Muss man zum Verständnis eines Textes die Motivation des Autors kennen?



Über die metaphysische Sehnsucht nach der textuellen "Hinterwelt" am Beispiel der SKA-Kritik



In den Diskussionen um die SKA wird immer wieder nach der „Motivation“ des Autors gefragt. In den extremen Fällen führt dies zu wilden Spekulationen über mormonische Verschwörungen oder Anschläge Ahrimans auf die Anthroposophie; aber auch viele gemäßigtere Leser stellen immer wieder Fragen wie: „Was will der Herausgeber der SKA eigentlich?“ „Welche Rolle spielen die Mormonen?“ „Warum befasst sich überhaupt ein Nicht-Anthroposoph mit Rudolf Steiner?“ Oder, wie jüngst auf diesem blog: „Wenn jemand [...] an einem Kulturwerk wie der Anthroposophie arbeitet, dann empfinde ich die Fragen nach Motivation und Kontext nicht nur als berechtigt, sondern sogar geradezu als verpflichtend! Und zum Kontext gehört eben in beiden Fällen auch der religiöse Kontext.

Im Folgenden möchte ich mit einigen Gedanken dafür plädieren, dass solches Fragen nach der „Motivation“ eines Autors, so verständlich und berechtigt es auf den ersten Blick erscheinen mag, bei genauerem Hinsehen als unsachgemäß, ja als unsinnig abgewiesen werden muss. Die Ansicht, dass sich „hinter“ dem Text etwas im Text selbst nicht Manifestes verbirgt, dessen Kenntnis - vergleichbar einer platonischen „Idee“ - erst den Schlüssel zur wahren Bedeutung des Textes liefert, ist ein Überrest eines metaphysischen Dualismus, der sich in den modernen Natur- und Geisteswissenschaften längst überlebt hat, der aber ausserhalb der Akademie, besonders auch in anthroposophischen Kreisen, weiterhin sein Unwesen treibt.

Die Frage nach der "Motivation" des Autors ist in der neueren Literaturwissenschaft mittlerweile glücklicherweise zum alten Eisen geworfen worden, ähnlich wie die Naturwissenschaft die Frage nach den "Zwecken" in der Natur überwunden hat. Und das mit gutem Grund. Denn wenn ein Autor nicht mehr lebt und man ihn nach seinen Motiven nicht mehr befragen kann, dann fehlt die empirische Basis und alles Reden über mögliche Motive kann nur reine Spekulation sein.

Aber selbst wenn der Autor noch lebt und man diesen befragen kann, oder wenn er Zeugnisse über seine Motivation hinterlassen hat, wird sich niemals mit Sicherheit sagen lassen, ob der Autor uns seine wirklichen Motive gibt (vielleicht hatte er Gründe, seine Leser zu täuschen), oder ob er sich, auch wenn er völlig ehrlich mit sich und seinen Lesern zu sein versucht, über seine eigenen Motive wirklich im Klaren ist. Wir wissen heute nur zu gut, in welchem Maße uns die wahren Motive unseres Handelns oft verborgen sind, weil sie im Unterbewussten spielen und sich hinter allerlei Masken verbergen.

Aber selbst in dem theoretischen (und unwahrscheinlichen) Fall dass, drittens, ein Autor seine Motive völlig wahrheitsgemäß darlegt und sich selbst dabei völlig durchschaut und keiner List seines eigenen Unterbewussten unterliegt: selbst dann hätte das Offenliegen der Motive eines Autors für die (Be)Deutung des Textes keinerlei Relevanz. Denn der Text wird durch das Bekanntsein dieser Motive doch kein anderer. Nachdem der Text geschrieben ist, steht er allein da, getrennt von seinem Verfasser, und muss in seiner Eigenheit verstanden werden, wie ein Mensch in seiner Eigenheit verstanden muss, unabhängig davon, was seine Eltern für Motive hatten, als sie ihn in die Welt setzten, als sie ihn erzogen. Denn wer kann sagen, ob der Text auch wirklich die Motivation des Autors in die Tat umsetzt? Ein Autor mag dies oder jenes mit seinem Text bezwecken wollen; aber Texte haben ihr eigenes Leben und eine Wirkung, die beide ausserhalb der Kontrolle des Autors liegen. Leicht kann ein Text durch dieses Eigenleben und durch die Art der Rezeption in etwas ganz anderes, ja in das Gegenteil dessen umschlagen, was der Autor beabsichtigte.

Viele weitere Gründe ließen sich aufführen, warum sowohl die Suche nach den Motiven eines Autors als auch die Deutung eines Textes im Lichte dieser vermeintlichen Motive zu nichts führen kann als zu Spekulationen und Hypothesen, welche dann zwar viel über den Spekulierenden, aber nichts über den Text selbst offenbaren. 

Dass nichtsdestoweniger der Hang zu Spekulationen und Hypothesen darüber, was sich "hinter" dem Text verbergen mag, weiterhin so verbreitet ist, kann man vielleicht verstehen als ein hartnäckiges Überbleibsel jenes alten naiv-metaphysischen Denkens, das sich mit der gegebenen Wirklichkeit nicht zufrieden gibt, dem die unmittelbar gegebene Wirklichkeit als solche durch die eigene Denktätigkeit nicht verständlich wird und das daher nach einem „Jenseits“ und „Hinter“ der wahrnehmbaren Wirklichkeit sucht. Wie der Platonist sich die Erklärung der wahrnehmbaren Welt von den unwahrnehmbaren „Ideen“ versprach, so suchen diese metaphysischen SKA-Leser in der „Motivation“ des Herausgebers nach einem „hinter“ und „Jenseits“ des Textes, durch welches sie sich eine Klärung der Bedeutung des Textes erhoffen, die sich ihrem bloßen Denken offenbar nicht erschließt.

Was nun merkwürdig ist, ist das Phänomen, dass solches Suchen nach der "Hinterwelt" der SKA ausgerechnet von Leuten propagiert wird, die sich als Anthroposophen verstehen und bei jeder Gelegenheit den steinerschen Erkenntnismonismus lobpreisen, der doch gerade nach Überwindung solcher metaphysischen Dualismen strebt. Diesen anthroposophischen Hinterweltlern sei daher empfohlen: Man folge doch nur einmal Steiners Vorschlägen, stelle sich dem Text der SKA unvoreigenommen als einem Gegebenen gegenüber und suche das zum Verständnis Notwendige nicht in irgendwelchen tatsächlichen oder projizierten Absichten des Herausgebers, sondern in der denkenden Durchdringung des im Text Gegebenen. Vielleicht erschließt sich ja so eine Wirklichkeit, angesichts derer die Frage nach des Herausgebers Motiven sich gar nicht mehr stellt.

Ähnlich verhält es sich mit der Frage nach dem "Kontext" der SKA. Natürlich darf und soll gefragt werden, in welchem geistigen Kontext die Gedanken des Herausgebers stehen - wenn man ihnen denn einen solchen Wert zumisst, dass solche Fragen sich lohnen. Aber auch hier suche man den "Kontext" der SKA bzw. ihres Herausgebers im real Gegebenen, also in den Ideen und Autoren, auf welche er im Text ausgesprochen oder unausgesprochen Bezug nimmt (so wie jetzt gerade auf Rudolf Steiners Erkenntnistheorie), nicht aber in irgendwelchen ihm rein spekulativ unterstellten Anschauungen oder religiösen Überzeugugen, in ideologischen oder gar okkulten Zugehörigkeiten, auf deren Vorhandensein es im Text selbst keinen Hinweis gibt. (Ein Beispiel für solch einen rein erfundenen Kontext ist das dem Herausgeber von Pietro Archiati unterstellte "unausgesprochne" Ziel, die SKA wolle, gemäß den Prämissen einer "materialistisch" ausgerichteten Wissenschaft, die Unmöglichkeit geistiger Erkenntnis erweisen). Wenn man sich denn für den "Kontext" der SKA interessiert, erforsche man doch das real Gegebene, des Herausgebers geistige Welt, wie sie sich in seinen Texten darstellt, und spekuliere nicht über dessen Partei-, Religions- oder sonstiger Zugehörigkeit.