Ein Schlagen mit den Flügeln

Das war eine meiner Maximen: Mir Ausdruck verleihen zu können - im weitesten Sinne. Wenn wir mit 10, 11 Jahren mit der Bahn fuhren - damals noch mit Schaffner und aufschiebbaren Türen, die im Sommer einfach offen blieben- fanden wir uns in der drückenden Enge der überfüllten Wagen selten.

Im Winter waren alle Scheiben von der Kälte -bis auf die des Fahrers- beschlagen , und die innen Stehenden spiegelten sich darin unentwegt.

In diesem Winter war etwas anders. Denn das Spiegeln war mir so unendlich peinlich, weil ich plötzlich nicht aufhören konnte, mich im gläsernen, verschwommen wirkenden Gegenbild anzustarren. Ich fürchtete, die Leute würden meine peinliche Besessenheit bemerken. Worin bestand die Besessenheit? Aus Fragen. Denn dieser Mensch im Spiegel war ja ich. Ich hatte das natürlich immer gewusst, aber nie realisiert, dass ich genau Dieser bin, mit dieser Gestik, diesem Gesicht (als hätte ich es noch nie gesehen!), dieser Gestalt, usw. Ja, in dem Usw. versteckt sich immer das Wesentliche. In diesem Fall, in dem ein un- umkehrbarer Bruch im Verhältnis zu sich selbst eingetreten war- dass es da ein Äußeres gibt, das ich offenbar bin. Es ist plötzlich nicht nur dieses Äußere interessant, sondern natürlich auch, wie es auf Andere wirkt. Und schon ist da ein Strudel entstanden, der früher oder später im Suchen nach Beziehung enden wird- schon um den Strudel irgend wann einmal anzuhalten- und sei es auch nur für eine einzige wirkliche Begegnung.

Dann stiegen wir aus der Bahn aus. Die Wege trennten sich, die Menge zerstreute sich, aber Gruppen fanden auf dem Weg zu ihrer jeweiligen Schule auch wieder zusammen. Da war es meine Aufgabe, irgend etwas zu erzählen. Etwas, was von der Tatsache der nahe rückenden Schule ablenken konnte. So begann eine meiner Ausdrucksformen- die erzählerische, mit einer ordentlichen Phantasie. Eine davon (hier nur referiert) war die Frage, ob kosmische Entwicklung relativ sei. Falls sich, so grübelte die Schülergruppe, unser gesamtes Sternensystem auf einem expansiven Kurs von einem Zentrum aus in eine unbestimmte Peripherie drängt- wie ist es dann bei einer simplen irdischen Explosion? Formen sich in der relativen Zeit der Expansion auch dabei, in einem relativ ganz anderen Zeitfenster - Welten? Kosmen? Leben?

Die Phantasie dieser Art des atemlosen Welt- Verstehen- Wollens dieses Alters kann klar und weitsichtig sein- noch nicht durchwebt von den fiebrigen, hormonell bedingten Schüben des Begehrens, die der Phantasie ihre Unschuld nehmen. Man könnte sagen, dass die Korruption dieser hellsichtigen Empfindsamkeit erst mit dem „reinen Denken“ oder jedenfalls mit der Entfaltung einer unabhängigen inneren Instanz beendet werden kann - die Empfindsamkeit erwacht als Wahrheits- Fühlen, als intuitives Erleben dessen, was in Substanz, in Dinglichkeit, in Sein ursprünglich schaffend war und ist. Erst mit dem Gang durch diese Umstülpung ergibt sich- bei günstiger Gelegenheit- ein Eintritt in schaffendes energetisches Sein in den unterschiedlichsten Erfahrungsfeldern- bis hin zum Eintritt in eine majestätische imaginative Welt- bildhaft erfahrene Bedeutungsschichten, gesättigt und vollkommen. Das wird als eine Art Welt- Denken erlebt, ein kosmisches Bilder- Bewusstsein, bei dem man in jedes Detail eintreten kann, um darin alle denkbaren Aspekte wie in einer kompakten, zum Bild gewordenen Form zu entdecken. Das ist ähnlich wie in einer Mandelbrot- Form, nur auf der Ebene der Bedeutung und des Verstehens.

Für Rupert Spira ist in seinem (bislang nur im englischen Original erhältlichen) Schulungs- Buch* in den fortschreitenden Teilen (darin ähnelt er Äußerungen von Eckhard Tolle und wahrscheinlich jedem ernsthaften Lehrer) an den Punkt gekommen, an dem er dazu auffordert, das denkend- meditative Bewusstsein nicht mehr als „besonderen Zustand“ zu inszenieren- d.h. ohne besondere Zeit, Situation, „Meditation“, sondern als Präsenz in den Alltag zu integrieren. Das „Da“ ist permanent im Hintergrund, fühlbar auf einer klaren Ebene, die gleichwohl Elemente hat, die zu anderen Zeiten als Träumen auftreten, zu anderen als von Wollen gesättigtes Präsenz- Empfinden im Alltag. Spira beschreibt es als „getting the taste of“ it: Ein auf- den- Geschmack- Kommen in Bezug auf ein existentiell anderes „traumhaftes“, aber dennoch vollkommen klares Welt- Erleben- eine gewandelte Phantasie, eine geistige Kommunion, ein situatives Erfahren der Sophien- Seite des eigenen Seelischen, ein Schlagen mit den Flügeln:

As you get the taste of this, there is no need to confine this experiment to a meditative type of environment. Try it while walking down the street, doing the dishes, talking with your friends. As time goes on it will become more and more ordinary, effortless and natural to experience the world in and as our self. The feeling that the world is ‘outside’ and ‘not me’ is the inevitable counterpart to the feeling that ‘I’ am inside the body as ‘me’.

*“Presence: The Art of Peace and Happiness“ by Rupert Spira

Kommentare

  1. Erinnert mich an meine Jugendjahre, als Ram Dass, Dr. Richard Alpert, so etwas wie ein ferner guter Onkel für mich war, er nannte das "Sei immer Jetzt Hier" bzw. "Alles Leben ist Tanz", hinsichtlich des Bkakti-Yoga und Karma-Yoga... und achte darauf, tanzt Du den Tanz immer mit einem "Oooch", oder mit einem "Aaah" auf den Lippen, aber auch unser Leid, es bringt uns näher zu "Gott", näher in das "Genau Hier" ... er sagte auch gern "Geenau Hier draußen, in der Ewigkeit, dort, wo wir alle 'Wir' sind, Leute, Typen, Wesen, die eben den Tanz tanzen" ... Konventionen der geschichtlichen Epochen bzw. Identifikate, Titel... nannte er "Spiele"... bis hin zu dem Spiel "Wow, ich meditiere aber wieder gut heute!" ... und das war es schon wieder: Draußen! Aus dem "Jetzt", na und, egal... weiter, konzentriere Dich auf den Tanz, nicht darauf, das Du der tolle Saddhu bist :-) Tu Deine Arbeit, Hausaufgaben, Konversationen, Putzen, Hinsetzen, Ausruhn.. Bus fahren... etc.
    m.butty

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  2. Spira habe ich durch Rainer kennen gelernt- schätze die Bücher, aber auch (gelegentlich) die Videos. Im Grunde gab es solche inneren Auseinandersetzungen mein ganzes Leben an- Leary, Aurobindo, Suzuki- alles aus dem Späthippie- Bereich. 1974 in Amsterdam war da schon eine Menge, zwischen Hare-Krishnas, Moonies und angeblichen Super- Gurus. Meine lebenslange Abneigung gegen selbstgefällige Zurschaustellung angeblichen Wissens rührt wohl von dem damaligen Aufsaugen all dieser Typen.

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