Probleme bekommen, weil ich mich sensibilisiert habe darauf, wie ein Mensch "in Wirklichkeit ist", was er / sie "im innersten Herzen sucht", und mußte oft den Ausgleich lernen, ohne selber dann zornigst zu werden, wenn ich sah, was Menschen und deren Verwirklichung mancher Ideale, Taten, Werke voller Frösche, Flöhe und Fehler und Egoismen sind, selbstverständlich vor meiner Tür eilig manches hin zu fegen begannen, nämlich dort, wo ich bereits gefegt hatte usw. Manchem wird so das Herz gebrochen. Es braucht ein gesundes Immunsystem, eine seelische Stabilität, um das Göttliche auferstehn .. zu helfen.. zu üben.
    Aber das nannte man im Mittelalter und im Barock "Frau Welt", dieses Phänomen, das manches erstmal toll daherkommt, und bei näherer Betrachtung noch voller Erbsünden (unschuldig schuldig) und voller Eitelkeiten, Ängste, Fettnäpfe ... und auch mal voll Bosheiten ist.
    Und manches, was nicht glänzt, ist trotzdem lauteres Gold.
    Da bringt ein Mensch, mal gewollt, mal auch absichtslos, irgend etwas hervor, was weit an Bedeutung über sein Subjekt hinausragt. Manchmal sind es nur hübsche Kinderlieder, manchmal ein entscheidender Anstoß hinsichtlich der aufmerksameren Betrachtung der Anthroposophie. Der Mensch ist nicht immer wichtig, was er lostritt, oder "transportiert", oder absichtslos bewirkt, das...
    m.butty

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  8. Kein Mysterium, lieber Christian!

    Es ist eben nur allzu verführerisch, auf der authoritätsstiftenden Offenbarungsreligion "Anthroposophie" Macht, Ansehen und letztlich auch Lebensunterhalt aufzubauen. Und selbst wenn er es gewollt hätte, gegen die Übermacht seiner Anhänger, die es vorzogen ( und noch heute vorziehen ) von Steiner zu leben, anstatt durch Steiner sich zu vervollkommnen, sich selbst oder auch andere geistig weiterentwickelnd, gegen diese Art Mitmenschen hätte er sowieso nichts ausrichten können.

    Ausserdem hatte Steiner einen klaren Auftrag. Zum Teil uraltes, grossteils geheimgehaltenes Mysteriewissen ( "die geistige Welt" ) zu veröffentlichen, als sein eigene "Geistesschau" zu vermarkten, um es so letztlich unwirksam zu machen. Die sich anbahnende Informationsgesellschaft, geplant oder vorhergeahnt sei dahingestellt, machte dies notwendig. Unbrauchbar mithin auch für die Eingeweihten, die in einer Informationsgesellschaft überflüssig bis gefährlich sind, da zum Missbrauch der überkommenen Instrumentarien neigend.
    Indem Steiner die geistige Welt als Instrumentarium für die gesamte gesamte Menschheit propagierte, wollte er sie im Grunde genommen zugrunde richten, das war sein Auftrag! Das bedeutete es, Gott zu stürzen!

    Ganz klar, Steiner wollte die Offenbarungsreligionen, aber auch die grossteils nichtmal von ihm selbst geschaffene, aber lautstark hinausposaunte "geistige Welt", sprich die "Offenbarungsreligionen der Eingeweihten" stürzen. Also kurz gesagt, Gott umbringen.
    Aber umbringen kann der Mensch eben nur den von ihm selbst geschaffenen Gott, den nur in seiner Vorstellung existierenden.
    Niemals aber den real existierenden, den Unbeschreibbaren, weil Unaussprechlichen, den Gott den nur wirklich geistig Minderbemittelte zu leugnen imstande sind. Und nur vollkommen Verrückte meinen umbringen zu können.

    Der Mensch aber, welcher meint er wäre selbst das Höchste, also Gott, oder meint er könnte sich an die Stelle des Unaussprechlichen Gotteswesens setzen, der ist nicht nur vermessen, unendlich hochmütig und realitätsfremd, er ist schlichtweg ein Narr.
    Klar, Nietzsche und Steiner waren alles andere als Narren. Ergo können sie lediglich Mörder des vom Menschen geschaffenen Gottes sein, also der geistigen Produkte anderer Menschen, der einzigen beschreibbaren und erfahrbaren "geistigen Welt", ob als "Geisteswissenschaft" oder "Offenbarungsreligion" ausgegeben, ist unerheblich, es gibt hier keinen Unterschied. Glauben kann der Mensch nur an die von ihm selbst gedanklich geschaffenen Konstrukte, an seine eigenen Vorstellungen, deren reale Existenz (ausserhalb des Menschen) er zu beweisen ausserstande ist.

    Steiner also der Mörder der geistigen Welt, und nicht ihr Schöpfer, wie gemeinhin angenommen, und das sogar in Anthroposophenkreisen...;-)...mir eine gewisse von Spur von Sarkasmus jetzt einfach nicht verkneifen könnend..;-)

    Das ist der entscheidende Punkt, seinen eigenen Gott kann und darf der Mensch umbringen. Aber sich an die Stelle des eigenen selbst geschaffenen und dann wieder verworfenen Gottes zu setzen, wäre hier augenscheinlich sinnlos, geradezu dümmlich.

    Die Frage müsste also anders herum lauten. Da Nietzsche und Steiner nicht dumm waren, den Menschen aber dennoch an die Stelle Gottes setzen wollten, was bezweckten sie dann mit diesem Vorhaben?

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