Flüchtlinge

Elsbeth Weymann




Deutsche Flüchtlinge 1945

 
Flüchtlinge 2015, auf dem Weg nach Deutschland

Bis Ende des Jahres erwartet die deutsche Bundesregierung nach eigenen Angaben 800.000 Flüchtlinge. Hass, dumpf-düstere Parolen, brennende Flüchtlingsunterkünfte auf der einen Seite. Aber auch eine Welle überwältigender Hilfsbereitschaft der Bürger, die praktisch, effektiv, kreativ und menschenzugewandt Willkommensbündnisse mit ehrenamtlichen Helfern organisieren.

Seit einiger Zeit arbeite ich mit in der Flüchtlingsunterkunft Berlin Goerzallee.
Ein nicht gerade einladender Bau aus den Siebziger Jahren, im schmutzigen Gelbton. Dort leben etwas über 200 Flüchtlinge, aus dem Balkan, aber vorwiegend aus Syrien, Irak, Eritrea, Somalia. Für die Letzteren besteht echte Hoffnung auf Asyl. Das Willkommensbündnis Zehlendorf-Steglitz bietet vor Ort mit vielen Ehrenamtlichen Deutschkurse an, an denen ich mich beteilige.

Ein riesengroßer Kasten von Haus, eiserne Tore, wartende Menschen überall. Immer wieder werde ich freundlich auf Deutsch (!) begrüßt. Ich warte auf die Frau mit dem Schlüssel für den Unterrichtsraum. Im Hof scharen sich einige junge Männer um ein kaputtes Fahrrad. Lautstark gibt es in verschiedenen Sprachen Ideen für die Reparatur. Und man probiert herum. Endlich gibt es etwas zu tun! Eine junge Eritreerin mit ihrem Säugling auf dem Arm schaut lächelnd zu. Der Kleine blickt mit großen schwarzen Augen um sich, kann sein Köpfchen noch kaum selber halten. Im Kindergarten, ein Raum vollgestopft mit gespendeten Sachen, kommen die ersten Kinder an. Ein Junge rennt mit ausgebreiteten Armen auf die Kindergärtnerin zu und lässt sich herumwirbeln. Sie erzählt mir, dass die Vier-bis Fünfjährigen in ein paar Tagen schon soviel Deutsch aufschnappen, dass sie für ihre Mütter übersetzen können.

Der ziemlich kleine Raum für den Deutschunterricht füllt sich. In fünf Gruppen wird gleichzeitig unterrichtet. Das heißt: Konzentration pur! Die Phonetiklehrerin geht mit ihrer Gruppe ins Freie. Ihre sehr notwendigen Sprechübungen sind einfach zu laut.
Ich habe zwei Syrerinnen zugeteilt bekommen. Beide von Kopf bis Fuß in Mantel und Kopftuch gehüllt. Nur Gesicht und Hände sind frei (bei über 30 Grad Hitze!). Sie können beide lesen und schreiben (das ist in diesem Kontext überhaupt keine Selbstverständlichkeit) – aber nur Arabisch. Beide verstehen kein Wort Deutsch oder Englisch. Da heißt es Ideen haben! 
Erst einmal ist das Alphabet dran. Im Internet fand ich eine Liste, in der unsere lateinischen Buchstaben und deren Lautung den arabischen gegenübergestellt werden. So können wir beginnen. Schreiben, schreiben, nachsprechen. Vom Benennen der Buchstaben bis zum Lesen ist dann der nächste Schritt zu nehmen. Es geht gut voran. Für jeden Buchstaben lasse ich den (soweit möglich) entsprechenden auf Arabisch schreiben – und probiere es dann selber. So gibt es immer wieder herzliches Lachen. Das Lernen ist ein Miteinander und macht viel Freude. Sie strahlen, wenn ich am Morgen sie mit dem von ihnen gelernten Gruß auf Arabisch begrüße. Ein Bilderlexikon, in das man, nach Sachgruppen geordnet, die entsprechenden Wörter auf Deutsch eintragen muss, wird für uns zu einem kleinen deutsch-arabischen Glossar. Helles Lachen bei dem Bild für: Sofa. Tatsächlich ein Wort, das in beiden Sprachen völlig identisch ist!
Rana ist gemeinsam mit ihren beiden erwachsenen Söhnen geflüchtet. Durch viele Länder. Sie schaut mit wissenden, wachen Augen und „liest“ Menschen und Situationen. Beiden Frauen spürt man Verlust, Entbehrung, Unsicherheit, Angst, Heimweh – alle die extremen Erfahrungen der monate-manchmal jahrelangen Flucht an. 
 
Dann kommen Albaner zum Unterricht. Vier Personen, zwei Ehepaare, deren Kinder hier bereits eingeschult sind. Alle vier sind Handwerker. Eigentlich sind sie es, die Deutschland dringend braucht, wie man vielfach lesen kann. Aber nach dem verschärften Asylgesetz gilt Albanien als „ sicheres“ Herkunftsland. Niemand weiß also, ob alle vier mit ihren zusammen fünf Kindern demnächst abgeschoben werden. Wir unterrichten trotzdem. Die Albanergruppe arbeitet rasch, engagiert und hoch motiviert. Ich lerne einiges über den Winter in Nordalbanien – Schnee in Mannshöhe (!) und beißende Kälte.
Wir verständigen uns in einem Sprachengemisch aus Deutsch, ein wenig Englisch und etwas Neugriechisch. Der wichtigste albanische Dichter der Gegenwart sei Ismael Kadare, lerne ich. Dessen bewegende „Chronik in Stein“, die ich daraufhin lese, schildert den Zweiten Weltkrieg in einem albanischen Bergdorf, aus der Wahrnehmungsperspektive eines zehnjährigen Kindes. Bei meiner Erwähnung des albanischen Fürsten Skanderbeg (1405-1468) der auch außerhalb Albaniens bekannt ist, strahlen alle. Skanderbeg gilt als ihr albanischer Nationalheld. Ich ahne, was es bedeutet, eine Identifikationsfigur für das Empfinden des eigenen Volkes zu haben.

Eine Woche später steht frierend ein kleiner Syrer vor dem Unterrichtsraum. Er bittet mich in gutem Englisch, Deutsch lernen zu dürfen. Da in Deutschland alle schulpflichtigen Kinder sofort eingeschult werden müssen, wundere ich mich, ihn hier zu treffen. Er ist eben erst mit seiner Mutter in der Flüchtlingsunterkunft eingetroffen. Die Formalitäten bis zum Schulbesuch sind noch nicht abgeschlossen. Aber er will lernen! Er zeigt mir sein Heft: säuberlich deutsch geschriebene Wörter. Daneben hat er in schöner Schrift jeweils die Übersetzung auf Arabisch eingetragen.
Da Nizar mit seiner Mutter zwischenzeitlich schon ein Jahr in Schweden gelebt hat, spricht er auch Schwedisch. Drei Sprachen also, mit 11 Jahren. Nun wird die vierte hinzukommen. Tief berührt hat mich dieser wache, wissende Blick, der ahnen lässt, was Nizar bereits schon wahrgenommen, erfahren und durchlebt hat. Aber es ist auch noch das wissbegierige und lebenshungrige Kind in diesem Blick anwesend, aus dem ein Leuchten aufscheint bei seinen Worten: „I want to learn, please!“

Den Flüchtlingen durch Offenheit und menschliche Zuwendung ein wenig die Möglichkeit zu geben, wieder Vertrauen in ein tief erschüttertes Leben aufzubauen, das ist der Wille aller hier arbeitenden Ehrenamtlichen.

Elsbeth Weymann, 
Berlin, August - Oktober 2015

Kommentare

  1. "Bis Ende des Jahres erwartet die deutsche Bundesregierung nach eigenen Angaben 800.000 Flüchtlinge" - So einfach ist das nicht: Alleine vom 05.09. - 15.10 (also in 5 Wochen) kamen 409 000 Flüchtlinge zu uns (SPIEGEL, 43, S.29).

    Man muss auch nicht wählen zwischen "Hass, dumpf-düsteren Parolen" oder einer "überwältigenden Hilfsbereitschaft" - mehr als 50% der Bevölkerung (ich auch) ist inzwischen einfach nur verunsichert, bekommt zunehmend Bedenken und kann zudem das "Wir schaffen das" Gerede nicht mehr hören.

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  2. "Wir schaffen das" Gerede nicht mehr hören."

    Wir haben es hier zunehmend mit einem globalen Problem zu tun und die Europäer sollten jetzt näher zusammenrücken und sich zudem mehr Gedanken machen.
    Naher Osten, Afrika, Asien usw. - viele Menschen dieser Länder sind nicht nur vom Krieg oder wirtschaftlich gebeutelt, sondern auch von der Klimaveränderung (Trockenheit einerseits, Meeresanstieg andrerseits usw). Hinzu kommen noch korrupte, politische Verhältnisse vielerorts sowie Fehlentwicklungen wirtschaftlicher Art bzw. Ausbeutung armer Länder (siehe z.B. Afrikas Untertagebau, wo seltene Erden für unsere smart und I-phones, Technik, Wissenschaft usw. z.T. von Kindern gefördert werden, gegen Hungerlöhne, mit einer hohen Sterberate)...

    Außerdem muss hierzulande mehr für die Kommunen und Städte getan werden...alles in allem werden wir uns wohl auf eine immens-steigende Vökerwanderung gen Westen einstellen müssen...

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    1. Hier mal ein weiteres Beispiel katastrophaler Fehlentwicklung und Unmenschlichkeit.
      "Cash and Fisch" - Fischfang vor Afrikas Küste, Europa kauft die Meere leer"
      Spiegel-online: http://www.spiegel.de/wirtschaft/fischfang-vor-afrikas-kueste-europa-kauft-die-meere-leer-a-712541.html

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    2. "die Europäer sollten jetzt näher zusammenrücken". Genau, das wäre die Lösung. Das tun sie aber nicht.

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    3. "Das tun sie aber nicht." Vielleicht noch nicht...ich begreife das immernoch als Chance und Bewährung für die Europäer, aber auch weltweit...

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  3. Lieber Rainer,

    die Zahl 800.000 hat der deutsche Innenminister Thomas de Maizière im August dieses Jahres genannt. Mag sein, daß sie sich inzwischen geändert hat. Ich kann mir allerdings nicht recht vorstellen, daß es diesbezüglich überhaupt verläßliche Zahlen geben kann. Ebensowenig wie hier bei uns – in Österreich, las ich gestern, würden, umgerechnet auf die Bevölkerungszahl, derzeit mehr Asylanträge gestellt als in Deutschland. Und auch das kann sich täglich ändern.

    Aber in Elsbeth Weymanns Schilderung geht es gar nicht um eine Zahl. Sondern es geht darum, wie wir mit den Menschen, die hier bei uns, in Österreich und Deutschland, angekommen sind, meist nach langer, oft lebensgefährlicher Flucht – wie wir mit diesen Menschen umgehen. Ganz konkret, in der persönlichen Begegnung, Tag für Tag.
    Ich finde das wichtig.
    Nicht nur, weil wir in der persönlichen Begegnung jetzt sofort selbst etwas tun können, statt, wie in Bezug auf das „Zusammenrücken Europas“, auf das Handeln anderer warten zu müssen.
    Sondern auch, weil wir auf diese Weise dabei mitwirken können, daß sowohl wir als auch die Menschen, die jetzt in unserer Heimat Zuflucht suchen, Menschen bleiben. In den eigenen Augen und in den Augen der jeweils anderen.

    Ich begreife (und teile!) Deine Verunsicherung und Deine Bedenken. Natürlich müssen wir alles versuchen, um andere Staaten zum „Mitmachen“ zu bewegen.
    Und mir ist bewußt, daß wir alle Fehler machen werden, so wie wir in der Vergangenheit Fehler gemacht haben – das scheint mir ganz unausweichlich.

    Aber was wäre, Deiner Ansicht nach, die Alternative zu der Zuversicht, daß wir es irgendwie „schaffen“ werden?

    Das, wovon Elsbeth Weymann erzählt: die persönliche Begegnung mit Einzelnen – das ist jedenfalls bisher das Einzige, das mir selbst ganz konkret über meine eigene Verunsicherung hilft. Ich bin überzeugt, den meisten ehrenamtlichen Helfern geht es ähnlich.

    Herzlichen Gruß,
    Ingrid

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  4. Elsbeth Weymann hat mich gebeten, ihren Kommentar zu posten:

    Lieber Rainer Herzog,

    ich verstehe Sie !--nur zu gut !
    Unsicherheit, Bedenken, Sorgen, Fragen-- all dies betrifft mich und uns Ehrenamtliche ganz genauso.

    Ob wir "es schaffen" werden ? Wer kann das sagen.
    Aber durch die konkrete Arbeit mit diesen Flüchtlingen werden aus Massen und überwältigenden Zahlen Menschen mit Gesichtern und sehr konkreten Schicksalen.
    Meine Generation (Jg.1942) hat noch tief in sich die Erfahrungen von: Bomben, Bunker, Todesangst der Erwachsenen - die man als Kleinkind in den eigenen Leib aufgenommen hat - und Flucht.
    Wir kennen noch aus eigener Erfahrung, was es heißt, Flüchtling zu sein:
    fremd, lästig, unerwünscht, verdächtig, überflüssig, zwangseinquartiert,verachtet - alles andere als willkommen.

    Das Thema ist sehr, sehr komplex und höchst geeignet, Fronten aufzubauen.
    Es hat viele Wurzeln - auch eine in europäischer (z.B. Waffenlieferungen, Giftgas) und amerikanischer Politik, - und seine Zukunft ist offen und höchst ungewiss, nicht nur für Deutschland.

    Dass inzwischen Pegida -Vertreter, wie gestern in Dresden (19.10), öffentlich ungestraft sagen können:
    "Es gäbe natürlich Alternativen.Aber die KZs sind ja leider derzeit außer Betrieb“,
    ist einfach unfasslich.
    Aber dass Ehrenamtliche aller Altersstufen jetzt konkret versuchen, etwas zu tun, so gut es geht zu helfen, erfüllt mich mit Zuversicht.

    Auch wenn damit keineswegs Unsicherheiten, Sorgen und Fragen verschwunden sind, so ist es doch ein kleines Zeichen der Menschlichkeit.

    Ich grüße Sie!
    Elsbeth Weymann

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  5. Liebe Frau Weymann, liebe Ingrid

    die Aussage mit dem KZ kam von dem umstrittenen Autor Akif Pirincci, der erfreulicherweise deswegen wahrscheinlich mit strafrechtlichen Konsequenzen konfrontiert werden wird.

    Es geht mir nicht darum, irgendwelche Fronten aufzubauen, selbstverständlich sollen politisch verfolgte Menschen (und nur solche) aus dem Irak, Syrien oder anderen Ländern, bei uns Asyl bekommen.

    Ich (und viele andere) hatten allerdings die Befürchtung, dass durch das "Wir schaffen das" von Merkel, sowie von den Willkommensfeiern an diversen Bahnhöfen viele Flüchtlinge eben etwas allzu einseitig auf Deutschland fixiert sind, sich praktisch eingeladen, oder fast schon aufgefordert zu kommen, fühlen. Die entsprechenden Bilder gehen in Zeitalter von FB, Twitter, selfies und co. eben recht flott bis an das andere Ende der Welt und erreichen millionen Menschen.

    Ein großer Teil der europäischen Nachbarn hält sich bei dieser Krise fast vollständig zurück, schottet sich ganz ab oder nimmt nur "symbolisch" Flüchtlinge auf (neben den Ostblockländern, u.a. auch GB und Frankreich) Dann kann das Ganze natürlich auf Dauer nicht ansatzweise funktionieren, das ist m.E. der entscheidende Punkt.

    Ergänzend dazu, etwas persönliches: Ich arbeite seit vielen Jahren in der Betreuung psychisch kranker Menschen in Hamburg-Wilhelmsburg, eine Art "sozialer Brennpunkt" (alles voller Burkas...) viele meiner Klienten haben einen muslimischen Hintergrund, einige sind kurz vor der Radikalisierung.
    Ich bin inzwischen längst nicht mehr "endlos offen und dialogbereit" im Kontakt mit dem Islam: Kurz gesagt, ich lehne vieles dort ab, nicht nur die unendlich tief verwurzelten patriarchalischen Strukturen, auch den Umstand (was ich letztens auf FB diskutiert habe), dass der Islam zum größeren Teil sich geistig gesehen in der historischen Epoche des Mittelalters befindet und noch nicht einmal unsere "Aufklärung" (kritische Infragestellung der Religion, Berufung auf Rationalität, usw) erreicht hat. Autoren wie Kermani gibt es zum Glück, aber das sind Ausnahmen.

    Ich fürchte, dass sich so etwas wie "Charlie Hebdo" bei uns wiederholen könnte, dass die Menschen, die hierherkommen, nicht verstehen, dass sie in einem Land sind, welches seinen Bürgern erlaubt, sich über Religion lustig zu machen.

    In Berlin hat der Leiter einer Schule vor einigen Tagen ganz schnell eine Kunstausstellung räumen lassen, in denen Aktbilder gezeigt worden, aus Angst, die Gefühle der Flüchtlinge zu verletzen.

    Jüdische Gemeinden haben ihre Ängste geäußert, da ein größerer Teil der Flüchtlinge aus Ländern kommt, in denen die Idee der Vernichtung Israels sehr verbreitet ist.

    Soweit, ein paar fragmentarische Gedanken und Eindrücke von mir zu diesem schweren Thema.

    Herzliche Grüße!

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    1. Lieber Rainer,

      »die Aussage mit dem KZ kam von dem umstrittenen Autor Akif Pirincci, der erfreulicherweise deswegen wahrscheinlich mit strafrechtlichen Konsequenzen konfrontiert werden wird.«
      Ja. Und es freut mich auch, daß (danke, Mischa, für den Hinweis) sein Webmaster sich von ihm distanziert hat, mit einem offenen Brief: Von der Scham.


      »dass sie in einem Land sind, welches seinen Bürgern erlaubt, sich über Religion lustig zu machen.«

      Das stimmt nicht ganz. Anders als Frankreich haben sowohl Deutschland als auch Österreich als auch die Schweiz Gesetze, die die Beschimpfung eines religiösen Bekenntnisses (Deutschland, § 166 StGB) bzw die Herabwürdigung religiöser Lehren (Österreich, § 188 StGB) bzw die Störung der Glaubens- und Kultusfreiheit (Schweiz, § 261 StGB) unter Strafe stellen.
      Wobei ich persönlich die deutsche Formulierung für die beste halte: während es in Österreich darum geht, ob eine Handlung »geeignet ist, berechtigtes Ärgernis zu erregen« (wie will man feststellen, was hier berechtigt ist?) und das Schweizer Gesetz gar nicht auf die Folgen der Tat abstellt, sondern ausschließlich auf die innere Befindlichkeit des Täters (»böswillig« oder »gemein«), heißt es im deutschen Gesetzestext: »in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören«.

      Hier ist also Achtsamkeit geboten, schon allein, um unseren eigenen Gesetzen Genüge zu tun.

      Aktzeichnungen aus einer Kunstausstellung zu entfernen, halte ich allerdings für übertrieben: niemand muß in eine Ausstellung gehen, die ihm nicht gefällt; da müßte man auch gleich einen großen Teil des Internets unzugänglich machen...

      Ansonsten:
      Ja, ich weiß. Natürlich wird es schwierig.
      Und nicht nur, weil, wie Euer Bundespräsident vor ein paar Wochen gesagt hat, zwar unsere Herzen weit, unsere Möglichkeiten aber endlich sind.

      Schon lange vor der heurigen Eskalation klagten befreundete Lehrerinnen über Väter, die vollstes Verständnis dafür haben, daß ihre Söhne nicht gewillt sind, Anweisungen von einer Frau entgegenzunehmen (– ich suche noch immer nach dem Titel des hier erwähnten e-books) – – –

      Aber es gibt Gründe zur Hoffnung.
      Nicht nur Navid Kermani.
      Sondern zum Beispiel auch Mouhanad Khorchide, den stellvertretenden Sprecher des Muslimischen Forums Deutschland.

      Wir müssen es also gar nicht ganz alleine schaffen.
      Etliche der Neuankömmlinge sind gewillt, mitzuhelfen.
      Ihnen gehört meine Unterstützung.
      Und sie geben mir Zuversicht.

      Herzlich,
      Ingrid

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    2. Liebe Ingrid,

      ich schliesse mich ganz dir an.
      Es besteht kein Zweifel darüber, dass es juristisch zwingend, aber auch sonstwie mehr als geboten wäre, wenn Prinincci strafrechtliche Konseqenzen bekäme. Wer Verbrechen verherrlicht, bzw. das Fehlen von verbrecherischen Einrichtungen wie KZ's beklagt, stellt sich unabhängig von der jeweiligen Rechtslage eines Landes klarerweise selbst ein Idiotenzeugnis aus.

      Man müsste die Angelegenheit aber auch weiterverfolgen. Vielleicht ist er ja gar kein wirklicher Idiot.
      Zweifel bestehen nämlich sehr wohl, ob er denn auch tatsächlich rechtlich belangt werden wird, wegen dieses eindeutigen und eklatanten Gesetzesbruchs.
      Zweifel bestehen nämlich, ob Pirincci nicht doch zu einer privilegierten Kaste von Menschen gehört, für die Gesetze nicht zu gelten scheinen, die von staatstragenden Institutionen, Politikern, Parteien, Verlagen usw...hofiert, gefördert, zumindest aber geduldet werden. Weil er für gewisse Interessenssphären nützliche Dienste leistet, die Menschen auseinanderdividiert, die Bevölkerung spaltet, polarisiert, einen Teil radikalisiert, mit allzuleicht entflammbaren Emotionen spielt, diese in der Folge instrumentalisiert usw...usw...

      Wenn nichts passiert, dürfte es wohl sonnenklar sein. Dann hätten nämlich andere Verantwortliche weitere Gesetze gebrochen, was meines Erachtens nicht weniger schlimm wäre.

      Die Frage wäre dann nur, ob man auf diesen sehr wahrscheinlichen Gesetzesbruch (Unterlassung der juristischen Verfolgung Pirinccis) auch gleichermassen empört hinweisen dürfte?
      Bei Hinweisen auf andere Gesetzesbrüche, z.B. die "ihrer" ;-) Politiker und vieler sich in "ihrem" Land aufhaltenden Ausländer haben "die" ja auch so ihre Schwierigkeiten.
      Selektive Anwendung von Rechtsinstrumentarien erzeugt augenscheinlich derzeit in vielen vom Flüchlingsstrom betroffenen Ländern Angst. Über die kann einfach nicht hinweg gesehen werden. Gerade weil dies in Deutschland stattfindet und gerade weil Missachtung elementarer Rechtsnormen schon mal in für ganz Europa verheerender Form von Deutschland ausging.

      Sollte Deutschland schon wieder eine Vorreiterrolle im sich augenscheinlich von wahrer Demokratie wegentwickelnden Europa anstreben, sich aller Vernunft verschliessend und ohne von anderen Ländern geistige Impulse aufnehmen zu wollen, dann wäre dies wohl die ultimative grösste anzunehmende Katastrophe.

      Lg R.

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    3. Kleiner Nachtrag:

      Die weiter oben zitierten Worte des umstrittenen Autors Akif Pirinçci lesen sich so (und auch ich habe sie zunächst so verstanden), als würde er gern die in Deutschland angekommenen Flüchtlinge in Konzentrationslager schicken.
      Das ist offenbar eine Fehlinterpetation.
      Aus dem Zusammenhang in seiner Rede geht hervor, daß er die Äußerungen einiger deutscher Politiker, die besorgt-empörten Deutschen empfohlen hatten, das Land zu verlassen, wenn ihnen die derzeitige Flüchtlingspolitik nicht passe, in provokant fingierender Art dahingehend „zu Ende gedacht“ hat, als ob diese Politiker am liebsten die erwähnten besorgt-empörten Deutschen in Konzentrationslager sperren würden.

      Ich überlasse es jedem, der sich dafür interessiert, Näheres zu ergooglen, und setze hiezu ganz bewußt keine weiteren links – denn mir sind derartige Provokationen und Zündeleien bei einem so heiklen Thema zuwider, und ich will hier nicht auch noch dafür Werbung machen.
      Aber ich wollte doch auf dieses Mißverständnis aufmerksam machen.

      Herzlichen Gruß in die Runde,
      Ingrid

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    4. Liebe Ingrid,

      sehr interessant. Ich hatte es wiederum anders interpretiert, eine dritte Variante.
      Da vor dem fraglichen Ausspruch Pirinccis im auf der von dir verlinkten Seite verlinkten youtube - Video seiner Rede das Publikum Widerstand... Widerstand ...Widerstand schreit (offensichtlich gegen die Politiker, die den besorgt-Empörten Menschen die Ausreise empfehlen) war ich der Meinung, Pirincci meinte eine Alternative zum Widerstand gegen diese Politiker. Also dass er diese Politiker gerne ins KZ gesteckt hätte.

      Wie auch immer, wie jeder geschulte Populist ist auch Pirincci anscheinend ein wahrer Meister in punkto mehrdeutiger Aussagen.

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    5. Lieber Rudolf,
      Deine Interpretation halte ich für unwahrscheinlich, da Pirinçci seine Rede nicht frei gehalten, sondern abgelesen hat – auch diese Stelle, die also keine Reaktion auf aktuelle Publikumsäußerungen sein konnte, sondern sich auf die davor gelesenen Sätze beziehen mußte.
      Wie dem auch sei – sicherlich ist er ein Populist.

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    6. Liebe Ingrid,

      ja, deine Interpretation ist selbstverständlich plausibel. Natürlich kann ich mich auch irren, aber ich hatte sie aus folgendem Grund verworfen.
      Sie würde ja im Widerspruch zur Schlussfolgerung stehen, dass die Aussage dann zwangsläufig ein strafrechtlich relevanter Tatbestand wäre.
      Wenn Pirincci also den "Mainstream-Politikern" vorwerfen sollte, Nazimethoden zu befürworten, das wäre dann ja die Konsequenz, würde er ja nichts anderes tun, als den Spiess umzudrehen. Er würde nicht mehr selbst als die Galionsfigur weiter Teile des rechten Spektrums dastehen, sondern er würde die heute Deutschland regierenden Politiker geistig den Nazis gleichstellen.

      Die Justiz wäre gewaltig überfordert. Denn es gäbe es in der Tat Arbeit ohne Ende, wollte man auf nicht selektiv gesetzeskonforme Weise all diejenigen verfolgen, die Menschen mit von der eigenen abweichenden Meinung vorwerfen, Nazis zu sein ;-) ohne dass diese das Geringste mit diesen zu tun haben.... oder diesen unterstellen, auch nur ihre Geisteshaltung an den Tag zu legen.

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  6. Aleviten glauben, dass die Brüder Hızır und İlyas als Propheten gelebt und das sogenannte „Wasser der Unsterblichkeit“ getrunken haben. Diesem Glauben zufolge kommen die Brüder, ähnlich dem Dioskuren-Brüderpaar des Altertums, Castor und Pollux, Hilfsbedürftigen zu Hilfe. Hızır kommt den Hilfsbedürftigen zu Lande und İlyas denen zur See zur Hilfe. Sie seien für diejenigen bereit und sie retteten jene, die in Not geraten seien und „aus tiefem Herzen“ Hilfe erflehten. Sie brächten den Menschen Glück und Besitz. Nach einer Erzählung sei Hızır das erste Mal von Gefolgsleuten Noahs zur Hilfe gerufen worden und soll dessen mit Menschen und Tieren vollbeladenes Schiff gegen ein Unwetter geschützt haben. Nachdem das Schiff drei Tage einem Unwetter widerstanden habe, hätten die Geretteten drei Tage lang gefastet, um Hızır ihre Dankbarkeit zu beweisen.

    Hızır als Begriff nimmt einen wichtigen Platz im Alltag der Aleviten ein. Viele Aleviten geben ihre Gelöbnisse im Namen Hızır und bitten oder erflehen etwas in seinem Namen. „Hızır sei Dank“, „Hızır möge kommen“, „Hızır auf dem Schimmel möge allen Menschen helfen und er möge alle bewachen“, „Es möge mal von Hızır sein“ u. a. sind einige bekannte Redewendungen. In manchen Gegenden werden Kindern, Bergen, Seen und Wegen die Namen Hızır und Xizir verliehen. Es gibt sogar einen religiösen Tanz namens „Hızır semahı“. (wiki/Aleviten)

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  7. From where I am, looking at the middle east and african refugee situation it is incredible that the people in Europe are expected to shoulder such a crises. Surely the root of the problem needs to be scrutinized. How can it be that so called leaders of the world create chaos after chaos without a thought of what happens during and after the chaos. Caryn

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