»Ja. Wir lachen hier!«

Ingrid Haselberger

 



Douglas Wolfspergers berührender Film Wiedersehen mit Brundibár (noch bis kommenden Sonntag auf arte+7 nachzusehen) erzählt von der Entstehung des Musiktheaterstücks „Nach Brundibár“, das DIE ZWIEFACHEN im Juni 2012 an der Berliner Schaubühne zur Aufführung brachten.

DIE ZWIEFACHEN sind eine 1999 auf Initiative der Theaterpädagogin Uta Plate gegründete Jugendtheatergruppe – Jugendliche zwischen 14 und 24 Jahren, die aus schwierigen psychischen und sozialen Situationen kommen, meist in betreuten Wohnprojekten leben und hier eine andere Welt kennenlernen, in der sie sich ausdrücken und ganz neu behaupten können.

Brundibár ist eine Kinderoper von Hans Krása (Libretto: Adolf Hoffmeister), 1938 komponiert, 1941 heimlich uraufgeführt in einem jüdischen Kinderheim in Prag und 1942, als Krása nach Theresienstadt deportiert worden war, dort neu niedergeschrieben und insgesamt 55mal aufgeführt. Die Kinder in Theresienstadt hatten so Gelegenheit, als Darsteller für einige Stunden in eine andere Welt einzutauchen. Allerdings mußten immer wieder Rollen neu besetzt werden, weil die bisherigen Darsteller „in den Transport kamen“, nach Auschwitz deportiert wurden – und so manches Kind war damals hin- und hergerissen zwischen dem Leid, sich von einem Freund, einer Freundin (man ahnte: für immer) trennen zu müssen, und der Freude, nun selbst als Darsteller nachrücken zu dürfen...

Als ich 2008 bei einer Ausstellungseröffnung Lieder von Viktor Ullmann sang (der ebenfalls seit 1942 in Theresienstadt war und 1944 gemeinsam mit Hans Krása nach Auschwitz deportiert wurde), lernte ich eines der nur 132 Kinder kennen, die diese Zeit überlebt haben: Helga Weissová, eine herzliche und humorvolle Frau, die inzwischen wieder gelernt hatte, Vertrauen zu fassen… und sogar das verständlicherweise zunächst verhaßte Deutsch kam ihr relativ flüssig über die Lippen. Sie erzählte, wie sie ihrem Vater (von dem sie im Ghetto getrennt worden war) zum Geburtstag eine fröhliche Zeichnung zukommen ließ, um ihm wenigstens die Sorge um sie ein wenig zu erleichtern, und er ihr daraufhin auf einen Zettel kritzelte: „Zeichne, was du siehst!“ – und das tat sie fortan, drei Jahre lang, bis zu ihrer Deportation nach Auschwitz. Etwa 100 Zeichnungen entstanden, einzigartige Dokumentationen des Lebens in Terezín, die einem den Atem stocken lassen. Eine Auswahl daraus wurde im Bildband Zeichne, was du siehst veröffentlicht; einige dieser Zeichnungen finden sich auch in dem Buch Die Kinder aus Theresienstadt von Kathy Kacer.

Bei der Entstehung des Musiktheaterstücks „Nach Brundibár“ wirkt eine andere Überlebende des Ghettos in entscheidender Weise mit: Greta Klingsberg, die bis zu ihrer Deportation in über 50 Aufführungen die weibliche Hauptrolle (die Aninka) spielte.
Die charismatische, warmherzige Frau geht liebevoll auf die jungen ZWIEFACHEN zu und besucht mit ihnen gemeinsam Theresienstadt. Es entsteht eine tiefe Freundschaft zwischen den jungen Menschen und der alten Dame. Die beiden „Aninkas“ liegen gemeinsam auf der Wiese neben den Gräbern, turnen und lachen miteinander – und als ernste Besucher wie rügend zu ihnen hinschauen, sagt Frau Klingsberg, ganz selbstverständlich und ohne eine Spur von Trotz oder Aufbegehren in der Stimme: »Ja. Wir lachen hier!«

Empfehlung.
Wie gesagt: noch bis Sonntag hier.
Oder in einigen deutschen Städten im Kino ...

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