Was war zuerst da - das "Ich" oder der "Engel"? - Rudolf Steiners Geisteswissenschaft im Lichte von Schellings Identitätsphilosophie.


Christian Clement

Auf Vorschlag von Michael Eggert poste ich hiermit einen Kommentar von mir noch einmal als Beitrag. Es begann mit einer Aussage von Holger Niederhausen zu Rudolf Steiners Verständnis von geistigen Wesen:
"Die höheren Wesenheiten sind zunächst gewiss nicht abhängig vom menschlichen „Ich“, denn ihrem Wirken verdankt der Mensch überhaupt erst, dass er ein „Ich“ werden konnte."
Darauf erwiderte ich, dass dies die Ansicht Steiners nur dann korrekt wiedergebe, solange auch die andere Seite der Sache anerkannt werde:
"Das "Ich" ist zunächst gewiss nicht abhängig von geistigen Wesenheiten, denn seiner Tätigkeit verdanken es die physischen, sinnlichen und geistigen Wesen, dass sie da sind und erscheinen können."
Niederhausen erklärte, dass er nicht verstehe, wie beides zugleich sein könne. Daraufhin schrieb ich Folgendes, um zu zeigen, dass man versuchen kann, Steiners geisteswissenschaftliches Verständnis der Hierarchien von Schellings Identitäsphilosophie her zu verstehen:

Die Philosophie (zumindest die idealistische Philosophie, in deren Tradition ja auch Steiner steht) betrachtet die Wirklichkeit vom Ich aus. Da erscheint alles, was dem Ich entgegentritt (die Natur, die geistige Welt, Engel usw.) als im Ich auftretend, vom Ich ausgehend, vom Ich geschaffen.

Die Naturwissenschaft betrachtet die Wirklichkeit von der geschaffenen Natur aus. Da erscheint das Ich und alles, was im Ich auftritt (samt dem Bild der Natur und der Vorstellung von Engeln), natürlich als Ergebnis und Endpunkt einer langen Entwicklung. Das Ich erscheint als von der Natur geschaffen, und der Engel als Schöpfung des von der Natur geschaffenen Ich.

Die Geisteswissenschaft Steiners, wie ich sie verstehe, versucht beide Standpunkte anzuerkennen und in einer höheren Einheit aufzuheben. Das versuchte auch schon Schelling, an den Steiner in vieler Hinsicht anknüpfte.

Schelling weist darauf hin, dass die idealistische Philosophie durchaus recht hat, dass sie aber einseitig ist, weil sie die Wahrheit der Naturwissenschaft nicht anerkennt und davon abstrahiert, dass das die Natur hervorbringende Ich zugleich von der Natur hervorgebracht wird.

Er weist ferner darauf hin, dass die Naturwissenschaft durchaus recht hat, aber einseitig ist, weil sie die Wahrheit der Philosophie nicht anerkennt und davon abstrahiert, dass die das Ich hervorbringende Natur zugleich eine Hervorbringung des Ich ist.

In der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners wird die Wirklichkeit als aus dem Geist hervorgehend vorgestellt. Dabei wird Geist, ganz wie in Schellings Identitätsphilosophie, weder als ein von der Natur abstrahiertes Ich, noch als von dem Ich abstrahierte Natur gedacht. Geist ist da vielmehr die Einheit beider, ist Natur und Ich zugleich bzw. das, worin Natur und Ich gründen.


Für die Geisteswissenschaft ist also das die Natur hervorbringende Ich identisch mit dieser Natur; und die das Ich hervorbringende Natur ist identisch mit diesem Ich. Geist ist nicht bloß Ich, zu dem eine nicht bewusste Natur noch hinzukäme. Geist ist auch nicht bloß unbewusste Natur, zu der ein bewusstes Ich noch hinzukäme. Geist ist das, was sich im Laufe seiner Entwicklung in eine Ich-hervorbringende Natur und ein Naturhervorbingendes Ich auseinanderlegt, aber immer beides zugleich ist.

Identitätsphilosophie nach Schelling versucht, die einseitigen Standpunkte der Philosophie und der Naturwissenschaft stets im Blick zu haben und beide zu vereinigen.

Soweit die Sache betrachtet, wie sie sich in Anknüpfung an Schelling darstellt. Bei Steiner kommen nun zu den Wahrnehmungen der sinnlichen Phänomene noch die Wahrnehmungen der übersinnlichen Phänomene hinzu. Diese müssten also ebenso mit dem Standpunkt der Ich-Philosophie vereinigt werden, wie die Phänomene der Natur.

Während Schelling nur die Wissenschaft des Ich und die Wissenschaft der sinnliche Natur vereinigen musste, muss Steiner die Wissenschaft des Ich, die der sinnlichen Natur und die der übersinnlichen Natur zusammenbringen.

Bezogen auf den "Engel" und auf die gesamte Schar der geistigen Wesen, von denen Steiner spricht, könnte also im Sinne dieser Konzeption vielleicht wie folgt gesprochen werden:


Aus der Perspektive der Ich-Philosophie erscheint der Engel (und die gesamten Hierarchien), wie alles, was dem Ich bewusst werden kann, als Hervorbringung des Ich. Aus der Perspektive der spirituellen Kosmologie (Wie in der "Geheimwissenschaft" vorgetragen) erscheint das Ich (wie auch alles andere in dieser Welt) als Hervorbringung der Arbeit der Hierarchien. 


Eine Geisteswissenschaft, welche die "Philosophie der Freiheit" und die "Geheimwissenschaft" gleichermaßen ernstnimmt, müsste somit beide Perspektiven zusammenzudenken versuchen, also das "Ich" als ein von den Hierarchien hervorgebrachtes, zugleich aber die Hierarchien als vom Ich hervorgebrachte denken - und diese beiden Perspektiven mit der weiteren, dass nämlich sowohl das von den Hierarchien hervorgebrachte Ich als auch die aus dem Ich hervorgehenden Hierarchien von der Natur hervorgebracht werden.

Kommentare

  1. Sehr schön!
    Steiner "löst" das Problem ja u.a. dahingehend, dass er den Menschen zum einen als Wesen beschreibt, das "unterhalb" der neun Hierarchien steht; zum anderen aber eben diesen Menschen - wenn auch in zukünftiger Gestalt - als zehnte Hierarchie einführt.

    Wenn ich mich diesbezüglich mal eben selbst zitieren darf:

    „[Dem Menschen] ist die Aufgabe gestellt, zunächst mit neun über ihm liegenden Hierarchien fertig zu werden – sie sich im wahrsten Sinne des Wortes “einzuverleiben” – und so allmählich aus seiner misslichen Lage im Kellergeschoss des Bewusstseins der Quelle des Lichtes entgegenzustrampeln. (…)

    Die zehnte Hierarchie, der Konstrukteur des Mobiliars der aus unserer menschlichen Perspektive ‚höher’ anmutenden Welten ist genau derselbe, der 1894 erklärte, dass der Mensch aufgrund seiner Konstitution nur getrennt erfassen könne, was in Wahrheit eine Einheit bildet – eine Erkenntnis, die per definitionem einem Menschen gar nicht möglich ist! Es ist derjenige, der 1904 in einem Werk namens ‚Theosophie’, wiederum über den Menschen – diesmal allerdings über den zukünftigen in der Rolle des erfolgreichen ‚Geistesschülers’ – sagte: ‚Das Licht der Erkenntnis leuchtet ihm nunmehr nicht von außen entgegen, sondern er wird selbst in den Quellpunkt dieses Lichtes versetzt. … Er redet fortan nicht mehr mit den Dingen, die durch den Geist gestaltet sind, sondern mit dem gestaltenden Geiste selbst.’ Und es ist der, der fünf Jahre später bei einem Vortrag in Düsseldorf über sein Vorgehen bei der Schöpfung der Welt äußerte: ‚Es muss ja im Innern des Saturn alles so angeordnet werden, dass drinnen alles dem entspricht, was draußen ist.’
    Äußerlich kennen wir ihn als Mitmenschen, im schwarzen Gehrock und unter dem Namen Rudolf Steiner; innerlich haben wir es mit einem ganzen weitverzweigten, selbstbewussten Kosmos zu tun, als dessen Elemente wir uns – inmitten von anderen Menschen, merkwürdigen Planeten, irrwitzigen Undinen, bizarren lemurischen Eidechsen und den spaßigen zwei Jesusknaben – vorläufig vorfinden. Steiners Innenwelt ist die uns umgebende Außenwelt, wenn wir uns auf Anthroposophie einlassen.“

    (Aus: Grauer, Chr., Hau, F., Kühn, Chr., Martins, A.: "Endstation Dornach - Das sechste Evangelium". Rinteln, 2011, S. 95f.)

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  2. Lieber Herr Clement, da nun nochmals ein eigener Post eröffnet wurde, wiederhole ich auch hier noch einmal meinen Kommentar und meine Frage:
    Hat es Methode, dass Sie den entscheidenden Fragen ausweichen? „Geisteswissenschaft müsste...“, eine interessante Formulierung. Wenn es denn wahr wäre, was Sie sagen: „Aus der Perspektive des Ich erscheint der Engel...“. So ist es aber nicht – und das könnten Sie bei Steiner selbst finden, wenn Sie es denn wollten. Wenn das Ich erkennend in die geistige Welt eintritt, schaut es, indem es angeschaut wird. Hier noch von Konstruktion und Hervorbringung zu sprechen, ist sinnlos und sinn-entstellend.
    Rudolf Steiner schildert, nicht als „geisteswissenschaftliche Konzeption“, sondern als reale Geistesschau, genau das Umgekehrte: Das unsterbliche (!) Menschenwesen ist von den höheren Geistwesen abhängig und wird von ihnen getragen.
    Nehmen Sie bitte dazu Stellung – nicht durch Verweis auf das Anknüpfen Steiners an Fichte/Schelling, sondern unter Bezug auf Steiner selbst.
    Oder können Sie nur Bezug auf das Alte Testament nehmen und Rudolf Steiners Sprechen von höheren Wesenheiten mit der wunderbaren Brotvermehrung vergleichen?

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  3. Guckstdu oben, Herr Niederhausen. Da findest du mehrere Verweise auf Steiner selbst.

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  4. Sie habe ich nicht gefragt. Oben finde ich den Verweis auf die „Geheimwissenschaft“, die dem entspricht, worauf ich hinweisen möchte – wie auch Peter Staudenmeier und andere – und dann bloß wiederum einen Verweis auf die Ich-Philosophie, die Steiner zwar als Versuch in eine richtige Richtung (nämlich die geistige Welt) bezeichnete – und wer wollte das abstreiten –, zugleich aber auch kritisierte. Wie das Erleben in der geistigen Welt sich wirklich gestaltet und was sich dem Geistesforscher ergibt, davon konnte die Ich-Philosophie nichts wissen. Deswegen werde ich nicht müde zu wiederholen: „Aus der Perspektive des Ich (oder der Ich-Philosophie)...“, das ist bloße Fortsetzung von etwas, was abstrakt in Richtung Steiner weitergedacht wird – aber es stimmt nicht. Das Ich des Geistesforschers ist in der Lage, nicht „seine“ Perspektive einzunehmen, sondern die richtige Perspektive zu erleben, sprich: die Wirklichkeit.

    Lesen wir noch einmal nach bei dem von Herrn Eggert so geschätzten Georg Kühlewind:
    Bei den Engelwesen ist nur ein Atemzug: Sie sind Gottes Atem – ein Ausatmen –, und dieser Atem weht durch sie und wird moduliert durch das Individuelle in ihnen, das selbst auch Gottes Atem ist. [...] In der geistigen Welt, zwischen Tod und neuer Geburt ist der Mensch gewissermaßen wie die Engelwesen. Da ist ein anderes Atmen wirksam, wenn auch das Sich-Lösen vom Körper und das Sichvorbereiten in die nächste Inkarnation das beschriebene eintaktige Atmen modifizieren [...].
    Kühlewind, Die Erneuerung des Heiligen Geistes, S. 89f.

    Ein Engelwesen wird nicht glauben, es konstruiere Gott – sondern es lässt Gottes Atem durch sich hindurchwehen. Aus Gottes Perspektive ist der Engel Gottes Atem – und aus der Perspektive des Engels ist er, der Engel, dies auch. Die Ich-Philosophie hat zwei Möglichkeiten: Sie kann entweder größenwahnsinnig werden oder aber versuchen, in voller Freiheit und Bewusstheit zu dem aufzusteigen, was die Engel und die höheren hierarchischen Wesen tun.

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  5. Guck doch einfach mal den ersten Kommentar hier an, Herr Niederhausen. Kann doch nicht so schwer sein.

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  6. Lieber Herr Niederhausen, macht es Sie nicht stutzig, dass Sie sich jetzt schon mehrfach ausgerechnet auf Peter Staudenmaier berufen mussten, um jemanden zu finden, der Ihre naiv-realistische Weise der Steinerdeutung teilt?

    Sie sehen offenbar einfach nicht, was anderen hier ganz deutlich vor Augen steht: dass Steiner auf mehreren Ebenen spricht, mal eigentlicher, mal uneigentlicher. Und dass das Reden vom "Engel" ganz offensichtlich uneigentlich gemeint ist. Der Engel ist ein Bild aus der jüdisch-christlichen Mythologie, dessen sich Steiner bedient hat, damit schlichtere (zumindest christliche) Gemüter sich zumindest etwas bei seinen Worten denken können.

    Es ist ja völlig in Ordnung, in solchen Bildern zu reden, man kann damit viel erreichen, nur sollte man sich, zumindest wenn man Steinerforschung betreibt, dessen bewusst sein.

    Sie sind offenbar auch nicht in der Lage, einen dialektischen Widerspruch als solchen zu denken, sondern fordern penetrant nach Auflösung. "Schafft nun der Engel das Ich, oder das Ich den Engel?" So fragt das naive unbewegliche Entweder-Oder-Denken; die Philosophen haben das schon lange hinter sich gelassen. Sie anscheinend nicht, und deshalb verstehen sie nicht, wovon wir hier eigentlich reden. Ist ja in Ordnung, die wenigsten können das, nur schieben Sie mir nicht die Schuld dafür zu. Ich kann nicht dafür, dass Steiner aus dem deutschen Idealismus hervorging.

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  7. Oha, Herr Clement – jetzt sind Sie aber Oberlehrer und Moralapostel in einem! Sagen Sie mal, wovon reden wir hier eigentlich? Es ist ja völlig in Ordnung, dass Sie nicht an Bildern aus der jüdisch-christlichen Mythologie haften wollen. Nur, wenn Sie das nicht tun, dann reden Sie doch bitte einmal Klartext – sprich: ohne Bilder. Wer oder was ist das Ich? Wer oder was ist das, was Steiner „Engel“ nennt? Wer konstruiert wen oder was? Und was ist damit ganz genau gemeint? Vielleicht können Ihnen ja alle folgen – wenn Sie denn endlich einmal aussprechen würden, was genau Sie sagen wollen.
    Insofern Steiner sich des Wortes „Engel“ bediente, hat er nie gesagt und geschrieben, dass das, was er mit dem „Ich“ bezeichnete, das Erstere konstruieren würde. Wenn Sie nun die Worte und die damit zusammenhängenden Bilder weglassen wollen – bitte schön. Dennoch müssen Sie ja nachweisen, was Steiner meinte, also auch sagte und schrieb – zumindest, wenn Sie bei Steiner bleiben wollen und nicht einfach zurück zum deutschen Idealismus springen. Bisher höre und lese ich immer nur Ihre Thesen – aber keine wirklichen Belege. Ob mit oder ohne jüdisch-christliche Mythologie/Bildsprache – ich warte auf Ihre Antworten.
    Wenn irgendjemand hier im Blog Ihnen ganz genau folgen konnte – und zwar mit völlig klarem Bezug zu Steiner –, kann er sich ja äußern. Ansonsten halte ich es nicht gerade für wissenschaftlich-kritisch, sich hinter einem „Wir“ zu verstecken und mich isoliert in eine Ecke zu stellen. Damit schaffen Sie nur neue Bilder, die auf ihre Weise vielleicht eine Wirklichkeit konstruieren und schaffen, aber nur, wenn man Ihnen naiv genug zuhört und gläubig folgt.
    Tun Sie nicht so, als sei man schon deshalb naiv, weil man die Worte „Engel“ usw., genau wie Steiner, verwendet, sondern gehen Sie auf die Fragen ein, die gestellt worden sind.

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  8. Nein, lieber Herr Niederhausen. Meine Bemerkungen waren weder moralisch noch belehrend. Ich habe Ihnen einfach nur offen gesagt, dass ich den Eindruck habe, dass Sie nicht dialektisch denken können. Vielleicht liege ich ja falsch; dann belehren Sie mich durch Taten eines Besseren.

    Was ich vom Ich denke, schreib ich Ihnen gern. Aber jetzt mach ich erstmal meiner lieben Frau was zu essen, und dann antworte ich. Sie können erstmal eine Mütze voll Schlaf nehmen und es dann morgen zum Frühstück lesen. Einverstanden? Gute Nacht.

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  9. Lieber Herr Clement, ich bin gespannt auf morgen. Dialektisch denken ist relativ leicht. Ob man sich mit jedem dialektischen Denken aber noch in der Wirklichkeit befindet und insbesondere auch in Übereinstimmung mit Rudolf Steiner, das ist die entscheidende Frage, die hier an einem sehr konkreten Beispiel gestellt ist. Ich folge Ihnen nicht in allem, bloß weil Sie dialektisch denken. Ich will sehen, dass Sie belegen können, wie Sie damit Steiner deuten. Gute Nacht.

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  10. Engel und Ich (I/II)

    Guten Morgen, lieber Herr Niederhausen, anbei einige Gedanken über das "Ich" und den "Engel" und wie Steiner sich desen Verhältnis meiner Meinung nach gedacht hat. Damit wir ganz orthodox bleiben, zunächst ein Zitat aus SKA 5 (Die Mystik):

    "Ich lebe also ein Doppelleben: das Leben eines Dinges unter anderen Dingen, das innerhalb seiner Körperlichkeit lebt und durch seine Organe das wahrnimmt, was ausser dieser Körperlichkeit liegt; und über diesem Leben ein höheres, das kein solches Innen und Aussen kennt, das überspannend über die Aussen|welt und über sich selbst sich dehnt. Ich werde also sagen müssen: einmal bin ich Individuum, beschränktes Ich; das andere Mal bin ich allgemeines, universelles Ich."

    Nach Steiner muss also das "Ich", ganz wie er es bei Fichte kennengelernt hat, einerseits als individuelles Wesen unter anderen Wesen (als individuelles Selbstbewusstsein, welches sich selbst erschafft, indem es sich wahrnimmt bzw. umgekehrt) und zugleich als universelles Wesen gedacht werden. Ganz dialektisch also.

    "Wesen" ist eigentlich schon ungenau ausgedrückt. Ebenso Steiners Formulierung "Ding" unter andern Dingen. Denn das Ich ist für Steiner reine Tätigkeit. Sich ein "Ich-Wesen", gar einen "Wesenskern" zu denken, an dem Tätigkeit bloß vorkommt (der somit auch nicht tätig sein könnte), ist schon ein Bild, welches den reinen Begriff des "Ich" verwässert. Das Ich IST (bei Steiner wie bei Fichte) reine Tätigkeit und nichts als Tätigkeit; nicht etwa ein "Ding", ein "Etwas" welches tätig wäre. Der Begriff des "Ich" bei Steiner verwehrt sich gegen jegliche Verdinglichung, darum ist er ein so schöner Ausgangspunkt für das lebendige Philosophieren. Das individuelle "Ich" ist somit nicht zu verwechseln mit "Seele", "Persönlichkeit" etc. etc.. Es ist nichts anderes als das, was es tut.

    So verstehe ich Steiners Begriff vom "individuellen Ich"; Zitate werden Sie mir ersparen, schlagen Sie einfach "Wahrheit und Wissenschaft" auf jeder beliebigen Seite auf.

    (Fortsetzung folgt.)

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  11. Engel und Ich (II/II)

    Nun zur universellen Seinsweise des "Ich". "Universell" müssen wir schon, wie ich meine, ganz ernst nehmen; universell heißt: nicht bloß nur ein "höheres" "geistigeres" Individual-Ich über dem individuellen Ich-Bewusstsein, etwa ein "höheres Selbst" unter anderen "höheren Selbsten". Wenn es ein "universelles" Ich gibt, kann es nur ein einziges geben. (Müssen wir auch nicht nachweisen, oder? Ergibt sich logisch aus dem Begriff "universell", und aus der Formulierung "es kennt kein Innen und Aussen". Andere "universelle Iche" müssten ja außerhalb gedacht werden.).

    Wenn somit diese zweite Seinsweise des "Ich" universell ist und zugleich, wie ebenfalls im Begriff des "Ich" liegt", reine Tätigkeit ist, so folgt: Das universelle Ich ist die universelle Tätigkeit, d. h. der "Gott" der Religionen, der "unbewegte Beweger", das "Absolute" der Philosophen, der "logos" des NT, der "am Anfang war" und "aus dem alle Dinge hervorgehen". Alle Welten, alle Individual-Iche, alle Engel usw. usw.

    Soweit Steiner. Das "Ich" ist Individual-Ich (also, per definitionem, Ergebnis der natürlichen Weltentwicklung ) und zugleich Universal-Ich (also, per definitionem, Ursprung, Grund und Medium der natürlichen Weltentwicklung). Man halte fest: nicht zwei "Iche", ein individuelles und ein universelles (also hinweg mit dem alten Bild von der "Seele" und von "Gott")! Sondern ein "Ich", welches zugleich beides ist, Vater und Sohn, universell und individuell. Bzw., genauer: ein universelles "Ich" welches, insofern es Individual-Ich ist, sich als in Individual-Ich und universelles Ich getrennt erscheint.

    Im mythischen Bild: Gott der "Vater" (Universal-Ich) und der "Menschensohn" (Individual-Ich) sind eins.

    Da kommt das Entweder-Oder-Denken natürlich nicht mehr hinter her; den Gedanken muss man, um ihn wirklich zu denken, dialektisch erfassen.

    Vor diesem Hintergrund kann ich jetzt meine These noch einmal formulieren: DAS ICH (insofern es Individual-Ich ist) WIRD VOM ENGEL HERVORGEBRACHT. (Genauer: vom Universal-Ich, wobei das Bild des "Engels" Verbildlichung für einen gewissen Aspekt der universellen Schöpfungstätigkeit ist.) Und zugleich: DER ENGEL WIRD VON ICH (insofern es universelles "Ich" ist) HERVORBEGRACHT.

    Ausserdem wird, gewissermaßen als mikrokosmisches Bild dieses makrokosmischen Vorgangs, auch der Begriff des "Engels" von der Denktätigkeit des individuellen "Ich" hervorgebracht.)

    Soweit erstmal. Können Sie soweit mit mir mitgehen?

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    1. Es ist interessant Steiners Erklärungsart in seiner Autobiographie mit den Begründungen Clements zu vergleichen, bei der Steiner seine Denkweise anhand Goethes Urpflanze-Idee schildert, nachdem er zurückgekehrt war von Rostock und der eindrücklichen Promotionsbegegnung mit dem Platoniker H. von Stein.

      „Wie lebte Plato in der Ideenwelt, und wie Goethe? Das beschäftigte mich, wenn ich die Gänge von und zum Archiv machte; es beschäftigte mich auch, wenn ich über den Papieren des Goethenachlasses saß.
      Diese Frage war im Hintergrunde, als ich anfangs 1891 meine Eindrücke von Goethes Naturerkenntnis (in dem Aufsatze «Über den Gewinn unserer Anschauungen von Goethes naturwissenschaftlichen Arbeiten durch die Publikationen des Goethe-Archivs» im 12. Band des Goethe-Jahrbuches› in Worten aussprach wie diesen: «Es ist für die Mehrzahl der Menschen unmöglich, sich vorzustellen, dass etwas, zu dessen Erscheinung durchaus subjektive Bedingungen notwendig sind, doch eine objektive Bedeutung und Wesenheit haben kann. Und gerade von dieser letzteren Art ist die ‹Urpflanze›. Sie ist das objektiv in allen Pflanzen enthaltene Wesentliche derselben; wenn sie aber erscheinendes Dasein gewinnen soll, so muss sie der Geist des Menschen frei konstruieren.» Oder diesen: Eine rechte Erkenntnis der Goetheschen Denkungsart «liefert nun auch die Möglichkeit, darüber zu entscheiden, ob es der Auffassung Goethes gemäß ist, die Urpflanze oder das Urtier mit irgendeiner zu einer bestimmten Zeit vorgekommenen oder noch vorkommenden sinnlich-realen organischen Form zu identifizieren. Darauf kann nur mit einem entschiedenen ‹Nein› geantwortet werden. Die ‹Urpflanze› ist in jeder Pflanze enthalten, kann durch die konstruktive Kraft des Geistes aus der Pflanzenwelt gewonnen werden, aber keine einzelne, individuelle Form darf als typisch angesprochen werden.»“
      Rudolf Steiner: Mein Lebensgang. Seite 202f.

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    2. Das folgende Zitat Steiners aus Wahrheit und Wissenschaft zur Anfangsbegründungen der Steinerschen Erkenntnistheorie mutet eine platonische Haltung (womöglich an Heinrich von Stein angelehnt) an, indem der Weltinhalt als etwas Gegebenes anzunehmen ist. Insofern scheint es einige Postulierungen von Niederhausen zu unterstützen. (Bei späteren Formulierungen taucht jedoch eine andere Annäherung an den Welteninhalt auf, die das Umgekehrte zeigt.)

      „Alle Schwierigkeit in dem Begreifen des Erkennens liegt darinnen, dass wir den Weltinhalt nicht aus uns selbst hervorbringen. Würden wir das, so gäbe es überhaupt kein Erkennen. Eine Frage für mich kann durch ein Ding nur entstehen, wenn es mir «gegeben» wird. Was ich hervorbringe, dem erteile ich seine Bestimmungen; ich brauche also nach ihrer Berechtigung nicht erst zu fragen.
      Dies ist der zweite Punkt unserer Erkenntnistheorie. Er besteht in dem Postulat: es muss im Gebiete des Gegebenen etwas liegen, wo unsere Tätigkeit nicht im Leeren schwebt, wo der In-halt der Welt selbst in diese Tätigkeit eingeht.“
      Rudolf Steiner: Wahrheit und Wissenschaft. Seite 32.

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    3. »Alle Schwierigkeit in dem Begreifen des Erkennens liegt darinnen, dass wir den Weltinhalt nicht aus uns selbst hervorbringen.«
      Aber hier geht es um das (bewußte) Erkennen, nicht um das (sowohl bewußte als auch unbewußte) Sein.
      Spricht Steiner also hier nicht, wenn er „uns selbst“ sagt, vom Ich-Bewußtsein?

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    4. Steiner frägt in Wahrheit und Wissenschaft:
      „Wo finden wir irgend etwas in dem Weltbilde, das nicht bloß ein Gegebenes, sondern das nur insofern gegeben ist, als es zugleich ein im Erkenntnisakte Hervorgebrachtes ist?“ (Seite 33)
      Er antwortet später u. a..:
      „Alles andere in unserem Weltbilde trägt eben einen solchen Charakter, dass es gegeben werden muss, wenn wir es erleben wollen, nur bei Begriffen und Ideen tritt noch das Umgekehrte ein: wir müssen sie hervorbringen, wenn wir sie erleben wollen.“ (Seite 34)
      Hier scheint mir ein grundlegender Aspekt ruhen, wenn wir anhand Rudolf Steiners Ideen und Inhalte der geistigen Welt diskutieren wie z. B. das Thema „Engel“: Genau darzulegen, ob und wann es um Ideeninhalte anderer Menschen (auch Steiners) gehen und wann es um das selbst Erkannte geht, ist eine Erkenntnisforderung, die selbstverständlich nicht als von außen aufgelegt werden kann. So sehe ich, wie ich es dauernd versucht habe, anzumerken, dass es nur bis hin zu Irrtümern, Missverständnissen und Sackgassen führt, Steiners Denkweise nur von außen zu diskutieren, ohne sein eigenes Erkennen im inneren zu schildern.

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  12. "Der Engel ist ein Bild aus der jüdisch-christlichen Mythologie, dessen sich Steiner bedient hat, damit schlichtere (zumindest christliche) Gemüter sich zumindest etwas bei seinen Worten denken können"

    Der Engel ist u.a. auch Gegenstand von eher anspruchsvollen gedanklichen Auseinandersetzungen innerhalb der christlichen Esoterik: Das wechselseitige Auifeinanderbezogensein von Engel und Mensch findet man etwa bei Johannes Scotus Eriugena, auf den sich Steiner m.E. allerdings kaum bezieht; das tut er vielmehr jedoch ausführlicher (immer wieder in seinem Gesamtwerk verstreut) mit Dionysius Areopagita, dem eigentlichen Schöpfer der Lehre von den Hierarchien.

    Bei Thomas von Aquin und Albertus Magnus gibt es Aussagen über die Engel-Mensch Beziehung und natürlich auch bei Meister Eckhart: "Der Engel erkennt in einem Lichte, das über der Zeit und ewig ist. Darum erkennt er in einem ewigen Nun. Der Mensch aber erkennt in einem Nun der Zeit" (Predigt 77).

    Es sind m.E. nicht immer nur die "schlichteren Gemüter" gewesen, die über Wesen und Sein der Engel philosophiert haben; Steiner bezieht sich in seiner Lehre (u.a. in Abgrenzung zur Theosophie) eben auch auf die Tiefe der traditionellen christlichen Esoterik.

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    1. Völlig richtig, Rainer. Das was, in der Hitze des Gefechts, zu einseitig von mir formuliert. Aber selbst die erwähnten Autoren sprechen ja zu Christen in christlichen Bildern. So wie Steiner zu Theosophen, die auch Christen sein bzw. Erklärungen der christlichen Traditionen haben wollten. Mir ging es darum dass Anthroposophie, wenn sie zu einer Wissenschaft des Geistes werden will, sich aus dieser Bezogenheit auf die jüdisch-christliche Tradition lösen müsste und universell anwendbare, gesamtmenscheitliche Bilder und Metaphern finden müsste. Im Grunde ist ja alles Sprechen uneigentlich, aber man müsste ein solches uneigentliches Sprechen finden, das weniger auf das traditionell Christliche Bezug nimmt ist. -

      Aber wie auch immer, ich meinte nur, speziell gegenüber Herrn Niederhausen, die Uneigentlichkeit des esoterischen Sprechens herausstellen zu müssen, und dabei habe ich der abendländischen Hierarchologie in der Tat Unrecht getan.

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  13. Mit seinem Rubrik wird es ja klar, was Christian Clement – jedenfalls in dieser Aufstellung seiner Thesen – tut: Er versucht oder will, sich die Geisteswissenschaft Rudolf Steiners im Lichte von Schellings Identitätsphilosophie anschauen. Geht das? Ist es angebracht? So wurde seit Platon und Aristoteles und wird in der Philosophie heute noch gearbeitet.
    Was versucht Niederhausen? Er versucht die Geisteswissenschaft Rudolf Steiners im Lichte von Steiners Identitätsphilosophie anschauen. Geht das? Ist es angebracht? So wurde seit Steiners Tod und wird in der Anthroposophie heute noch gearbeitet. Man kann so weiter arbeiten und wird immer dann zu unterschiedlichen Aussagen und Deutungen kommen, beruhend mit welchem Licht angeschaut wird.
    Die spannende und für mich einzige fortführende Fortsetzung, um weitere Positionsbefestigungen ausschließen zu können, wäre jedoch, dass die Teilnehmer und Interessenten sich dem eigenen individuellen Licht benutzen, ihre selbsterlebte Ich-Betätigung in ihrem Bewusstsein und Erkenntnissprozess darlegten.
    Danach sich Steiner anzunehmen, würde zu ganz interessanten Ergebnissen führen, statt dieses katzenhaften Herumschleichen um den hießen Brei, um ein banales Bild zu benutzen.

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    1. "Was versucht Niederhausen? Er versucht die Geisteswissenschaft Rudolf Steiners im Lichte von Steiners Identitätsphilosophie anschauen."

      Das ist eben leider nicht der Fall. Herr Niederhausen schaut - wie so viele andere - Steiners Identitätsphilosophie im Lichte einer später von Steiner entwickelten religiösen Überformung ihrer selbst an. Und dieses Licht ist stark gedimmt; es ist eher Stimmungsbeleuchtung als Leselampe.

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    2. Irrtum, Herr Hau. Sie unterstellen vor dem Hintergrund Ihres Verständnisses eine „religiöse Überformung“, und das, obwohl Steiner sich, und das wissen Sie, zeitlebens gegen alles In-Verbindung-Bringen von Religion und Anthroposophie verwahrt hat. Alles Reden von „religiöser Überformung“, aus welcher Richtung es auch kommen mag, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es Ihre eigenen Thesen sind, die Sie da vertreten und in die Welt setzen. Steiner hat nicht „religiös überformt“.
      Sie sind es, die die Anthroposophie herunterdimmen wollen auf alles, was bleibt, wenn die angebliche „religiöse Überformung“ wegfällt. Lesen Sie in meiner Widerlegung Clements einmal, was da bleibt. Und fragen Sie sich einmal, warum Rudolf Steiner sich die Mühe gemacht haben sollte, zwanzig Lebensjahre demjenigen zu opfern, was er überhaupt erst „Anthroposophie“ nannte und was Sie bloß „religiöse Überformung“ nennen.

      Laut Clement ist Rudolf Steiner „noch nicht lange genug tot“ – laut Ihnen hat er offenbar viel zu lange gelebt! Das ist, auf den Punkt gebracht, die Aussage, die Menschen wie Sie zu verbreiten suchen.

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    3. „...im Lichte einer später von Steiner entwickelten religiösen Überformung...“ Darüber lässt sich sicher noch weitere 100 Jahren diskutieren; wird aber eine uninteressante Diskussion sein, weil sie wahrscheinlich nichts Neues liefern wird. Ein Gespräch darüber, ob es zur „Überformung“ ins Religiöse noch auch Überhöhungen, Überschreitungen, Übersteigerungen usw. des Selbst gibt, die das Religiöse überwindet zugunsten eines wissenschaftlichen Erweis des Geistigen, finde ich interessanter, zu führen.

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    4. Lieber Herr Saether, das Problem ist, dass Menschen wie Herr Hau auch jedes Erleben des Geistigen als „religiöse Überformung“ bezeichnen werden, sobald es vor dem Hintergrund ihrer eigenen Thesen und ihres eigenen Verständnisses in diesen Bereich kommt. Oder denken Sie, dass das, was Steiner widerfährt, Ihnen nicht widerfahren würde? Hat Steiner nicht, von Anfang an und bis 1925, das Religiöse überwunden und einen „wissenschaftlichen Erweis des Geistigen“ gebracht? Oder wollen Sie, wie Clement, alles auf das „Ich“ reduzieren? Dann wäre der „Erweis des Geistigen“ allerdings nichts anderes als eine „Übersteigerung des Selbst“. Bei Rudolf Steiner ist es gerade dazu nicht gekommen. Es gibt nicht nur das menschliche Selbst (sei es individuell, sei es „universell“). Sobald Sie dies aber versuchen, zu beschreiben, werden Sie von Menschen wie Hau und Clement entweder in die dogmatische oder die religiöse Ecke gestellt. Machen Sie weiter die Probe aufs Exempel!

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    5. Herr Niederhausen, allein schon Ihre Behauptung, Steiner habe der Anthroposophie 20 Lebensjahre "geopfert" – die damit ausgedrückte Leidensglorifizierung, die gruselig-ernste Empfängnisgeste, mit der Sie sich der schillernden Persönlichkeit Steiners nähern, die Phantasielosigkeit, die Sie, voll im Rausch christlicher Offenbarung, in der Anthroposophie offenbar eine Art „Gottesgeschenk“ erblicken lässt, das ein Eingeweihter unter Verzicht auf sein persönliches Glück den Himmeln abgetrotzt hat – lässt so tief in Ihr religiöses Anthroposophenherz blicken, dass die Sinnlosigkeit jeder weiteren Debatte quasi mit Händen zu greifen ist. Das schreckt mich aber nicht; ich bin’s gewohnt.

      Steiner war einer derjenigen "Begriffskünstler", als die er Philosophen einst beschrieb. Er schöpfte Energie aus unermüdlicher Tätigkeit, die auf ein massives Sendungsbewusstsein traf. "Nichts zu thun zu wissen", schrieb er in dem berühmten Fragebogen, sei für ihn das größte Unglück. „Welcher Beruf scheint dir der beste?“, fragt der Bogen – „Jeder bei dem man vor Energie zu Grunde gehen kann“ antwortet Steiner, der noch nach seiner Berufung sucht.
      Und er war Priester. Ein Priester, der den Menschen kündete und deren kleinem Leben durch die phantasievolle Einbettung in evolutionswichtige Kontexte Bedeutung gab.

      Freilich hat er auch das – seine Triebfedern – später religiös überformt. Aber so sehr Schaf kann man doch gar nicht sein, dass man das nicht erkennt; dass man in der Folge aus der Anthroposophie eine Offenbarungsreligion macht; dass man das „Denken im Dienste der Weltauffassung“ als Befehlsempfang der „Hierarchien“ missinterpretiert; und dass man diesen umtriebigen, illustren, humorvollen, originellen und schaffenden Geist, diesen einzelnen und einzigartigen Menschen Rudolf Steiner als einen asketischen Verkünder letzter Wahrheiten, als ein Werkzeug höherer Mächte interpretiert. Das ist eine Vergewaltigung!

      Die Anthroposophie ist beides: eine gigantische Sinngebungsveranstaltung für Menschen, die sich und ihrem Leben nicht selbst Sinn geben können und das detailverliebte Lebenswerk eines schöpferischen Geistes, der um des Schaffens Willen schuf – und dabei seine Art von Glück gefunden haben mag.

      Soweit zur Frage, „Warum Anthroposophie – und nicht weiterhin Philosophie? Soweit zu Steiner als Mensch und zur anthroposophischen Form als Ausdruck.

      Und dann gibt es noch Motive. Über die zu sprechen hat aber im Grunde erst dann Sinn, wenn man den Ballast, den er mit seinem riesigen Welt- und Menschenentwickelungspanorama in die Welt, aber eben auch vor diese Frage geklatscht hat, mal beiseite räumt.

      P.S.: Das Schlimmste und Ernüchterndste an Anthroposophen ist übrigens ihre Weigerung, individuellen geistigen Schöpfungen irgendeine Bedeutung beizumessen. Alles muss im – scheinbaren – Einklang mit der weisen Weltenlenkung geschehen, muss „Wahrheit“ (also das, was man für geoffenbarte Weltenobjektivität hält) in sich tragen, erst dann ist es beachtenswert. Genau aus dem Grund werden in Waldorfschulen bis heute diese absurden Kochlöffel geschnitzt, weil man individuelle und pragmatische Anregungen Steiners als ultimative Offenbarungen begreift.

      Würde man Anthroposophen mit zwingender Beweiskraft darlegen können, dass es sich bei Steiner um denjenigen handelt, den u.a. ich in ihm sehe, würden sie ihn – unter Tränen, aber sie würden – in die Hölle fahren lassen, weil er sie „betrogen“ hat. Sie verstehen überhaupt nicht, dass sein Werk dadurch nicht geringer, sondern höher zu schätzen ist und er selbst um einiges sympathischer, glücklicher und freier dasteht, als in ihrem religiösen Zwangssystem.

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    6. Ich sehe es nicht als ein Problem, sondern als eine Zivilisationsaufgabe, zu versuchen, das eigene Erleben, Erfahren und Erkennen jeglicher Phänomene anderen Menschen so zu beschreiben, dass sie die Bereitschaft annehmen, aus ihren festen Vorstellungen darüber heraustreten zu können, um mindestens der Idee einer geistigen Welt, die nicht nur religiöse Überformung ist, für sich zu erwägen. Steiner hat mannigfach versucht, seine Geistesforschung jedenfalls mündlich sehr umfangreich und immer an sein Publikum variiert, zu beschreiben. In seinen Büchern reichen seine Beschreibungen einigen Kritiker scheinbar nicht aus. (Ich habe diese Frage auch in einem Blogbeitrag im letzen Jahr diskutiert.)
      Ich wurde auch sofort nach meinen ersten Veröffentlichungen (um den Millenniumwechsel) angegriffen und zurückgewiesen und zwar von vielen prominenten „Anthroposophen“. Damals wie oft auch heute noch werden Berichte aus eigener meditativer Erfahrung in der anthroposophischen Bewegung nicht geduldet. Auch in diesem Blog bin ich manchmal belächelt, geargwöhnt und falsch interpretiert worden. Solche Vorfälle, falls sie kommen, nehme ich nicht mehr als persönliche Angriffe, sondern als eine Verzweiflung der Kritiker, weil sie näher an das Beschriebene nicht treten können oder wollen. Feste Vorstellungen zu überwinden, tut ja weh, und jede geistige Erfahrung rüttelt an das persönliche Leben, das sich größtenteils vom Ego leiten lässt. Ich versuche hier zu einem Sprach- und Gesprächsstil beizutragen, der „Christus im Menschen“ annehmen will und nicht den „Teufel“. Die Situationszeichen habe ich gesetzt, um Felix Hau (und anderen) zu zeigen, dass er (sie) von mir nicht verteufelt wird (werden).

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    7. "das Problem ist, dass Menschen wie Herr Hau auch jedes Erleben des Geistigen als 'religiöse Überformung' bezeichnen werden, sobald es vor dem Hintergrund ihrer eigenen Thesen und ihres eigenen Verständnisses in diesen Bereich kommt."

      Dummes Zeug, Herr Niederhausen. Menschen wie Herr Hau sind einfach nur in der Lage, Kleider von Leuten und Verpackung von Inhalt zu unterscheiden.

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    8. „Die Anthroposophie ist beides: eine gigantische Sinngebungsveranstaltung für Menschen, die sich und ihrem Leben nicht selbst Sinn geben können und das detailverliebte Lebenswerk eines schöpferischen Geistes, der um des Schaffens Willen schuf – und dabei seine Art von Glück gefunden haben mag.“
      Ja, Herr Hau – genau das ist Ihr Bild davon. Das Problem Ihrer These liegt aber in ihrem Dualismus. Sie unterscheiden Kleider von Leuten und Verpackung von Inhalt. Das ist oft wichtig – bei Steiner ist es gerade falsch. Denn er hat wie kein anderer dasjenige, was Sie „Verpackung“ nennen, mit dem Inhalt vereinigt. Was er als Ergebnisse der Geistesforschung offenbarte, war keine Verpackung, sondern war der Inhalt dieser Geistesforschung – so nah man (Steiner) ihn nur an die menschliche Sprache heranbringen konnte.
      Sie aber wollen diesen Inhalt der geistigen Erfahrungen zur Verpackung eines detailverliebten Geistes und einer gigantischen Sinngebungsveranstaltung herabsetzen. Ich leugne keineswegs den Unterschied zwischen Intuition und Imagination – aber ich vertrete mit aller Entschiedenheit die Überzeugung, dass in diese Imaginationen nichts bloß Persönliches hineingetragen wurde und dass sie absolut nicht als eine „Verpackung“ gestaltet wurden.
      Ein Grundwiderspruch zwischen Ihren Thesen und meiner Überzeugung liegt eben auch darin, ob Steiner sich selbst zum Eingeweihten glorifiziert hat und einfach nur ein „detailverliebter schöpferischer Geist“ war – oder ob er wirklich ein Eingeweihter war. Nach wie vor also ist die Frage: „Märchenonkel“ oder nicht?
      Was Sie „gruselig-ernste Empfängnisgeste“ nennen, ist einfach nur „Ernstnehmen“, nichts weiter. Wo hier die Freiheit liegt, das erkennen Sie einfach nicht. Ihre Freiheit dagegen besteht darin, Steiner radikal umzudeuten – als Verkünder einer „gigantischen Sinngebungsveranstaltung“ nach Märchenonkel-Art. Was für Verachtung Ihrerseits gegenüber allen Menschen darin liegt, die Steiner anders ernst nehmen als Sie, das entgeht Ihnen. Es ist aber ein Grundproblem Ihrer Anschauung.
      Sie haben etwas gegen meinen Ernst, weil Sie sich ihm (nicht mir) nicht frei gegenüberstellen können. Dies zu tun, bedeutet nicht, ihn abzuschütteln (genausowenig wie bei der Idee), sondern sich in voller Freiheit damit zu vereinigen. Dieses Grundprinzip zu verstehen, gibt erst einen wirklichen Zugang zur Idee und auch zur Anthroposophie.
      Sie können Ihren „Zugang“ zu Rudolf Steiner noch so oft glorifizieren – was bei Ihnen von der Geisteswissenschaft und den „höheren Welten“ übrig bleibt, offenbaren auch Sie sehr genau. Das Selbst...

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    9. Und noch etwas, Herr Hau. Gleiches kann nur von Gleichem erkannt werden. Mir ist völlig deutlich, warum für Sie Steiner in den zweiten zwanzig Jahren seines Wirkens nur zum Märchenonkel werden konnte. „Guckstdu oben, Herr Niederhausen“, „Dummes Zeug“ etc. etc. Sie offenbaren ja fortwährend, welchen Steiner Sie sich nur erschaffen können. In Ihrer herrlichen Freiheit steht der Doktor natürlich ganz auf Augenhöhe – auf IHRER Augenhöhe, und so sieht er dann auch aus. Da Sie die wirkliche Ehrfurcht nicht kennen, können Sie auch nicht das erkennen, was damit zu tun hat. Sie versetzen dann alles ins Persönliche: Da sind die Jünger, die zu Steiner aufschauen müssen. Da sind die Märchen und Verpackungen, an die nur die Religiösen glauben etc. etc. Ich betone die Ehrfurcht nicht als ein Hobby, einen persönlichen Tick oder eine Persönlichkeitsstruktur, sondern weil ohne sie so unendlich Vieles gar nicht erkannt werden kann. Das ist keine These, sondern eine geistige Tatsache. Die Ehrfurcht, richtig entwickelt, macht eben nicht blind, sondern sehend. Lesen Sie es bei Steiner nach. Oder beginnt in GA 10 schon die Märchenstunde?

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    10. „Was er als Ergebnisse der Geistesforschung offenbarte, war keine Verpackung, sondern war der Inhalt dieser Geistesforschung – so nah man (Steiner) ihn nur an die menschliche Sprache heranbringen konnte.“

      Die GA-Stellen, Herr Niederhausen, in denen Steiner ein ums andere Mal davor warnt, nicht wörtlich und auch nicht bildhaft zu nehmen, was er in Wort und Bild vor sein Publikum stellt, gehen in die Hunderte. Vermutlich muss man aber, um das – mit oder ohne GA – zu begreifen, tatsächlich über geistige Erfahrung und nicht nur über die Fähigkeit zum träumenden Nachbilden christlicher Mythologiegestalten verfügen.

      „Ein Grundwiderspruch zwischen Ihren Thesen und meiner Überzeugung liegt eben auch darin, ob Steiner sich selbst zum Eingeweihten glorifiziert hat …“

      Nö. Ich bin zwar nach wie vor nicht sicher, gehe aber arbeitshypothetisch weiterhin davon aus, dass Steiner einer Erleuchtungserfahrung teilhaftig geworden ist und damit dasjenige war, was man einen „Eingeweihten“ nennt – insoweit der Begriff „Eingeweihter“ *nicht*, was durchaus auch hier und da gebräuchlich ist, darauf zielt, dass er im Zuge einer regulären Schulung eine Einweihung (in die entsprechende Tradition und Ausdrucksgestalt) eines christlichen Ordens erfahren hat.

      Worin sich unsere Auffassungen in der Tat unterscheiden, scheint mir zum einen die Frage zu sein, was ein im obigen Sinn Eingeweihter *ist* (worin also die „Einweihung“ besteht) und wie sich ein solcher Eingeweihter standesgemäß verhält.

      „Was Sie ‚gruselig-ernste Empfängnisgeste’ nennen, ist einfach nur ‚Ernstnehmen’, nichts weiter.“

      Ich kann Ihnen problemlos auswendig zehn Sätze Steiners zitieren, die Sie ganz bestimmt nicht in Ihrem Sinne ernst nehmen werden. *Was* Sie ihnen gegenüber, falls vorhanden, ernst nehmen, ist Steiners spätere Interpretation seiner eigenen Sätze, Herr Niederhausen – und damit für meine Begriffe den falschen, sicherlich aber nur einen Teil Steiners.

      Sie interpretieren Steiner durchgehend – völlig unkritisch und fraglos – durch die eigeninteressierte Deutungsbrille Steiners, des Späten. Mich hingegen hat schon immer sehr interessiert, wie der 38-Jährige Ende der Neunzigerjahre des 19. Jahrhunderts wohl sein eigenes Spätwerk kommentiert hätte, hätte er es da schon gekannt. Sein Urteil über die Spätwerke Fichtes und Schellings, beispielsweise, ist ja überliefert:

      „Gleich wie Fichte kommt auch Schelling von der klaren Selbsterkenntnis wieder ab und sucht die aus dem Selbst fließenden Dinge dann aus anderen Wesenheiten abzuleiten. Die späteren Lehren der beiden Denker sind Rückfälle in Anschauungen, die sie in einem früheren Lebensalter vollkommen überwunden hatten.“

      Nota bene: Ich gehe nicht davon aus, dass sein klares Urteil über das eigene Spätwerk 1899 ähnlich ausgefallen wäre. Warum nicht? Weil es dazu eben in seinem Fall keinen Anlass gibt. Steiners wesentliche Auffassungen haben sich im Laufe seines erwachsenen Lebens kaum verändert. Verändert hat sich nur die Verpackung; heute würde man sagen: sie ist marktgängiger geworden, weil eine Zielgruppe definiert worden ist. Ich bin ziemlich sicher, dass der Steiner von 1899 das im anthroposophischen Werk erkannt hätte.

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    11. »Ich bin ziemlich sicher, dass der Steiner von 1899 das im anthroposophischen Werk erkannt hätte.«
      Im Zusammenhang damit würde mich interessieren, ob der „späte“ Steiner sein Urteil über die Spätwerke Fichtes und Schellings revidiert hat, bzw (falls dazu nichts überliefert sein sollte) ob Du, Felix, davon ausgehst, daß er es revidiert hätte, oder ob Du eher meinst, daß er dabei geblieben wäre.
      Anders gefragt: worin besteht, Deiner Ansicht nach, der Unterschied zwischen dem Spätwerk Rudolf Steiners und dem Spätwerk eines Fichte oder Schelling?

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    12. Zu Ihrem Nachsatz, Herr Niederhausen:

      Ja, ich glaube tatsächlich, dass ich Steiner deutlich näher stehe als Sie. Wie ich kannte auch er keinen Respekt gegenüber irgendwelchen deterministischen Anmaßungsphantasien samt ihren Inhalten (Gott und seine lächerliche Combo); wie ich hat auch er sich über die "religiösen Naturen" belustigt und sie polemisch aufs Abstellgleis der Evolution bugsiert; wie ich hat auch er sich über den blödsinnigen Wahn echauffiert, einen einzelnen historischen Menschen mit einem universellen Impuls zu identifizieren; er hat sogar, wie ich, das Christentum für die größte Verhinderungsveranstaltung des menschheitlichen Fortschrittes gehalten und sich, anders als ich, aus diesem einzigen Grund in seinen Wurzelmythos vertieft, um ihn in gedeihlicherer Version umzudeuten; wie ich hat auch er über alles Verquaste zwischen Himmel und Erde in bester Laune gelästert und das Individuum gegen Kollektiv, Gewohnheit und Ideologie verteidigt. Ja – da ist durchaus echte Seelenverwandtschaft.

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    14. Ingrid: Der Unterschied zwischen dem Spätwerk Fichtes und Schellings auf der einen und demjenigen Steiners auf der anderen Seite besteht darin, dass deren Wandlung (relativ) echt ist, Steiners Wandlung hingegen gar nicht stattgefunden hat.
      Insofern ist die Frage, ob er sein Urteil über ihre Spätwerke revidiert hat oder hätte, müßig. Es ist durchaus möglich und sogar wahrscheinlich, wenn ihm dieses Urteil in bestimmtem Kontext im Weg gewesen wäre. Warum sollte er davor zurückschrecken, wenn er sogar Urteile und Begebenheiten, die ihn selbst und seine Auffassungen betreffen, später so lange umgebogen hat, bis sie scheinbar das Gegenteil von dem bedeuteten, was sie ursprünglich aussagten?

      Der Punkt, um den es geht, ist ein anderer. In der herkömmlichen Interpretation wird der späte Steiner als der gereifte, authentische und "wahrere" begriffen. Ich sehe dafür aber überhaupt keinen Anlass; ich halte diesen Ansatz für nichts weiter als die Folge jener gewohnheitsmäßigen Phantasielosigkeit, mit der man eben Biographien (übrigens, nebenbei bemerkt, in der Regel auch die eigene) anstarrt.
      Er hat außerdem noch den Nachteil, dass Steiners ganzem wunderbaren Spätwerk der Boden entzogen wird: Der anthroposophische Steiner ohne den philosophischen, der Okkultist ohne den Atheisten, die traditionelle christliche Esoterik ohne den absichtsvoll in bestimmte Richtung umdeutenden, individuellen, 1861 geborenen Geist ist ungenießbar und hängt, einem gigantischen Ballon gleich, haltlos in der Luft. Jeder Nadelstich lässt das dann lediglich aufgeblasene Gebilde zerplatzen, auch wenn der sich als elitäre Loge verstehende Verein der Heißluftballonfreunde e.V. das anders sieht.

      Anthroposophie ohne Nihilismus ist reinster Kitsch.

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    15. @ Felix:
      »Warum sollte er davor zurückschrecken, ... ?«
      Ich meinte nicht, daß er davor zurückschrecken hätte sollen. Warum auch?
      Siehe J. M. Keynes:
      »When my information changes, I alter my conclusions. What do you do, sir?« – Ich kann mir nicht vorstellen, daß Steiner darauf geantwortet hätte: »I still and all the more cling to my former conclusions.«

      Es hätte mich einfach interessiert, ob er das Spätwerk Fichtes oder Schellings später mit anderen Augen betrachtet hat als in jungen Jahren.

      :-)
      Dein:
      »Anthroposophie ohne Nihilismus ist reinster Kitsch.«
      paßt jedenfalls gut zu Christians:
      »Wer den anthroposophischen Christus verstehen will, hat den Christus des naiven Realismus erst einmal anständig zu ermorden.«
      in einem anderen thread.

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    16. Herr Hau, glauben Sie nicht, dass Ihnen der frühe Steiner sympathischer und näher sei als mir. Der Unterschied besteht nur darin, dass ich den frühen und den späten Steiner zusammenbringen kann, ohne den späten auf einen „Märchenonkel“ zu reduzieren und dies mit Zitaten beweisen zu wollen, in denen Steiner selbst davor warnt, nicht das Wörtliche/Bildhafte mit der wesenhaften Wirklichkeit zu verwechseln.
      Ja, die entscheidende Frage ist tatsächlich, ob der späte Steiner als ein fortschreitender oder als ein rückschreitender gesehen wird, ein gnadevoll sich der verständnislosen Menschheit entgegenneigender „Märchenonkel“, der nur eine „gigantische Sinngebungsveranstaltung“ in die Welt gesetzt hat. Diese Alternative gilt es, in aller Schärfe festzuhalten.
      Der frühe Steiner, der mit aller Schärfe gegen jegliches tradiertes Christentum oder andere Vorstellungen antritt, hat meine volle Sympathie. Der frühe Steiner, der auf den späten Fichte und Schelling schaut, hat sie ebenfalls. Fichte und Schelling hatten kein Erleben höherer Welten, also konnten Sie nur Zuflucht zu etwas nehmen, was in gewisser Weise wiederum traditionelle Vorstellungen aufnahm. Auf diesen Punkt scharf hinzuweisen, kam es dem jungen Steiner an.
      Dem späteren Steiner kam es zusätzlich auf etwas ganz anderes an. Der spätere Steiner stand vor der Tatsache eines immer mehr sich erweiternden und differenzierenden Geist-Erlebens, und er machte durch all seine Schilderungen deutlich, dass es zwischen Himmel und Erde mehr gibt als das Selbst.

      Dies sind also die entscheidenden Grundfragen und Widersprüche, die es klar festzuhalten gilt:
      1. Fortschritt oder Rückschritt? Zunehmende Geist-Erkenntnis oder Märchenonkel?
      2. Ist das Ideelle nur die erste Stufe einer zutiefst differenzierten, vielfältig wesenhaften geistigen Welt oder gibt es letztlich nur das eine Selbst?

      Ich kann den frühen und den späten Steiner in aller Tiefe zusammendenken. Sie blicken voller subtiler Verachtung auf den Umkreis des späteren Steiner und entwerten ihn selbst ebenfalls. Glauben Sie nicht, dass Sie dem frühen Steiner gleichen. Quod licet Jovi, non licet bovi. Rudolf Steiner hat sein Leben lang gerungen – auch schon der frühe Steiner. Bei Ihnen erlebt man dagegen nur den Spott, dadurch aber bekommt alles einen völlig anderen Charakter. Auch das muss man wieder erleben...

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    17. "glauben Sie nicht, dass Ihnen der frühe Steiner sympathischer und näher sei als mir."

      Doch, das glaube ich. Und: nicht nur der frühe, Herr Niederhausen. Auch und gerade der späte! :-)

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    18. Ja, sehen Sie, Herr Hau, über mehr als das Austauschen von solchen Glaubens-Standpunkten geht es dann nicht mehr hinaus. Ich habe Ihren Bemerkungen über Steiners Aussagen zum späten Fichte und Schelling entgegengehalten, warum diese Aussagen sehr nachvollziehbar sind, und habe gezeigt, wie man dies mit dem späten Steiner zusammendenken kann, ohne ihn als einen „gnädig Zurückschreitenden“ zu betrachten. Ich habe deutlich gemacht, dass ich den frühen Steiner, den Sie so schön geschildert haben, voll und ganz verstehen kann, und worin dennoch der Unterschied zwischen Steiner und Ihnen besteht. All dies habe ich erwidert, indem ich auf Sie eingegangen bin. Und nun verstummen Sie. Das ist dann so die saloppe Art, mit der man an entscheidenden Stellen augenzwinkernd abbricht – die herablassende Art der „Neo-Anthroposophen“, die ja wie gesagt schon den ganzen Umkreis von Rudolf Steiner selbst spöttisch-herablassend betrachten.
      Wer hier nicht merkt, wie wenig eine solche Anschauungsart mit Steiners Anthroposophie zu tun hat, dessen geistiges Auge ist wirklich noch nicht einmal leise erwacht.

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    19. 'Ja, sehen Sie, Herr Hau, über mehr als das Austauschen von solchen Glaubens-Standpunkten geht es dann nicht mehr hinaus.'
      //
      Diese Formulierung könnte 100% authentisch OOOO-TON Steiner sein!

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    20. "Ja, sehen Sie, Herr Hau, über mehr als das Austauschen von solchen Glaubens-Standpunkten geht es dann nicht mehr hinaus."

      So ist es, Herr Niederhausen. Jetzt müssten Sie nur noch herausfinden, wann "dann" genau ist.

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    21. „Dann“ ist, wenn Herr Hau sein spottendes Ich, das sich einen minderbemittelten Gesprächspartner imaginiert, so weit ausgedehnt hat, dass in seiner Vorstellung jede Diskussion sinnlos wird.

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    22. Gar nicht schlecht, Herr Niederhausen; so ähnlich ist es tatsächlich. Allerdings hat Herr Hau Kriterien, wenn er eine Diskussion als sinnlos wertet. Zu denen gehören beispielsweise Ignoranz, eine manipulative Argumentation und das theatralische Ausweichen des Gegenübers auf Nebengleise samt Errichtung von Strohmännern.

      Nehmen wir spaßeshalber mal an, Herr Niederhausen hätte in einer Debatte behauptet, die Hau’sche Unterscheidung zwischen Verpackung und Inhalt bei Steiner sei ein unstatthafter Dualismus. Was Steiner als Geistesforschungsergebnisse offenbarte, sei, so Niederhausen, nicht Verpackung, sondern der Inhalt selbst.

      Nehmen wir weiter an, Herr Hau hätte darauf geantwortet, dass es unzählige Hinweise Steiners gibt, in denen dieser davor warnt, wörtlich und bildhaft zu nehmen, was er, Steiner, an sein Publikum herantrage.

      Und nun nehmen wir – selbstverständlich völlig hypothetisch und nur als Veranschaulichung von Ignoranz und manipulativer Argumentation – an, Herr Niederhausen habe darauf Folgendes geantwortet:

      „Herr Hau, glauben Sie nicht, dass Ihnen der frühe Steiner sympathischer und näher sei als mir. Der Unterschied besteht nur darin, dass ich den frühen und den späten Steiner zusammenbringen kann, ohne den späten auf einen ‚Märchenonkel’ zu reduzieren und dies mit Zitaten beweisen zu wollen, in denen Steiner selbst davor warnt, nicht das Wörtliche/Bildhafte mit der wesenhaften Wirklichkeit zu verwechseln.“

      Herr Niederhausen wäre also nicht nur mit keinem Wort auf die soeben erfolgte Widerlegung seiner in Frage stehenden Behauptung eingegangen – was bereits merkwürdig genug wäre. Sondern er hätte stattdessen einfach zwei neue Behauptungen aufgestellt – diesmal solche, die gar nicht eigens widerlegt werden müssen, weil sie rein manipulativ sind und überhaupt keinen Wirklichkeitskontakt, sondern nur noch die Ablenkung der Leseraufmerksamkeit beanspruchen:

      Die erste lautet: Herr Hau will mit dem Hinweis auf Steiners Warnung vor der Verwechslung seines Ausdruckes mit dem vermittelten Inhalt seine eigene These – Steiner als Begriffskünstler – belegen (und hat damit nicht etwa diejenige Niederhausens von der Identität von Ausdruck und Inhalt bei Steiner widerlegt).

      Die zweite lautet: Herr Hau will den frühen und den späten Steiner dadurch zusammenbringen, dass er den späten Steiner zum Märchenonkel macht.

      Nachdem Herr Niederhausen des Weiteren drei andere Argumente Haus ignoriert hätte, würfe er sich nun mit großer Verve aufs Nebengleis und schriee wie am Spieß nach einem Zug. Dies Kabinettstückchen trüge sich folgendermaßen zu:

      Herr Hau hatte, um seine Neugier auf das Verhältnis des jungen zum späten Steiner und dessen frühere Distanz zu allem außermenschlichen Schöpfungsglauben zu illustrieren, die Frage gestellt, wie er, Steiner, im jugendlichen Alter des Enddreißigers wohl über sein eigenes Spätwerk geurteilt haben würde, hätte er es da bereits gekannt. Als Urteilsbeispiel des jungen Steiner hatte Hau dessen vernichtende Äußerungen über Fichtes und Schellings Spätwerk angeführt. Steiner sah darin einen Rückfall in Ansichten, die beide in einem früheren Lebensalter längst überwunden hätten.

      Obwohl Herr Hau explizit angemerkt hat, dass er nicht glaube, dass das Urteil des frühen über den späten Steiner ähnlich ausgefallen wäre wie das des frühen Steiner über Fichte und Schelling – und zwar deshalb, weil es dazu, so Hau, bei Steiner eben keinen Anlass gebe – wird diese Frage nun unter den Händen des auf dem Gleis herumrutschenden Herrn Niederhausen zur Gretchenfrage zwischen den Lagern der ritterlichen Steinertreuen und den Gegnern der Anthroposophie, jenen Kündern der Herrschaft des Märchenonkels. „Fortschritt oder Rückschritt“, quiekt Niederhausen und reckt den Zeigefinger des verhinderten Studienrates, das sei hier die Frage!

      Nun – sie ist es offensichtlich nicht. Und deshalb kam auch kein Zug mehr.

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    23. Eine netter kleiner Schwank, Ihre Sicht der Dinge.
      1. Bezeichnen Sie nun die imaginativen Schilderungen Rudolf Steiners als „Verpackung“ oder sein energisches Ringen um die richtigen Worte oder was genau?
      2. Des Weiteren möchte ich Sie einmal auffordern, einen einzigen Hinweis Steiners zu geben, in dem er davor warnt, wörtlich/bildhaft zu nehmen, was er sagt – und was sich auf die Frage höherer Wesenheiten bezieht. Bitte ein genaues Zitat!
      3. Und dann wenn möglich noch eines Ihrer auswendigen, die ich ganz sicher nicht in meinem Sinne ernst nehmen würde, Ihrer Aussage nach.
      Damit wir auch hier einmal vom Blauen ins Konkrete kommen.

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    24. Kennen Sie denn andersrum einen Hinweis der fordert, dass seine Aussagen unbedingt bildhaft genommen werden muss?
      //
      Zwischen bildhaft im visuellen Sinne und rein abstrakt-intellektuell liegt ja noch ein ganz großes Spektrum...
      //

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    25. Und was erwarten Sie denn vor dem Kontext einer Zeit, in der Steiner Weltentstehungs-Anschauungsmodelle aus Öltröpfchen in umgerührtem Wasser als Ausgangsvorstellungen hatte?

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    26. Herr Birkholz, wer will denn etwas bildhaft nehmen!?
      Clement und Hau unterstellen fortwährend einen naiven Realismus, wenn man Steiners Schilderungen in irgendeiner Weise ernst nimmt. Alles, was Steiner an Wesen schildert, existiert nicht als Wesen. Es sind bloße „Aspekte“ des „Universal-Ich“ oder was weiß ich.
      Mit der Aufforderung, ein Zitat zu bringen, möchte ich ins Konkrete kommen. Ich weiß, dass es diese vielen Zitate gibt. Ich möchte an einem beliebigen Zitat gezeigt haben und zeigen, worum es genau geht. Selbstverständlich wollte Steiner seine Aussagen nicht bildhaft 1:1 aufgenommen haben. Es gibt nun einmal den Unterschied zwischen Intuition und Imagination und dann noch einmal die Sprache selbst! Das Spektrum, das Sie erwähnen, gilt es ja gerade auszuloten.
      Zu Ihrer zweiten Bemerkung: Steiner hat sich gegen diese Modelle im Besonderen und gegen Anschauungsunterricht im Allgemeinen immer strikt verwahrt. Das wissen Sie doch?

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    27. Herr Niederhausen,
      worauf ich etwas hinaus möchte ist Folgendes:
      Wir sind momentan -was unser kulturelles Umfeld betrifft- alle in extremer Weise zerrissen zwischen Visualisierung einerseits und Abstraktion in unerträglicher Reinform andererseits...
      Ich habe schon den Eindruck dass Herr Clement versucht, zwischen diesen Extremformen Anknüpfungspunkte (insbesondere für die akademische Welt) an Steiners Arbeiten aus dem Dampflokzeitalter zu finden und herzustellen...
      //
      Und die andere Seite ist die:
      Wer glaubt, dass es Sankt Michael gibt, einfach nur so - unabhängig von allem anderen, dann ist man einfach in naivem Realismus gefangen.
      Denn letztendlich erleben wir Sankt Michael auch im immaginativen Bereich zwar als Gestalt - aber diese schaubare Gestallt ist dennoch die Wirkung, Ergebnis und Ausdruck seiner Taten im Kontext mit seiner Mitwelt...

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    28. Wenn ich mit einem Menschen in einem Raum bin, dann ist es schon rein physisch eine Illusion, dass jeder von uns beiden seinen ganz ihm eigenen physischen Leib hat:
      Schon nach Minuten hat er Luft in seinem Leib, die zuvor die meines Leibes war und nach etwas Längerer Zeit sicher auch Wasser...
      Und von dieser anschaulichen Betrachtung aus kann man dann weiterdenken....

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    29. „1. Bezeichnen Sie nun die imaginativen Schilderungen Rudolf Steiners als „Verpackung“ oder sein energisches Ringen um die richtigen Worte oder was genau?“

      Alles, was Versuch ist, geistiges Erleben auszudrücken. Aus meiner Erfahrung gibt es schlicht drei von einander zu unterscheidende Sachverhalte:
      1. Das Erleben selbst
      2. Die Vergegenwärtigung des Erlebten in etwas Anschaubares (für mich als Subjekt)
      3. Die intersubjektive Vermittlung/den Ausdruck dieses Anschaubaren gegenüber anderen.

      Dabei ist festzuhalten:
      Ausdruck und Anschauung sind beides Verpackungen gegenüber dem Inhalt des Erlebten; sie machen das Erlebte auf unterschiedliche Weise greifbar und ermöglichen Einordnung; sie verdinglichen es.

      „2. Des Weiteren möchte ich Sie einmal auffordern, einen einzigen Hinweis Steiners zu geben, in dem er davor warnt, wörtlich/bildhaft zu nehmen, was er sagt – und was sich auf die Frage höherer Wesenheiten bezieht. Bitte ein genaues Zitat!“

      Kann ich leider nicht; ich habe weder eine GA hier, noch wüsste ich, wo ich auf die Schnelle nach einem dieser Hinweise suchen sollte. Sie finden eine Darstellung des „Darstellungsproblems“ aber relativ ausführlich in mindestens einer der Vorreden zur „Geheimwissenschaft“; des Weiteren im letzten Kapitel der „Theosophie“ (dort als Hinweis, was dem Geistesschüler im Falle der Einweihung als Gewissheit darüber zuteil wird, wie die Wahrheiten über den Geist *gemeint* sind und dass alle falsche Vorstellung, die er sich bis dato vom Geist gemacht hat, dann schwindet) und im „Lebensgang“ insofern, als Steiner dort zum einen von seiner Aufgabe einer Ideengestaltung für die geistige Welt und zum anderen von deren freiem Erbilden spricht.


      „3. Und dann wenn möglich noch eines Ihrer auswendigen, die ich ganz sicher nicht in meinem Sinne ernst nehmen würde, Ihrer Aussage nach. „

      Dürfen’s auch drei sein? ;-)
      (Alle aus „Der Egoismus in der Philosophie, 1899)

      1. Eine göttliche Weltordnung ist ein Geschöpf des menschlichen Geistes. Nur ist sich der Mensch nicht klar darüber, dass der Inhalt dieser Weltordnung aus seinem eigenen Geiste entsprungen ist. Er verlegt ihn daher nach außen und ordnet sich seinem eigenen Erzeugnis unter.

      2. Man braucht dem Menschen nur zu sagen: du hast deine Meinungen und Gedanken nicht aus dir selbst, sondern ein Gott hat sie dir geoffenbart: dann ist er versöhnt mit sich selbst. Und streift er den Glauben an Gott ab, dann setzt er an seine Stelle: die natürliche Ordnung der Dinge, die ewigen Gesetze. Dass er diesen Gott, diese ewigen Gesetze nirgends in der Welt draußen finden kann, dass er sie vielmehr erst zu der Welt hinzuerschaffen muss, wenn sie da sein sollen: das will er sich zunächst nicht eingestehen. Es wird ihm schwer, sich zu sagen: die Welt außer mir ist ungöttlich; ich aber nehme mir, kraft meines Wesens, das Recht, das Göttliche in sie hineinzuschauen.

      3. Das Christentum bietet dasjenige, was die griechische Philosophie in der Sprache des Weltweisen zum Ausdruck bringt, in volkstümlichen, sozusagen, mit Händen zu greifenden Vorstellungen dar. Wenn man sich vergegenwärtigt, wie tief eingewurzelt in der Menschennatur der Drang ist, sich der eigenen Wesenheit zu entäußern, so erscheint es begreiflich, dass diese Lehre eine so unvergleichliche Macht über die Gemüter gewonnen hat. Um diesen Drang auf philosophischem Wege zu befriedigen: dazu gehört eine hohe Entwicklungsstufe des Geistes. Ihn in der Form des christlichen Glaubens zu befriedigen, reicht das naivste Gemüt aus. Nicht einen feingeistigen Inhalt wie Platos Ideenwelt, nicht ein dem erst zu entfachenden inneren Lichte entströmendes Erleben stellt das Christentum als höchste Weltwesenheit dar, sondern Vorgänge mit den Attributen sinnlich-greifbarer Wirklichkeit. Ja es geht so weit, das höchste Wesen in einem einzelnen historischen Menschen zu verehren.

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    30. Lieber Herr Birkholz, worauf wollen Sie mit Ihrem zweiten Beispiel von den zwei Menschen in einem Raum hinaus? Doch sicher nicht darauf, dass die beiden letztlich derselbe sind? Darauf aber will Herr Clement hinaus.
      Ja, die Zerrissenheit zwischen Visualisierung und Abstraktion ist enorm, vielen Dank für Ihren wichtigen Hinweis. Hier gälte es aber, Steiner sehr konkret ernst zu nehmen. Denn das Geistige ist nicht das Sinnliche. Der erste Stufe einer Spiritualisierung des Denkens besteht in einem aktiven, willensdurchdrungenen Denken, wodurch das Denken real wird. Dann können auch Begriffe wirklich gedacht werden, während man sich vorher in Vorstellungsgedanken bewegt. Dieses aktive Denken überwindet die Abstraktion, denn es gewinnt und wird selbst Leben. Als höhere Erkenntnisstufe schildert Steiner dann die Imagination. Er sagt wirklich: Das Denken muss wieder bildhaft werden. In die höheren Bereiche der geistigen Welt kann nicht aufgestiegen werden, wenn das Denken die Bildlosigkeit behält, auch nicht, wenn es das bloße Begriffsdenken bleibt.
      Es ist deutlich – oder sollte sehr deutlich werden –, dass diese Bildhaftigkeit nichts zu tun hat mit dem Visuellen der Sinneswelt, sondern dass die tiefgreifende Verwandlung, die hier mit dem Denken geschehen soll, etwas völlig anderes ist. Die imaginative Erkenntnisstufe hat ja bereits keinerlei Anklänge an die Sinneswelt mehr. Die menschliche Sprache muss dann doch wieder zu Worten greifen, die damit zu tun haben – es ist also alles nur sehr annähernd möglich. Aber all diese Unterschiede muss man deutlich festhalten. Es geht also nicht um die Spanne zwischen „Visuellem“ und „Abstraktem“, sondern der Weg der Spiritualisierung des Denkens und zum wirklichen Geist-Erleben lässt diese Spanne gerade hinter sich, um gleichsam „auf der anderen Seite“ weiterzugehen: Das Abstrakte kehrt sich völlig um und wird zu neuem Leben. Das Visuelle kehrt sich völlig um und wird zu einem bildhaften Denken, das mit allem Irdisch-Bildhaften nicht mehr das Geringste zu tun hat. Und zugleich ist sich der Geistesforscher voll bewusst, dass alles Imaginative nur Geistesbild für Etwas ist, also den Bildcharakter hat. All das berücksichtigt Clement in keinster Weise – er geht darüber hinweg, es spielt für ihn einfach keine Rolle, und es hat in seinen Thesen, in denen es keinerlei Wesen außer Ich/Ich gibt, ja auch keinerlei Relevanz.
      Niemand glaubt, dass es „Sankt Michael“ „einfach nur so gibt“. Was heißt denn überhaupt „unabhängig von allem anderen“? Das „Sankt“ ist ja überhaupt schon Bestandteil der bloßen Tradition. Wie meinen Sie das: „Die Gestalt ist Wirkung und Ausdruck seiner Taten im Kontext mit seiner Mitwelt“? Das verstehe ich noch überhaupt nicht.

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    31. Nachtrag: Im letzten Satz finden Sie übrigens den ersten Grund, aus dem sich Steiner kaum ein Jahr später genötigt sah, sich tiefer mit dem Christentum auseinanderzusetzen. Ihm war inzwischen zur vollständigen Klarheit geworden, wie fatal der christliche Wurzelmythos die abendländische Bewusstseinsentwicklung beeinflusst hatte. Dem galt es, etwas entgegenzusetzen. Und der - Entschuldigung - diabolische Plan, das ganz konkret zu tun, reifte in Steiner dann, als er Annie Besant's "Esoteric Christianity" (tatsächlich und ausnahmsweise im englischen Original) gelesen hatte. Wenige Tage später begann er seine Vortragsreihe über das "Christentum als mystische Tatsache".

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    32. Mit dem Beispiel von den zwei Menschen möchte ich nur sagen, dass die Grenzen nicht so leicht fassbar sind...

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    33. Herr Hau, ich wechsle zu Ihrem Aufsatz, da ist es übersichtlicher.

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    34. Lieber Felix,

      »Und der - Entschuldigung - diabolische Plan, das ganz konkret zu tun, reifte in Steiner dann, … «

      Einspruch – Steiner selbst hätte einen solchen Plan wohl kaum „diabolisch“ genannt, und auch mir erscheint das nicht angemessen.
      Wie wäre es stattdessen mit luciferisch?
      Diabolos ist der „Durcheinanderwerfer“, im Sinne von „Verwirrer, Faktenverdreher Verleumder“, Luzifer hingegen der „Lichtbringer“.
      Ich finde, das ist ein beträchtlicher Unterschied.

      Herzlich,
      Ingrid

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  14. Die Fragestellung Was war zuerst da...? impliziert natürlich generell die Frage nach der Zeit (respektive die Frage: 'Seit wann gibt es Zeit - also ein Zuvor/Danach?')

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  15. Lieber Herr Clement, ich habe Ihre Thesen ausführlich mitgedacht und untersucht – und konnte in der Frage, ob diese mit Rudolf Steiner zusammenstimmen, wiederum nicht mitgehen. Ich habe Ihnen in einer ausführlichen Widerlegung detailliert geantwortet. Aus Platzgründen müssen Sie dazu wieder meine Webseite besuchen: http://www.holger-niederhausen.de/index.php?id=972.

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    1. Herr Niederhausen, ihre irrelevanten dogmatischen Belehrungen nehmen inzwischen in diesem Blog zu viel Platz ein. Ich vermute, dass Sie sich einfach als "Kritiker" profilieren und das Interesse an Christian Clements Arbeiten nutzen wollen. Nehmen Sie sich bitte zurück und unterlassen Sie das Kopieren der Threads dieses Blogs.

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    2. Herzlichen Dank, lieber Herr Niederhausen, für Ihr detailiertes Eingehen auf meine Skizze. Ich werde den Text ausführlich lesen, und andere werden es hoffentlich auch tun, und vielleicht wird ja so in der Spannung zwischen der Clementschen und der Niederhauseschen Position etwas in Bewegung gebracht, was am Ende die Steinerforschung oder wenigstens die Steinerforscher weiterbringt.

      Wenn wir in der Tat (wie Sie so schön betonen) alle Individual-Iche sind (auch wenn wir, wie ich herausstreiche, zugleich alle ein einziges Ich sind), dann sollte es uns ja nicht stören, ja wir sollten es als wünschenswert empfinden, dass jedes Individual-Ich die Anthroposophie Steiners auch in seiner je individuellen Weise auffasst und wiederspiegelt.

      Ihre Texte machen auf mich bisweilen den Eindruck, dass Sie das anders sehen und dass Ihr Erkenntnis-Ideal darin besteht, dass am Ende alle Steiner auf dieselbe (nämlich die von Ihnen vertretene) Weise verstehen. Das mag bloß ein subjektiver Eindruck sein, und ich würde mich freuen, wenn Sie das hier richtigstellen würden. Denn das wäre - so jedenfalls sehe ich die Sache - genau das Gegenteil von dem, was Rudolf Steiner sich gewünscht und erhofft hat. Eine Anthroposophie, die nicht als lebendige und in jedem Menschen andere, individualisierte aufträte, sondern als ein in EINE Darstellung und EINE Auslegung gepresstes Begriffssystem, wäre wohl der Tod des geistigen Impulses, den Steiner setzen wollte.

      O-Ton 1894: Man muss sich der Idee (auch der anthroposophischen) als HERR gegenüberstellen, sonst gerät man unter ihre KNECHTSCHAFT.

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    3. Lieber Herr Clement, ich verstehe nicht ganz, ob Sie meinen Text bereits ausführlich gelesen haben oder noch nicht. Wenn Sie ihn noch nicht gelesen haben, erübrigt sich Ihr Kommentar m.E. zunächst. In jedem Fall geht es weder um eine „Standard“-, noch um eine „Multi-Kulti“-Anthroposophie, sondern es geht um das Lebendigwerden der Anthroposophie im einzelnen Menschen. Da die Anthroposophie selbst auch ein Wesen ist, kann man hier aber auch nicht beliebig vorgehen – das kann man mit allem Möglichen, nicht aber mit Realitäten. Sie wissen ja, dass das Wesen Anthroposophia sich auch zurückziehen kann.
      Mein Eindruck ist, dass Ihr Erkenntnis-Ideal darin besteht, dass möglichst viele Menschen Ihre Steiner-Deutung teilen und dass Sie schon eifrig eine Kult-Gemeinde um sich sammeln. Ich unterstelle Ihnen nicht, dass Sie das wollen (kommt Ihnen das bekannt vor?), aber es geschieht. Deutlich ist jedenfalls, dass Sie bestimmte Anschauungen von Anthroposophie als bewusstseinsgeschichtlich zurückgeblieben betrachten. Ob das, was heute alles so unter Anthroposophie läuft, lebendige Anthroposophie ist, das brauchen wir nicht zu hinterfragen, das ist gewiss nicht so – Sie wissen, dass ich auch diese Position vertrete. Ihrer Deutung jedoch bin ich fundiert und detailliert entgegengetreten – und, ja, ich hoffe wirklich, dass auch viele andere meinen Text ausführlich und genau lesen werden.
      Solange Ihre Steiner-Deutung nur Ihre Individual-Auffassung wäre, bräuchte man gar nicht darüber diskutieren – es sei denn, man ist an der Wahrheit interessiert. Aber da auch Sie die Wahrheit ja bereits zu kennen glauben (oder ihr mit Ihrer Deutung am nächsten zu kommen glauben), ist das schwierig. In jedem Fall können Sie auf meine detaillierten Einwände ja wiederum eingehen. Doch nun ist Ihre Steiner-Deutung nicht nur Ihre Individual-Auffassung, sondern Sie verbreiten Sie in einer auflagenstarken kritischen Steiner-Ausgabe und auf dem Egoisten-Blog. Und wie gesagt: Ihre Texte und insbesondere auch diverse Ihrer Blogkommentare vermitteln mir bisweilen den Eindruck, als hätten Sie Anschauungen der Anthroposophie, wie ich sie zu vertreten versuche, am liebsten aus der Welt geschafft. Sie etikettieren Sie jedenfalls immer wieder entsprechend diffamierend.
      Nochmals möchte ich betonen, dass die Anthroposophie keine Theorie und kein Steinbruch ist, sondern ein lebendiges Wesen. Als solches wahrhaft aufgenommen, individualisiert es sich von selbst, aber nicht beliebig. Das „jedem seine individuelle Auffassung (!?) der Anthroposophie“ klingt sehr schön, kann aber auch die Waffe zur Zerschlagung der Anthroposophie überhaupt sein. Letztlich interessiert dann gar nicht mehr, was wirklich Anthroposophie ist, denn unter ihrem nominalistisch gewordenen Namen kann dann alles verkauft werden und segeln. Vielleicht gibt es am Ende nur noch Auffassungen und Deutungen, und bestimmte Mächte, die das wollten, lachen spöttisch. Die eigentliche Frage ist also: Woran erkennt man Anthroposophie überhaupt?

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    4. Herr Eggert – Herr Clement hat sich für mein detailliertes Eingehen herzlich bedankt. Wie kommt es, dass Sie als Gastgeber ihm, dem ich geantwortet habe, vorgreifen, noch dazu mit so unverschämten Plattitüden wie immer? Von Ihnen gewinne ich allmählich den Eindruck, dass Sie es mit der Angst um Ihre neue Kult-Anthroposophie zu tun bekommen.
      Meine intensive Präsenz hatte zum einen nur dasjenige Ansinnen, die platten Urteile, die man mir als „Kritiker“ gerade entgegenwarf, ein wenig auszuräumen. Ich selbst hätte nicht gedacht, dass es so viel Mühe kosten würde, überhaupt auf eine normale Gesprächsbasis zu kommen – aber ich habe es gern gemacht, und bin nur etwas erschüttert, dass es auf den ersten Blick so überhaupt keinen Erfolg hatte, jedenfalls bei Ihnen nicht und scheinbar bei Herrn Birkholz auch nicht. Ich wollte, zum anderen, nur auf konkrete Ansatzpunkte hinaus, um wirklich zu verstehen, was Herr Clement eigentlich vertritt. Denn allgemein lässt sich immer alles sehr schön formulieren. Und den meisten reichte das ja in der bisherigen Form offenbar auch. Alles in allem habe ich auf diesem Blog nur auf Vorwürfe reagiert und Fragen bzw. Nachfragen gestellt, bis Herr Clement auf dasjenige einging, was mir an seinen Formulierungen und Thesen unklar war.
      Interessant ist, dass mir nun auch von Ihnen „Forderungen“ entgegenschlagen. Wollen Sie, dass ich mich wie Herr Birkholz von Herrn Clement „mitnehmen“ lasse und nur ab und zu eine fromme und brave Nachfrage stelle, ob ich auch alles richtig verstanden habe? Wenn man mir nicht immer wieder die gleichen Ausflüchte und Vorurteile entgegenhält, kann eine Diskussion ja auch viel prägnanter und kürzer ablaufen. Wenn ich aber schon nachfrage, lasse ich mich auch nicht mit Halbheiten abspeisen. Oder muss man das auf Ihrem Blog? Und sich im übrigen nur immer wieder beschimpfen lassen, ohne sich zu wehren bzw. wie gesagt zu versuchen, auf eine menschliche Gesprächsbasis zu kommen?
      Das Kopieren von Threads, an denen ich beteiligt war und die ich für wichtig halte, unterlasse ich nur, wenn Sie mir eine stichhaltige Begründung dafür geben – oder darf die größere Welt nicht wissen, was hier geschrieben wird?
      Ich werde mich wahrscheinlich wieder ganz, völlig, zurücknehmen. Dann haben Sie Ihren ach so freien, offenen Blog wieder ganz für die, die Ihnen konform genug sind, Herr Eggert. Herr Clement sollte Sie, wenn er auf mich erwidern möchte, einfach um Erlaubnis fragen, ob ich dann auch wieder darauf eingehen darf oder nicht. Und Ihren übrigen Blog-Mitgliedern, die sich in Urteilen über mich und in Blindmunition gegen mich üben wollen, sollten Sie dann ein wenig Zurückhaltung auferlegen, denn sonst würde ich mich aufgerufen fühlen, wiederum zu versuchen, eine normale Gesprächsbasis herzustellen und dann kommen Sie wieder usw. usw. Aber Sie wissen ja, Online-Kamaloka... Sie sind mittendrin.

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    5. Doch, mit Herrn Birkholz gab es im letzten Post doch wiederum eine Wendung - nur bei Ihnen keinerlei, nichts.

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    6. Ich möchte nur als Administrator um eine gewisse Ausgewogenheit bitten. Sie machen sich derartig breit - ohne neue Gesichtspunkte beizutragen-, dass andere Kommentatoren in dem von Ihnen ausgebreiteten Wust untergehen oder möglicherweise entmutigt werden, sich überhaupt zu äußern. Ihr Auftreten ist schlicht penetrant.

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    7. Das haben Sie jetzt zumindest im ersten Satz schön gesagt – und das kann ich voll akzeptieren. Für diese Offenheit schätze ich Sie sogar sehr! Dass ich keine neuen Gesichtspunkte beigetragen habe, in jedem einzelnen Kommentar, kann ich nicht akzeptieren – dass es Ihre Meinung ist, sehr wohl (zur Redundanz gehören immer zwei: einer, dem sie untergeschoben wird, und einer, der nichts Neues wahrnimmt, und sei es, ein fortwährendes Ringen – oder geht es hier um eine punktförmige News-Mentalität?). Ich möchte andere Kommentatoren weder untergehen lassen noch entmutigen. Ich hoffe sogar, dass sich der eine oder andere zu diesem oder jenem noch äußern mag. Im Sinne der Positivitätsübung würde ich Sie gerne dazu einladen, das Wort „Penetranz“ in „Gründlichkeit“ umzuwandeln. Aber auch das steht Ihnen – wie immer – frei. Und weil Ihr erster Satz wirklich so schön war, bin ich jetzt weg – übrigens mit einem (erneuten) Schmunzeln. Zeigen Sie Ihre Freude im Sinne der Gleichmut-Übung nicht allzu offen :-)

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    8. Ich finde nicht, dass Sie verschwinden sollten- ich wollte nur um etwas Zurückhaltung bitten. Ich verstehe durchaus, dass Sie um Gründlichkeit bemüht sind. Dass wir gegenseitig einen gewissen Nerv treffen- dass ich nicht unvoreingenommen Ihnen gegenüber bin- will ich gerne zugestehen.

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    9. Lieber Herr Niederhausen, kurze Replik auf Ihre letzte Mitteilung:

      „Mein Eindruck ist, dass Ihr Erkenntnis-Ideal darin besteht, dass möglichst viele Menschen Ihre Steiner-Deutung teilen und dass Sie schon eifrig eine Kult-Gemeinde um sich sammeln„

      Dem kann ich nur widersprechen und es ganz deutlich machen: für meine Steiner-Deutung beanspruche ich keine allgemeine Gültigkeit. Es ist nur meine, und jeder möge damit tun, was er mag. Was an ihr „wahr“ ist oder wertvoll wird sich allein darin zeigen, inwiefern sie in der Lage ist, andere anzuregen und das Gespräch über Steiner weiterzubringen und differenzierter zu machen.

      „Deutlich ist jedenfalls, dass Sie bestimmte Anschauungen von Anthroposophie als bewusstseinsgeschichtlich zurückgeblieben betrachten.“

      Auch hier charakterisieren Sie mich nicht richtig. Bewusstseinsgeschichtlich zurückgeblieben ist für mich nicht die Anthroposophie, sondern eine bestimmte Weise, mit ihr umzugehen. Jene Weise, die Herr Hau treffend als eine religiöse charakterisiert hat. Ich sehe es ähnlich wie er: Sie, Herr Niederhausen, bekennen zwar mit den Lippen, dass Sie das religiöse überwunden haben wollen, aber aus Ihren Äußerungen über Steiner und die Anthroposophie trieft, für meine Wahrnehmung, das Religiöse aus allen Poren nur so heraus. Sie machen das, was Rudolf Steiner für bestimmte Übungen als Ausnahmezustand empfohlen hat – Kritiklosigkeit und Ehrfurcht – zur allgemeinen Voraussetzung eines Umgangs mit der Anthroposophie, und das empfinde ich als rückständig, es schlägt der Freiheit und Individualität des Menschen ins Gesicht.

      „Solange Ihre Steiner-Deutung nur Ihre Individual-Auffassung wäre, bräuchte man gar nicht darüber diskutieren – es sei denn, man ist an der Wahrheit interessiert. Aber da auch Sie die Wahrheit ja bereits zu kennen glauben (oder ihr mit Ihrer Deutung am nächsten zu kommen glauben), ist das schwierig.“

      Wieder falsch. Jeder Deutung ist Individual-Auffassung. Oder besser: Das Wertvolle an jeder Deutung ist das Individuelle in ihr, dasjenige, was nicht bloß von andern unverdaut aufgenommen worden ist. Dem widerspricht nicht, was ich vorher sagte: dass meine Persönlichkeit keine Rolle spielt. Das stimmt, aber zugleich ist die einzigartige Form, welche die Wirklichkeit nur in meiner Persönlichkeit annehmen kann, gerade das Wertvolle. – Dabei sei noch einmal ins Gedächtnis gerufen: in der SKA geht es nur zu einem verschwindend kleinen Teil um meine eigene Interpretation. Der Anteil ist, wenn man denn messen will, sicherlich unter 0.1 % dessen, was dort über Steiner gesagt wird. Der Rest ist einfach Darstellung von Fakten (die sicher auch mal fehlerhaft sein kann, aber das kann ja korrigiert werden.) Wozu also die Aufregung? Und "auflagenstark" ist die SKA ja nun wirklich nicht. Ich wünschte, Sie wäre es ...

      „Doch nun ist Ihre Steiner-Deutung nicht nur Ihre Individual-Auffassung, sondern Sie verbreiten Sie in einer auflagenstarken kritischen Steiner-Ausgabe und auf dem Egoisten-Blog. Und wie gesagt: Ihre Texte und insbesondere auch diverse Ihrer Blogkommentare vermitteln mir bisweilen den Eindruck, als hätten Sie Anschauungen der Anthroposophie, wie ich sie zu vertreten versuche, am liebsten aus der Welt geschafft„

      Wieder sachlich falsch. Ich versuche nicht, Ihre Anschauung der Anthroposophie aus der Welt zu schaffen. Ich setze nur Ihrer Anschauung die meine entgegen. Nicht weil ich glauben würde, dass einer von uns mehr „Recht“ hätte, sondern weil meine individuelle Deutung nun mal das einzige ist, was ich einzubringen habe und weil ich glaube, dass in dieser Differenzierung und Entfaltung der Wirklichkeit in möglichst viele individuelle Spiegelungen der Erkenntnisprozess weitergetrieben wird. Das Wahre ist, da gehe ich mit Hegel, immer das Ganze. Und in diesem Ganzen sind ein Niederhausen und ein Clement nur einzelne Aspekte, die aber das Ganze umso besser weiterbringen, je besser sie ihren individuellen Standpunkt vorbringen.

      So sieht mein Standpunkt aus, wenn er Sie denn interessiert.

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    10. Lieber Herr Clement, Ihr Standpunkt interessiert mich sehr wohl. Und es ist auch richtig, dass die volle Wahrheit nur gefunden werden kann, wenn die Einseitigkeiten immer mehr überwunden werden. Man muss nur aufpassen, dass man so etwas nicht als wiederum nur halb verstandenes, aber wohlklingendes Schlagwort verabsolutiert. Die Dialektik der Wahrheit besteht darin, dass es auch Unwahrheit gibt. Auch die Unwahrheit gehört zur vollen Wirklichkeit – und insofern ist sie Teil der Wahrheit, aber eben als Abweichung und Entgegensetzung (nicht nur Einseitigkeit). Kurz gesagt: Eine unwahre Steiner-Deutung ist im Gegensatz zu einer einseitigen Steiner-Deutung nicht Teil der Wahrheit – und nur deswegen ist die Frage so brisant.
      Eine unwahre Steiner-Deutung kann aber sehr wohl Teil der Wirklichkeit sein und insofern auch der Wahrheit – nämlich der Wahrheit, dass sich Menschen eben auch im Irrtum befinden können, nicht bloß in einseitigen Auffassungen, sondern wirklich auch im Irrtum.
      Alles Reden von „Ganzheit“ kann nicht die Frage aufheben, wo man vor einer Einseitigkeit steht und wo vor einer wirklichen Unwahrheit. Dass Ihre Deutung von der Anthroposophie gerade wegführt, habe ich in meiner Widerlegung bewiesen. Dieser Beweis ist aber ein innerer, er muss erlebt werden. Einen äußeren Beweis kann man nicht weiter führen, denn auch Wahrheit und Unwahrheit können letztlich nur erlebt werden.

      Auch mit Ihrer Darstellung, dass Ihre individuelle Deutung nun mal das einzige sei, was Sie einzubringen haben, verlassen Sie wieder die Dialektik der Wahrheit. Der Mensch als erkennendes Wesen kann seine Deutungen verändern und sie zum Beispiel der Wahrheit annähern. Das Bild „Ein Mensch eine Deutung“ ist ganz wirklichkeitsfremd – und es verdeckt erneut die entscheidende Frage nach Wahrheit und Unwahrheit. Die Dialektik ist also viel umfassender. Die Wahrheit kann theoretisch zwei Standpunkte umfassen, die beide auf ihre Weise einseitig sind, oder auch nur einen von beiden (der immer noch einseitig sein kann), während der andere außerhalb der Wahrheit steht. Sonst hätten schon damals Gegner der Anthroposophie sagen können: „Sehen Sie, Herr Doktor, das ist Ihr Standpunkt von Anthroposophie. Wir haben den unsrigen, und dieser ist nicht weniger Teil der Wahrheit – und zwar der Wahrheit der Anthroposophie.“

      Ihre These von der Ehrfurcht als Ausnahmezustand ist interessant. Wenn Sie in GA 10 noch einmal genau nachlesen, werden Sie sehen, dass hier nicht von Ausnahmezustand die Rede ist, sondern von dem energischen Bemühen und von „jede Gelegenheit suchen“, damit die Ehrfurcht wirklich ein Teil der Seele wird, Leben gewinnt – fortwährendes Leben. Dass Sie die Ehrfurcht immer und immer wieder mit Kritiklosigkeit in Verbindung bringen, kann ich nur so deuten, dass Sie auch hier die innere Dialektik wirklich nicht nachvollziehen können. Ehrfurcht und Freiheit sind keinerlei Gegensatz. Das wird immer wieder missverstanden. Und nochmals sei es gesagt: Ich mache es nicht „zur allgemeinen Voraussetzung eines Umgangs mit der Anthroposophie“, ich sage nur, ihr tieferes Wesen bleibt einem verborgen, solange man nicht auch damit Ernst macht. Es ist für Vieles – auch für Vieles, was die Anthroposophie angeht –, die „erste Bedingung“...

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    11. »Die Wahrheit kann theoretisch zwei Standpunkte umfassen, die beide auf ihre Weise einseitig sind, oder auch nur einen von beiden (der immer noch einseitig sein kann), während der andere außerhalb der Wahrheit steht.«

      Lieber Holger,
      nein.
      Die Wahrheit „umfaßt“ nicht Standpunkte, sondern sie wird von Standpunkten aus gesehen.
      Und es gibt keinen einzigen Standpunkt, von dem aus eine „wahre Ansicht“ (die einen Teil der „Gesamtansicht“ bildet) unmöglich ist.
      Dennoch kann eine Ansicht auch falsch sein.
      Ob sie „wahr“ oder „falsch“ ist, kann man aber erst sagen, wenn man sich voll und ganz auf den Standpunkt gestellt hat, von dem aus sie gegeben wird.

      Herzlich,
      Ingrid

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    12. Liebe Ingrid, es kommt immer darauf an, von wo etwas gemeint ist – auch das ist Dialektik. Auch die Wahrheit ist nicht ein „Ding“, das gleichsam von außen „gesehen“ wird. So aber, wie sich verschiedene Anschauungen der Wahrheit zu nähern versuchen können, so kann auch die Wahrheit selbst, als Subjekt, Standpunkte umfassen oder abweisen. Die Worte sind hier wieder Bild für das reale Wirklichkeitsgeschehen. Oder verstehst Du die Wahrheit rein nominalistisch?
      In Bezug auf Clements Aussagen zu „Ich“ und „Engel“ habe ich so intensiv wie möglich versucht, seine Gedanken mitzudenken – und habe ausführlich beschrieben, was sich daraus ergibt. An solchen Punkten wäre anzusetzen bzw. dies wäre nun zu prüfen, indem man es seinerseits nochmals durchdenkt, mitdenkt, nachvollzieht. Bleiben wir nicht im Allgemeinen, sondern nehmen wir Christian Clements Deutungen einmal beim Wort und prüfen Sie denkend in dieser konkreten Weise.

      Das Ringen um die Wahrheit und auch das Ernstnehmen eines Menschen beginnt erst da, wo man dies so intensiv tut, dass man sich nicht nur ins mehr Allgemeine verliert, wo man sich ja endlos Standpunkte gegenüberstellen kann. Gehen wir doch einmal in den Standpunkt des Anderen wirklich hinein!
      Ich habe gezeigt, dass Clement da, wo Steiner vom Denken spricht, einfach vom „universellen Ich“ spricht; dass es bei ihm zwischen individuellem und universellem Ich im Grunde nichts anderes gibt; dass er auch Imagination und Inspiration völlig unzulässig/entstellend als Halluzinationen bezeichnet (Steiner in den Mund gelegt) und anderes mehr. Über all diese Dinge wäre konkret zu diskutieren, um nicht immer wieder im Allgemeinen zu bleiben und allgemeine Wahrheiten auszutauschen.
      Wenn das Gespräch überhaupt ein Wahrheitsringen sein soll, dann gilt es, an den Punkten anzusetzen, die (a) Fragen aufwerfen, (b) unvereinbar sind, (c) einmal konkret versuchen, den Standpunkt des Anderen einzunehmen.
      Also noch einmal die doch sehr entscheidenden Fragen zusammengefasst:
      1. Fortschritt oder Rückschritt? Zunehmende Geist-Erkenntnis oder Märchenonkel?
      2. Ist das Ideelle nur die erste Stufe einer zutiefst differenzierten, vielfältig wesenhaften geistigen Welt oder gibt es letztlich nur das eine Selbst?
      3. Was ist mit Clements Aussagen über „Ich“ und „Engel“ – und was enthält meine Erwiderung?
      Zu den Punkten 1. und 2. wird man ohne Geist-Erkenntnis wahrscheinlich immer wieder und wieder nur nach Sympathie und Antipathie debattieren. An Punkt 3 könnte man einmal konkret bei meiner Erwiderung ansetzen und diese prüfen, und zwar inhaltlich.

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    13. Da Clements Thesen hier auf dem Blog ausdrücklich Thema sind, ist es doch auch die Frage, inwiefern sie sich im Umkreis der Wahrheit bewegen oder nicht. Wenn darüber nicht konkret diskutiert werden kann/soll, würde es sich wirklich nur um einen netten Austausch von Standpunkten und Standpunkten zu Standpunkten handeln – zum allgemeinen Gebrauch und zur gefälligen Entnahme nach Belieben und nach persönlicher Sympathie. Wenn es aber um die Wahrheitsfrage geht, muss auch darum gerungen werden, und das geht nur konkret.
      Clements Thesen zu „Engel“ und „Ich“, die ja extra nochmal als eigener Thread gepostet wurden, sind dafür ein sehr geeigneter konkreter Ansatzpunkt. Ist die Prüfung seiner Aussagen gewollt? Um zu sehen, was daran ist? Oder will man seinen Thesen mehr träumend folgen, sie mehr nach Sympathie und Antipathie annehmen, abweisen, halb mitgehen, seine eigenen Assoziationen dazugeben etc. etc.?
      Der frühe Steiner hat mit aller Macht für das klare Denken gekämpft – er war gegen jedes allgemeine Wischi-Waschi. Ich habe Christian Clement nur deshalb so viele Nachfragen gestellt, weil ich genau verstehen wollte, was er meint und was er nicht meint. Jetzt, wo er es einmal an einem Beispiel sehr klar ausgeführt hat, kann man sich damit überhaupt erst detailliert auseinandersetzen. Und das sollte man tun, wenn es einem um die Frage geht, ob Clements Thesen das Verständnis Rudolf Steiners bereichern können oder nicht. Nicht um das subjektive Empfinden, ob sie das können (weil sie den eigenen Vorstellungen entgegenkommen), geht es, sondern um eine wirkliche Prüfung.

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    14. Lieber Herr Niederhausen, Sie haben wohl recht, wenn Sie nur auf bestimmte Stellen in GA 10 hinweisen. In der Zusammenschau aller Texte zur Erkenntnisschulung und besonders beim Anschauen der Textentwicklung ergibt sich jedoch ganz klar das Bild, das Steiner zunächst den Erkenntnisweg so schilderte, dass der Mensch als solcher völlig umgeformt werden solle und er sich so oft wie möglich in die Haltung der Kritiklosigkeit und Ehrfurcht begeben soll - dass er aber später zunehmend und immer deutlicher darauf hingewiesen hat, dass die Veränderung nur mit dem "inneren Menschen" vor sich geht und der äußere ganz derselbe bleibt; und dass die Ehrfurcht und die Kritiklosigkeit (bzw. Urteilsenthaltung, wenn Sie lieber wollen) nur für die Dauer des Übens angemessen ist. Schauen Sie nur mal SKA 7 an, da ist das mit Händen zu greifen.

      Ich habe zudem den Eindruck, sie vermischen ständig diese beiden Ebenen: Anthroposophie als Instrument persönlicher spiritueller Schulung und Anthroposophie als wissenschaftlicher Zugang zur Wirklichkeit. Steiner hat beide ganz klar auseinandergehalten und immer wieder deutlich gemacht: Erkenntnisschulung ist nicht für jeden, sondern für wenige. Mir kommt es so vor, als dürfe sich Ihrer Meinung nach nur derjenige mit Anthroposophie beschäftigen, der sie zugleich als Instrument spiritueller Schulung benutzt. Das ist hochproblematisch und definitiv gegen Steiners Aussagen.

      Sie können sich ja gern der Anthroposophie mit Ehrfurcht nähern, aber dann nehmen SIe sie eben nicht als Geisteswissenschaft, sondern als Mittel ihrer persönlichen spirituellen Transformation. Völlig legitim. Wer sich aber der Anthroposophie als etwas mit Anspruch auf Wissenschaftlichkeit nähert, muss ihr gegenüber grundsätzlich kritisch und argwöhnisch sein. Denn eine Wissenschaft ohne Kritik und Argwohn und Distanz ist im 21. Jahrhundert einfach eine Unmöglichkeit.

      Also, das alte Thema. Seien sie doch einfach ein bischen offener für andere Sichtweisen und Methoden. Die Welt ist so schön bunt, machen Sie sie doch nicht schwarzweiß.

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    15. Holger:
      »So aber, wie sich verschiedene Anschauungen der Wahrheit zu nähern versuchen können, so kann auch die Wahrheit selbst, als Subjekt, Standpunkte umfassen oder abweisen. Die Worte sind hier wieder Bild für das reale Wirklichkeitsgeschehen. Oder verstehst Du die Wahrheit rein nominalistisch?«

      Lieber Holger, ich sehe es so an, wie Rudolf Steiner es in GA 45 formuliert:
      »Jede Ansicht kann eine wahre sein, wenn sie treu das Beobachtete wiedergibt. Und sie ist erst dann widerlegt, wenn nachgewiesen ist, daß ihr eine andere berechtigterweise widersprechen darf, welche von demselben Gesichtspunkte aus gegeben ist. Ein Unterschied hingegen von einer Ansicht, die von einem anderen Gesichtspunkt aus gegeben ist, besagt in der Regel nichts.«

      Um beurteilen zu können, ob Christian Clements Ansicht „wahr“ oder „falsch“ ist, muß man sich also zunächst einmal auf Christian Clements Standpunkt stellen.
      Du sagst, Du hast »so intensiv wie möglich versucht, seine Gedanken mitzudenken«, und Du hast dann »ausführlich beschrieben, was sich (Dir) daraus ergeben hat.«
      Nun widerspricht aber Christian Clement in seiner Replik Deiner Beschreibung seines Standpunktes.
      Und man kann erst sagen, daß Du Dich wirklich auf seinen Standpunkt gestellt hast, wenn Du diesen seinen Standpunkt so beschreibst, daß er dem nicht widerspricht. Bis dahin ist es ein von Dir angenommener Standpunkt, der gar nicht wirklich der seine ist.

      Das Gleiche gilt natürlich für Felix Hau — und umgekehrt für alles, was er oder Christian über Deinen Standpunkt sagen.
      Meinst Du nicht auch?

      Herzlich,
      Ingrid

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    16. Liebe Ingrid, Christian Clement geht auf meine Widerlegung überhaupt nicht ein – er hat nur meinen Kurzkommentar hier auf dem Blog aufgegriffen, der aber mit meinen inhaltlichen Auseinandersetzungen zu seinen Thesen über „Ich“ und „Engel“ im Grunde nicht das Geringste zu tun hat. Ich warte also auf seine ausführliche Antwort auf meine Einwände – und auch auf Aussagen anderer Menschen dazu, wenn die Wahrheitsfrage zu Clements Aussagen über „Ich/Engel/Universal-Selbst“ überhaupt interessiert, und ich meine hier zunächst nur die Widersprüche bzw. Konsequenzen von Clements eigenen Aussagen.

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    17. Lieber Herr Clement, ich mache die Welt nicht schwarzweiß, sondern ich versuche die Wahrheit (das Bunte) von dem zu unterscheiden, was nicht mehr Teil der Wahrheit ist – jetzt konkret: in Bezug auf Rudolf Steiner und die Anthroposophie.
      Ich verwechsle ebensowenig die Anthroposophie als Instrument persönlicher spiritueller Schulung und als wissenschaftlichen Zugang zur Wirklichkeit. Hier sind wir aber wiederum an einem wichtigen Punkt, dem man konsequent nachgehen müsste, wenn nicht wieder alles im unbestimmten „Bunten“ (gemeint hier: Beliebigen) versickern soll.
      Anthroposophie als Schulungsweg und als Geisteswissenschaft (wissenschaftlicher Zugang zur Wirklichkeit) sind dialektisch gesehen dasselbe. Anthroposophie wird nur da zur Geisteswissenschaft, wo sie verwirklichter und sich verwirklichender Schulungsweg wird – und umgekehrt: Der Schulungsweg wird nur da richtig beschritten, wo er von Anfang an wissenschaftlich ist / gegangen wird. Sie vergessen offenbar, dass Geisteswissenschaft im eigentlichen Sinne nur mit Geistesorganen möglich wird. Diese vollkommen wissenschaftlich-kritisch zu entwickeln, ist Anthroposophie als Schulungsweg.
      Erkenntnisschulung ist nicht für jeden – also ist Geisteswissenschaft als eigene Praxis nicht für jeden. Ihre Ergebnisse einsehen kann jedoch jeder. Diese Formulierungen erinnern Sie doch hoffentlich?
      Natürlich kann sich jeder „mit Anthroposophie beschäftigen“ – nur darf er sich kein eigenes Urteil erlauben, solange er sich eben nicht ganz auf den Boden der Geisteswissenschaft gestellt hat, zu dem dann eben auch der Schulungsweg gehört. Haben Sie auch diese Aussage vergessen?
      Es gibt genügend Zitate, in denen Steiner den gesunden Menschenverstand deutlich vom akademisch verbildeten Intellekt unterscheidet. Steiner rechnete mit dem gesunden Menschenverstand. Er fürchtete nicht das Urteil wahrer Wissenschaft – aber diese gab und gibt es kaum. Und da wo andere Urteile zur Geltung kamen, entzog Steiner ihnen eben ihre Berechtigung.
      Rudolf Steiners Anthroposophie tritt nach außen mit dem Anspruch auf Wissenschaftlichkeit auf, innerlich hat sie ihn verwirklicht. Wer von außen prüfen will, kann aus seiner Sicht auf alle möglichen Urteile kommen – für die Anthroposophie sind diese zunächst gar nicht relevant, nur für den Urteilenden selbst. „Wissenschaft mit Kritik, Argwohn und Distanz“ darf sein, nur sagt sie stets mehr über sich selbst aus als über die Anthroposophie, da sie sich ja gar nicht auf ihren Boden zu stellen bereit ist.
      Womit wir wieder ganz genau bei dem Standpunkt-Problem sind! Geisteswissenschaft und auch innerlich berechtigte Kritik an der Anthroposophie ist unmöglich, wenn man nicht selbst den Schulungsweg geht. Es ist nicht nur im 21. Jahrhundert, sondern generell eine Unmöglichkeit.

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  17. Ich freue mich sehr darüber, daß Christian und Holger zum Begriff des „Ich“ so gründlich im Gespräch miteinander sind – und ich freue mich auch über Josteins Gedanken dazu.

    Für mich macht es einen großen Unterschied in der Herangehensweise (nicht notwendig auch im Ergebnis; aber von einem end-gültigen Ergebnis bin ich für meinen Teil noch weit entfernt…), ob ich, indem ich diesem Begriff nachspüre, meinen Ausgangspunkt in den Texten Rudolf Steiners nehme, oder ob ich von Selbsterlebtem ausgehe.

    Zum Ich-Begriff Rudolf Steiners möchte ich auf seinen Aufsatz Psychologische Aphorismen aufmerksam machen.
    Darin heißt es unter anderem:
    »Man kann das «Ich» auch die «Nacht des gewöhnlichen Bewußtseins» nennen. Je mehr sich der Mensch mit Gedanken von der Welt erfüllt, desto mehr tritt das Ich-Erlebnis zurück. Wenn aber das «Ich» stark erlebt werden soll, dann müssen die Gedanken von der Welt aus der Seele heraus. In diesen Gedanken aber erlebt sich der Mensch wie in seinem «inneren Tage»; im «Ich» erlebt er sich zunächst wie in der «inneren Nacht». Aber der innere Tag löst ihm nicht das Rätsel der Nacht. Ein anderes Licht muß in die innere Nacht hineinscheinen. Das «Ich» kann sein Lichtverlangen an dem Sonnenschein der Außenwelt nicht befriedigen. Aber nach Sonnenschein verlangt es. Ahnend lebt es in dem Verlangen nach Sonnenschein. Als Selbst verlangt das Ich Erfüllung aus der Selbstlosigkeit. – Es ist immer auf dem Wege, aus dem Quell der Selbstsucht den Strom der Selbstlosigkeit erstehen zu lassen.
    […]
    So lange das Ich-Gefühl im gewöhnlichen Bewußtsein erlebt wird, bleibt es Verlangen nach Geist-Erfüllung. Es hört erst auf, dies zu sein, wenn das Licht der Sinne-Erkenntnis durchdrungen wird von dem Licht der Geist-Erkenntnis. Seelen-Erlebnis aus Sinne-Welt macht das Ich zum Begehren; Seelen-Erlebnis aus Geistes-Welt macht das Ich zum Seins-Inhalt.«

    Herzlichen Gruß in die Runde,
    Ingrid

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  18. Ich konstatiere, dass Niederhausen in seiner Bemühung, eine „klassische“ Deutung der Anthroposophie Steiners bei einigen Kontrahenten gar nichts erreicht, denn es scheint, als ob sie gegen seine Annahme, dass es göttlich-geistige Wesen, göttlich-geistige Wesenheiten, göttlich-geistige Individualitäten in Mehrzahl geben zusätzlich zu Menschenindividualitäten, nicht einverstanden sind. Auch mir kommt es merkwürdig, dass da, wo ich versuche, auf geistige Wahrnehmung, geistiges Erleben bis auf geistige Erkenntnis hinzuweisen, die nach meinem Dafürhalten in einem erweiterten Bewusstsein vorgebracht sind, für jene Kritiker (Hau, Clement, Rudolf) dies nicht interessant, geschweige denn, in der Diskussion um die Lesart von Steiner von Relevanz wäre.
    Etwas scheinbar völlig anderes ist, dass jeder, der mich hier anspricht, einfach mit dem Du, mich mit Jostein, ansprechen darf. Denn als Norweger kenne ich diese mitteleuropäische, adelige Distanzierung ursprünglich nicht (dass das Sie in manchen Kontexten manchmal in Ordnung ist, ist eine andere Sache), und als geistiges Wesen befürworte ich das Du (die „Engel“ kennen das Sie nicht) als direkte Ansprechart, weil nur durch freundschaftliche, herzensgütige (eigne würden von Demut, Ehrfurcht, Bestätigung sprechen) Annäherung ist es überhaupt möglich, das Geistige aller Wesenheiten zu erkennen – ebenfalls das Geistige im anderen Menschen.

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    1. Lieber Jostein,

      ich habe dich hier - für mich - positiv wahrgenommen, auch wenn ich in deinen Augen sicher nicht der typische Hundertpro-Anthroposoph bin und hin und wieder auch (aber nicht nur natürlich) kritische Fragen stelle (an R. Steiner, an die heutige Anthroposophie etc.).

      Aus meiner Sicht noch: Güte und gelebte Spiritualität führt zuweilen auch zu einer Einsamkeit und vielleicht auch zu einer ART Selbstlosigkeit inmitten allen Treibens. Erwartungen die nicht erfüllt werden, gehören für mich zu den wertvollsten Erfahrungen...Und wer weiss, ist dann ja vielleicht auch ein Wink, dass da 'etwas' ganz Wertvolles anklopft ...

      lg

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    2. Lieber Valentin,
      "ich habe dich hier - für mich - positiv wahrgenommen..." Danke, ich dich auch!
      Herzlich Jostein

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  19. Holger:
    »Christian Clement geht auf meine Widerlegung überhaupt nicht ein – er hat nur meinen Kurzkommentar hier auf dem Blog aufgegriffen,«

    Lieber Holger,
    nun – aber ist es denn nicht so, daß Dein Kurzkommentar, dem er widerspricht, wiedergibt (ebenso wie Deine Aprilglosse), was in Deinen Augen Christians Standpunkt charakterisiert?

    Es ist nicht meine Aufgabe, hier an Christians Stelle ausführlich auf Deine „Widerlegung“ seiner „Thesen“ einzugehen. Dazu müßte ich erst interpretieren, was er sagt, und dann das, was Du sagst - - - das überlasse ich also lieber Euch beiden.

    Aber eine Frage habe ich, zu Deinem (»Ad 2.« in Deiner „Widerlegung“):
    »Kann etwas reine Tätigkeit sein, was nicht zugleich Wesen ist?«
    Was genau verstehst Du unter „Wesen“?

    Könnte man nicht ebensogut fragen: Ist es nicht das Charakteristikum eines Wesens, Tätigkeit zu sein, oder, wie Steiner sagt: zu wesen?
    Könnte es nicht sein, daß es nicht die Wirklichkeit, sondern nur unsere Sprache ist, die so fein säuberlich zwischen Haupt- und Zeitwörtern unterscheidet?
    Ich denke in diesem Zusammenhang auch daran, daß Rudolf Steiner sagte, die Verstorbenen könnten eine Sprache, in der die Verben vorherrschen, wesentlich ( ;-)) leichter verstehen als eine, in der vor allem Substantive vorkommen...

    Herzlich,
    Ingrid

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    1. Liebe Ingrid, was meiner Ansicht nach Clements Standpunkt charakterisiert, ist das Eine, das Andere ist das ganz konkrete Eingehen auf seine Thesen.

      Zum Wesen: Ich habe den Begriff des „Wesens“, den Clement als bloßes Bild bezeichnet, nur wieder in mit hineingeführt. Eine Tätigkeit ohne Wesen ist überhaupt nicht denkbar, also kann man den Begriff des Wesens nicht einfach weglassen. Das ist alles. Wir bewegen uns an dem Punkt nicht auf der Ebene der gesprochenen Worte oder der bloßen Sprache, sondern auf der der Begriffe. Ein Gedankengebäude, das ohne den Begriff des „Wesens“ auszukommen meint, führt von vornherein völlig in die Irre.
      Irre ich mich, oder sind auch „Tätigkeit“, „Tätigsein“ und „Verstorbene“ Substantive? Lass uns also bitte nicht an Worten oder grammatischen Wortarten haften.

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    2. Lieber Holger,
      »Lass uns also bitte nicht an Worten oder grammatischen Wortarten haften.«
      Ja, einverstanden. :-)

      Genau diesen Eindruck habe ich aber, wenn man sich darüber streitet, ob das „Ich“ nun ein „Wesen“ ist oder eine „Tätigkeit“. Deshalb mein Nachfragen, was Du unter einem „Wesen“ verstehst, und worin sich, Deiner Ansicht nach, ein „Wesen“ von einer „Tätigkeit“ unterscheidet.

      Lieber Christian --- diese Frage habe ich natürlich auch an Dich.

      Herzlich,
      Ingrid

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  20. Zurück zur Ursprungsfrage:
    «Was war zuerst da - das ‹Ich› oder der ‹Engel›?»
    In Steiners Kosmologie/Kosmosophie gemäß „Geheimwissenschaft im Umriss“ kriegten die Menschen ein Ich zuerst während der Erdenentwicklung – nun einmal sehr schematisiert ausgedrückt. Die anderen Hüllen – Astralleib, Ätherleib und physischer Leib kriegten sie während der drei kosmischen Stadien davor. Die Engel kriegten ihr Ich in der vorigen Stufe und die Erzengel noch davor. Insofern gab es das Ich als Prinzip, Wesen und Tätigkeit schon bereits, ehe die Engel eine eigene Erfahrung hatten. Dieweil das Physische zuerst als Prinzip schon lange davor existierte, als es physisch wurde, wird es leicht diese Stufen und Entitäten durcheinander zu bringen, wenn man die konstruktivistische Sichtweise dekonstruktiv benutzt. Aber bevor das ‹Ich› war, war ein Wesen, das das künftige Ich-Wesen aller Wesen denken, fühlen, wollen und betätigen konnte in seinem allweise Allwesen.

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    1. Ja, Jostein, aber für Clement, Hau und andere, gibt es diese Wesen, von denen Steiner spricht, ja nicht. Sie postulieren ein Universal-Ich und ein damit identisches Individual-Ich des Menschen – und das ist alles. Das Andere sind – wahlweise – „Aspekte“ oder „Märchen“, aber keine Wesen.
      Wenn man das, was Steiner als „Denken“ bezeichnet, schnell und sorglos zum „Universal-Ich“ erklären und „soweit Steiner“ hinzufügen kann, lässt sich alles behaupten. Dann schnell noch die Etiketten „Wissenschaft“, „kritisch“ und „Distanz“ drauf – und fertig ist der Konstruktivismus.

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    2. Lieber Herr Niederhausen, nur weil der Engel aus dem ich kommt (und natürlich zugleich das Ich aus dem Engel), heisst das doch nicht, dass es den Engel "nicht gibt". Ich habe doch ganz deutlich gemacht, dass meiner Meinung nach Steiner dem Engel sehr wohl Realität zuspricht, insofern er das imaginative Bild eines realen Aspekts der Wirklichkeit ist. Nur, weil so ein Engel - als Engel - eine Imagination ist, heisst dass doch nicht, dass er nicht ist. Im Gegenteil, er ist auf viele Weise: für den Hellseher als Imagination, für das abstrakte Denken, je nachdem wie man ihn fasst, eine Kraft oder Tätigkeit oder Wesen oder Manifestation oder Aspekt des Absoluten.

      Halten Sie sich nicht so an Worten fest. Wenn ich den Gegenpol des Individual-Ich als universelles Ich bezeichnet habe, könnte ich ihn genauso als Gott oder Absolutes oder Universum oder Sein oder Holger Niederhausen bezeichnen. Wichtig ist ja nicht das Wort, sondern was dabei gedacht wird.

      Und, da Sie neuerdings Experte in der Dialektik sind: Identität bedeutet ja nicht dasselbe-Sein. Wenn ich sage universelles Ich und individuelles Ich sind identisch, dann sind sie ja noch lange nicht ein und dasselbe. Sonst könnte ich ja nicht zwei Begriffe davon haben. Als individuelles Ich ist das universelle Ich eben ein anderes geworden, auch wenn es zugleich dasselbe bleibt.

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    3. Lieber Herr Clement, ich halte mich nicht an Worten fest – sondern ich nehme gerade ganz und gar die Frage ernst, was dabei gedacht wird.
      Aber Sie haben gesagt, „Wesen“ ist nur Bild, also haben Sie keinen Begriff vom Wesen – denn ein Begriff ist kein Bild, sondern eine Wirklichkeit. Entweder das, was Steiner nun einmal mit dem Wort „Engel“ bezeichnet, ist etwas Wesenhaftes, eine Wesenheit, oder nicht, darum geht es. Ich spreche nicht von dem Engel als traditionell-christliche überlieferter Bildvorstellung, auch nicht von der Imagination, auch nicht von dem abstrakten Denken, sondern von der Frage, was dem intuitiven Erleben entspricht, wenn Steiner am Ende von einem „Engel“ spricht.
      Wenn Steiner betont, dass im Geistigen letztlich alles wesenhaft ist, dann sind alle Begriffe wie „Kraft“, „Manifestation“ oder ähnliches zu abstrakt. Nicht „Wesen“ ist zu bildhaft, sondern „Kraft“ oder „Aspekt“ usw. ist zu schwach. Es drückt zwar alles gewisse Aspekte der Wirklichkeit aus, aber erst im Begriff des Wesens, des differenziert wesenhaften Erlebens, gewinnt dieses Erleben seine höchste Stufe. Wenn etwas „wesenhaft“ erlebt wird, kann man hinter diesen Begriff nicht mehr zurück, dann ist dies mehr als nur „Kraft“, „Aspekt“ oder „Tätigkeit“. Es ist ein Qualitätsunterschied, nicht einfach bloß eine beliebige Bezeichnung.
      An Ihrer Identitäts-These kritisiere ich bloß, dass zwischen Ich und Ich bei Ihnen nichts weiter vorkommt, was Sie mit Ernst und Gründlichkeit als „Wesen“ bezeichnen und auch so denken könnten.

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  21. Das ‘Doppelleben‘ in Die Mystik (individuell und universell) erschien schon in PF in Kap.5: das Ich als ‘Doppelwesen‘ oder ‘Doppelnatur‘(vgl. Clement 2013, S.179, media.wix.com/ugd/b7aa4c_343c98df5c404e318c585bdae1676d9c.pdf:

    Niederhausen zitiert auf seinem Blog PF S.92 in der Wir-Form über die Doppelnatur, während die vorherige Seite auch die Ich-Form (mit einem individuellen und einem universellen Ich) gibt:
    In diesem Sinne bin ich ein Doppelwesen. Ich bin eingeschlossen in das Gebiet, das ich als das meiner Persönlichkeit wahrnehme, aber ich bin Träger einer Tätigkeit, die von einer höheren Sphäre aus mein begrenztes Dasein bestimmt. Unser Denken ist nicht individuell wie unser Empfinden und Fühlen. Es ist universell. Es erhält ein individuelles Gepräge in jedem einzelnen Menschen nur dadurch, daß es auf sein individuelles Fühlen und Empfinden bezogen ist. Durch diese besonderen Färbungen des universellen Denkens unterscheiden sich die einzelnen Menschen voneinander. PF 91

    Steiner korrigierte Fichte in diesem Sinne in WW S.75 (‘Das Ich setzt das Erkennen‘), und sprach von freier Konstruktion der Begriffe in EG S.266: Meine Begriffe sind nicht aus der Sinnenwelt abstrahiert, sondern frei aus der Idee konstruiert, und mit ihrer Hilfe finde ich mich erst in der Sinnenwelt zurecht.

    In den Leitsätzen (1925) kritisierte Steiner ebenfalls den mittelalterlichen Realismus:
    Man fühlte die Ideenwelt in sich. Man erlebte sie als etwas Reales. Aber man fand in der Seele nicht die Kraft, in den Ideen den Geist zu erleben. So entstand der Realismus, der die Realität in den Ideen empfand, aber diese Realität nicht finden konnte. Der Realismus hörte in der Ideenwelt das Sprechen des Weltenwortes, er war aber nicht fähig, die Sprache zu verstehen. … Der Realismus lebte ein totes Dasein. Er wußte von der Realität der Ideenwelt; aber er konnte im lebendigen Erkennen nicht zu ihr gelangen. (GA 26, S.246-7).

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