Breivik und IS- Mörderische Weltenretter und Tempelritter

Einem ganz bestimmten Tätertyp geht Klaus Theweleit* in seinem im ersten Teil erschreckend konkreten Buch über bestimmte Mörder nach- dem Tempelritter nach Art von Anders Behring Breivik, den enthemmten Jugendlichen der IS, den Kindersoldaten und anderen, bei denen das Töten in eine sexuell aufgeladene Selbstempfindung fährt, bei denen das Lachen beim Morden unausweichlich wird. Dieser Typ wird sein mörderisches Tun als „höheres Werk“ im Dienste einer Idee und nicht selten nach langer Schulung im Sadismus verstehen. In der zweiten Hälfte des Buchs versucht Theweleit eine Art Deutung in Sachen phallischer Gewalt, da die Mordlust in diesen Fällen meist tatsächlich eine Art Lüsternheit darstellt- danach geht das Archaische mit dem Sexuellen und der wie auch immer gearteten, oft frei flottierenden ideologischen Rechtfertigung eine unheilige Allianz ein.

Jegliche Empathie löst sich dabei in Luft auf: „Es ist kennzeichnend für die Körper der lachend Tötenden, dass sie irgendeine Emotion für irgendwen oder irgendetwas außerhalb ihrer selbst nicht aufbringen können. Ihre Psyche und Physis ist vollkommen absorbiert von dem Akt.“ Ein besonderes Zeichen unserer Zeit ist, dass selbst die letzte Scham, diese Akte exzessiver Gewalt zu verleugnen oder zu verbergen, übersprungen worden ist; die Täter brüsten sich in den sozialen Medien, vor TV- Kameras und in YouTube- Schnipseln mit ihrem Handwerk des Schlachtens von Menschen: „Gewöhnlich würden Soldaten in Kriegen ihre Verbrechen eher verheimlichen, schreibt sie. Wie wir schon gesehen haben, stimmt dies für den Typus von Killern, mit dem wir es hier zu tun haben, generell nicht. Sie sind vielmehr unbedingt auf das Ausstellen ihrer Taten aus. Die Opfer sehen sie dabei ganz »unten« auf einer Skala der Bedeutung von Menschenleben; eher schon als nicht-mehrmenschlich.“

Auch sie selbst - die Ritter islamischer, russischer, neo- faschistischer oder „abendländisch- christlicher“ Ideologien - empfinden sich als nicht-mehr menschlich, denn sie sind erhaben, sie dienen einer Idee, einer fiktiven Gruppe:

Anders Behring Breivik stellt sich der Welt nicht vor als »Individuum«; er definiert sich als Mitglied; als Teil einer übergeordneten internationalen Bruderschaft: der Knight Templars; einer »Tempelritter«-Organisation, in deren Namen er sein Massaker an jungen norwegischen Sozialdemokraten verübt hat.“ Der - wie er schon genannt wurde- „frei flottierende SS- Mann“ Breivik fühlt sich als Weltretter, als quasi nur konsequenter Gutmensch, der uns das Beste, nämlich den Tod wünscht: „Er ist kein Patient; so wenig wie Himmler oder Hitler oder ein anderer dieser Mörder »höheren Rechts«. Wir haben es zu tun mit Weltrettern; Leuten, die angetreten sind, uns zu heilen; und zwar mit technisch hochwertigsten Killergeräten; der Faschist aller Länder und Kulturen versteht was von Waffen. Schon deshalb ist er kein Patient. Er ist der Arzt. Wir sind in seinen Augen Kranke; Leute, die der »Heilung« bedürfen. Seiner Therapie.“

Es ist offenbar zu simpel, lediglich von Krankheit oder Dummheit bei solchen Tätern zu sprechen, deren Liebesbedürfnis in Vernichtungslust umgepolt worden ist: „Die »leersten Köpfe« stimmt nicht. Sie haben den Kopf voll: von Vernichtungslust und der Gewissheit, straffrei zu agieren. Voller kann man den Kopf nicht haben. So voll, dass nichts anderes mehr hineinpasst.“ In der Logik der Social- Media- Killer gilt schließlich „je grausamer, desto frommer“- und desto mehr Klicks gibt es, und: „Ein Mord kann dich zur Marke machen.

Dass in der anthroposophischen Szene Gewalt verherrlichende Videos kursieren, wird niemand behaupten- dass aber in rassistischen und antisemitischen Haltungen wie den hier im Blog vorgestellten Keulerschen Gedanken ebenso wie im konstatierbaren Selbstgefühl als „Eingeweihter“ Elemente eines Tempelrittertums Breivikscher Art mitschwingen, mag man auch nicht ausschließen. Die ganz normalen britischen Abiturientinnen jedenfalls, die scheinbar ohne Anlass von London aus los flogen, um sich im IS als Bomben- Träger- Material anzudienen, folgten vor allem den auch in anthroposophischen Kreisen verbreiteten 9/11- Verschwörungstheorien und Phrasen von der „Lügenpresse“: „Aber dann, so erzählt es der Direktor, fing das Mädchen an, dass al-Qaida eine gute Organisation ist, dass die westlichen Medien alle lügen, dass das World Trade Center von den Amerikanern selbst zerstört wurde. »Sie machte den Eindruck einer total einer Gehirnwäsche unterzogenen Schülerin«, sagt der Direktor.“

Offenbar haben wir es mit einer ansteckenden Krankheit zu tun, bei der noch so verrückte Erklärungsmodelle plötzlich mit aller Gewalt und voller Selbstzerstörungs- Willen (buchstäblich) in die Tat umgesetzt werden: „Wenn solche Tempelritter und ihre Gruppierungen sich politisch durchsetzen, wenn sie »an die Macht kommen«, wie sie das selbst gern nennen, dann tun sie allerdings all die Dinge, für die sie vorher für verrückt erklärt worden sind, bzw. für krank, bzw. für Deppen.

Theweleits Zitate, Fundstücke sind vor allem in der ersten Hälfte tatsächlich etwas für hartgesottene Realisten. Der feministischen Deutung des zweiten Teils kann man einiges, aber nicht alles abgewinnen. Die kollektive Mordlust in Ruanda z.B. war geschlechter- übergreifend.

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*Zitate aus: Das Lachen der Täter: Breivik u.a.: Psychogramm der Tötungslust (Unruhe bewahren) von Klaus Theweleit

Kommentare

  1. Weiter ins Thema mit Dr. Steiner? http://fvn-rs.net/index.php?option=com_content&view=article&id=1984:was-tut-der-engel-in-unserem-astralleib-zuerich-9-oktober-1918&catid=122:ga-182-der-tod-als-lebenswandlung

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  2. Solches Verhalten ist psychoanalytisch betrachtet eine unbewusste Regression.

    Wobei Steiner bemerkte: Nicht diese Triebe sind die Ursachen, sondern daß der Mensch mit seiner unterbewußten Vernunft untertaucht in die Regionen, in denen diese Triebe wirksam sind. (178.153).

    Ist es eine Regression zum ‘atlantischen‘ Menschen, noch ohne individuellen Verstand?
    “Wer auf gewisse Taten zurückblicken konnte, der forderte von seinen Mitmenschen dafür Anerkennung. Er verlangte, daß seine Werke im Gedächtnisse behalten werden. Und auf dieses Gedächtnis von den Taten war es auch begründet, daß eine zusammengehörige Gruppe von Menschen Einen als Führer erkor. Eine Art Königswürde entwickelte sich. Ja diese Anerkennung wurde bis über den Tod hinaus bewahrt. Das Gedächtnis, das Andenken an die Vorfahren oder an diejenigen, die sich im Leben Verdienste erworben hatten, bildeten sich heraus.“ 11.36

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