Ein Bisschen vom Ich und darüber, wie ein übersinnliches Erleben zustande kommt

Authentisch-individuelle Betrachtungen 

Jostein Sæther 

Die Diskussionen um das Ich und die Wesen der geistigen Welt und die Frage, ob es Wesen abgesehen vom menschlichen Ich gibt, bedarf einer gründlichen Erweiterung, falls Rudolf Steiners Auslegungen dazu verstanden werden sollen. Es gibt in seinen Schriften Erklärungen, die einiges in seinem Vortragswerk zu demselben Thema offenlassen, da er in den Büchern diese mündlichen Auslegungen über das Ich-Wesen des Menschen nicht explizit erweitert hat um den Aspekt, wie er in der meditativen Forschung genau vorgegangen ist. In den Vorträgen hat er auch seltener in Ich-Form gesprochen, sondern, wie es damals noch üblich war, meist seine Herangehensweisen in allgemeiner Art und in dritter Person umschrieben. Deshalb kann es etwas Mühe kosten, allen Stellen nachzugehen, in denen er das komplizierte Ich als Wirksamkeit und Wesen außerhalb des körpergebundenen Punktbewusstseins und seine Wechselbeziehung zu demselben beschreibt. 

Ich will hier – quasi als Fortsetzung einiger Diskussionspunkte einige Aspekte des erkennenden Ichs aus meiner Perspektive darstellen, wie ich bestimmte, innere Prozesse durchlebt habe. Dabei kamen Aspekte auf, die Steiner nur in Vorträgen geäußert hat, sodass sie mit Textstellen der Schriften schwieriger zu vergleichen sind. De Prüfung kann deshalb nur durch selbsterrungene Beschreibungen erfolgen. Rudolf Steiner hat einmal geäußert, dass wir das, was er das «wahre Ich» nennt, nur durch den Rückblick in eine frühere Inkarnation sehen können. Er redet ganz am Schluss des heilpädagogischen Kurses von der Egoität und davon, wie wir Urteile konzentrieren auf das eigene Ich. Nachdem er etwas über den Astralleib und Ätherleib ausführt, fährt er fort: 

«Die alle fallen nicht in den Bereich des Erdenbewusstseins, nur das Ich fällt in den Bereich des Erdenbewusstseins. Aber eigentlich ist das nur ein Schein des Ich, denn das wahre Ich kann man nur sehen durch den Rückblick in eine frühere Inkarnation. Das gegenwärtige ist erst das werdende und wird erst eine Realität in der folgenden Inkarnation. Das Ich ist erst das Baby.» (Rudolf Steiner: Heilpädagogischer Kurs. GA 317. Dornach 1979. Seite 183f.) 

Steiner beschreibt sodann eine Imagination, die sogar im ersten Goethenaum an die Decke in der kleinen Kuppel gemalt war. Über sie schrieb ich vor 33 Jahren in einem Aufsatz der Stockholmer Zeitschrift «Antropos», der in der schwedischen Anthro-Szene damals auf geringes Interesse stieß (der Titel würde mit «Der Kampf um das Ich» übersetz werden können). – In der anthroposophischen Geschichte gibt es nun ganz wenige Autoren, die das Ich aus dieser Perspektive der wiederholten Erdenleben betrachtet oder etwas dazu aus Selbsterfahrung beschrieben haben. Bei Herbert Witzenmann, Jørgen Smit und Georg Kühlewind gibt es wohl Ansätze in dieser Richtung, aber ich habe den erst- und den letztgenannten zu wenig gelesen, um erörtern zu können, ob oder wie ihre Darstellungen aus einem bewusstseinserweiterten und übersinnlichen Erleben (Steiner: Geist-Erleben) oder rein philosophisch im Normalbewusstsein begründet waren. Eine auf naturwissenschaftliche Denkweise gestützte Darstellung des Zusammenhangs zwischen Ich und Reinkarnation gibt es bei Max Hoffmeister in seiner prägnanten Schrift «Reinkarnation – Antwort auf das Rätsel des Menschen» (Achberger Verlagsanstalt, 1975), die ich vor 40 Jahren las und damals erfolglos versuchte, ins Norwegische übersetzen zu lassen. 

Heute bin ich der Ansicht, dass Vieles in Steiners Werk nur aus dieser erweiterten Ich-Perspektive nachvollzogen und in seinen Konsequenzen für das Verständnis seiner Anthroposophie charakterisiert werden kann, indem vor allem Selbsterlebtes dargestellt wird. Die Positionierungen, die aus philosophischer und pseudoanthroposophischer (ein Begriff für die verschiedenen anthroposophischen Positionierungen, die Steiner nur Studieren und Wiedergeben) Sicht gemacht werden, führen meistens zu festgefahrenen Stellungen, die längst unfruchtbar geworden sind und selbst die anthroposophische Bewegung in mehrfache Krisen hineingeführt haben. So möchte ich nun versuchen, einen andeutenden Entwurf zu machen davon, worum es nach meiner Ansicht hier geht: 

Im normalen Bewusstsein erleben wir uns meistens gewissermaßen als ein punktuelles Ich im Körper, aus dem wir die Umwelt mit ihren Erscheinungen beobachten und verstehen. In meinen über 20 Jahre lang praktizierten Meditationen wurde nach und nach mein Bewusstsein allmählich anders. Ihre andersartige Rezeptionsart im Geist-Erleben trat manchmal langsam ein oder ich erlebte sie in einem überraschenden Augenblick auf die neue Weise. Diese Mündung zweier oder sogar mehrerer Bewusstseinsarten gleichzeitig ineinander habe ich sogar ein paar Male wie ruckartig erlebt. Ich wurde dann – wie aus einem Minischlaf aufwachend – meines Ichs neu und anders gewahr. In der Meditation wird daher meistens nicht nur von einem Blickwinkel betrachtet oder erlebt. Ich lernte, zu beachten, dass immer auch andere Gesichtspunkte denkbar oder möglich sind, deren Berücksichtigung aber manchmal gerade nicht erfolgen konnte, weil die angelegte Intentionalität des werdenden Ichs bestimmte Erlebnisse hervorrief. 

Einmal als ich in die imaginative Welt eintrat und meine Individualität bildhaft sah und seine sphärische Erhabenheit immer mehr imaginativ-realiter mittendrin erlebte, begriff ich, dass zwölf verschiedene Bildauffassungen meines wahren Ichs gleichzeitig wie in einem Panorama wesenhaft vorhanden waren. Sie wurden außerdem im Laufe der weiteren meditativen Arbeit in ihren unterschiedlichen Qualitäten auffindbar. So wie die Sonne durch die zwölf Sternbilder scheinbar geht und in jedem astronomischen Bild jedoch eine andere Kraft bekommt und von zwölf verschiedenen Standpunkten aus unsere Erde erhellt, habe ich das «wahre Ich» aus zwölf verschiedenen Gesinnungen erkannt. Diese Zwölfheit konnte ich nun mit dem werdenden Ich im vorhandenen physischen Leib im irdischen Jetzt nicht wesenhaft, sondern nur scheinbar integrieren. Nur durch das hinblicken auf 12 frühere Leben im Umkreis des schauenden Ichs, ließ diese Ichkonfiguration sich denken als verbunden mit irdischen Phänomenen. Diese Imagination ist laut Steiner außerdem deckungsgleich mit der Erzählung der Evangelien vom letzten Abendmahl. (Vgl. Rudolf Steiner: Ursprungsimpulse der Geisteswissenschaft. Christliche Esoterik im Lichte neuer Geisterkenntnis. GA 96. Dornach 1974. Seite 292f) Die Frage könnte aufkommen, ob dann nicht jeder Mensch sich von einer solchen und derselben Zwölfheit eines wahren Ichs speist? Dadurch dass ich mit anderen Menschen diesen Übungsweg gegangen bin und ihre Individualitäten in Verbindung zu einigen ihrer früheren Inkarnationen beobachtet habe, konnte ich feststellen, dass es eine Menge weitere wahren Ich-Wesen gibt, die sich alle in einer anderen Zwölfheit sich imaginativ darstellten. 

«Wenn in dem hellseherischen Bewusstsein die Imagination beginnt, wenn aus dem Dunkel des geistigen Daseins die ersten Eindrücke herauftauchen, so sind diese Eindrücke in ihrer Qualität, in ihrer ganzen Wesenheit sehr ähnlich jenem Seeleninhalt, der als Gedächtnisschatz in uns ist. Wie Erinnerungsbilder, aber jetzt doch wiederum wie etwas unendlich viel Geistigeres, treten die Offenbarungen aus der geistigen Welt bei uns auf, wenn wir mit dem hellseherischen Bewusstsein wahrzunehmen beginnen.» (Rudolf Steiner: Inneres Wesen des Menschen und Leben zwischen Tod und neuer Geburt. GA 153. Dornach 1978. Seite 91f.) 

Diese Belegstelle von Steiner zeigt auf der einen Seite wiederum, wie wir uns durch biographische Gedächtnisarbeit eine Ahnung verschaffen können, wie die Qualität des karmischen Rückblicks geartet ist. Auf der anderen Seite jedoch müssen wir eine Aufmerksamkeit bereit haben, dass das Geistige uns auch mit erstmaligen, total neuen Erlebnisqualitäten begegnen wird. Gegenüber dem Erleben mit den physischen Sinnen innerhalb des Leibes hat das Geist-Erleben mit übersinnlichen Organen im Astralleib etwas völlig Fremdartiges. Das, was ich als die gewöhnliche Idee des Seins als meinen geistigen Besitz vormals gedacht habe,  so wie wir die Idee mit dem Normalbewusstsein fixieren, verliert seine ganze Bedeutung. Es gibt im Geistigen nichts Bestehendes wie in der physischen Welt. Im Geistsein ist alles Werden und im Entstehen. Steiner charakterisiert diesen Sachverhalt, der letztlich ein geistiges Gesetz ist, folgendermaßen: 

«Das Einleben in eine geistige Umwelt ist ein Einleben in ein immerwährendes Werden. Dieser Unruhe des Werdens der geistigen Außenwelt steht aber gegenüber das Erleben des Inneren, das sich als ruhendes Bewusstsein innerhalb der nie ruhenden Bewegung, in die es versetzt ist, wahrnimmt. Das erwachte geistige Bewusstsein muss sich in diese Umkehrung des inneren Erlebens gegenüber dem Bewusstsein, das im Leibe lebt, hineinfinden. Dadurch kann es sich ein wirkliches Wissen von einem leibfreien Erleben erringen. Und nur ein solches Wissen kann die Zustände zwischen Tod und neuer Geburt in seinen Bereich aufnehmen.» (Rudolf Steiner: Philosophie und Anthroposophie. GA 35. Dornach 1965. Seite 287.) 

So dürfen die imaginativen Eindrücke, Angelegenheiten und Phänomene, die ich in der Meditation wahrnehme, erlebe und schaue, nie als etwas Fertiges fixiert werden. Die geistigen Tatsachen können auch in anderer Prägung erscheinen, je nach Zeitpunkt und Wesensart des sich Herantastens. Somit sind unsere traditionellen Begriffe und Namen wie «Engel», «Michael», «Christus» usw. nur Ideen-Prothesen, die zum gesunden Erleben des Wesens gegebenenfalls hinführen. Im Geist-Erleben werden womöglich ganz andere Anreden adäquat. Diese Beschaffenheit einer wahren Imagination immer aufs Neue zu beschreiben, sehe ich als eine der schönsten und wichtigsten, aber auch schwierigsten Aufgaben, wenn wir geistige Erfahrungen erhalten und übersinnliche Forschung entwickeln wollen. Deshalb muss ich weiterhin die Offenheit haben, dass dasjenige, was ich bisher erlebt und erforscht habe, sich als völlig belanglos und falsch erweisen könnte. Der Hypothesen-Charakter des Urteilens einzunehmen, hilft, sich nicht festzulegen. Wie diese Haltung der Selbsterkenntnis in den Bewusstseinsarten der Inspiration und der Intuition beibehalten und erweitert wird, vertage ich auf eine künftige Darstelllung. 


Illustration: 
Odilon Redon (1840 – 1916): Schutzgeist des Wassers, 1878. 
Online-Quelle: http://en.wikipedia.org/wiki/Odilon_Redon

Kommentare

  1. "authentisches Geist-Erleben oder nur philosophisch begründet" ???

    Authentisches Philosophieren IST Geist-Erleben, Herr Saether.

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    1. Ja, ich weiß. Die Frage bleibt dann, ob es andere Bewusstseinsarten gibt, die einen Unterschied schafft, zwischen authentisches Philosophieren und andere Zustände des Geist-Erlebens, die mehr als Philosophie in Richtung Anthroposophie hervorbringt. Gäbe es keine Unterschiede hier, wäre Anthroposophie eine Philosophie. Darüber können wir dann diskutieren, weil, wenn es so einfach wäre, wären das viele Herum-Diskutieren in den letzten 100 Jahren als nutzlos gewesen sein.

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    2. Ich erlebe es nicht als ruckartigen Übergang in etwas Anderes, sondern als eine willentliche Einfaltung des Denkens, als bewegliche personale Präsenz, die verbunden ist mit einer Empfindungsqualität, die man vielleicht "inniglich" nennen könnte. Sie gibt eine deutliche Orientierung. Es ist möglich, sich durchaus "philosophisch"- betrachtend zu bewegen- aber so gesättigt, dass mit unterschiedlichen Bezügen und Zusammenhängen gearbeitet werden kann. In dem veränderten Selbst- Bewusstsein ist es möglich, sich in einen quasi- räumlichen Bezug zu stellen, den man "imaginativ" nennen kann- der dann Qualitäten haben kann wie der, den Du schilderst. Man hat dann natürlich nicht das Gefühl, man bringe Gedanken hervor, sondern man stellt sich in sie hinein. aber es ist immer Denken- wenn auch nicht nur selbstbezügliche. Man fühlt sich in einem Denk- Kosmos voller Sinn- Bezüge, die man entdecken kann.

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    3. Die ewigen Missverständnisse und das "sich nicht annähern können" aufgrund der im anthroposophischen Sinne abgeänderten bzw. erweiterten Wortbedeutungen!!!

      Wenn man sich sinnvoll und auf ein gemeinsames Ziel ausgerichtet unterhalten möchte, sollte eben auch eine gemeinsame Sprache verwendet werden.

      Es ist klar, das Begriffe wie "Denken", "Bewusstsein", "Empfindung", "Erleben" usw. im anthroposophischen Sinne eine andere Bedeutung aben als im rein akademischen, lexikalischen oder umgangssprachlichen Kontext.

      Die Fehler der Anthroposophie war es von Anfang an, Verwirrung durch Abänderung von Wortbedeutungen zu schaffen, mit dem Ergebnis einen Dialog zwischen Anthroposophen und Nicht-Anthroposophen zumindest gewaltig zu erschweren.

      Wer Neuland betritt, sollte auch den Mut haben neue Begriffe zu definieren, neue Wörter zu schöpfen und nicht alles Tradierte und Gefestigte in Frage stellen.
      Es sei denn, das wäre das (verborgene) Ziel.

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  2. Nein, Rudolf, das Problem sind nicht die Missverständnisse – das Problem ist der mangelnde Wille, Sie auszuräumen und ihnen auf den Grund zu gehen.
    Die Anthroposophie gibt den Begriffen ihren vollen Inhalt zurück, während sie vorher in vagen, tradierten Vorstellungs-Schemen benutzt wurden und noch immer werden. Zunächst ist anzuerkennen, dass man gewöhnlich überhaupt niemals (bewusst und voll durchdrungen) Begriffe hat, sondern immer nur Worte und damit verbundene Vorstellungen. Dadurch entsteht der „naive Realismus“, auf den Herr Clement mit gewissem Recht hinweist, und zwar schon auf der Begriffsebene: Man hantiert Worte und stellt sich dabei irgendetwas vor, hat auch irgendein Bewusstsein und ein Wahrheitsgefühl dabei – aber alles bleibt ganz im Vagen und im automatischen, nahezu passiven Von-Selbst-Denken.
    „Denken“, „Bewusstsein“, „Empfindung“, „Erleben“ sind Worte, die im eigenen Denken zu Begriffen werden können, wenn man rein erfasst, was mit diesen Worten wirklich ausgesagt wurde – seit ihrer Entstehung in der deutschen Sprache. Worte entsprechen immer einer Wirklichkeit, und sobald man erlebend (und sei es ± unbewusst) zu dieser Wirklichkeit vordringt, hat man auch (und sei es ± unbewusst) den Begriff. Dass sich die Verwendung mancher Worte und dadurch ihr Begriffsinhalt über die Zeiten auch sehr wandelt, ist die Ausnahme, die es zu jeder Regel gibt und auf die ich jetzt weniger eingehe.
    Also nochmals: Das Neuland der Anthroposophie war zunächst, den überkommenen Begriffen wieder ihren lebendigen Gehalt zu geben und Wege zu weisen, wie auch der individuelle Mensch in seinem Denken wieder zu diesem lebendigen realen Gehalt kommen kann, indem nämlich das Denken selbst wiederum etwas Lebendiges und Reales, wirkliche Aktivität wird. Die Selbst-Ergreifung des Denkens in voller Wirklichkeit (nicht wieder als bloße Vorstellung) ist der Schlüssel zur Anthroposophie – aber auch zu jeder Verständigung. Denn im Denken „sind wir das all-eine Wesen, das alles durchdringt“. Da, wo Menschen sich bemühen, sich von Worten und Vorstellungen zu Begriffen zu erheben, da werden Sie immer die Erfahrung machen, einander verstehen zu können – wenn der gute Wille dazu da ist. Dieser lebt aber bereits in dem Bemühen, zu einem wirklichen Denken zu kommen.
    Wenn es nicht Ihr verborgenes Ziel ist, die Anthroposophie bloß herabzusetzen, und wenn auch Sie wirklich das Neuland betreten wollen, um das es der Anthroposophie geht, dann lade ich Sie dazu ein, sich gemeinsam mit allen anderen Menschen darum zu bemühen, diejenige gemeinsame Sprache zu verwenden, die wirklich die allen Menschen gemeinsame ist: die Sprache, die im Erleben der Begriffe urständet. Wenn die erstarrten Vorstellungen wieder das Leben der realen, geistig erfassbaren Begriffe gewinnen, dann weichen alle Verständnisunterschiede einer wachsenden Übereinstimmung des Verstehens. Verabsolutieren Sie daher bitte nicht „akademische“, „lexikalische“ oder „umgangssprachliche“ Kontexte, die alle auf ihre Art feste und abstrakte Traditionen etablieren, sondern suchen Sie die Quelle, aus der alle diese Kontexte herab-geronnen sind.

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    1. Lieber Holger,

      »Die Anthroposophie gibt den Begriffen ihren vollen Inhalt zurück, während sie vorher in vagen, tradierten Vorstellungs-Schemen benutzt wurden und noch immer werden. […] Dass sich die Verwendung mancher Worte und dadurch ihr Begriffsinhalt über die Zeiten auch sehr wandelt, ist die Ausnahme,«
      Nein.
      Die Wandlung des Begriffsinhaltes der Worte über die Zeiten ist die Regel und nicht die Ausnahme.
      Man braucht nur ein Wörterbuch aufzuschlagen und sich anzuschauen, wieviele deutsche Wörter als Übersetzung für ein einziges lateinisches oder altgriechisches genannt werden… oder, wenn man nicht andere, ältere Sprachen heranziehen will, einen Blick ins Grimm’sche Wörterbuch zu tun und den dort dargestellten Stand der Sprachentwicklung mit dem heutigen (oder dem anthroposophischen) Sprachgebrauch zu vergleichen.

      Rudolf Steiner war das sehr deutlich bewußt.
      Ich zitiere aus GA 349 (kursiv von mir):

      »Daß der Mensch sprechen lernt, verwundert die Menschen auch nicht besonders. Es hat einmal eine Zeit auf der Erde gegeben, da konnten alle Menschen noch nicht sprechen. Da gab es eine Art von Gebärdensprache. Dann haben die Menschen das Sprechen gelernt. Aber das ist ja längst vergessen von der Menschheit. […] Darum ist der Streit zwischen den Völkern. Würden die Völker nur einmal darauf kommen, daß sie die Sprache gelernt haben, und die Sprache etwas ist, was die Menschen gelernt haben, dann würden sie nicht so hochmütig in bezug auf die Sprache sein und sich nach Völkergruppen unterscheiden wollen. Die Menschen haben eben ganz vergessen, daß die Sprache aus dem Innern heraus gelernt werden muß.
      Wenn man nun zu der Anthroposophie kommen will, dann muß man, ich möchte sagen, die Sprache wiederum ganz neu lernen. Denn Sie werden sehen, wenn Ihnen irgendeiner der heutigen Gelehrten etwas vorträgt, ja, Donnerwetter, das geht ja wie aus einer Maschine heraus. Beobachten Sie es nur einmal: es geht wie aus der Maschine heraus. Es ist anders, als wenn man Ihnen aus der Geisteswissenschaft, aus der Anthroposophie, etwas vorträgt. Da muß man immerfort nach den Worten suchen, da muß man die Worte innerlich immer neu aufgreifen. Und nachher, wenn man die Worte gebildet hat, dann kriegt man erst recht Angst, daß sie eigentlich nicht das Richtige bezeichnet haben. Es ist bei der Anthroposophie ein ganz anderes Verhältnis zu denjenigen, die einem zuhören, als es sonst bei den heutigen Gelehrten ist. Die heutigen Gelehrten, die kümmern sich nicht mehr um die Sprache. In der Anthroposophie muß man sich immer um die Sprache kümmern.
      Sehen Sie, das ist dasjenige, was in einer besonderen Weise zutage tritt, wenn ich meine Bücher schreibe; dann bin ich in einer fortwährenden, ich möchte sagen, inneren Unruhe, die Sprache richtig zu gestalten, daß die Menschen auch das verstehen können, was geschrieben wird.«


      Rudolf Steiner selbst war also keineswegs davon überzeugt, daß die von ihm verwendeten Begriffe (seien es vorgefundene oder auch neu geprägte) einen unveränderlichen, für alle Zeiten gültigen, verbindlichen und unmißverständlichen Inhalt haben, ganz im Gegenteil.
      Daß er auch noch nach der Veröffentlichung eines Buches bemüht war, die richtigen Worte zu finden, damit »die Menschen auch das verstehen können, was geschrieben wird«, zeigt sich an den (dankenswerterweise in der SKA dokumentierten) Eingriffen, die er in den verschiedenen Neuauflagen vorgenommen hat.

      Ich empfinde das als Auftrag, sich auch weiterhin um die Sprache zu kümmern. Sowohl um Genauigkeit (;-) man könnte auch sagen: Gründlichkeit) beim Lesen als auch darum, »daß die Menschen auch das verstehen können«, was jeweils gesagt oder geschrieben wird.

      Herzlich,
      Ingrid

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    2. Liebe Ingrid, wir sind uns ja ganz einig. Worauf ich gegenüber Rudolf hinweisen wollte, ist, dass es in der Anthroposophie darum geht, sich der Wirklichkeit zuzuwenden – und dass es das Denken ist, was dies vermag, wenn es selbst zu einer Wirklichkeit wird, in innerstem Aktivsein. Es ist eine unwahre Behauptung, dass Steiner den Begriffen „Denken“, „Empfindung“ usw. einen völlig neuen Inhalt gegeben hätte. Er hat ihnen ihren wirklichen Inhalt zurückgegeben – der tradierte Inhalt verhält sich dazu eben wie die Vorstellung zum Begriff. Die Lexika, die Universität, die Umgangssprache weichen von Steiner vor allem da ab, wo sie sich mit der bloßen Vorstellungsebene begnügen. Da kann man alles Mögliche tradieren und etablieren, da beginnt eben das Trennende. Im immer wirklicher werdenden aktiven Denken werden diese Unterschiede überwunden. Man kommt nicht zu „völlig neuen Inhalten“, man kommt zu einem lebendigen Inhalt, der mit jedem geteilt werden kann, dem es nicht nur um „Sprachregelungen“ geht, sondern um ein lebendiges Erleben.

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    3. Lieber Holger,

      ich glaube auch, daß wir uns in so manchem einig sind. Aber eben nicht in allem.

      »Es ist eine unwahre Behauptung, dass Steiner den Begriffen „Denken“, „Empfindung“ usw. einen völlig neuen Inhalt gegeben hätte.«
      Das hat doch aber auch niemand behauptet.
      Rudolf zum Beispiel sagte nur, daß so manche Begriffe »im anthroposophischen Sinne eine andere Bedeutung haben als im rein akademischen, lexikalischen oder umgangssprachlichen Kontext.«
      Würdest Du dem etwa nicht zustimmen?

      Allerdings Deiner Aussage, Steiner habe den Begriffen »ihren wirklichen Inhalt zurückgegeben«, kann ich nicht so ohne weiteres beipflichten.
      Denn allzuleicht könnte man es so verstehen:
      1.) Rudolf Steiner hat nichts Neues hinzugefügt, sondern ausschließlich die Begriffe früherer Zeiten aufgesucht und übernommen (:-) witzigerweise wird gerade der Vorwurf, derartiges zu behaupten, häufig gegenüber Christian Clement erhoben).
      2.) Der „wirkliche“ Inhalt, den Rudolf Steiner diesen Begriffen „zurückgegeben“ hat, ist etwas für alle Zeiten Unveränderliches, es ist daher entweder „verboten“ oder überhaupt unmöglich, daran weiterzuarbeiten.

      Beide Behauptungen halte ich für sehr problematisch – eben weil es auch meiner Ansicht nach in der Anthroposophie darum geht, sich der Wirklichkeit zuzuwenden.

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    4. Lieber Holger,

      wenn aber die Sprache der Anthroposophie von vornherein als diejenige definiert wird, die wirklich für alle Menschen die gemeinsame ist, sind wir wieder am Beginn des perpetuums. Das kann es doch nun wirklich nicht sein, dass man (als Anthroposoph) hergeht und behauptet, meine Sprache, d.h. die anthroposophische, sei die Sprache die alle anderen anzunehmen haben.

      Das erschliesst sich mir einfach nicht, und ich vermute die anderen Diskussionsteilnehmer hier haben auch so ihre Probleme mit dieser Gangart. Also deiner Vorgangsweise, die darin besteht, einfach keinen Millimeter abzurücken und immer wieder von Neuem vorzugeben was die Vorbedingungen für ein Gespräch zu sein haben.

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  3. Bei Steiner gibt es in GA 17 (1913) ein weiteres Kapitel über das ‘wahre Ich‘ in Verhältnis zu Reinkarnation, und über das inspirierende ‘andere Selbst‘ in Zusammenhang mit Karma (vgl. die drei Formen des Ichs in Leitsätze 11-16).

    Ein öffentlicher Vortrag verbindet die 'drei Iche' mit drei Erkenntnisarten:
    …in Wahrheit wirken drei Iche im Menschen zusammen: Das inspirierende, das im Denken lebt, das herübergetragen ist aus der geistigen Welt und aus dem vorhergehenden Erdenleben; das intuitive, das in der gegenwärtigen Leiblichkeit lebt; und das imaginative, das hinübergetragen wird, wie ein Wagen den Insassen trägt, in die geistige Welt, in die eingetreten wird mit dem Durchgehen durch die Pforte des Todes. GA 67 (1918), 351-2

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    1. Diese Begrifflichkeit ist nicht zu verwechseln mit den individuell zu erringenden Qualitäten imaginativ-inspirativ-intuitiv: In dem Zitat ist die Ebene des Geschaffenen gemeint, d.h. die intellektuelle Struktur, das Körperselbst und das, was sich in den Lebensleib einprägt.

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    2. Danke, Ton Majoor, für diese Hinweise! Den letzten Vortragsnachweis kannte ich als Formulierung von Steiner nicht, sinngemäß jedoch aus eigener meditativen Erfahrung.

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    3. Ja, es seien drei unbewusste Erkenntnisarten im Menschenleben. Vgl. Algemeine Menschenkunde, Kap.2 und Grenzen der Naturerkenntnis, Kap.7. Die drei Gebiete auch bei Aristoteles (On Sleep 2, On Youth 2): All perfectly formed animals are to be divided into three parts …, z.B. in: https://ebooks.adelaide.edu.au/a/aristotle/index.html

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  4. Ich konstatiere, dass Niederhausen in seiner Bemühung, eine „klassische“ Deutung der Anthroposophie Steiners bei einigen Kontrahenten gar nichts erreicht, denn es scheint, als ob sie gegen seine Annahme, dass es göttlich-geistige Wesen, göttlich-geistige Wesenheiten, göttlich-geistige Individualitäten in Mehrzahl geben zusätzlich zu Menschenindividualitäten, nicht einverstanden sind. Auch mir kommt es merkwürdig, dass da, wo ich versuche, auf geistige Wahrnehmung, geistiges Erleben bis auf geistige Erkenntnis hinzuweisen, die nach meinem Dafürhalten in einem erweiterten Bewusstsein vorgebracht sind, für jene Kritiker (Hau, Clement, Rudolf) dies nicht interessant, geschweige denn, in der Diskussion um die Lesart von Steiner von Relevanz wäre.
    Etwas scheinbar völlig anderes ist, dass jeder, der mich hier anspricht, einfach mit dem Du, mich mit Jostein, ansprechen darf. Denn als Norweger kenne ich diese mitteleuropäische, adelige Distanzierung ursprünglich nicht (dass das Sie in manchen Kontexten manchmal in Ordnung ist, ist eine andere Sache), und als geistiges Wesen befürworte ich das Du (die „Engel“ kennen das Sie nicht) als direkte Ansprechart, weil nur durch freundschaftliche, herzensgütige (einige würden von Demut, Ehrfurcht, Bestätigung sprechen) Annäherung ist es überhaupt möglich, das Geistige aller Wesenheiten zu erkennen – ebenfalls das Geistige im anderen Menschen.

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