Die herrlichste Form der Zeit


Ingrid Haselberger

 

»Ich werde meine Zeit nicht mit der Beschreibung der Instrumente vertun. Sie waren in den Formen zum Teil verschieden von den unsrigen, im Prinzip aber dieselben. Und sollte die Menschheit noch einmal so alt werden, dachte ich, sie wird immer auf dieselbe Art Musik machen, indem sie singt, fiedelt, zupft, bläst, auf gestimmte Saiten oder auf gespannte Felle schlägt. Mein Gott, wie kläglich muß ich mir selber widersprechen. Diese Instrumente dort im Orchester schienen ja nur Blas- und Saiteninstrumente zu sein. In Wirklichkeit besaßen die mentalen Varianten der Geigen und Harfen gar keine Saiten, sondern waren blanke Attrappen […].
Der Komponist hatte inzwischen in dem Orchester, das noch durchaus nicht viel Aufmerksamkeit an den Tag legte, einen der Holzbläser anfixiert, der sich lächelnd nachlässig erhob. Zwischen den beiden Männern begab sich ein kleines Verständigungsspiel mit den Augen, dann hob der Bläser seine Attrappe von Oboe an den Mund, und der Meister begann mit dem linken Zeigefinger ein bißchen Takt zu schlagen. Ich hörte nichts. Andere Instrumente traten hinzu, um den Oboisten zu begleiten, dessen Oberkörper im rhythmischen Vergnügen hin und her schwankte. Immer mehr spiegelten die Bewegungen des Orchesters das äußere Bild der Musik wider. Das Publikum hörte sie längst schon. Und jetzt ging auch mir das innere Hören auf, und zwar ähnlich wie wenn einem im Flugzeug, das im Gleitflug aus ziemlicher Höhe niederkreist, die Ohren sich öffnen. Die Musik, die der Geist des Meisters erzeugte, erzeugte nun unser eigener Geist durch die Mittlerschaft des stummen Orchesters, in welchem jedermann seinen Part mit größter innerlicher Intensität im Geiste spielte. Das Geheimnis der astromentalen Musik lag nicht in einer bloßen Suggestion mit Umgehung des materiellen Klanges, sondern in der Entbindung des inneren, aktiven, musikalischen Lebens, das der Zuhörer selbst in sich trug. Es war ein gewaltiger Schritt vorwärts auf dem Wege der Verinnerlichung und Vergeistigung, dessen ich Zeuge werden durfte. […] Das innere Musizieren war auch der Grund, warum das Publikum nicht schlaff und abgeschlagen dasaß wie in den Abonnementskonzerten der Symphonieorchester, sondern mit freudigen Augen die Bewegung des Orchesters durch eigene Bewegung widerspiegelte.«
Mit diesen Worten beginnt Franz Werfel seine Schilderung eines „Sympaian“, einer Art Musiktheateraufführung im „Elften Weltengroßjahr der Jungfrau“, das ungefähr hunderttausend Jahre in der Zukunft liegt, in einem „astromentalen“ Zeitalter. 

Also ein Science-Fiction-Roman aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts?
Nun, es geht zwar nicht ganz ohne science ab. Aber von der fiction kann man das nicht so einfach sagen:
»Ich hätte es aus angeborener Unlust, in Schwierigkeiten zu geraten, lieber vermieden, auf diesen Blättern ich selbst zu sein, aber es war nicht nur der natürliche, sondern der einzige Weg, und ich konnte leider keinen „Er“ finden, der mir zulänglicher Weise die Last des „Ich“ abgenommen hätte. So ist also das Ich in dieser Geschichte ebensowenig ein trügerisches, romanhaftes, angenommenes, fiktives Ich wie diese Geschichte selbst eine bloße Ausgeburt spekulierender Einbildungskraft ist. Sie hat sich mir, wie ich gestehen muß, wider Willen begeben. Ohne vorher im geringsten benachrichtigt oder ausgerüstet zu sein, wurde ich, gegen alle sonstige Gepflogenheit, als Forschungsreisender ausgesandt, eines Nachts. Was ich erlebte, habe ich wirklich erlebt. Ich bin gerne bereit, mit jedem philosophisch gewandten Leser eine ehrliche Diskussion über dieses Wörtchen „wirklich“ abzuführen, und ich maße mir an, auf jeden Fall recht zu behalten.«
Franz Werfels utopischer Reisebericht kann zu ähnlich intensiver innerer Aktivität anregen, wie ein Sympaian sie von seinem Publikum fordert – wenn der Leser sich darauf einlassen will:
»Um einen Reisebericht aus fernster Zukunft wie diesen ohne Widerstände und vielleicht sogar mit einigem Gewinn zu verfolgen, muß man sich frei machen von der verhärteten Denkweise des eigenen Zeitalters. Ich selbst hatte dieser Forderung zu genügen und, weiß Gott, es gelang mir nicht immmer, obwohl ich doch den Vorzug des eigenen Erlebens und der umittelbaren Anschauung genoß. Ich habe alles in allem zweieinhalb Tage und drei Nächte in der astromentalen Welt zugebracht. Doch auch das ist nur eine subjektive Aussage. Ich weiß nicht, ob es in Wirklichkeit zweieinhalb und drei Augenblicke oder Einviertelstunden oder ebensoviele Ewigkeiten waren, von denen jenes Strandgut zurückblieb, mit dem der vorliegende Band gefüllt ist. Nachdem wir schon so viele Arten von Zeit kennen gelernt haben, die superplanetare Zeit im Niederen Intermundium, die statische Zeit des Fegfeuers, und nun der autobiologischen Zeit des Wintergartens entgegengingen, so möchte ich die wichtigste aller Zeitdimensionen, in denen der Mensch lebt, nicht unbeschworen lassen. Es ist die „geistige Zeit“.
Diese herrlichste Form der Zeit zeichnet sich dadurch aus, daß sie kein Nacheinander kennt, daß sie in jedem ihrer Teile den ganzen Weltlauf enthält, daß sie dem, der ihr angehört, die Freiheit gibt, regellos von einem ihrer Punkte zum andern zu springen und ihn in demselben Augenblick zum Zeugen des Ersten Schöpfungstages und des Jüngsten Gerichts macht. Auf der geistigen Zeit beruhen die drei Kräfte, die den Menschen erst zum Menschen erheben: Die Erinnerung, die Ahnung und der Glaube an das Unbeweisbare. Die schlimmsten Feinde der geistigen Zeit aber sind die Armen, die nicht regellos von Zeitklippe zu Zeitklippe springen können, die nicht von Erinnerung und Ahnung umsponnen sind und die nichts Unbeweisbares glauben dürfen. Es sind zugleich auch die, welche immer falsch fragen, da sie alles ganz genau wissen wollen, schon deshalb, weil sie es auch ungenau nie verstehen könnten. Nur der Vorzug, daß wir geistige Zeit in uns tragen, gibt dem Leser und mir die Möglichkeit, im Elften Weltengroßjahr der Jungfrau präsent zu sein, ehe dieses noch selbst Präsens ist.
Wir brauchen aber keine geistige Zeit dazu, um uns vorzustellen, daß es irgendwo in den Schichten des erstarrten oder halberstarrten Erdinnern Hohlräume gibt, die uns – wenn ein Dämmerlicht sie erhellt – als absonderlich traurige Herbstlandschaften erscheinen. Das ist nichts als ein annehmbares Faktum, wie es etwa unbekannte Tierarten sind. […]
Daß hier der feuerflüssige Urkern des Mondes sich befand, ehe er an die Oberfläche wallte und ausgeschleudert wurde, ist ebenfalls ein annehmbares Faktum, aber zum Unterschied vom ersten nicht nur ein bloßes Faktum, sondern eines, hinter dem sich schon ein Gleichnis verbirgt: das Gleichnis zwischen Erdenweib und Weiberde. Doch nur die geistige Zeit, die uns durchströmt und die realisiert, was gewesen ist, und was sein wird und sogar das, was niemals gewesen ist und niemals sein wird, gibt uns die Kühnheit, den „retrogenetischen Humus“ und die „Rückentwicklung der lebendigen Form“ und die „astromentale Überwindung des Sterbens“ hinzunehmen als das, was sie sind: In der Dämmerung der Ferne vorerschaute Möglichkeiten, welche die Natur und die menschliche Vernunft nützen oder verwerfen wird.«

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