"Auf unendlich viele Arten kann man das innere Gleichgewicht suchen"

Ein selbstverständlicher Teil jeder Schulung, die mit Bewusstsein arbeitet (und nicht mit Symbol- Mantren, Bild- oder Körper- betonten Methoden, oder gar Medialem irgend einer Form), ist das Beobachten des eigenen Denkstroms- die Ausbildung des unabhängigen inneren Zeugen. Diese autonome Instanz ist nicht dingfest zu machen, da sie niemals zum Objekt werden kann. Denn sie ist reine Aktivität. Umgekehrt kann sie in den Momenten, in denen die Aufmerksamkeit so entwickelt ist, dass „Ausbrüche“ im Denkstrom bemerkt werden, eines Mangels an innerem Gleichgewicht gewahr werden. Stellen wir uns einen gewissen Normal- Pegel im Verlauf vor, in dem ein plötzlicher Wirbel entsteht, aus dem wie aus dem Nichts ein bunter Strom sich rasch entfaltender, den Denkenden mitreissender Emotionen und Vorstellungen entspringt. Was ist geschehen?

Der Gedanke galt Jemandem- was sie gerade macht, was sie vorhat. Ich hatte eine Vorstellung - konkret vom Kofferpacken. Dann - schon verloren in der Szenerie - die mitreissende innerlich filmische Umsetzung aller meiner Ängste, eine ins Katastrophale führende, konkrete Phantasie. Ich kehre immer wieder an den Ursprungspunkt dieses Abgleitens zurück- das passive Eingehen in diese kurze, konkrete Vorstellung. An dem Punkt, an dem vielleicht eine Sorge dabei war, war mir das Ganze schon entglitten.

Je konkreter man sich den Augenblick der Entgleisung des Denkstroms ansieht - diese Energie, aus der sich die innere emotionale Welle speist-, desto mehr wirkte es wie ein Eingriff, eine Erschütterung, ein Straucheln des Denkenden. Eigentlich stellt der Zeuge zwei Arten des Einflusses fest: Eine von links unten hoch in die Herzgegend, und eine gegenläufig, was die Illustration, Symbolik und Konkretheit betrifft. Das Eine facht die Angst an, und das andere die Phantasie- die, in der man kurze Zeit vollkommen verloren geht.

So weit die Konstatierung des Zeugen, der das Ganze schlicht und unerschütterlich konstatiert. Aber es lohnt sich offenbar, noch genauer hin zu schauen, wo genau man eigentlich diese innere Mitte verortet, sofern eine Möglichkeit und ein Bedürfnis besteht, das überhaupt fest zu stellen. Es ist auch unangenehm, weil man man etwas genauerem Hinschauen auf den Alltag feststellen wird, dass der innere Ausnahme- Zustand eigentlich die Regel ist. Die Mitte kann kein fester Punkt, keine Linie oder Spur sein, sondern etwas, was man immer auspendelt.

Das ist wohl das Echo der Beschäftigung mit der Mitte, dem Verfolgen des Flusses des Bewusstseins und seinen Entgleisungen, dass der bislang eher passive innere Zeuge nach und nach präsenter wird- bis hin zu der von so Vielen - von Eckhart Tolle bis hin zu Jean Klein- beschriebenen Erfahrung des Ich-bin im Alltag.

In Bezug auf die Probleme mit dem inneren Gleichgewicht hat Rudolf Steiner im Kontext seiner Erklärungsversuche der Figur des „Menschheits- Repräsentanten“ angefügt: „Auf wie viele Arten kann man denn das Gleichgewicht suchen? [...] Auf unendlich viele Arten können Sie das Gleichgewicht suchen. Das entspricht den unendlich vielen Arten, individueller Mensch zu sein.“ (GA 194, S. 183ff) Nach Steiner macht gerade die Art, ein immer neues Gleichgewicht seiner ganz eigenen Art zu finden, das Individuum aus.

Bei Jean Klein führt das Weiterverfolgen seiner inneren Linie zu einer Selbsterfahrung in einem energetischen Körper: „The subtle body we are speaking about is completely free from the physical structure of the body. Its energy is completely unconditioned, it belongs to the real body, the energetic body. (..)“ Aber - nach Klein- ist diese Erfahrung („des Ätherischen“ nach Rudolf Steiner) nichts anderes als die Vertiefung des Zeugen. Der Zeuge wird sich seiner selbst in der aktiven Bemühung, wenn man die "Spur des Denkens" betrachtet, bewusst, sobald er den Blick auf sein Aktiv- Sein richtet. Die Aufmerksamkeit, die nicht mehr an Objekte der Betrachtung verloren geht, sondern sich "hält" in reiner Aktivität, ist für Klein der Ausgangspunkt zu immer weiteren meditativen Erfahrungen, ohne dass es um "Fortschritt" dabei ginge- es geht ausschließlich um Hingabe, Genauigkeit und Stillness: „From the very beginning we emphasize the ultimate non-state, the awareness itself. There is no progression from one state or level to another. Thoughts and pulsations appear in this awareness. One cannot progress in meditation. There is no evolution of consciousness. Being observing, the ultimate witness, is an instantaneous occurrence. Experiences and experimentation occur within this natural non-state. In progress there is no progress.

Jean Klein postuliert ein spontanes Selbstgewahr- Werden, bei dem ein Punkt innerer Autonomie erreicht wird, in dem „Gedanken und Antriebe in der inneren Klarheit erscheinen“. Diese sich selbst transzendente Instanz ist das Medium für vertiefende Erfahrungen in jegliche Richtung. Das lernende Individuum findet damit - bei völliger gedanklicher Klarheit- auch wieder ein Medium, um z.B. Natur in einer mitschwingenden Empfänglichkeit des lebendigen Denkens neu zu entdecken.

Jean Klein geht also weit über das blosse Betrachten des Denkstroms hinaus. Was er da schildert, ist ein Ausdruck von Autonomie in der Selbsthingabe. An jeder Stelle verantwortet er seine Darstellung durch Selbst- Reflexion, mit einer steten Vertiefung des meditativen Status. Was mir auffällt, ist, dass allein durch das Element des Verschriftlichens eben doch „Ebenen des Meditativen“, Stadien und Wege Kleins sichtbar werden- das, was er absolut verneint. Dabei zeigt Klein in dieser von ihm eingenommenen meditativen Perspektive kein religiöses Element. Anderen mag das an Klein gerade lieb sein. Mir wird es interessant, Klein nach zu gehen, und dann doch zu merken: Da wird er mir zu kalt, da geht er über etwas hinweg, dann finde ich seine Perspektive „technisch“.  Die „Non- Dualität“ kann und soll niemandes Herz erwärmen. Man soll die Erfahrung schließlich selbst machen. Zumindest ist es das, was Jean Klein vom Leser erwartet: Den scheinbare Mangel, die Leerstelle mit seiner eigenen Aktivität, einem eigenen Stil und mit Seele, Kraft und Mut selbst zu füllen.

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Jean Klein, I am

Kommentare

  1. Für Naturwissenschaftler hat Steiner die ‘Symbol- Mantren, Bild- oder Körper- betonten Methoden, oder gar Medialem irgendeiner Form‘ durch Phänomenologie und Imagination ersetzt: ‘sich bloß dem äußeren Wahrnehmung‘ hingeben, sinnliche Eindrücke begriffsfrei einsaugen, ohne Furcht in den Leib untertauchen, das Ich nicht mitnehmen (Grenzen der Naturwissenschaft, 322.84f. und 113f.). Ein Oberstrom im Gegensatz zum denkerischen Unterstrom.

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