Über Autosuggestion bei Rudolf Steiner - und beim "Europäer".

Christian Clement

In einem Artikel im "Europäer" (18/12, Oktober 2014, 34 ff.) berichtete ein gewisser Johann Silberbauer von einem Kolloquium an der Alanus-Hochschule am 24. Mai 2014. Darin lieferte er einen Ohrenzeugenbericht der im Rahmen dieser Veranstaltung geführten Diskussionen und Fragenbeantwortungen.

In einer dieser Diskussionen soll ich, so Silberbauers Behauptung, die Ausführungen Steiners in der "Geheimwissenschaft" als Ergebnis einer Autosuggestion interpretiert haben. Silberbauer berichtet u. a.:
"David M. Hoffmann, Leiter des Rudolf Steiner Archivs, richtet eine Frage an Clement:
«Ich kann mir nicht erklären, wie Rudolf Steiner "Die Geheimwissenschaft im Umriss" geschrieben hat. Die "Geheimwissenschaft" ist wie die zwei Steintafeln (Gesetzestafel des Moses) vom Himmel gefallen. Es gibt auf dem Originalmanuskript nur eine oder zwei kleine Korrekturen pro Seite. Steiner hat es einfach aufgeschrieben, an einem Stück. Das kann ich nicht verstehen, wie so etwas geht. Herr Clement, können Sie mir erklären, wie Rudolf Steiner das gemacht hat?» 

Clement war sichtlich überrascht, und man merkte seinem Gesicht deutlich an, wie er nach einer brauchbaren Antwort suchte. Nach einer kleinen Weile sagte er:

«Das kann ich mir nur so erklären, dass es wahrscheinlich Selbstsuggestion gewesen ist. In Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? spricht ja Steiner darüber», gab Clement zur Antwort."
Vollständiger Artikel  
Die Behauptung Silberbauers wurde von Thomas Meyer, Pietro Archiati, Holger Niederhausen und anderen "Kritikern" der SKA als Tatsachenbericht behandelt und in ihren Publikationen entsprechend kolportiert. Die Botschaft dieser Passage und des gesamten Artikels lautete, in etwas anderen Worten: wenn kritische Steinerleser unter sich sind (anwesend waren u. a. Helmut Zander, Hartmut Traub, Christian Clement und Jens Heisterkamp), stammeln sie nur wirres Zeug.

Bisher konnte ich der unwahren Schilderung Silberbauers nicht entgegentreten, weil ich keine Aufzeichnungen und keine wörtliche Erinnerung dieses Austausches hatte. Erst jetzt ist es möglich geworden, die Diskussion im Wortlaut wiederzugeben, so dass sich jeder davon überzeugen kann, ob die Darstellung Silberbauers als Wahrheit oder als Erfindung zu gelten hat: Der Wortlaut zeigt: Die "Geheimwissenschaft" Steiners wird von mir NICHT als Ergebnis einer Selbstsuggestion charakterisiert. Vielmehr habe ich, nachdem das Thema des Gesprächs von Steiners Autorschaft zu möglichen Gefahren bei der Rezeption seiner Texte übergegangen war, eine Bemerkung über die Gefahr der Selbstsuggestion im meditativen Umgang mit Steiners Texten gemacht.

Im Folgenden seien die Aufzeichnung des Gesprächs mitgeteilt, um die Tatsachen richtigzustellen und um den Kolporteuren Silbermanns Gelegenheit zu gehen, sich von seiner Darstellung und vom "Europäer" zu distanzieren. Durch Verkürzungen, falsche Wiedergabe von angeblich wörtlichen Zitaten und Auslassungen werden hier meine Bemerkungen und das Alanus-Gespräch insgesamt in einer Form wiedergegeben, die nur als Karrikatur ihres tatsächlichen Verlaufs gelten kann. Auf gut deutsch: Silberbauer lügt, dass sich die Balken biegen (denn Gedächtnisschwund oder Hörprobleme hat er, wie er mir gegenüber versicherte, nicht); und der "Europäer" druckt es ab, ohne den Wahrheitsgehalt (der sich durch Nachfrage bei einem der vielen Teilnehmer des Kolloquiums ja leicht hätte ermitteln lassen) zu überprüfen. Auch hätte schon ein kurzer Blick in Silberbauers jüngste Veröffentlichung genügt, um sich davon zu überzeugen, dass hier kein neutraler Beobachter berichtet, sondern ... nun, die Bewertung überlassen wir dem geschätzten Leser.

[Zum Kontext der Fragenbeantwortung vgl. den vollständigen Text von Clements Vortrag. Auf diesen beziehen sich die folgenden Äußerungen.]


Aus der Aufzeichnung der Veranstaltung:

Nach dem Vortrag der Gastreferenten eröffnete Marcel de Vaiga Greuel die Diskussion:

David Marc Hoffmann: Ich habe eine Frage an Herrn Clement. Sie haben gesagt, dass Steiner sich in der „Geheimwissenschaft“ auf die Erfahrung, die innere Erfahrung berufe, zur Legitimation seiner kosmologischen Ausführungen. Ich kenne diese Stelle nicht. Meinen sie implizit?
  
Christian Clement: Implizit, ja.

Hoffmann: Denn das ist ja das Irritierende bei diesen Ausführungen, die über unseren Horizont, die über meinen Horizont hinausgehen, dass ganz wenig gesagt ist, wie man dazu kommt. Pauschal schon, ja, durch Vertiefung usw. und durch Einweihung und alles mögliche. Aber wie geht das konkret von statten? Die ganze „Geheimwissenschaft“ fällt für mich wie die zwei Steintafeln mit den zehn Geboten aus dem Himmel. Ich ersehe keinen... Ich kenne die Manuskripte der „Geheimwissenschaft“, die Handschrift. Und da hat es pro Seite ein zwei, kleine Korrekturen. Das ist einfach niedergeschrieben. - Das ist mir eine Frage.

Clement: Er [Steiner] hätte eigentlich in der „Geheimwissenschaft“ Dinge sagen sollen, die man in der Mystik-Schrift finden kann oder die implizit sind durch den Vergleich mit Schelling, mit dieser Tradition von Initiation als einem „Dabeigewesen-Sein“.

Hoffmann: Aber mehr als dieses „Dabeigewesen-Sein“ und diese innere Erfahrung und diese Analogie von Welterkenntnis und Selbsterkenntnis - darüber ... mehr gibt es nicht?

Clement: Nein. Ich hoffe, durch den nächsten Band mit „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“, in Verbindung mit dem Initiationsritus, den man bei Steiner hat, kann es vielleicht in Richtungen gehen, wo das ein bischen deutlicher wird. Selbst im steinerschen Ritus gibt es ja diese Rückführungen, zurück durch Atlantis usw., also ganz deutlich eigentlich dieser Gedanke, der sich auch bei Schelling findet: man muss mental erst mal so ein Bild davon entwickeln, was alles gewesen ist, und das führt einen dann irgendwann näher an diesen Zustand, wo dann Zeit und Raum [aufgehoben sind] und wo die Schöpfung dann tatsächlich wieder passiert, in dem Moment wo ich [in diesem Zustand bin]. Also: [meine Bemerkung bezog sich darauf] was Steiner hätte sagen sollen. In diesem Sinne.

Eine Teilnehmerin: Aber gerät man dann nicht leicht in eine Art Selbstsuggestion, wenn man so anfängt, oder wie kann man das verhindern [Rest der Frage undeutlich]?

Clement: Ja, das ist eine sehr spannende Frage. Und ich glaube an einigen Stellen in „Wie erlangt man Erkenntnisse?“ macht er [Steiner] das ja ganz deutlich, dass man sich [bei bestimmten Übungen] Dinge einreden soll ... also ein bischen wie autosuggestives Training fast schon. Und das hat natürlich große Gefahren ...,

Traub: Vielleicht auch Chancen!

Clement: ... aber das ist ein großes Thema.

Jens Heisterkamp: Vielleicht nur ein ganz kurzer Hinweis, der das vielleicht auch ein bischen aus dieser scheinbaren Singularität bei Steiner herausnimmt: Ich habe mich ein bischen mit der jüdischen Mystik befasst, insofern sie von [Gershom] Sholem ja erschlossen worden ist, und da stößt man ja auch auf verschiedene Versuche, auf so einen Urzustand der Welt zu kommen, der sich offenbar den entsprechenden Mystikern auch ergeben hat, in dem Moment, wo sie in sich selbst gehen, in einen Zustand jenseits der Form. Weil wir bildlich immer so ein bischen die Vorstellung haben, solche Dinge müssten in ein zeitlichen „Zurück“ gehen, würde ich dem da aus dieser Erfahrung heraus gern entgegestellen, dass diese Dinge, die sich auf frühere Zustände, auf dieses Rätsel [beziehen]: Wie ist der Schritt vom Nichtsein in das Sein?“, dass das gar nicht in einem zeitlichen Sinne als ein „früheres“ gesehen worden muss. Es wurde ja jetzt auch schon angekündigt oder angedeutet: das ist für ihn [Steiner] ja ein Zustand, der vor der Zeit liegt, also vor dem Entstehen von Raum und Zeit in gewisser Weise auch: dass also diese Dinge gar nicht vergangen sind. Ich glaube in einer mystisch authentischen Weise würde man gar nicht von diesen Dingen sozusagen naiv als von „vergangenen“ reden dürfen.  

Hartmut Traub: Ja, das sehe ich auch so. Beispielsweise auch die Idee der Geschichte, als die Sukzession von Ereignissen in der Zeit, ist eine relativ moderne Art  und Weise, mit dem Weltgeschehen umzugehen. Das haben andere Kulturen völlig anders gemacht. Sie haben die jüdische Mystik angesprochen. Der Schöpfungsbericht ist nach jüdischer Philosophie sozusagen der Plan Gottes, den sich Gott gemacht hat, bevor er die Welt erschaffen hat [...]“

(Herzlichen Dank an Friedrich Greub für die Zurverfügungstellung seiner Tonaufzeichnung.)

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