Von Wölfen und Viren

Über Grenzen und Möglichkeiten kritischer Anthroposophieforschung, erläutert am Vergleich mit der kritischen Bibelforschung


Jüngst hieß es auf diesem Blog, dass "es Bereiche in Steiners Werk gibt, die sich einer (Text)Kritischen Edition einfach entziehen..." und dass man darüber doch „angstfrei und wutfrei" reden und nachdenken könne. Durch diese Äußerungen wurden folgende Überlegungen angeregt, die Anspruch und Grenzen der SKA durch einen Vergleich mit der modernen Bibelforschung zu illustrieren suchen.

Die kritische Anthroposophieforschung hat mit der kritischen Bibelforschung gemein, dass beide nicht darauf aus sind, den Selbstanspruch der Texte, die sie untersuchen, zu erhärten oder zu widerlegen. Ob Rudolf Steiner ein „Hellseher“ war, ob Autoren wie Jesaja und Johannes „Seher“ und „Propheten“ gewesen sind – das interessiert in der kritischen Lektüre nicht und wird auch nicht nicht thematisiert. Der Selbstanspruch dieser Texte, dass es sich um „Offenbarung“, um Botschaften aus dem „Übersinnlichen“ handelt, wird einfach ausgeklammert. Sie werden ausschließlich unter Gesichtspunkten betrachtet und analysiert, die jeder denkende Mensch (also der "Hellseher" wie der gewöhnliche Mensch, der "Gläubige" wie der Spektiker) teilen und nachvollziehen kann. In der kritischen Forschung geht es daher um die entsprechenden Texte nur insofern, als sie sich in nachvollziehbarer Weise als Produkte ihrer Zeit und ihres Autors verstehen lassen. Denn dass sie dies sind, kann jeder anerkennen. Ob sie darüber hinaus noch mehr sind, wird weder bejaht noch verneint.

Die kritische Anthroposophieforschung liest einen Text Rudolf Steiners ähnlich, wie die kritische Bibelforschung heute einen Text von Jesaja oder Johannes liest. Wenn also in diesen Texten dargestellt wird, wie sich dem Verfasser „die Himmel öffnen“ und wie „Engel“ erscheinen, die ihnen eine „Schriftrolle“ überreichten, dann fragt die kritische Bibelforschung nicht "war Johannes tatsächlich ein Seher?" oder "öffnete sich wirklich der Himmel?", sondern sie versteht diese Schilderungen als symbolisch-imaginative Einkleidung, in welche der Autor seine persönlichen Ansichten und Erfahrungen und Intentionen kleidete. Man untersucht die Art und Weise, wie diese Autoren ihre Erfahrungen in Bilder kleideten, spürt den Ursprüngen dieser Bilder nach, untersucht, was diese Bilder in ihrem ursprünglichen Kontext bedeuteten und wie der Verfasser sie benutzt, um seine besondere Botschaft deutlich zu machen. Ferner untersucht sie das soziale, politische und kulturelle Umfeld des Verfassers, um zu verstehen, inwiefern dieses Umfeld den Text geprägt hat. Und vieles mehr. Genau das tut auch die kritische Anthroposophieforschung.

Die kritische Forschung hat also nicht die Absicht, demjenigen, für den die untersuchten Texte Quelle spiritueller Inspiration, Objekt der Verehrung oder Gegenstand der Meditation sind, diese Verwendung der Texte auszureden. Eine kritische Lesart eines biblischen Textes nimmt dem Text ja nichts von seinen Qualitäten als Katalysator spiritueller Erfahrung; sie fügt lediglich eine Reihe von Gesichtspunkten hinzu, die bei unkritischer Betrachtung übersehen werden. Das Buch Jesaja ist nach wie vor ein Glanzlicht der Weltliteratur, es wurde nicht aus der Reihe der Propheten oder aus der Bibel ausgeschlossen, obwohl es von der kritischen Forschung über ein Jahrhundert lang in die Mangel genommen wurde. Im Gegenteil, wir verstehen heute, wo wir von den biblischen Autoren und ihrem sozialen und intellektuellen Umfeld mehr wissen, die Botschaft ihrer Texte möglicherweise besser, als zu früheren Zeiten, wo diese Texte kritiklos als "Worte der Propheten", als "Botschaft aus übersinnlichen Welten" hingenommen worden sind. Die kritische Bibelforschung hat manchen Mythos, manchen Aberglauben und manches kulturelle Missverständnis aus dem Weg geräumt; aber die Substanz der biblischen Botschaft und den Glauben der Gläubigen hat sie nicht zerstört, vielmehr hat sie unser Verständnis der Grundlagen dieses Glaubens bereichert – sowohl für diejenigen, welche im Glauben stehen, wie für die, die ihn nur von aussen betrachten.

Weil dies so ist und allgemein so gesehen wird, wird von Seiten der Kirchen und der Gläubigen im kritischen Umgang mit biblischen Texten heute kaum mehr ein Problem gesehen. Jeder kann ja für sich entscheiden, ob er mit der kritischen Forschung Jesaja als einen Menschen wie ich und du ansieht, der für seine Botschaft nun einmal die literarische Textart der Prophetie wählte, oder ob er ihn als Medium einer höheren Offenbarung betrachtet. Es würde als peinliche Entgleisung gesehen, wenn von Kirchenseite jemand sich über solche Forschung empören würde, wenn jemand etwa über eine „Einsargung“ Jesajas durch die Bibelkritik schimpfte, wenn jemand die Bibelforscher als „Wölfe im Schafspelz“ verdächtigte, welche die Substanz der christlichen Botschaft zerstören wollen, wenn jemand sie gar als „Krankheitserreger“ bezeichnete, welche den gesunden Körper der Mutter Kirche infizieren und von innen heraus zerstören wollen, oder wenn gar die Bibelkritik insgesamt als „vom Teufel inspiriert“ charakterisiert würde.

Können solche Reaktionen, welche, würden sie gegenüber der kritischen Bibelforschung heute gemacht, von jedermann als lächerlich und peinlich und „mittelalterlich“ empfunden würden; können solche Reaktionen gegenüber einer kritischen Anthroposophieforschung in irgendeiner Weise gerechtfertigt werden? Ich glaube nicht. Vielleicht können sie aber verstanden werden, wenn man sich bewusst macht, dass die Bibelkritik auf eine weit längere Zeit zurückblicken kann, als die kritische Anthroposophieforschung. Heftige und aggressive Reaktionen gegen diese Bibelkritik, wie sie gegenwärtig im Lager orthodoxielastiger Anthroposophen zu vernehmen sind, kennen wir aus der Zeit, als diese Disziplin noch jung war. Später, als man sah, dass diese kritische Theologie dem Glauben nichts anhaben konnte, legte sich die Aufregung. Bedenkt man, dass die Anthroposophie im Vergleich mit Katholizismus und Protestantismus noch ausgesprochen jung ist, und dass die kritische Anthroposophieforschung kaum ein Jahrzehnt alt ist, kann man sich der Hoffnung hingeben, dass auch hier sich irgendwann die Einsicht durchsetzen wird, dass der spirituellen Dimension der steinerschen Texte durch ihre kritische Erforschung nichts genommen werden kann; dass aber auf der anderen Seite viele neue Einsichten zur Geschichte der Texte und manche Berichtigungen von Mythen und Missverständnissen zu erwarten sind. Jeder kann ja weiterhin die Texte der GA als neue Offenbarung verehren, darüber meditieren oder sie den Verstorbenen vorlesen, und, wenn die Darlegungen der Anthroposophiekritik ihm selbst nichts zu geben vermögen, sich immerhin freuen, dass durch die kritische Erforschung diese Texte nun auch von Menschen gelesen und ernsthaft erwogen werden, die sich sonst niemals damit beschäftigen würden. Und es soll ja sogar Menschen geben, welche den kritischen Umgang mit den Grundlagen ihrer Spiritualität nicht als Bedrohung und Infragestellung, sondern vielmehr als Bereicherung und Vertiefung ihres spirituellen Lebens empfinden.

Also: schon wenn die SKA "nur" eine kritische Ausgabe nach dem Vorbild der traditionellen Bibelkritik wäre, hätten die Anthroposophen nichts von ihr zu befürchten und viel von ihr zu gewinnen. Nun gibt es aber noch einen zentralen Unterschied, denn die SKA klammert eben nicht den Selbstanspruch der Steinerschen Texte – d. h. aus "übersinnlicher" Erkenntnis hervorgegangen zu sein - aus, wie die traditionelle Bibelkritik dies mit dem Offenbarungsanspruch der Bibeltexte tut. Sondern die SKA nimmt diesen Anspruch explizit in die kritische Auseinandersetzung hinein - etwa indem Steiners Aussagen über "höhere Erkenntnis" an bestimmte Traditionen innerhalb des deutschen Idealismus angeknüpft werden.

Man sehe dies nicht als Widersproch zu dem oben Gesagten. Die SKA fragt in der Tat nicht, ob Rudolf Steiner Hellseher war oder nicht; sie thematisiert aber durchaus die Natur des Hellsehens als einen integralen Teil des anthroposophischen Selbstverständnisses und sucht Steiners Aussagen dazu, sofern sie rational nachzuvollziehen sind, historisch und systematisch an vergleichbare Modelle in der abendländischen Geistesgeschichte anzuknüpfen. Insofern tritt also die SKA ihrem Gegenstand näher, als es die traditionelle kritische Bibelforschung zu tun gewohnt ist. Sie führt das Element der Kritik nicht nur von aussen an die Inhalte der Anthroposophie heran, sondern zugleich, quasi von innen heraus, an die Quelle, das Innerste, das Allerheiligste dieser Weltanschauung, versucht ihren Gegenstand also gewissermaßen durch konzeptionelle Rekonstruktion von innen heraus zu verstehen.

Vielleicht ist ja gerade diese Intimität, dieses ernstnehmende Eingehen nicht nur auf die äußeren Inhalte, sondern auf das Innerste der anthroposophischen Weltanschauung, der Grund für die Heftigkeit der Kritik an diesem Unternehmen. Zumindest eine Ahnung davon zeigt sich ja in den oben zitierten Metaphern der Gegner des Projekts SKA – der Herausgeber sei ein „Wolf“, der sich im „Schafspelz“ in die anthroposophische Herde schleicht; ein „Krankheitserreger“, welcher in den anthroposophischen Körper eindringt, indem er dessen „Immunsystem“ umgeht usw. Möge man doch diese Bilder zuende denken und einsehen, dass der „Wolf“ in der Regel nur die kranken und schwachen Lämmer reisst, und dass die Krise, in welche der Virus den Körper versetzt, letztlich dessen Selbstheilungskräfte anregt. „Wolf“ und „Virus“ dienen somit letztlich der Stärkung, Gesundung und Selbstreinigung dessen, der von ihnen befallen wird. 

Ähnlich kann mit gutem Grund auch von der kritischen Anthroposophieforschung erwartet werden:

 Des Menschen Tätigkeit kann allzu leicht erschlaffen,
 er liebt sich bald die unbedingte Ruh;
 Drum geb ich gern ihm den Gesellen zu,
 Der reizt und wirkt und muß als Teufel schaffen.