Weitere finanzielle Probleme am Goetheanum

In einem oberflächlichen Artikel informiert "20 Minuten" über die eskalierenden finanziellen Probleme am Dornacher Goetheanum. Oberflächlich auch wegen der flapsigen Bezeichnungen des Goetheanums als "ideologische Mutter für die Lehren der Steiner-Schulen". Das Problem ist dennoch korrekt beschrieben: Das neu justierte Währungsgleichgewicht zwischen Schweizer Franken und Euro trifft das Goetheanum deshalb so hart, da die meisten Mitgliedsbeiträge und Spenden aus dem Euro- Raum, vor allem aus Deutschland, kommen, die laufenden Kosten aber in Franken anfallen. Der im Januar angefallene Schweizer Währungsschnitt erhöht die Betriebskosten daher um bis zu 20 Prozent. Die Konsequenzen treffen wieder einmal die Mitarbeiter am Goetheanum: "Nächste Woche würden die rund 180 Mitarbeiter des Goetheanums einen Brief erhalten, bestätigt Mediensprecher Wolfgang Held. Darin werde ihnen nahegelegt, auf ihren 13. Monatslohn zu verzichten. «Von den Mitgliederbeiträgen an das Goetheanum kommen 90 Prozent aus dem Euroraum und von den Spenden 80 Prozent.» Um Entlassungen zu vermeiden, haben man sich daher zu dem Schritt entschlossen, erklärt Held."

"Nahe gelegt" ist wieder einmal ein anthroposophischer Euphemismus, da den Mitarbeitern, die den "freiwilligen" Verzicht nicht akzeptieren, gekündigt werden wird. Eine eventuelle Wiedereinstellung würde zu vertraglich erheblich schlechteren Bedingungen erfolgen. Man wolle so massive Entlassungen vermeiden. Das ganze Prozedere hat dennoch einen unangenehmen Beigeschmack, was den Umgang miteinander betrifft. Und es ist ja auch nur ein weiterer Schritt nach zahlreichen voran gegangenen personellen Ausdünnungen, Kürzungen bei Archiv- Mitarbeitern, Bühne, Schauspielern, Eurythmisten. Man hat den Eindruck, dass sich das anthroposophische Arbeitszentrum stetig weiter selbst zerlegt. Die Probleme mit dem Franken sind bereits im Rechenschaftsbericht 2012 (S. 11) nach zu lesen: Dort wurde bereits konstatiert, dass der starke Franken "Probleme bereitet". Finanzielle Puffer angesichts dieses sich aufgrund des schwachen Euro aufbauenden Problems gibt es nicht mehr; die Mitgliederzahlen sinken ebenso wie die Spendenbereitschaft. Die Altersstruktur der Mitgliedschaft erscheint immer bedenklicher - das System ist schlicht überaltert. Zudem fließen aufgrund der seit Jahren anfallenden erheblichen Renovierungskosten für den Beton- Bau noch vorhandene Gelder in die Instandsetzung. Schließlich zersplittern ständige ideologische Grabenkämpfe eine nicht nur heterogene, sondern oftmals tief zerstrittene Mitgliedschaft, die sich nur Außenstehende als Einheit oder gar als gleichgeschalteten Kult vorstellen. Es wird hier nicht anders gestritten als in politischen Parteien, und das seit je her. Nur geht es nun allmählich tatsächlich an die Substanz, ohne dass neue Perspektiven sichtbar wären. Schon machen bei Facebook Witze die Runde, das ganze Ding doch bitte in den Euroraum zu verlegen.



Kommentare

  1. Huahuahuahua
    seit dem Alter von 26 Jahren habe ich kein 13. Monatsgehalt mehr bekommen

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  2. Ich finde das mit dem "Die Altersstruktur der Mitgliedschaft erscheint immer bedenklicher - das System ist schlicht überaltert. " sehr bedenklich und tragisch. Ich weiß noch, daß mir "gesagt wurde", ... etwa bei einer morgendlichen Eurythmie-Übung in Köngen in der Emil Kühne Stiftung..

    "Die Anthroposophie ist aus der Geistigen Welt geschöpft! Daher wird sie nie ganz verschwinden können. Es ist keine Mode-Erscheinung, die sich konserviert. Ich habe lang am Goetheanum gelebt, und das war faszinierend, da wurde von Morgens bis Abends um etwas gerungen, ständig waren Menschen am Schaffen, überall war Gespräch und In-Frage-Stellung und ein unausgesetztes Versuchen, Antworten zu greifen, von verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Es wurde gearbeitet, gewuselt, man begegnete sich, zog sich dann wieder auf Sich Allein zurück, es wurde Geschaffenes zur Verfügung gestellt, Gedankliches eröffnet, es wurde begutachtet, mitgedacht, und man hatte auch immer Möglichkeiten, wo einzuspringen, mitzuhelfen, und wenn es Geschirrspülen war, auch da begegneten sich wieder neue Menschen. Da war Langeweile und Gemütlichkeit ein Fremdwort, und wenn man erschöpft war, wurde man auf eine ganz regenerative Art wieder mitgerissen und mitgenommen. Ja, die Anthroposophie braucht wie jedes Erdenwesen einen Körper, um tätig zu sein, daher hat die Struktur eine Berechtigung, auch die Wiederholung von Tätigkeiten sind kein Stumpfsinn, nichts ist banal, auch der trockene Verwaltungs-Apparat ist Struktur, ist Gerüst. Die geistigen Wesenheiten sind Tag und Nacht aktiv, nur der Mensch braucht Ruhe und seinen Schlaf. Die Widersachermächte! Es sind geistige Wesen, daher arbeiten sie unermüdlich und pausenlos. Auch die mittlere geitige Welt, mit der wir uns heute morgen wieder kraftvoll verbinden wollen, schafft und schafft unermüdlich und bietet uns an, in diesen Reigen des Schaffens mit einzusteigen. Die Anthroposophie hat Zukunft, ist aus der Geistigen Welt geschöpft. Jetzt Bitte Schön: Aufrichtekraft, und jetzt den vorderen Raum ergreifen, hoch den Eurythmiestab, vooor, ganz wach den vorderen Raum erleben. Jetzt den Rücken ganz hell erleben, und herunter mit dem Eurythmiestab, den hinteren Raum erleben, mit dem Rücken sehend werden, uuunten! Und seitlich nach reeechts, rechter Winkel, senkrecht den Eurythmiestab, .. ganz gerade, in der Aufrichte bleibend das Lot füüühlen, und liiinks, nach links rechter Winkel den Eurythmiestab! Paul? Da hinten, die Leute in der hinteren eihe denken wohl, 'jetzt wirds gemütlich, wa?' Vorkommen, hier! Damit ich euch sehen kann. Wir wollen jetzt alle ganz wach werden, guten Morgen! Und Elisabeth, hier, hoch die Arme, ganz durchgehen durch die Leibesgestalt, durch den verkrampften Schreibtisch-Schulter-Bock!" - "Waas, Unerverschämth..." .."Ruhe, wir üben das jetzt, die ganze Leibesgestalt ergreifen, eine gute innere Körperhaltung zu entwickeln, ist nicht bööse gemeint, nicht wahr? Hehe!"

    Inzwischen weiß man von der Hirnforschung, daß man vor schwierigen intellektuellen Aufgaben aufstehen und nur mal einige Schritte (ohne "Rückspiegel" ) rückwärts gehn solle, und viele Hirn-Arreale würden augenblicklich durchblutet. Wie kraftvoll das Hirn wohl "anspringt" und auf Touren kommt nach solcher morgendlicher Eurythmie-Übung? An solcher auch in fernerer Zukunft mal teilzunehmen ich vielen Generationen von Menschenkindern wünsch. Freiwillig, versteht sich, nicht weil Eins inne Waldorfschule sollen muß.. sondern - anderswo- , als da imma inne Waldorfschul!

    "Weil in der Eurythmie ... die auch aus der Mittleren Geistigen Welt geschöpft ist .. noch unvollstellbare zukünftige Möglichkeiten liegen, wird auch diese nicht einfach einmal so rasch verschwinden..!"

    m.butty

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  3. Nun gut, das könnte doch sein, auch wenn vieles an der Eurythmie vieles in der Epoche des Jugendstil urständet, und eine Geistige Welt darin dem Skeptiker nicht "nachweisbar" ist. Der Jugendstil und sein drumherum war immerhin eine sehr, sehr faszinierende und schöpferische Zeit, wie ich finde.

    Da hääte ich damals 1988 auch nicht geglaubt, nach dieser Morgen-Ansprache des Sprachgestaltungs-und Eurythmie-Lehrers, der vor einem mir unvergessenem Temperament sprühte, mal in einer damals noch ferneren Zukunft in einem Internet zu lesen: "Die Altersstruktur der Mitgliedschaft erscheint immer bedenklicher - das System ist schlicht überaltert."

    mischa butty


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  4. Ich find Gemütlichkeit aber gut. Aber auch Arbeit sollte nicht auslaugen, sondern auf regenerative Weise den Menschen in stressfreier Bewegung halten. Aber es geht auch darum dass die Arbeitsatmosphäre gut ist, dass man sich gegenseitig mag, dass der Ort intrigenfrei ist und jeder an sich will dass es dem anderen gut geht. Das ist mehr wert als Gold...
    Nun ja, es gibt betriebswirtschaftliche Arbeitsweisen die den Respekt voreinander zum Ausdruck bringen... was du nicht willst das man dir tu... wer hat's gesagt, Christus?

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  5. Wichtig ist ja auch die Langzeitwirkung von Arbeit, die wird auch gerne übersehen: was macht das mit mir, mit den Kollegen, wenn dieser Job über Jahre hinweg ausgeübt wird... muss ich hinterher resozialisiert werden, oder bin ich dann ein besseres Mitglied der Gesellschaft... wie ist danach das Vertrauen in die Welt und in Arbeitgeber... uvm.

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