Was war zuerst da - das "Ich" oder der "Engel"? - Rudolf Steiners Geisteswissenschaft im Lichte von Schellings Identitätsphilosophie.


Christian Clement

Auf Vorschlag von Michael Eggert poste ich hiermit einen Kommentar von mir noch einmal als Beitrag. Es begann mit einer Aussage von Holger Niederhausen zu Rudolf Steiners Verständnis von geistigen Wesen:
"Die höheren Wesenheiten sind zunächst gewiss nicht abhängig vom menschlichen „Ich“, denn ihrem Wirken verdankt der Mensch überhaupt erst, dass er ein „Ich“ werden konnte."
Darauf erwiderte ich, dass dies die Ansicht Steiners nur dann korrekt wiedergebe, solange auch die andere Seite der Sache anerkannt werde:
"Das "Ich" ist zunächst gewiss nicht abhängig von geistigen Wesenheiten, denn seiner Tätigkeit verdanken es die physischen, sinnlichen und geistigen Wesen, dass sie da sind und erscheinen können."
Niederhausen erklärte, dass er nicht verstehe, wie beides zugleich sein könne. Daraufhin schrieb ich Folgendes, um zu zeigen, dass man versuchen kann, Steiners geisteswissenschaftliches Verständnis der Hierarchien von Schellings Identitäsphilosophie her zu verstehen:

Die Philosophie (zumindest die idealistische Philosophie, in deren Tradition ja auch Steiner steht) betrachtet die Wirklichkeit vom Ich aus. Da erscheint alles, was dem Ich entgegentritt (die Natur, die geistige Welt, Engel usw.) als im Ich auftretend, vom Ich ausgehend, vom Ich geschaffen.

Die Naturwissenschaft betrachtet die Wirklichkeit von der geschaffenen Natur aus. Da erscheint das Ich und alles, was im Ich auftritt (samt dem Bild der Natur und der Vorstellung von Engeln), natürlich als Ergebnis und Endpunkt einer langen Entwicklung. Das Ich erscheint als von der Natur geschaffen, und der Engel als Schöpfung des von der Natur geschaffenen Ich.

Die Geisteswissenschaft Steiners, wie ich sie verstehe, versucht beide Standpunkte anzuerkennen und in einer höheren Einheit aufzuheben. Das versuchte auch schon Schelling, an den Steiner in vieler Hinsicht anknüpfte.

Schelling weist darauf hin, dass die idealistische Philosophie durchaus recht hat, dass sie aber einseitig ist, weil sie die Wahrheit der Naturwissenschaft nicht anerkennt und davon abstrahiert, dass das die Natur hervorbringende Ich zugleich von der Natur hervorgebracht wird.

Er weist ferner darauf hin, dass die Naturwissenschaft durchaus recht hat, aber einseitig ist, weil sie die Wahrheit der Philosophie nicht anerkennt und davon abstrahiert, dass die das Ich hervorbringende Natur zugleich eine Hervorbringung des Ich ist.

In der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners wird die Wirklichkeit als aus dem Geist hervorgehend vorgestellt. Dabei wird Geist, ganz wie in Schellings Identitätsphilosophie, weder als ein von der Natur abstrahiertes Ich, noch als von dem Ich abstrahierte Natur gedacht. Geist ist da vielmehr die Einheit beider, ist Natur und Ich zugleich bzw. das, worin Natur und Ich gründen.


Für die Geisteswissenschaft ist also das die Natur hervorbringende Ich identisch mit dieser Natur; und die das Ich hervorbringende Natur ist identisch mit diesem Ich. Geist ist nicht bloß Ich, zu dem eine nicht bewusste Natur noch hinzukäme. Geist ist auch nicht bloß unbewusste Natur, zu der ein bewusstes Ich noch hinzukäme. Geist ist das, was sich im Laufe seiner Entwicklung in eine Ich-hervorbringende Natur und ein Naturhervorbingendes Ich auseinanderlegt, aber immer beides zugleich ist.

Identitätsphilosophie nach Schelling versucht, die einseitigen Standpunkte der Philosophie und der Naturwissenschaft stets im Blick zu haben und beide zu vereinigen.

Soweit die Sache betrachtet, wie sie sich in Anknüpfung an Schelling darstellt. Bei Steiner kommen nun zu den Wahrnehmungen der sinnlichen Phänomene noch die Wahrnehmungen der übersinnlichen Phänomene hinzu. Diese müssten also ebenso mit dem Standpunkt der Ich-Philosophie vereinigt werden, wie die Phänomene der Natur.

Während Schelling nur die Wissenschaft des Ich und die Wissenschaft der sinnliche Natur vereinigen musste, muss Steiner die Wissenschaft des Ich, die der sinnlichen Natur und die der übersinnlichen Natur zusammenbringen.

Bezogen auf den "Engel" und auf die gesamte Schar der geistigen Wesen, von denen Steiner spricht, könnte also im Sinne dieser Konzeption vielleicht wie folgt gesprochen werden:


Aus der Perspektive der Ich-Philosophie erscheint der Engel (und die gesamten Hierarchien), wie alles, was dem Ich bewusst werden kann, als Hervorbringung des Ich. Aus der Perspektive der spirituellen Kosmologie (Wie in der "Geheimwissenschaft" vorgetragen) erscheint das Ich (wie auch alles andere in dieser Welt) als Hervorbringung der Arbeit der Hierarchien. 


Eine Geisteswissenschaft, welche die "Philosophie der Freiheit" und die "Geheimwissenschaft" gleichermaßen ernstnimmt, müsste somit beide Perspektiven zusammenzudenken versuchen, also das "Ich" als ein von den Hierarchien hervorgebrachtes, zugleich aber die Hierarchien als vom Ich hervorgebrachte denken - und diese beiden Perspektiven mit der weiteren, dass nämlich sowohl das von den Hierarchien hervorgebrachte Ich als auch die aus dem Ich hervorgehenden Hierarchien von der Natur hervorgebracht werden.