Lichtfänger

Ingrid Haselberger


Vor einigen Jahren schenkte mein Mann mir ein Buch. Er machte sich wohl ein wenig Sorgen wegen meines damals gerade erwachten großen Interesses für Rudolf Steiner und die Anthroposophie, und er fand, es könne nicht schaden, wenn ich zur Abwechslung einmal etwas „wirklich Wissenschaftliches“ lese.
Allerdings mußte ich schmunzeln, als ich entdeckte, daß das Buch ausgerechnet im »Verlag freies Geistesleben« erschienen war…
Hans-Peter Dieckmann (damals Autor bei den „Egoisten“) bat mich, eine Rezension für den Blog zu schreiben. Ich machte mich an die Arbeit – doch dann kam vieles dazwischen, und der Text blieb liegen.
Hans-Peter ist inzwischen über die Schwelle gegangen – aber vor kurzem hatte ich erneut Gelegenheit, mich mit diesem Buch auseinanderzusetzen: als mein Mann nach einem Schiunfall einige Zeit im Spital verbringen mußte, nützte er die Zeit, um es nun auch selbst zu lesen.
Und ich löse endlich das Versprechen ein, das ich Hans-Peter vor etwa 5 Jahren gegeben habe.


Das Buch »Lichtfänger. Die gemeinsame Geschichte von Licht und Bewusstsein« von Arthur Zajonc (1995 erschienen unter dem Titel: »Catching the Light. The entwined history of Light and Mind«) beginnt mit Berichten über Blindgeborene, die nach Jahren, oft erst als Erwachsene, erfolgreich operiert wurden.
Wenn ihnen schließlich die Augenbinde abgenommen wird, kommt ein erschreckender Augenblick:
»Das Tageslicht wirkte, aber in den ängstlichen, aufgerissenen Augen des Jungen blieb das Licht des Bewusstseins die Antwort schuldig.«
Diese Menschen haben nun die größte Mühe damit, all das deuten und erkennen zu lernen, was sie da „sehen“. Oft gelingt es ihnen nur sehr unvollkommen – einige erlernen es niemals, entscheiden sich schließlich dafür, ihre neugewonnene Sehfähigkeit einfach nicht zu gebrauchen, oder setzen gar in Verzweiflung ihrem Leben ein Ende:
»Neben dem äußeren Licht und dem Auge ist das Sehvermögen auch auf ein „inneres Licht“ angewiesen, ein Licht, welches das vertraute Außenlicht ergänzt und die rohen Sinnesdaten in bedeutungsvolle Wahrnehmung verwandelt. Das Licht des Bewusstseins muss sich mit dem Licht der Natur vereinen, um eine Welt hervorzubringen.«

Arthur Zajonc (ausgesprochen übrigens ähnlich wie „Science“ – sein Name klingt wie die Verbindung von Kunst und Wissenschaft: Art Science) lehrte von 1978 bis 2012 Physik (Spezialgebiet Quantenoptik) am Amherst College in Massachusetts und ist seither Präsident des Life and Mind Institute. Von 1994 – 2002 war er Generalsekretär der Anthroposophical Society in America.
Nach vielen Jahren der eingehenden Beschäftigung mit diesem »unsichtbaren Phänomen, das wir Licht nennen und dessen Gegenwart alles sichtbar macht, nur es selbst nicht« fasziniert ihn die Erkenntnis, 
»dass die ganze Leistungsfähigkeit, Schönheit und Präzision der Quantenoptik nicht ausreicht, um uns klarzumachen, was Licht ist. Die alten wissenschaftlichen Lichtkonzepte sind wie überlebte Götterbilder zerschlagen worden, und jeder Versuch, neue zu zimmern, ist fehlgeschlagen. […] Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, die alten und neuen Flure in dem weitläufigen Gebäude des Lichts zu erkunden. In diesem Buch beschreibe ich, was ich dort entdeckt habe. […]

Wir haben dem natürlichen Licht viele, viele Jahre ins Antlitz geblickt und uns gefragt, wer oder was es ist. In den Jahrtausenden unseres Schauens ist das Licht alt geworden, seine Eigenschaften haben sich gründlich verändert, sodass sein zartes, kindliches Gesicht kaum noch zu erkennen ist. Heute präsentiert uns das Licht ein strengeres, nützlicheres und mathematischeres Aussehen, doch wird es auch jetzt noch durch andere Gesichter ergänzt – künstlerische, wissenschaftliche und geistige. Wie wird es morgen aussehen? […]

Wie haben wir dieses Phänomen, das wir Licht nennen, durch das Licht unseres Bewusstseins verändert? In der Berührung von Natur und Bewusstsein lässt sich das Leben des Lichtes begreifen. Insofern ist das Buch eine Biografie dieses unsichtbaren Begleiters in unserem Inneren ebenso wie in der Außenwelt.«

Man kann dieses Buch auf unterschiedliche Weise lesen.
Einerseits schildert es, wie erwartet, die Entwicklung der Wissenschaft vom Licht – in wissenschaftlich fundierter Weise und gleichzeitig sehr anschaulich dargestellt, in auch für den Laien gut begreifbarer Sprache, und mit vielen Ausflügen von der Geschichte der Naturwissenschaft in die Geistesgeschichte.

Eine zweite Ebene erschließt sich, wenn man die Inhalte, die man gerade gelesen hat, wieder gehen läßt und den Blick auf das menschliche Bewußtsein richtet, das diese Inhalte er- bzw gefunden hat.
Wie hat sich dieses Bewußtsein entwickelt, was war der Ausgangspunkt, und wo sind wir heute angelangt in der Bewußtseinsgeschichte? Es ist, als wären die Tatsachen, von denen man liest, etwas wie Fußabdrücke, von denen man auf das Wesen schließen kann, das sie hinterlassen hat: 
»In der Art, wie eine Kultur diese Geschichte erzählt, offenbart sie ebensoviel über sich selbst – über das Licht im Bewusstsein der Menschen, die sie schaffen – wie über das Licht der Natur.«

Arthur Zajonc erzählt die gemeinsame Geschichte von Licht und Bewußtsein nicht linear, sondern kreisend.
Wir erfahren von Epimetheus und Prometheus, vom blinden Sänger Homer und vom blinden Seher Teiresias, von Platon (»Das Auge des Geistes fängt erst an scharf zu sehen, wenn das leibliche von seiner Schärfe schon verlieren will…«) und vom »weinfarbenen Meer der Antike« (hier geht es um die Farbwahrnehmung der alten Griechen, die sich in überraschender Weise von unserer heutigen unterscheidet).
»In der Bhagavadgita, bei Homer, Empedokles und Platon gehört zum Sehvermögen eine entscheidende menschliche Aktivität, eine Bewegung vom Auge aus in die Welt hinein. In den Jahrhunderten nach Platon fand ein allmählicher Denkwandel statt, der im 17. Jahrhundert mit René Descartes endete.«
Dieser Denkwandel beginnt bereits 300 v. Chr. mit Euklid und seiner »Optik« – der geometrischen Darstellung der vom Auge ausgehenden „Sehstrahlen“. Aus Euklids präziser „Mathematisierung“ des Sehens ergibt sich »eine bedeutungsvolle Distanz zur subjektiven Seherfahrung« – und Zajonc ergänzt diese Feststellung durch den Satz;
»Wie jeder Physiker weiß, können die eleganten mathematischen Formeln leicht die schwerfälligen Bewegungen der Erfahrung in Vergessenheit geraten lassen und schließlich jene Phänomene völlig ersetzen, deren Beschreibung sie ursprünglich dienten.«
Damit ist eine Wende in der Geschichte des Sehens eingetreten: Das Sehen, einst geheimnisvolle Vermählung des Sonnenlichtes mit dem »Feuer des Auges« (Platon), mit »des Leibes Licht« (Matthäus 6,22), diese »Brücke, über die die unmerklichen Bewegungen der äußeren Objekte zur Seele gelangen« (Platon, »Timaios«) – es ist zum mechanischen Vorgang geworden.

Arthur Zajonc führt uns nun zurück ins alte Ägypten, als Licht das »Sehen Gottes« war (»Ich bin der, der seine Augen öffnet, und es wird Licht; wenn sich seine Augen schließen, senkt sich Dunkelheit herab.« – so die Worte des Gottes Ra im Turiner Papyrus, 1300 v. Chr.), erzählt von Zarathustra, Ahura Masda und Ahriman, von der Schöpfungsgeschichte der Bibel, von Luzifer und Christus und vom Manichäismus (der »Religion des Lichts«), vom Sonnengesang Franz von Assisis und von der »Lichtkosmogonie« des Theologen und Gelehrten Robert Grosseteste (»Licht ist die erste Form der Körperlichkeit, aus der alles andere entstand«).

Er läßt uns – im ersten Drittel des 15. Jahrhunderts – die eindrucksvolle Inszenierung des Architekten und Baumeisters Filippo Brunelleschi miterleben, als er seinen Freunden das allererste in Zentralperspektive gemalte Bild vorführt.
Denn bis dahin herrschte nicht die physische, sondern die geistige Geometrie des Raumes: Christus oder Luzifer, der Pharao oder die Madonna »mußten grösser sein als alle, die ihr dienten, weil ihre geistige Bedeutung es verlangte. Die Malerei stellte die Wirklichkeit dar und entwickelte dabei eine Ausdruckssprache, die in tiefem Einklang mit der menschlichen Erfahrung, nicht mit den Gesetzen der Optik stand.«
(Wie sehr es dafür, wie wir die Welt sehen, auf diese alltägliche menschliche Erfahrung ankommt, wird deutlich an der Geschichte von den Frauen in entlegenen Dörfen Afrikas, denen man eine Diareihe zum Thema Babypflege zeigte. Die Frauen sagten zwar nachher, die Farben dieser Bilder seien »hübsch« gewesen – aber es stellte sich heraus, daß sie gar nicht wahrgenommen hatten, was auf diesen Bildern dargestellt war – keine Säuglinge, keine Erwachsenen, keine Gegenstände: »Der Kontext und die Grössenverhältnisse der Bilder standen ihrer täglichen Erfahrung so fern, dass sie fast bedeutungslos waren.«)

Aber nun ist die Zentralperspektive da – und Leonardo da Vinci, Michelangelo und Albrecht Dürer überschreiten 
»die Schwelle zur wissenschaftlichen Betrachtungsweise. In den zweihundert Jahren von Duccio zu Dürer war aus der religiösen Perspektive des abendländischen Menschen eine wissenschaftliche geworden, hatte sich aus einem moralischen ein materielles Universum entwickelt.«

Es ist unmöglich, im Rahmen dieser Buchbesprechung auf all die wissenschaftlichen Entwicklungen einzugehen, die folgten, und die uns Arthur Zajonc eindringlich näherbringt. Galilei und sein Fernrohr, Newton und die Korpuskulartheorie, Euler und die Wellentheorie (»Die Sonne ist eine Glocke, die Licht erschallen läßt«), Faraday und sein Credo (»Ich muss dafür sorgen, dass meine Forschungsarbeiten wirklich experimentell bleiben, und mich davor hüten, dass sie auch nur im geringsten den Charakter hypothetischer Vorstellungen annehmen«), seine immaterielle Deutung des Lichtes und damit die Grundlegung der Feldtheorie, Maxwell (»Licht [ist] eine magnetische Störung, die sich nach den Gesetzen des Elektromagnetismus im Feld ausbreitet«), Kelvin (»Heute halten wir den Raum für angefüllt.« und »[Die] Existenz [des] Äthers ist ein Faktum, das nicht in Frage gestellt werden kann.«) – wir erfahren nicht nur von wissenschaftlichen Theorien, sondern es entstehen auch berührende Porträts der Persönlichkeiten, die sie hervorgebracht haben: es ist eine Geschichte der Erfolge, aber auch eine Geschichte der Fehlschläge, aus denen sich jeweils neue Wege entwickelten...

Dann hält Arthur Zajonc inne – und es folgt das Kapitel »Licht sehen – Wissenschaft beseelen: Goethe und Steiner«.
Der Autor erzählt von seinen ersten wissenschaftlichen Erfahrungen mit Farbe unter der Anleitung von Michael Wilson, in dessen Farblabor im Kinderheim „Sunfield“. In dieser Gemeinschaft für geistig behinderte Kinder 
»lernte ich eine Art der Forschung kennen, der ein anderes Tempo und ein anderer Stil eigen waren, eher geprägt von Mitgefühl als von dem Streben nach Forschungsgeldern und wissenschaftlichen Karrieren. Die Umgebung von Sunfield bewegte mich, eine andere Haltung gegenüber meiner wissenschaftlichen Arbeit einzunehmen, eine Haltung, die beizubehalten ich mich seither bemühe.«
Wir erfahren von Edwin Land, dem Erfinder der Sofortbild-Fotografie, der 1957 mit seinen Vorträgen die Grundlagen der (auf Newton zurückgehenden) zeitgenössischen Farbtheorie in Frage stellte. In diesem Zusammenhang fällt der Name Goethe: 
»Pikanterweise findet sich die Grundlage zum Verständnis der Phänomene, die die National Academy of Sciences schockiert hatten, in den Farbuntersuchungen des deutschen Dichterfürsten.«
Zajonc bringt seinen Lesern nun Goethes Farbenlehre näher. Diese geht nicht von den Farben „da draußen“ aus, sondern von den „Farben des Auges“, von dem, was man subjektiv sieht, und nicht von dem, was sich objektiv messen läßt:
Bei Goethe darf der in der zeitgenössischen Wissenschaft als rein mechanisch-reaktiv angesehene Vorgang des Sehens wieder aktiv und lebendig werden. Das »innere Licht«, das schon fast erloschen schien, gewinnt wieder an Bedeutung: »Wär nicht das Auge sonnenhaft, wie könnten wir das Licht erblicken?«

Der nächste Abschnitt ist Rudolf Steiner gewidmet. Für ihn ist, ebenso wie für Goethe, das Licht »eine wirkliche Wesenheit«. Er sieht es als »die reine Verkörperung des Wortes, des Logos« – wie es in den ersten Sätzen des Johannesevangeliums dargestellt ist.
Und ausgehend von Goethes Satz »Farben sind die Taten des Lichts, Taten und Leiden.« entwickelt Rudolf Steiner »eine Art geistige Archäologie von den Ursprüngen des Lichts«.
Sie beruht auf der Entwicklung der »geistigen Hierarchien«, der Engel, die vor Jahrmillionen, ebenso wie wir heute, eine »moralische Welt« in sich trugen. Und das tatsächliche Licht, das uns umgibt, besteht, so Steiner, »aus den fossilartigen Überresten jener alten moralischen Welt der Engel.«
Rudolf Steiner geht in seinen Ausführungen noch einen Schritt weiter, von der Vergangenheit in die Zukunft: »Wir sehen heute eine leuchtende Welt; sie war vor Jahrmillionen eine moralische Welt. Wir tragen in uns eine moralische Welt; sie wird nach Jahrmillionen eine Leuchtewelt sein.« Und folgerichtig spricht er von dem »Gefühl der großen Verantwortlichkeit, die wir haben, weil unsere moralischen Impulse in uns später scheinende Welten werden.«

In einer Welt, in der es üblich geworden ist, Religion und Wissenschaft streng zu trennen, empfindet Arthur Zajonc das kontrapunktische Thema, das durch Goethe und Steiner Eingang in die Biografie des Lichtes gefunden hat, als eine Bereicherung.
Und er beschließt dieses Kapitel so:
»Nicht Mondsüchtigkeit, sondern Mut ist erforderlich, um unsere Welt als ein Ganzes zu sehen, um zu begreifen, dass Liebe und Erkenntnis ein gemeinsames Zentrum haben müssen.«
Dann geht es weiter auf der Reise »vom Kerzenlicht zur Quantenphysik«, bis in das jüngst vergangene Jahrhundert:
Max Planck er-findet das »Lichtquantum« – damit hat er die
»quantenmechanische Büchse der Pandora geöffnet, und keines der Übel, die sich aus Plancks Analyse ergaben, ließ sich wieder in das enge Behältnis der Physik des 19. Jahrhunderts zurückstopfen.«
Führende Wissenschaftler (allen voran Planck selbst) wehren sich gegen dieses »leichtsinnige Quantum« – und als Albert Einstein vom Licht als »Ansammlung unabhängiger Energiequanten« spricht, reagiert man mit bestürztem Schweigen. Doch Einstein sagt überzeugt eine Theorie des Lichtes voraus, in der die Wellen- und die Teilchentheorie miteinander verschmelzen werden.
Als allerdings Niels Bohr einige Jahre später gar von »Quantensprüngen« spricht, ist es Einstein selbst, der protestiert...

Zwei Weltkriege bilden den dunklen Hintergrund für die weitere Biographie des Lichtes, die nun immer weniger linear verläuft. 1925 spricht der Physiker Gustav Mie von der »interessante[n] Beobachtung, dass auch die streng an experimentelle Erfahrungen gebundene Physik auf Bahnen geführt wird, die zu den Bahnen der geistigen Bewegungen auf andern Gebieten durchaus parallel verlaufen.« – und tatsächlich: es stellt sich immer deutlicher heraus, wie sehr alles mit allem zusammenhängt:
Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts hatte man am Konzept des „Äthers“ festgehalten, an einem materiellen, elastischen Medium der Lichtwellen. Diese Vorstellung ließ sich nun nicht mehr halten – als letzter Rest davon war jedoch noch die Vorstellung eines absoluten, unbeweglichen Bezugssystems geblieben, in Beziehung zu dem sich alle Bewegung messen ließ:
»Dieses System, glaubte man, ermögliche es, aus „Gottes Blickwinkel“ zu schauen, der einem alle Dinge zeige, wie sie wirklich seien.«
Man hatte nicht mit dem jungen Albert Einstein gerechnet. Einstein, der überzeugt war, »dass dem reinen Denken das Erfassen der Wirklichkeit möglich sei, wie es die Alten geträumt haben«, gelangte zu der Anschauung, daß »kein Blickpunkt […] das Privileg des absoluten Ruhestandes« habe: „Gottes Blickwinkel“ gibt es seither nicht mehr. Das Ziel »einer einzigen richtigen Erklärung für physikalische Ereignisse« muß aufgegeben werden: 1905 formuliert Einstein seine spezielle Relativitätstheorie. Und damit sind die gewohnten absoluten Bezüge in Raum, Zeit und Äther verschwunden.
»Jetzt steht die Menschheit allein und fremd im grenzenlosen Universum. Verwaist und heimatlos muss jetzt jeder von uns sein eigener Mittelpunkt werden und die geistige Kraft finden, ohne festen Bezugspunkt in der Leere auszuharren, den Halt in sich selbst, nicht in der Außenwelt zu finden.«
Das letzte Kapitel des Buches trägt den Titel »Hellsicht«.
Darin heißt es:
»Erkenntnis ist kein Objekt, mit dem man Handel treiben könnte wie mit beweglicher Habe, sondern ein kostbarer Augenblick der Offenbarung. Zu häufig umgehen wir solche Augenblicke für eine Währung, die rascher zur Hand ist – für einen abstrakten Begriff, eine alte Erkenntnis in neuem Gewand, eine Gleichung, deren Zeichen etwas offenbaren könnten, die wir aber ungelesen lassen. Das sind die Steine des Wissens und nicht das Brot. Die Götzen und nicht die Götter. Erkenntnis als Offenbarung setzt Anschauungsorgane, innere Werkzeuge voraus; und neue Erkenntnis verlangt nach neuen Werkzeugen. Wir alle besitzen die Rudimente jedes Organs, aber wir verweigern ihnen die Pflege, die sie brauchen, wir vernachlässigen die Übung, mit der sie wachsen und blühen könnten.«
Und Arthur Zajonc beschließt seine »gemeinsame Geschichte von Licht und Bewusstsein« mit den folgenden Worten:
»Das Licht sehen – das ist eine Metapher für das Anschauen des Unsichtbaren im Sichtbaren, die Entdeckung der feinen Vorstellungsnetze, die unseren Planeten und alle Existenz zusammenhalten. Sobald wir gelernt haben, das Licht zu sehen, könnte sich alles andere von selbst ergeben.«
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Auf einer dritten Ebene, auf der man dieses Buch lesen kann, läßt sich etwas über den Autor erfahren:
Man erkennt nach und nach, wie Arthur Zajonc die Welt ansieht.
Ich meine damit nicht etwa ein „Weltbild“, das in allen Details vor uns ausgebreitet würde.
Sondern ich spreche von seiner Art und Weise, alles anzuschauen, was man „wissen“ kann.
Nicht nur als Naturwissenschaftler, der sich sicher bewegt im Bereich all dessen, was man heutzutage über das Thema „Licht“ wissen kann.
Nicht nur als „Geisteswissenschaftler“, als gebildeter Mensch, der sich offensichtlich tiefgründig und ausführlich mit der Kultur- und Geistesgeschichte der Menschheit beschäftigt hat.
Sondern auch als ein Staunender, als ein Begeisterter – als ein Mensch mit wachem Interesse für diese Welt, und mit einem Herzen voll Liebe.

Diese Betrachtungsweise setzt Arthur Zajonc fort in seinem 2008 erschienenen Buch »Meditation as Contemplative Inquiry. When Knowing becomes Love.«

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