"The light by which our self knows itself is its own light" - Rupert Spira

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Nicht umsonst mühten sich früher die Mysterien, Religionen und Kulte um das göttliche Ich- wie auch immer es vorgestellt wurde und wird. Heute, möchte man vermuten, ist Jede/r (derer, die an den gefüllten Tischen sitzen) per se selbst „göttliches Ich“, insofern ihm in der Konsum- Gesellschaft doch ununterbrochen neue Gaben dargebracht werden- technische Gimmicks, beispielsweise, die dem eingebildeten Gott eine eingebildete Welt in Pixeln und Bytes darbietet; ein ständiger Strom von Nachrichten, News, Nachrichten des persönlichen Umfeldes, technische Neuigkeiten, Politskandale, gelähmte politische Gemeinschaften - die Fluten von Informationen überwältigen den eingebildeten König.

Paradoxer Weise ist eine einzige Aufforderung - die Mysterienfrage schlechthin „Erkenne dich selbst“-, in der Lage, das ganze innere Königtum (Ich als Mittelpunkt meiner Peripherie) in ein Loch zu stürzen: Es ist, wenn man einmal anfängt, bestimmte Selbstbilder und Identifikation- Punkte in Frage zu stellen, kein Ende der Suchbewegung in Sicht, wenn man nach dem Selbst sucht. Greifen wir an diesem Punkt wieder einmal auf Rupert Spira zurück, der diese Situation der unbehaglichen Selbstentfremdung so beschreibt: „The inability to know our self as an object does not mean that our self cannot be known. It simply means that it cannot be known in the way that an object is usually known, that is, through the subject-object relationship.“*

Das ist der Ausgang für Spiras Suchbewegung- nach einem Bewusstseins- Zustand, der einen derartig komplexen Gedanken wie ein lebendiges Selbst anders als in Subjekt- Objekt- Koordinaten auffassen kann. Ein nur physisches Korrelat kann dieses Selbst nicht sein, da ein solches nicht nach sich selbst fragen könnte oder nach Spira feststellen, „we come to the extraordinary and profound realization that we cannot find our self—it cannot find itself—as an object located in space.“*

Die Selbstbefragung geht immer weiter. Wir stellen fest, dass wir in einer Kultur von Psychologie, Soziologie und Bio- Chemie, nicht zuletzt aber auch durch die Wahrnehmung unterschiedlichster eigener Rollen und innerer Widersprüche, in einer Massenkultur, im medialen Muttermilch- Strom der Informationen, zutiefst zerrissene Wesen sind, wenn wir ehrlich und sorgsam mit uns und mit anderen umgehen. Die permanente Ablenkung, die Dislokation des Geistes in ein strömendes Irgendwo, ist zusätzlich Anlass, nach etwas in sich „Bestehendem“ zu suchen. Aber - nach Spira“ verschluckt die Anstrengung, dieser Jemand zu sein, und den Alltag damit zu bewältigen, derartig viele Energien, dass ohne eigene meditative Anstrengung heute keine Chance besteht, dem Mühlrad zu entgehen, dem man einfach etwas entgegen setzen muss, denn: „The self that we seem to have become as a result of the forgetting or veiling of our essential being is an imaginary one. It is in fact a thought, not an entity or a self, that has caused this exclusive association of our self with an object of the body and mind. 

This thought equates or identifies the characteristics of the body and mind with our essential being, and collates them into what seems to become a separate, independent entity or self that resides in the body. This thought takes the awareness that is present in and as our essential being and the limited qualities of the body and mind, mixes them together and produces, as a result, an imaginary, limited, separate self that lives inside the body and mind.“

Allein dies denkend nach zu vollziehen und in Bezug auf ich selbst zu überdenken- Wer, welche Instanz ist in der Lage, die eigene Persönlichkeit -inklusive aller Selbst- Widersprüche- zu betrachten? Der aktive denkende Betrachter ist offenbar nie ganz in die seelisch- geistig- körperlichen Selbstdefinitionen involviert; es gibt einen freien Blick auch auf die Impulse, die uns ein ganzes Leben dominieren, und, wie aufwändig wir sie auch kaschieren, doch immer wieder hoch kommen. Wir sehen diese Spur, die unsere Biografie von einer Seite beleuchtet.

Wenn Spira von Meditation spricht, meint er die völlige innere Gegenbewegung zur „zerstreuten Zeit- Gegenwart“ - ein Raum innerer Zeitlosigkeit und Freiheit. Aber auch eine Gelegenheit, die Selbst- Erfahrung wirklich zu vollziehen- und sie dann als Paradox (so weit man sie verbalisiert) zu erleben: „In other words, it is the self, not our self. The self of aware presence is intimate but impersonal.“ Emanzipiert, selbständig und sich seiner selbst bewusst ist dieses Geistselbst in jeder Phase: „So it is our experience that the light by which our self knows itself is its own light. Our own being shines with its own light. It is not known by anything other than itself. It knows itself by itself, through itself alone. It does not require a body or a mind to be known. It is self-knowing, self-luminous and self-evident.“

In der biografischen Rückschau wird bei dieser Art der Initiation bemerkt, dass die stets voraus gesetzte Dualität (zwischen Ego und höherem Ich oder Selbst) auch illusorisch ist: Das Ego erscheint als eine denkbare Form - als ein abgeschnürter Ausdruck - des Selbst im Sinne eines alten Rheinarms. Spira drückt es so aus: „There are not two selves, a separate one and a real one. The real self is always the only self that there is, although it has become so entangled with thoughts, feelings, sensations and perceptions as to seem as if it were another kind of self—one that is limited, separate, located and inside.“

Rupert Spira macht ein großes Fass auf, und er macht es mit Sorgfalt und Bravour. Er hat nichts mit den üblichen Advaita- Erleuchtungs- Verheissungen zu tun. An einer Stelle streift er, wenn ich mal so anmerken darf, auch indirekt Rudolf Steiners Ahriman - Luzifer- Konzept: „That imagined self doesn’t have a motive; it is a motive—a movement of resistance or seeking, away from the now into an imaginary past or future.“ Das ständige Opponieren ist eine Seite des gängigen Selbstkonzepts (luziferisch). Die andere ist die Unzufriedenheit und die Suche- nach- Irgendwas, was dann durch (medialen und realen) Konsum gefüttert oder mit irgendeinem Hype zufrieden gestellt wird - der superfitte, toughe, allround wendbare Globalisierungs- Ich- Zeitgenosse, der den Geist mit Yoga und Stillness- Übungen nach dem Marathon nährt, aber sonst nahtlos in seinem beruflichen Apparat und sozialen Kontext funktioniert. Für Spira ist „Suche“ ein Synonym für Denken- in- Dualität.

Er taucht schließlich erzählend ein in die vollkommene Zeitlosigkeit, die er zwar als no-thought- Erfahrung schildert: „In other words, we, aware presence, no longer know the activity of thinking and feeling but just remain, open and empty, simply knowing our self. This simple knowing of our self, the simple knowing of our own being, is the experience of peace and happiness. This moment is, in fact, timeless, for when there is no thought there is no time.“ Andererseits muss genug „Denken“ im Sinn von Bewusstsein zugegen gewesen sein, um das Nicht- Denken konstatieren zu können.

Kein Wunder, dass Rupert Spira vor allem durch viele YouTube- Videos, in denen er Rede und Antwort steht, präsent ist. Er stellt nichts dar im Sinne von In- Szene- Werfen, er verspricht nichts Irreales, fordert hohe Konzentration, führt dann aber konkret und beherzt in eine reale meditative Arbeit- ohne Scheuklappen und Selbstbeschönigung. An manchen Stellen fühle ich mich - man verzeihe mir das- auch durchaus rosenkreuzerisch angehaucht, wenn Spira so etwas schreibt wie „The separate self cannot experience peace, happiness and love. It can only die in it.“ - In Christo morimur.

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*Presence: The Art of Peace and Happiness by Rupert Spira

Kommentare

  1. Lieber Michael,

    danke für deinen Beitrag. Darinnen schreibst Du: „ Es ist, wenn man einmal anfängt, bestimmte Selbstbilder und Identifikation- Punkte in Frage zu stellen, kein Ende der Suchbewegung in Sicht, wenn man nach dem Selbst sucht.“

    Dazu etwas aus meinem Alltag. Ich lass deinen Text. Am Abend schlug ich, üblicher Weise, dieses mal, irgendwo die Ordensregeln von Wilfrid Jaensch auf. Mein Blick fiel auf die folgenden Worte:

    „erst der Einzelne, Bruchstück wie alle anderen, erst der, der seinerseits das Gute tut, und sei es noch so gering: er tritt in Übereinstimmung mit dem Grund der Welt, welcher das absolut Gute ist, und dadurch wird das absolut Gute befreit und erlöst aus seiner seiner selbstgewählten Unsicht-barkeit.“ ( S. 72 )

    W. J. spricht hier nicht von „der“ Identität, er spricht von „einer“ möglichen Übereinstimmung. Das weckte mein weiteres Interesse und ich lass auf der selben Seite, weiter oben:

    „Die einzelnen Dinge sind zwar Bruchstücke und Negationen, da sie sich voneinander unterscheiden und erst durch den Unterschied sich selbst bestimmen, und diese Dinge enthalten den Funken der alten Wahrheit im „das“ ihres Seins, nicht in den Eigenschaften.“ ( Ebenso S. 72 )

    W. J. macht mich also darauf Aufmerksam: Wer Identität erfragt, der fragt danach, wie er dasselbe sein kann, was immer das auch sein mag. Er sagt nun weiter, die alte Wahrheit ist verschwunden und daher ist das Fragen nach der Identität mit derselben ein vergebliches. Und so weist er hin darauf, das man etwas wollen muss, damit es überhaupt in Wirklichkeit auftreten kann und dieses Wollen ist: Übereinstimmung in einer guten Tat.

    Noch einmal an den Anfang. „ Es ist, wenn man einmal anfängt, bestimmte Selbstbilder und Identifikation- Punkte in Frage zu stellen, kein Ende der Suchbewegung in Sicht, wenn man nach dem Selbst sucht.“

    Ich erinnere: Identität wird erfragt als „dasselbe“, was immer das auch sein mag. In Wilfrid Jaenschs Text „Selbstgespräch mit der schwarzen Madonna“ steht auf Seite 76:

    „Wenn man die Erzählung der schwarzen Madonna aushält, wenn man sich also daran gewöhnt, vor dem Sinnlosen zu stehen und das Wort „Ich“ wie ein Wahnsinniger auf etwas Fremdes anzuwenden, dann hört man den Satz: >Du und Ich sind dasselbe<. Als ich ihn zum ersten mal hörte, hatte ich zwei Erlebnisse. Erstens freute ich mich, denn der Satz ist die klassische Formel des Widerspruchs.[ ] Er spricht Einheit aus. Aber zugleich trennt er die Einheit, indem er zwei Subjekte hat. Nämlich >ich< und >du<. Ich und Du bleiben also als Getrennte stehen, zugleich werden sie als dasselbe ausgesagt.“ (S. 76)

    Abschließend zurück zu den „Ordensregeln“. Dort steht dann auf Seite 81:

    „Dieses >Dasselbe<, (siehe erinnernd mit hinzu: >und diese Dinge enthalten den Funken der alten Wahrheit im „das“ ihres Seins, nicht in den Eigenschaften.< W.J. ) das sich gleich bleibt, kannst Du nicht sehen. Sehen kannst Du nur die Verschiedenheit. Die Einheit dessen, was Du Sonne nennst, musst Du denken.[ ] Denken heißt: im Universum leben, denn alle Gedanken sind universell.“

    ~ B.

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    1. Lieber Burghard, das "In- Übereinstimmung- Sein mit dem Grund der Welt", das Angenommensein, die Erfahrung des Guten und Wahren als zugrunde liegende "Substanz", die Landschaft als sprechend zu erleben- das alles sind innere Bewegungen, die eine andere Ebene der Identität berühren als die des Immergleichen, des Sich- Vergewissernden. Die Suchbewegung, die Fragehaltung erfordert ein immer neues Austarieren, ein immer neues Gleichgewicht, da immer wieder das Nicht- Übereinstimmende bemerkt wird.

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