Burghard Schildt: Der freie Willensakt, der sich im reinen Denken selbst entfacht

Vor einigen Tagen stellte Christian Clement den nachstehenden „Vierzeiler“ in diesen Blog. Der regte mich zu weiterem Sinnen an.

Ein Bild des Ich ist jede Welt.
Drum prüfe, wer ein Urteil fällt,
Ob's sich mit einem selbst nicht so verhält,
Wie man's dem andern unterstellt.

Zeile 1 „Ein Bild des Ich ist jede Welt“.

Damit ist ein Urteil ausgesprochen, dem ich zustimmen kann. So geschrieben steht: „Des Ich“, erübrigt sich die Mehrzahl. Mithin: Ein „Gebilde“ des Ich ist „dessen“ Welt. Folglich vom Ich selbst gebildet und daher stets eines von dessen Selbstbildnissen. Da das Ich stets bildend ist und sich dabei in keiner seiner Bildungen erschöpft, daher kann man sagen: Ein Selbstbildnis des Ich ist ein Gebilde, dessen Bildner selbst nicht Bild wird.

Zeile 2  „Drum prüfe, wer ein Urteil fällt,“.

Also prüfe ich.  Das Ich als Bildner ist stets „der Bildträger“ eines seiner  Selbstbildnisse. Das Tun von Trägern ist, sie übertragen. Aus Sprache jenseits jeglichen Bildes entspringt Bildsprache, indem das Ich, aus seiner Sprache, einem  seiner Gebilde, Mitsprache zuträgt.

Zeile 3 „Ob's sich mit einem selbst nicht so verhält,“.

Welcher Vorgang muss getätigt sein, so es das Ich ist, das in Tätigkeit sich findet? Vom Ich kann man wissen: Eine jegliche Tätigkeit desselben ist vom Ich gewollt. Bekannt ist: Gleiches wird durch Gleiches erkannt. So weiterhin der selbstgewollte Wille des Ich bedacht sein soll, muss dasjenige Denken, anhand dessen das versucht wird, vom Selbstwollen des Ich durchwaltet sein . Eben ein Denken sein, das in einem jeden seiner Gedankenschritte sich selbst bedenken will. Das ist dasjenige Denken, das als reines Denken auftritt. Was will es? Es will, ebenso wie das Ich, sich selbst. So wollend, schöpft es seinen Inhalt aus der ihm immanenten Ideenwelt. Dabei ist es in Selbstbestimmung tätig. Folglich ist jeglicher Inhalt des reinen Denkens von demselben gewollt und bestimmt. Mithin: Es ist freier Wille, der sich, in diesem Denkwillen, in Selbstbestimmung entfacht.

Zeile 4 „Wie man's dem andern unterstellt.“

Der freie Wille kann sich zudem allein sich selbst zuwenden. So ist er reines Wollen. Und als das zugleich das Wollen des Ich. Dieses reine Wollen des Ich ist weiterhin der Urimpuls freier künstlerischer wie wissenschaftlicher Tätigkeiten. Selbige folgen selbst gesetzten Zwecken. Was ist der Wille selbst gesetzter Zwecke? Solche Vorgänge im Leben, die noch nicht im Selbstzweck, eben in Erkenntnis und Freiheit sich entfalten können, in letztere  zu erheben.

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Obigem nachsinnend kann einleuchten: Die Selbstbildnisse im Leben des Ich, die nimmt man zunächst als gegebene hin. Sie sind sozusagen dessen Allgemeingut. Für das Freilegen der Quelle des reinen Wollens, der weitere Selbstbildnisse entspringen können, dafür bedarf es des freien Willensaktes, der sich im reinen Denken selbst entfacht.

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von Burghard Schildt

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