The Book of Strange New Things

Kindleseite zum Buch
Michael Eggert:

Sie mögen mir verzeihen, Sie schon wieder mit einem Science- Fiction Roman zu belästigen, mit einem frisch erschienenen, vielfach diskutierten Roman- eben einem Roman, der sich des Science- Fiction- Genres bedient.

Das merkt man an der sehr konkreten Schilderung aus der Perspektive eines vielleicht etwas naiven christlichen Missionars, der in einer nicht zu fernen Zukunft Katze, Frau und Existenz verlässt, um dem Ruf des Herrn zu folgen, der ihn in eine Enklave in einer ganz anderen Galaxie befördern wird. Sein Auftrag besteht darin, in dieser bis auf Kultur, Sprache, Geburtsritualen doch (und bis auf aus menschlicher Sicht schreckliche Gesicht) zumindest in der Gestalt Menschen- ähnlichen Einwohnern zu missionieren- was sich, kaum hat er sich an das streng ritualisierte rurale Leben in der Dorfgemeinschaft der Aliens angepasst, als recht überflüssig erweist. Die Bewohner von Oasis mit den schrecklichen Köpfen, die wie wie verbundene Embryonen erinnern, nehmen den Priester (der allerdings schon der dritte ist, nach zweien wird noch halbherzig gesucht) mehr als herzlich auf- sie stimmen christliche Choräle an, bauen sofort eine Kirche und bestehen aus einer großen christlichen Gemeinde. Die Bibel ist ihr "Book of Strange New Things". Und ein wenig bedrohlich benehmen sie sich auch- vielleicht wegen kultureller Missverständnisse.

Getrennt ist unser Missionar von der geliebten Frau, die auch noch schwanger zurück geblieben ist. Die Entfremdung über die gewaltige Entfernung hinweg ist in ihren gegenseitigen Briefen früh aufzufinden. Vor der Mission waren er und seine Frau Bea beruflich und privat unzertrennlich gewesen: "The thing was, he’d never had much interest in psychic phenomena, and he and Bea had often noted that the sort of people who were most deeply enthralled by the science of the supernatural were also least able to spot the glaringly obvious reasons why their own lives were in chaos." Ein weiser Satz über weise Leute, die bei aller Weisheit und okkultem Wissen leider so häufig über die eigenen Füße fallen: "the glaringly obvious reasons why their own lives were in chaos."

Unserem Missionar in der Ferne des Alltags macht der Anblick des unendichen Himmels zu schaffen- ein so menschliches Gefühl: "and it was at those times, in those places, that he was struck by a vision of human insignificance in all its unbearable pathos. People and their dwellings were such a thin dust on the surface of the globe, like invisible specks of bacteria on an orange, and the feeble lights of kebab shops and supermarkets failed utterly to register on the infinities of space above. If it weren’t for God, the almighty vacuum would be too crushing to endure, but once God was with you, it was a different story." Seine Expeditionen ins Dorf der Ureinwohner setzen sich fort. Aber auch die Entfremdung zur Heimatstation wächst, oder gar zu einer von hier aus kaum auszumachenden sozialen und technologischen, ja zivilisatorischen Katastrophe auf der Erde. Das ist von hier aus sehr weit weg, auch für uns Leser. Wir kriechen in den Alltag und den Kopf des Missionars hinein- eines glücklicherweise intelligenten Mannes-, und er schildert uns die Bekanntschaft, ja innige Beziehung zu diesen Aliens, als handele es sich um einen Stamm im Amazonas- Gebiet.

Das ist, wie ich einschieben möchte, auch ein problematischer Aspekt in jeder spirituellen Entwicklung: Wenn jemand seine wirkliche Motivation in die Sache nicht geklärt hat- bis auf den Balken unter dem Boden, auf dem er steht. Es wird in einer ehrlichen Entwicklung nichts stehen bleiben, das Unterste zuoberst gekehrt werden. Wenn es schief geht, wenn dieses Gefühl der "human insignificance in all its unbearable pathos" den Geistesschüler mit einem Schauder der Überlegenheit adelt- eine Selbstadelung, der er womöglich nie wieder entkommt, solange er sich eben als "Geistesschüler" sieht. Und, wie ich auch selbst in den diversen Anthro- Kreisen erleben durfte, der Hauch von Verachtung für die, die nicht das Pseudo-Wissen auf den Lippen vor sich her tragen. Man fühlt sich intensiv, wenn man andere verachtet. Eine vom ganzen Herzen auf sich selbst bezogene Verachtung- den Blick- wird man nie vergessen.

Zurück zum Buch. Es ist manchmal ganz günstig, -sofern die Möglichkeit bestehen sollte- in eine andere Galaxie zu fliegen und den Blick von oben auf die gerade bestehenden diffizilen Keim- und Umbruchs- Aktivitäten zu richten; nah heran zu gehen an die existentiellen Beweggründe, den Alltag, die eigenen Antriebe und Widersprüche. Gute Science- Fiction erweitert diesbezüglich den Blick, vor allem, wenn sie so gut geschrieben ist wie von Michel Faber.

Kommentare

Egoistisch am meisten gelesen: