Demokratie in anthroposophischen Gänsefüßchen

Nachdem ich schon vor einigen Tagen auf den anthroposophischen Faschisten Rüdiger Keuler aufmerksam gemacht habe, der den in einer Reihe von Kommentaren so genannten "Mut" oder die "Offenheit" besitzt, die ins Land strömenden Flüchtlinge als vergewaltigende Horde zu bezeichnen, die die "planmäßige Vernichtung" ("Völkermord") der Deutschen betreibe, gesteuert von finsteren Mächten aus Übersee. Man sollte ja meinen, derlei rassistisches und faschistisches Gerede sei wohl ein Einzelfall in dieser Szene, in deren Mysterienspielen nicht gerade die Glatzen und Skins in der ersten Reihe sitzen.

Wenn man den Beifall klatschenden Kommentaren bei Herrn Keuler nach geht, stösst man bald auf drei Links, die sich argumentativ anders - nämlich am anthroposophischen Historiker Markus Osterrieder- orientieren. Die problematischen Aspekte von Osterrieders Interpretation der Kriegsursachen in Bezug auf den Ersten Weltkrieg hat Georg Klemp dargestellt, z.B.: "Die anthroposophischen Rezensenten, denen ein Interesse an einem neuen deutschen Militarismus nicht unterstellt werden soll, scheinen so auf die Frage fixiert zu sein, ob die aktuelle historische Debatte Rudolf Steiner mehr Recht gibt als dazumal Fischer, dass ihnen der reaktionäre Charakter des neuen Revisionismus völlig entgangen zu sein scheint."

Der Blogger, der mit eifrigen Link- Setzungen auf seine Weiterentwicklung der Kriegsschuldfrage Osterriederscher Art aufmerksam machen möchte, ist der "Fassadenkratzer" Herbert Ludwig, ein pensionierter Waldorfpädagoge aus altem Schrot und Korn: "Danach Studium an der Pädagogischen Hochschule Reutlingen mit den Schwerpunkten Erziehungswissenschaften, Philosophie, Geschichte, Deutsch, sowie Waldorfpädagogik am Waldorflehrer-Seminar Stuttgart. 27 Jahre Lehrer an der “Goetheschule – Freie Waldorfschule – Pforzheim”."

An Osterrieder anknüpfend, führt Ludwig - hier einer der diesbezüglichen Artikel - allerlei an, um seine Deutung einer okkulten englischen Freimaurer- Verschwörung im Vorfeld des 1. Weltkrieges zu belegen: "Trotz der allgemeinen Neigung zum Materialismus gaben sich viele Engländer doch nicht mit platten Welterklärungen zufrieden, sondern versuchten, in den metaphysischen Hintergründen des irdischen Lebens Antworten auf Rätselfragen des Daseins zu finden. Und insbesondere Politiker strebten durch spiritistische Praktiken danach, Leitlinien für ihr Handeln aus einer spirituellen Welt zu erhalten."

Der nicht- materialistische Herr Ludwig spult auf seinem Blog, wie man im Inhaltsverzeichnis sehen kann, das ganze übliche ultrarechte Programm ab. Natürlich schreibt er Demokratie in Gänsefüßchen, bezeichnet Europa als "EU- Zwangsstaat", lebt seiner Meinung nach in einer ""demokratischen" Diktatur", sieht die Welt durch "anglo- amerikanischen Imperialismus" beherrscht, usw. Herr Ludwig kaut das ganze Programm durch. Man fragt sich, ob er es vielleicht bis zur Holocaust- Leugnung treibt. Nicht ganz, möchte man sagen. Er war ja nun auch mal Rechtspfleger, und er kennt die Gesetze. Immerhin schafft er es aber, die wie üblich in dieser Szene in Frageform gepresste nazistische Aussage selbst breit zu beantworten "Zwang England Hitler zum Angriff gegen Polen?". Ja. Der Hitler - um es prosaisch auszudrücken- wollte nie einen Überfall auf Polen veranstalten, vielmehr unternahm er das, was die (Zitat Ludwig) "herrschende Geschichtsschreibung" als 2. Weltkrieg bezeichnet quasi aus humanitären Gründen, um seine in Polen bedrängten Landsleute (Deutsche sind gemeint) vor polnischen Verfolgungen zu schützen:

"Die herrschende Geschichtsschreibung sieht den „Überfall“ Hitlers auf Polen als den nach der Besetzung der Tschechoslowakei weiteren Schritt zur lange geplanten Eroberung deutschen Lebensraumes im Osten. Von solchen Gedanken hat Hitler in der Tat schon in „Mein Kampf“ geschwärmt. Konkrete militärische Pläne dazu gab es aber zu diesem Zeitpunkt nicht. Es kommt historisch darauf an, was jeweils tatsächlich und aus welchen Gründen genau geschehen ist. Hitler wollte offensichtlich in dieser Zeit mit Polen keinen Krieg, sondern einerseits die schwierige Lage der Deutschen in Danzig und Ostpreußen, sowie die Benachteiligungen und Verfolgungen der deutschen Minderheit in Polen auf dem Verhandlungswege lösen und andererseits Polen für einen Bündnisvertrag gegen die Sowjetunion gewinnen."

So geraten "Demokratie" und "Überfall" Hitlers gleichermaßen in den Gänsefüßchen- Modus des Herrn Ludwig. Von der angeblich diskussionswürdigen Kriegsschuld- Frage 1914 führt es mit sicherem Schritt in die Umkehrung der Intentionen des nationalsozialistischen Dritten Reichs. Die Sache war natürlich von "anglo- amerikanischer" Seite geplant: "Für die kriegswilligen Westmächte liefen die Dinge wie gewünscht. Man durfte ja vor der Welt auf keinen Fall den Krieg selbst beginnen." Herr Ludwig führt das in aller Breite aus. Belege benötigt er nicht zwangsläufig, denn man kann ja einfach "offenbar" etwas so auslegen, wie man es mit so einem Weltbild eben so macht: "Am 3. September 1939 erklärten Frankreich und England als Antwort auf den deutschen Angriff auf Polen Deutschland den Krieg, und der britische Außenminister Lord Halifax sagte in London: „Jetzt haben wir Hitler zum Krieg gezwungen, so dass er nicht mehr auf friedlichem Wege ein Stück des Versailler Vertrages nach dem anderen aufheben kann“– wozu diese „Stücke“ aber offenbar hineingesetzt worden waren."" 

Offenbar und offensichtlich formiert sich eine populistische, pseudo- historische, aber auch volksverhetzende rechte Bewegung quer durch die anthroposophische Szene. Hier wie in Heidenau ist offenbar ein Damm gebrochen- der Mob, aber auch die "Denker" dahinter verbergen nicht mehr ihre Gesichter.

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