Zander & Staudenmaier hoch zu Ross gegen die SKA Christian Clements

Mit einer gewissen Erheiterung kann man auch auf die Reaktionen der anthroposophischen Altherren- und Lila-Damen-Riege auf die Herausgabe der „Kritischen Ausgabe“ einer Reihe von Schriften Rudolf Steiners schauen: Die völlig überzogenen Wehe- Schreie derer, die jedes (auch un- überprüfte) Zitat Steiners für sakrosankt halten, reichen sich vor allem im Internet das patschnasse Händchen. Gerade bei Facebook ist durch die Diskussion nach den ersten erschienenen Bänden der trübe Untergrund der Szene so aufgewirbelt worden, dass die schrillsten Verschwörungstheoretiker diese Herausgabe nahtlos in ihre schlichten Schwarz- Weiss- Ideologien eingebaut haben- sie sprechen völlig ohne Ironie von der „Mormonenverschwörung“, in die inzwischen auch die Herausgeber der Rudolf- Steiner- Gesamtausgabe konventioneller Art einbezogen werden. So besonders neu ist das Theater übrigens nicht, wenn man die Szene kennt: Jede schlichte Neu- Ausgabe, die z.B. wegen bislang unbekannter Vortrags- Mitschriften leichte Textänderungen vorgenommen hat, ist auch bislang intern regelmäßig des Verrats und der Fälschung geziehen worden.

Die Kritiker der Professoren- Riege, die ihre Karrieren und ihre Reputation auch durch harsche Steiner- Kritik erworben, aber auch dafür gesorgt haben, dass ein Exoten- Thema wie Anthroposophie überhaupt zur akademischen Diskussion gestellt wird, folgen auch einem deutlich wahrnehmbaren Trend zur akademischen Okkultismus- Forschung. Die Kontextualisierung von Anthroposophie innerhalb der diversen Strömungen schreitet zwar voran, aber nicht immer zu ihrem Vorteil. Zumindest populäre Kritiker wie Peter Staudenmaier und Helmut Zander haben ja nun offen kommunizierte, dedizierte Standpunkte, die ihre Forschungs- Arbeiten voran treiben: Staudenmaier, stets diskussionsfreudig auch im Umgang mit - sagen wir- anthroposophischen Apologeten, hat den Fokus Faschismus inne, während Zander die Kontextualisierung in Bezug auf okkulte Strömungen so weit treibt, dass Steiner verschwindet und Anthroposophie zu einem bloßen Sammelbecken zeitgenössischer und antiker okkulter Lehren wird.

In der Waldorf-Critics-Liste hat Peter Staudenmaier schon vor Wochen einen Verriss „by Helmut Zander of Christian Clement's edition of Knowledge of Higher Worlds“ angekündigt- nun ist es so weit: „The critical points Zander raises will be familiar to those who followed the discussion here earlier this year. As I emphasized back then, it is important to recognize that readers can still appreciate the substantial advantages that Clement's edition provides, even while disagreeing forcefully with some of his analyses. Zander's review recognizes this as well. I urge everyone who can read it to do so. Critical discussion of this work is essential for anybody interested in the growing scholarship on Steiner and anthroposophy.“

Das mit der von Staudenmaier behaupteten „wachsenden Schülerschaft“ (Anm.: Dieses Missverständnis u.a. klärt Staudenmaier in einem Kommentar von Tom Mellett auf s.u.) gibt den Arbeiten der Herren zwar Gewicht, scheint aber eher unrichtig zu sein; zwar finden sich viel genutzte (vor allem englisch- sprachige) Facebook- Seiten im Netz, aber die Mitgliedszahlen, Finanzen, Verlage, Zeitschriften gehen insgesamt stark zurück. Gerade hat das Redaktions- Team von „Die Drei“, der bedeutendsten anthroposophischen Kultur- Zeitschrift, nach 15 Jahren Arbeit das Handtuch geworfen.

Dem Tenor Staudenmaiers, generell einige Verdienste Christian Clements - gewissermaßen kollegial - anzuerkennen, aber gleichzeitig „forcefully“ (wie lächerlich alleine diese eitle Formulierung) seinen Interpretationen zu widersprechen, folgt Zander, aber setzt den akademischen Dolch dann direkt zur Schlachtung Clements an. Elegant, wie er nach einigen anerkennenden Worten, in die er vergnüglich die Unmut der anthroposophischen Reaktionäre über Clements Arbeiten einflechten kann („Dass das konservative anthroposophische Milieu deshalb schäumt, verdeutlicht, wie tief sich Menschen verletzt fühlen, die Steiners Texten eine sakrale Qualität zuschreiben und in einer historisch-kritischen Philologie nur die Abkehr von der „Offenbarung“ des „Geistigen“ sehen.“) mit einer klassischen Wendung („Gleichwohl meine ich, mich auch sehr kritisch äußern zu müssen.“) zur Attacke reitet.

Zunächst vermisst Zander bei Clement das, womit er sich selbst beschäftigt (und auch Ansgar Martins), nämlich „deutliche Defizite in der Einbeziehung der Forschung“. Zander sieht sogar einen „handwerklichen Mangel“ und unterstellt Clement, dass er Steiner nicht objektiv gegenüber stehe, sondern „Steiner doch wieder als Solitär der Kulturgeschichte“ erscheinen lassen will- etwas, was Zander offensichtlich gegen den ideologischen Strich geht. So wirft er Clement vor, an zentralen Stellen Texte Steiners als komponiertes Ganzes aufzufassen statt des wirren Sammelsuriums, das Zander offenbar beim Lesen Steiners wahrnimmt. Zudem benutze Clement einige anthroposophische Begriffe und folge anthroposophischen „Denkmuster(n)“: „..ruht die weltanschaulich eingefärbte Einleitung an zentralen Stellen auf Denkmustern Steiners und seiner Anhänger“. „Denkmuster“ ist eine interessante Variable, in die der geneigte Kritiker hinein schütten mag, was er will. Vielleicht erklärt sich der Vorwurf an dem Punkt, an dem es Zander darum geht, das gesamte Anliegen Clements, Steiner von der Philosophie, seinem Frühwerk und dem geistesgeschichtlichen Hintergrund Schellings, Hegels, Goethes und Schillers zu kontextualisieren, herab zu würdigen: „Die bekannten und von ihm teils neuentdeckten Bezüge zur Theosophie legen nahe, die Struktur und zentrale Inhalte des Schulungsweges weiterhin von theosophischen Vorlagen statt vom philosophischen Frühwerk her zu lesen.“ Vom akademischen Machismo her gelesen, würde ich das so verstehen, dass Zander Clement vorwirft, nicht wie Zander zu schreiben.

Aber Zander möchte noch seine ganz unangenehmen Seiten zeigen- die des akademischen Blockwarts. Er ist schäbig genug, Christian Clements Verlag am Ende nahe zu legen, die Edition „grundsätzlich zu überdenken“, d.h. einzustellen. Das ist schon eine massive Intervention, in der der aufgeblasene Kritiker offenbar links von seiner Eitelkeit überholt wird: „Angesichts der handwerklichen Mängel, namentlich in der partiell großen Forschungsdistanz, und der tief anthroposophiefrommen Einleitung ist man über eine solche Publikation im Verlag Fromann-Holzboog mit seinen hochrenommierten Editionen – sagen wir – irritiert. Ich finde es angebracht, diese Edition grundsätzlich zu überdenken und sie in die scientific community einzubinden.“ Applaus dafür wird Zander sicherlich von rechten Anthroposophen- Hardcore- Lager erhalten. Die wollen Clement auch eingestampft sehen.

Link: http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-22822

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