Philosophie und Anthroposophie als Individualeinheit und als soziale Scheidewand – oder Rudolf Steiner mit Goethe und Nietzsche

von Jostein Sæther

Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulängliche,
Hier wird‘s Ereignis;
Das Unbeschreibliche,
Hier ist‘s getan;
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.

Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832);
in: Faust 2, V, Bergschluchten (Chorus Mysticus).
                                             
 
Es wird seit lange heftig diskutiert
wie sich Rudolf Steiners Philosophie zu seiner Anthroposophie verhält. Gibt es eine klare Trennung zwischen diesen beiden Bereichen? Oder lässt sich eine organische Entwicklung bei ihm von der ersten zur zweiten Weisheitsbeschäftigung nachvollziehen? Der norwegische Philosoph Terje Sparby sieht mindestens sieben verschiedene Verhaltensweisen, wie Kritiker und Befürworter sich in ihren Steiner-Bildern versuchen, Deutungen und Zusammenhänge zu finden, zu begründen oder abzuwehren. Diese Gruppierungen für und gegen Steiner ordnet er folgendermaßen ein: [1]

1. Ultra-orthodoxe Apologeten (Verteidiger)
2. Moderat-orthodoxe Apologeten    
3. Kritisch-liberale Apologeten
4. Wissenschaftliche Annäherungen
a. Systematische Untersuchungen
b. Historische Untersuchungen
5. Liberal-kritische Gegner
6. Moderat-kritische Gegner
7. Ultra-kritische Gegner

Bei der Aufstellung dieser divergierenden und – was die entgegengesetzten Pole 1-2 und 6-7 betrifft – unüberbrückbaren Positionen schreibt Sparby (meine Übersetzung aus dem Norwegischen):    

«Die systematische Untersuchung der Anthroposophie fordert einen Willen der grundlegenden Reflektion über die Wirklichkeit und die tiefere Natur des Menschen, die innerhalb der Akademia [akademischen Welt; JS] ungewöhnlich ist. Oft findet man mehr von dieser in spirituellen Bewegungen wie die Anthroposophie, aber es gibt viel prinzipieller Widerstand gegenüber spirituellen Perspektiven innerhalb der heutigen Forschung. Man könnte die Typologie [Hartmut; JS] Traubs ausweiten mit einem Gegenbild, das auf verschieden Grade des dogmatischen Wiederstands gegen Steiner und die Anthroposophie basiert – in welchem auch der gemeinsame Nenner nicht Apologie ist, sondern Anklage und Angriff…» (Sparby. Seite 15.)

Die Arbeit mit der SKA bedeutet eine «systematische Untersuchung der Anthroposophie» durch die vorliegenden erneut umarbeiteten und verlegten Schriften von Steiner und was sich heute textuell und historisch nachvollziehen lässt aus einem philosophischen Diskurs heraus. Wer stellt diese wissenschaftliche Untersuchung in Frage? Die Angehörigen der Apologeten der Gruppe 1-2 und die der Kritiker der Gruppen 6-7 tun dies in unterschiedlicher Weise. (Einige ablehnenden Haltungen diesbezüglich erleben wir gerade auch im Egoistenblog.) Meine Annäherung an Steiner hat sich im Laufe meines Lebens um die Verhaltensweise 4 immer gependelt. Meine Schwingungen sind aber nie bis zur 2 und 6 – geschweige denn 1 und 7 – gekommen und wahrscheinlich in bestimmten biographischen Phasen und Lebenskrisen nur ein Stück hinein in sowohl 3 als auch 5. Seitdem ich auf geistige Erfahrungen meiner Anthroposophie zurückschaue und immer wieder aus ihr durch erneutes Hineinleben in ihre Geistsphären, hat sich der Pendel beträchtlich beruhigt und kreist nun meist um 4a und 4b. Infolgedessen kann ich sowohl als philosophischer Amateur und anthroposophischer Fachmensch die Bemühungen von Christian Clement vom Herzen begrüßen, nachvollziehen und unterstützen.

Steiners individuelles philosophisches Gewinn
Als Philosophenlaie arbeite ich noch an meiner Begründungen der Einheit zwischen Philosophie und Anthroposophie. Aus meiner Perspektive behaupte ich jedoch zu verstehen, warum die verschiedenen gegenseitigen Positionen existieren. Sie können sich auch aus 4b erklären. Da ich auch nur ein Laienhistoriker bin, greife ich zurück auf die goethesche Phänomenologie, indem ich ein Urphänomen aufstellen möchte zu der Problematik von sowohl Philosophie und Anthroposophie als auch die der Philosophie kontra Anthroposophie. In diesem doppelten Urbild wird sich feststellen können, womit wir hier in Steiners Biographie und in der anthroposophischen Gemeinschaft bis heute zu tun haben. Durch das Bewusstwerden der Problematik als individuelle Aufgabe, wird sich die Möglichkeit ergeben, dass dasjenige, was bis heute eine Tragik innerhalb der anthroposophischen Bewegung war und noch ist (in der sehr viel mit 100-jährigen Jubiläen anhand Steiners Werke noch bis 2025 gefeiert und sich selbstlobend gespiegelt wird), nun durch die Handreichung der modernen Wissenschaft zu einer Heilung und zu einer Harmonie der beiden Bereichen aufarbeitet werden könnte.

Ich werde es hier nicht begründen: Es ist meine Hypothese, dass Steiner eine Individualeinheit zwischen Philosophie und Anthroposophie vollzogen hat, indem er die Tragik des 19. Jahrhundert durchlebte und im Schreiben seiner philosophischen Schriften sie für sich durch Selbstheilung überwand. Steiners philosophische Tat bestand darin, dass er Goethes unvollendetes und philosophieloses Werk durch die pflichtbefreite Philosophie Nietzsches gewissermaßen zog. Steiners «Gewinn» aus dieser doppelter Zuhause-Sein (philosophische Kohabitation) ist wohl zu schemenhaft in seinen Philosophieschriften zum Vorschein gekommen, weshalb sowohl seine akademische Gegenwart jener nicht erkannte als auch die Nachwelt bis heute kaum aufspürte.

Die zwei Goethenaum-Gebäude als Gleichnis
Wir können jedoch äußerlich sehr gut studieren, wie Steiner als Anthroposoph, Künstler und Architekturgründer seinen «philosophischen Gewinn» in das soziale Feld zu übersetzen versuchte, um dort zum Erwecken, Auferstehen und zur «Auferstehung» zu verhelfen: Er schaffte das sogenannte «Johannesbau», das erste Goethenaum. Der große und der kleine Kreis im Grundriss überschnitten einander und bildeten den «imaginären (nur geistig erlebbaren) Raum» zwischen großer (philosophisch-historisch-kosmologischer Aspekt) und kleiner (anthropologisch-anthroposophischer Aspekt) Kuppel, wo das Rednerpult (schöne Wissenschaften) am Bühnenvorboden stehen sollte. Beim Goethenaum-Brand 1922-23 verschwand dieses physische Sinnbild der Vereinigung von Philosophie und Anthroposophie.

Auf der Brandstätte wurde das zweite Goetheanum gebaut und erhielt auch eine Bühne und einen Zuschauerraum, die aber nicht ineinander greifen, sondern nebeneinander Kant(e) in Kant(e) parallel «berühren». Wurde die Einheit, Harmonie oder Überwindung von der Polarität zwischen Philosophie und Anthroposophie mit dem zweiten Goethenaum als Steiners letztwillige Verfügung quasi aufgehoben? Nach Steiners Tod ist das Bild der Scheidewand zu einer sozialen Wirklichkeit geworden in der Anthroposophischen Gesellschaft, deren Hochschule und in anthroposophischen Einrichtungen und Schulen, indem die Kluft zwischen Anthroposophen und Nicht-Anthroposophen quasi unüberbrückbar wurde und zu vielen sozialen Tragödien geführt hat. Liegt hier der Schlüssel zum Verstehen, was die Fronten in der Steiner-Forschung auseinanderhalten? Ist mit dieser Kant(e)-Verschiebung oder Auflösung des gemeinsamen Erkenntnisraums von Philosophie und Esoterik eine historische Notwendigkeit eingetreten, die gleichnishaft beschreibt, wie eine anthroposophisch orientierte praktische Philosophie (ethische Individualismus) als soziale Realität mehrerer Menschen (wieder) «aufgehoben» wurde mit der Folge eines «Nachsitzens» (Freiheitsentbehrung)? Öffnete sich anstatt ihr der Weg für die verlogene Unmenschlichkeit, die wir bis heute sowohl in der Weltöffentlichkeit (oft gewalttätig im großen Stil) als auch in der anthroposophischen Bewegung (meistens gewaltfrei, aber doch nicht zu verleugnen) erfahren haben?

Zuerst vor kurzem wurde der mit Asbest 1929 errichtete giftige eiserne Vorhang zwischen Bühne und Zuschauerraum mithilfe professioneller Arbeitskräfte am Goethenaum abgebaut und entfernt. Besteht womöglich noch (menschheitlich gesehen) die Grenze zwischen Wissen und Glaube, die Immanuel Kant aufstellte – und die Steiner für sich individuell anscheinend überbrückte –, als eine soziale Realität wie in der normalen Gesellschaft ebenfalls in der anthroposophischen Gesellschaft, sodass noch nirgends ein drittes Goethenaum gebaut werden konnte, das den Zwischenraum als Brücke zwischen sinnlicher und geistiger Welt hätte anschaubar machen können? Es gaben mehrere anthroposophisch orientierte Philosophen (z.B. Herbert Witzenmann, 1905 – 1988; der Norweger Hjalmar Hegge, 1920 – 2003; und Georg Kühlewind, 1924 – 2006), die Steiners Ansätze und Schritte gedanklich beschrieben haben und solche, die sie gegenwärtig prüfen und nachzuvollziehen wollen. Die Frage ist aber ob und wie jene ihre eigenen anschließenden Schritte der «Pendelbewegung» zwischen Philosophie und Anthroposophie anhand Steiners Schritte, die sie in ihrer philosophischen Einsamkeit womöglich gemacht haben, beschrieben – und was und wie die noch Lebenden (wie z.B. der heute 90-jährige Däne, Oskar Borgmann Hansen) über dasselbe erzählen. Weil es hier um wenig «abgekühlter Asche» (ob zu wenig bleibt zu erforschen) handelt, nehme ich an, dass etwas «Rauch» von der 91-jährigen Brandstätte immer noch geistig aufsteige.        

Die freie Wechselbeziehung zweier Philosophien
Ich arbeite (ob jammerschade bleibt zu erforschen) mit der Hypothese, dass Steiner, betreffend dasjenige, was sein philosophischer Ansatz als Initiationsschritt ins bewusste Erleben des Geistigen enthielt, keinen «Schüler» oder Nachfolger während seines Lebens fand. Hierzu ist zu bedenken, was er über Nachfolgerschaft eines Eingeweihten äußerte:

«Es ist eine Eigentümlichkeit der westlichen Einweihungswissenschaft, dass derjenige, der dort eingeweiht ist, nur etwas hat von seiner Einweihung, wenn er wenigstens einen Schüler hat, der seine Vorstellungen wiederholt. Es nützt gar nichts, die Einweihungswissenschaft nur für sich allein zu haben. Geradeso wie Sie geradeaus sehend mit Ihren Augen auf keinen Gegenstand treffen, so treffen Sie nicht auf Ihre eigenen geistigen Begriffe, wenn Sie als westlicher Eingeweihter nicht schauen können auf die Wiederholung Ihrer Vorstellungen bei einem andern. Es kommt eine gewisse Abhängigkeit heraus unter diesem Prinzip.» (Rudolf Steiner: Gegensätze in der Menschheits­entwickelung West und Ost – Materialismus und Mystik – Wissen und Glauben. GA 197. Dornach 1967. Seite 37.)

Selbstverständlich wäre zu untersuchen, wie diese Mindestforderung an einen westlichen Initiierten wie Steiner mit seinem «philosophischen Gewinn» zurückwirkte. Weiter wäre zu erforschen, inwiefern er hier eventuell dennoch einen oder mehrere Schüler fand und falls, wie diese/r dann mit der «Wiederholung der Vorstellungen» öffentlich, inneranthroposophisch (sozial) oder privat auftrat/en. Nichtsdestotrotz besteht der folgende Mutmaßung, bis sie wiederlegt ist: Weder Marie Steiner, Christian Morgenstern, Carl Unger, Andrej Belyj, Friedrich Rittelmeyer, Ita Wegman, Albert Steffen, Ludwig Polzer-Hoditz noch jüngere Anthroposophen wie Walter Johannes Stein und Frederik Willem Zeylmans van Emmichoven haben geschafft, mit ihm denselben oder einen ähnlichen Schritt im «reinen Denken» zu vollbringen. Jedenfalls sind meines Wissens solche Schritte in ihren Veröffentlichungen nicht belegt, Schritte, die sie befähigten, ihre Anthroposophie zu der Steiners hinzuzufügen oder ihn in seiner Geistesforschung zu bestätigen durch eigene übersinnliche Forschungen. (Gewiss gibt es im Nachlass Ita Wegmans gewisse Andeutungen zu karmischen Erkenntnissen, die mit Steiners Andeutungen in den Karmavorträgen kongruent sind, aber sie waren für die Öffentlichkeit nicht gedacht.)

Wir dürfen uns heute noch die berechtigte Frage stellen: Warum wurde keine philosophische Sektion in der 1924 gegründeten Freien Hochschule eingerichtet? Die Antwort liegt nahe an der Hand: Steiner hatte keine Freunde unter den damaligen Philosophen oder jemand, der hätte mitarbeiten wollen. – Goethes Gedicht oben kann umgedichtet werden, um als eine zukünftige philosophisch-anthroposophische Übung, eine Meditation oder einen Leitbild für das seelische Innenleben zu werden:

Das Sinnliche wird transparent für das Geistige, wenn das menschliche Ich sich als philosophisches Ereignis des eigenen Erzeugens erkennt, aber zugleich entdeckt, dass dies in der eigenen Einsamkeit nicht, sondern nur durch eine Befruchtung mit der «fremden» Weisheit vollzogen werden kann, der es noch nicht begegnet ist, aber als Glaubensinhalt schon vorher lieben kann als die Unbekannte, als das geistige Nichts. Fazit: Philosophische «Selbstbefriedigung» führt nicht zur Anthroposophie, sie entsteht nur aus der freien Wechselbeziehung zweier Philosophien – in Rudolf Steiners Fall: zwischen der Philosophie Goethes, die er selbst stellvertretend liebend schuf und Nietzsches Philosophie, die er liebend übernahm, weil Nietzsche in seiner Krankheit sie nicht mehr selbst denken konnte. 

Philosophie kann in der Welt als Erzeugnis des einzelnen Philosophen weiterleben und sozial wirksam werden. Anthroposophie kann indessen nur sozial fruchtbar werden, wenn sie im Sinne des geistigen Gesetzes der okzidentalen Initiationsspiegelung im Denken aus Freundschaft und Liebe zur Sache philosophisch weitergereicht wird. Wird sie hingegen nur als Frucht des Fühlens und Wollens in die soziale Praxis umgesetzt, stirbt sie früher oder später. In diesem Fall muss ein Weisheitsfreund sie nochmal irgendwann auf die Erde holen, wenn eine initiatorische Pendelbewegung zwischen mindestens zwei Denkarten erschwingbar sein wird.          

(Gemeinsame fruchtbare Frühstücksgespräche haben das Entstehen dieses Beitrags mit bewirkt, für die ich mich bei Miriam C. Sæther herzlich bedanke.)      


Illustration:
Die Brandruine des ersten Goetheanum.


1. Terje Sparby (red.): Rudolf Steiner som filosof. ISBN: 9788253036694. Pax, Oslo 2013. Seite 16.

Kommentare

  1. Ich kann vielem in diesem Text zustimmen. Nur die Charakterisierung der Steinerschen Philosophie als "Goethe plus Nietzsche" ist sicherlich zu eng. Die Philosophie des deutschen Idealismus (Kant, Fichte, Schelling, Hegel) waren mindestens so einflussreich wie Goethe und Nietzsche, meiner Meinung nach (und auch nach Hartmut Traub) sogar der wichtigste Einfluss.

    Das lässt sich zum einen an den philosophischen Texten zeigen, aber auch daran, dass in Steiners Texten die Auseinandersetzung mit Goethe zwar vor der Auseinandersetzung mit dem Idealismus kommt, dass es aber in der geistigen Biographie Steiners umgekehrt ist, Hier (während der Realschulzeit und der Zeit des Studiums) waren (neben Herbart) Kant, Fichte, Schelling und Hegel die ersten großen philosophischen Lehrmeister Steiners, dann auch Eduard von Hartmann - erst nach Abbruch des Studiums kam die Begegnung mit Goethe. (Bei Nietzsche.ist es etwas unklar, wann genau Steiner ihn kennenlernte, aber auf jeden Fall auch nach den Idealisten.)

    Auch muss man für die verschiedenen philosophischen Phasen sicher unterscheiden. Es gibt nicht DEN Philosophen Steiner, sondern mindestens drei. Für die Texte der 80er Jahre wäre viellecht am besten die Formel "Deutscher Idealismus angewendet auf Goethe" treffend, während für die philosophischen Texte der 90er Jahre eher die Formel passt: "Deutscher Idealismus (mit Schwerpunkt Fichte) durch Nietzsche gezogen (zumindest in der PdF)." Für die Texte von 1901 und 1902 hingegen könnte man vielleicht "Deutscher Idealismus (mit Schwerpunkt Schelling) plus Gedankenmystik plus Christentum plus Theosophie" sagen.

    Das alles natürlich stark vereinfacht, wobei jeweils der schöpferische Eigenanteil Steiners nicht geleugnet werden soll. Ich will hier nicht Festlegungen machen, sondern zu Differenzierungen anregen.

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  2. .. hätte heißen sollen "erst nach Abbruch des Studiums kam die tiefere Auseinandersetzung mit Goethe". Kennengelernt hat er Goethe natürlich schon während des Studiums durch die Begegnung mit Schröer...

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    1. Selbstverständlich verstehe und akzeptiere ich diesen Einwand, dass es in der philosophischen Entwicklung Steiners nicht reicht mit nur «Goethe plus Nietzsche». Die anderen Einflüsse, die Du und andere anzeigen, habe ich als vorausgesetzt gesehen, während ich den Beitrag schrieb, und wollte hier halt diesen meines Erachtens zu wenig bemerkten oder aufgearbeiteten Zusammenhang einmal drastisch hervorheben – auch um auf die nachsteinerschen Probleme zu kommen. Als wichtig sehe ich, dass Steiner diesen beiden in einer Art hegelschen These-Antithese-Verhältnis aufnahm, verdaute und wieder «ausspuckte». Vielleicht hat er sie dann so gut gekaut, dass sie wenig bemerkbar sind. Wenigstens Nietzsche «lebte» bei Steiner später fast nur im Hintergrund, während Goethe ganz vordergründig wurde – auch durch die künstlerische Zusammenarbeit mit Marie Steiner und anderen. (Wir können ja nur darauf spekulieren, was geschehen wäre und wie er sich entwickelt hätte, falls er die Arbeit im Nietzsche-Archiv gemacht hätte.)

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    2. Ich bin nicht ganz sicher, ob nicht die Betonung des Verhältnis von Steiner zu Nietzsche in diesem Blog vielleicht deshalb so stark ist, weil nicht wenige aus diesem Kreis sich mit Nietzsches Gottesbild auseinandersetzen. In dem Zusammenhang ist er ja auch wirklich ausschlaggebend wichtig.
      Es gibt aber auch MitleserInnen, die eher den genannten Klassizismus und Idealismus gewohnt sind.

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    3. Auch die Romantik nicht zu vergessen, mit Novalis und Kleist. Noch in der Schule habe ich gelernt, Goethe hat sich in allen drei Stilen verewigt und sie mitgeprägt, während Nietzsche eben schon etwas später gewirkt hat.

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    4. Und schon früh wirkte der ‘Denker‘ Haeckel (und natürlich der Psychologe Brentano) s. GA 28.

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  3. Lieber Jostein,

    vor allem das, was Du über das zweite Goetheanum sagst, macht mich sehr nachdenklich, weil es sich zwar nicht mit meinen bisherigen Gedanken, aber doch mit einem Teil meiner Empfindungen trifft.

    »Ist mit dieser Kant(e)-Verschiebung oder Auflösung des gemeinsamen Erkenntnisraums von Philosophie und Esoterik eine historische Notwendigkeit eingetreten, die gleichnishaft beschreibt, wie eine anthroposophisch orientierte praktische Philosophie (ethische Individualismus) als soziale Realität mehrerer Menschen (wieder) «aufgehoben» wurde mit der Folge eines «Nachsitzens» (Freiheitsentbehrung)?«

    „Nachsitzen“ bedeutet, daß jemand, weil er „schlimm“ war, länger in der Schule bleiben muß, während die anderen schon nach Hause gehen können.
    Meinst Du es so?
    Und bedeutet dann Deine Klammer »(Freiheitsentbehrung)«, den betreffenden Menschen wäre die bereits errungene Freiheit, die zu Lebzeiten Rudolf Steiners »soziale Realität« war, wieder entzogen worden? Und sie (wer? Die damaligen Anthroposophen? Die heutigen? Alle Menschen?) müßten nun eine Weile „nachsitzen“, solange bis - - - ja: bis was geschähe?


    »Weder Marie Steiner, Christian Morgenstern, Carl Unger, Andrej Belyj, Friedrich Rittelmeyer, Ita Wegman, Albert Steffen, Ludwig Polzer-Hoditz noch jüngere Anthroposophen wie Walter Johannes Stein und Frederik Willem Zeylmans van Emmichoven haben geschafft, mit ihm denselben oder einen ähnlichen Schritt im «reinen Denken» zu vollbringen.«
    Über diesem Satz erschrecke ich. Aber ich kann weder seine Richtigkeit noch seine Unrichtigkeit „beweisen“…

    Allerdings frage ich mich, ob es für die Erfüllung des hier Gesagten:
    »Geradeso wie Sie geradeaus sehend mit Ihren Augen auf keinen Gegenstand treffen, so treffen Sie nicht auf Ihre eigenen geistigen Begriffe, wenn Sie als westlicher Eingeweihter nicht schauen können auf die Wiederholung Ihrer Vorstellungen bei einem andern.«
    – ob es dazu unbedingt notwendig ist, daß ein einziges „Gegenüber“ des westlichen Eingeweihten alle seine Vorstellungen „wiederholt“.

    Ist es nicht vielmehr so, daß die Gesamt-Mitgliedschaft der anthroposophischen Gesellschaft zu Lebzeiten Rudolf Steiners gewissermaßen als ein „ausgebreitetes Gegenüber“ fungiert und gemeinsam diejenigen seiner Vorstellungen „wiederholt“ hat, zu denen er dann seine „eigenen geistigen Begriffe“ finden konnte?

    »Was die äußere rein materielle Wissenschaft tun kann, daß sie alles über einen Leisten schlägt, das kann beim Spirituellen nicht der Fall sein, weil es ein Lebendiges ist, und weil ich zu Ihnen so sprechen muß, wie es von mir nicht ein abstrakter wissenschaftlicher Geist fordert, sondern wie es sich in mir belebt, indem ich gerade vor Ihnen stehe. Denn nicht aus meinem Herzen, aus Ihrem Herzen heraus tue ich es, so gut ich es kann. […] In gewissem Sinne darf gesagt werden: Was ausgesprochen wird in dieser oder jener Betrachtung, es entspringt aus den Tiefen der Seelen der Zuhörer. Denken Sie auch über dieses nach! […] Was spirituell ist, will einfach mitgeteilt sein. Und es wollte mitgeteilt sein, was ich mitzuteilen habe, und wenn hier kein einziger säße, der mir auch nur ein Sterbenswörtchen glaubte.«
    (Stuttgart, 13. Februar 1915)

    Ich denke dabei, vor allem bei den letzten beiden Sätzen, auch an Heinrich von Kleists allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden...

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  4. http://www.amazon.de/Anthroposophie-Philosophie-Freiheit%C2%BB-Erkenntnismethode-kosmisch-menschheitliche/dp/3723512488 hat jemand dieses gelesen?

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