Gibt es historische Vorbilder für die Kennzeichnung der vier Weltalter als "Saturn, Sonne, Mond und Erde" in Rudolf Steiners >Geheimwissenschaft



Derzeit arbeite ich gerade an einer historischen Kontextualisierung der steinerschen Kosmogonie, wie sie in seiner Schrift Die Geheimwissenschaft im Umriss zur Darstellung gekommen ist. Dort wird die Weltentwicklung in vier Phasen unterteilt und durch die Planetenreihe "Saturn", "Sonne", "Mond" und "Erde" verbildlicht.

Die Lehre von vier Weltzeitaltern ist in allen östlichen und westlichen Kulturen weit verbreitet; aber ein historisches Vorbild für die Charakterisierung derselben durch diese vier planetarischen Stufen konnte ich bisher nicht ausmachen - auch nicht in der theosophischen Literatur, aus der das Grundmodell der steinerschen Kosmogonie stammt. Weder Sinnett noch Blavatsky oder Besant bezeichnen die sieben theosophischen "Runden" mit konkreten Planetennamen, ausser natürlich der 4. Runde, der "Erde".

Eine historische Parallele konnte ich bisher finden - und das sind interessanterweise die Planetensteine auf dem Tempel der Mormonen in Salt Lake City. Dort ist die Fassade ringsum deutlich in vier Ebenen unterteilt, welche von oben nach unten mit charakteristischen Planetensteinen gekennzeichnet sind: Saturn, Sonne, Mond und Erde.*



Die Frage nach der Bedeutung oder dem Ursprung dieser Reihe konnte mir aber bisher kein Mormone beantworten. Es gibt jedoch Ansichten, dass die Saturnsteine sich auf "Kolob" beziehen, nach mormonischer Lehre der "Ursprung" und "Sitz" der Götter (in der Folklore profaniert zum "Planeten", auf dem Gott "wohnt"), in welchen sich, nach J. Smith, am Ende der Zeiten die Erde wieder "einrollen" wird. Für manche Forscher ist "Kolob" ein Synonym für "Saturn".

Interessant ist auch folgendes mormonische Kirchenlied von William Phelps, in welchem "Kolob/Saturn" als Ort des "großen Anfangs" und "Wiege der Götter" beschrieben wird (in der 3. Strophe wird es geradezu theosophisch):

1. If you could hie to Kolob / In the twinkling of an eye,
    And then continue onward / With that same speed to fly,
    Do you think that you could ever, / Through all eternity,
    Find out the generation / Where Gods began to be?


2. Or see the grand beginning, / Where space did not extend?
    Or view the last creation, / Where Gods and matter end?
    Me thinks the Spirit whispers, / “No man has found ‘pure space,’
    Nor seen the outside curtains, / Where nothing has a place.” 


3. The works of God continue, / And worlds and lives abound;
    Improvement and progression / Have one eternal round.
    There is no end to matter; / There is no end to space;
    There is no end to spirit; / There is no end to race. 


Auch lesenswert (für Anthroposophen): Im "Book of Abraham" (3. Kap.) ergänzt J. Smith die biblische Schöpfungsgeschichte. Abraham (nicht Moses!) hat dort eine übersinnliche Vision von der Weltentstehung. Er schaut eine Reihe von Welten, zunächst Kolob (Saturn?), welcher dem Thron Gottes am nächsten steht. Dann wird ihm die Sonne (Shinehah) gezeigt, dann der Mond (Olea), dann das Firmament, an dem die Sterne hängen. - Dann schaut er die Ränge der himmlischen Intelligenzen (Hierarchien), wie sie sich beraten, herabzusteigen um die Erde zu formen. Dann findet der "Kampf im Himmel" statt, Luzifer und die Seinen werden auf die Erde herabgestoßen. Schließlich folgt der mosaische Schöpfungsbericht wie in Genesis bekannt, wobei "Elohim" konsequent mit "die Götter" übersetzt wird.  

Zuletzt vielleicht noch aus dem "Book of Moses" 1: "But only an account of this earth, and the inhabitants thereof, give I unto you. For behold, there are many worlds that have passed away by the word of my power. ... And as one earth shall pass away, and the heavens thereof - even so shall another come. There is no end to my work; neither to my words.".

Kann jemand mir weiterhelfen mit weiteren Hinweisen auf Vorbilder für diese Motivreihe in der Esoterik, Literatur, Architektur, Kunst usw.? Wo gibt es in der abendländischen Tradition (ausser natürlich in der Gnosis) Vorstellungen über eine Sukzession nicht nur von irdischen Zeitaltern, sondern von (vier bzw. sieben) Weltzeitaltern/Äonen?

* Wer es genau wissen will: 34 Erden-Steine, 50 Mond-Steine, 52 Sonnen-Steine und 182 Saturn-Steine.


Kommentare

  1. Lieber Christian,

    sowohl in Hesiods Gedicht Ἔργα καὶ ἡμέραι (Werke und Tage) als auch in Ovids Metamorphosen sind die Götter miteinbezogen in die jeweiligen Weltalter, da gibt es also durchaus eine kosmische Dimension.

    Saturn ist der römische Name für Kronos, Sohn des Uranos und der Gaia und Vater des Zeus, der bekanntlich alle seine Kinder fraß (bis auf Zeus) und sie später wieder ausspuckte.
    Er gilt als der Herrscher des ersten, goldenen Zeitalters. Sein Nachfolger, Herrscher des silbernen Zeitalters, ist Zeus/Iuppiter.

    Ovid nimmt ausdrücklich Bezug darauf – nach seiner Schilderung des ersten, goldenen Zeitalters heißt es:

    Postquam Saturno tenebrosa in Tartara misso
    sub Iove mundus erat, subiit argentea proles,
    auro deterior, fulvo pretiosior aere.

    Nachdem Saturn in den dunklen Tartarus geschickt worden war
    und die Welt unter der Herrschaft Iuppiters stand, folgte das silberne Geschlecht,
    schlechter als das goldene, aber wertvoller als das rötlichgelbe Erz.



    Daß Du ausgerechnet am Mormonentempel solche Planetensteine entdeckst, ist natürlich sehr interessant (:-) ich stelle mir schon jetzt die „Schlagzeilen“ vor…).

    Aber sag: wie ist das letzte Wort der dritten Phelps-Strophe gemeint? Wettrennen – oder etwa gar Rasse?

    There is no end to matter; / There is no end to space;
    There is no end to spirit; / There is no end to race.


    Herzlich,
    Ingrid

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    1. Liebe Ingrid. Was der Herr Phelbs im Sinn hatte (oder was Mormonen sich denken, wenn sie das Wort "race" singen), kann ich natürlich nicht wissen. Aber dass der Mormonismus historisch ein mindestens genauso problematisches Verhältnis zum Rassismus hat wie die Theosophie und der moderne Okkultismus insgesamt, steht wohl ausser Frage.

      Mich interessiert eher die sachliche Frage nach der Möglichkeit eine gemeinsamen historischen Quelle für die Planetenreihe bei Steiner und auf dem Tempel in Salt Lake bzw. in den mormonischen Texten. Oder auch insgesamt für die Vorstellungen über Kosmogonie und Theosis bei den Herren Steiner und Smith. Beide haben sich bekanntlich mit allerlei okkultem Zeug beschäftigt, Beide vertraten die im christlichen Kontext ziemlich unorthodoxe Idee, dass Welten entstehen und vergehen, dass man Monotheist und Polytheist zugleich sein kann, dass die "Götter" einmal eine Menscheitsstufe durchgemacht haben und dass die Menschen einmal Götter sein werden. Beide haben sich ferner mit der Freimaurerei eingelassen. Smith hatte zudem einen Hebräisch-Lehrer, der Kabbalist war. Ich könnte mir daher vorstellen, dass es in der jüdischen Mystik ein gemeinsames Vorbild geben könnte, auf das beide sich beziehen. Ich denke da etwa an die Reihe Malkut (Erde) - Yesod (Mond) - Tifferet (Sonne) - Binah (Saturn). Kennt sich jemand zu Steiners Kaballah-Kenntnissen aus?

      Zu den möglichen "Schlagzeilen". Ich finde, es macht angesichts der Tatsachenlage durchaus Sinn, hier nach einem gemeinsamen ideengeschichtlichen Vorbild zu fragen. Besonders wenn die mormonischen Vorstellungen, wie es derzeit aussieht, in der Tat die einzig greifbare Parallele zu Steiners Äonenreihe darstellen. Wenn da bestimmte empfindliche Seelen aufheulen, weil ihre Welt- und Feindbilder ins Wanken geraten, was geht das mich als Forscher an? Ich halte mich an Tatsachen.

      (Ich gebe freilich zu, dass es dem Kind in mir eine diabolische Freude macht, sich vorzustellen, welch ein Affentheater losbrechen würde, wenn diese völlig legitime Frage in Band 8 der SKA tatsächlich aufgeworfen würde.)

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    2. Ganz klar ist mit "race" Rasse gemeint.

      Als Ausdruck der unendlich verschiedenen Formen des Lebens, welche durch dessen ewige Weiterentwicklung entstehen.
      Das Leben an sich ist chaotisch, es bringt ständig neue Formen hervor. "There is no end to race" schliesst die wunderbare Vorstellung mit ein, dass unendlich viele Lebensformen durch Entwickelung möglich sind. Eines der ersten Stadien der Verschiedenheit, bedingt durch unterschiedliche Weiterentwicklung einer tierischen oder menschlichen Lebensformen ist die Rasse.

      Vielleicht sollten wir daran denken, wenn wir in grenzenloser Selbstbeschränkung unseres angeboren naturgemäß in die Unendlichkeit strebenden Denkvermögens geistige Gleichmacherei betreiben, die in der heute so trendigen stupiden Leugnung des Rassebegriffs endet.

      Das wäre pures Entgegenwirkenwollen dem allem Leben innewohnenden Entwickelungsprinzips. Im Grunde wäre es Rückentwickelung, Entwickelung hin zum Ausgangspunkt gewissermassen, befeuert durch die heute angeblich so zeitgeistige, aber in Wahrheit erzwungene und lebensfeindliche Gleichschaltung, die sich im perversen Gedanken äussert, eine Mischrasse wäre das Ideal der menschlichen Weiterentwicklung.

      Hier wirken spirituelle Widersachermächte, welche das Leben, den Geist und die unendlich verschiedenen geistig veranlagten Individualitäten, welche in den unterschiedlichsten Lebensformen verborgen sind an ihrem Hervorkeimen hindern wollen.

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  2. Für die drei Ursprünge der Erde und die Sukzessionsreihe der Göttergenerationen (Kronos, Zeus und Chton), siehe Pherekydes (in GA 18.40 f. und 113.80 f.).
    Aristoteles hat später die planetarische Sphären (Saturn, … Sonne, Mond) mit ihren Umlaufszeiten und ihren Zusammenhang mit den vier Erde-Elementen beschrieben.
    Im aristotelischen Peri Kosmou Ch.2 (392a und b) wurde das systematisch dargestellt.

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    1. Danke. Ich suche eher nach Quellen, die Steiner um 1903/1904 wahrscheinlich vor sich gehabt hat, als er die Bezeichnungen für die vier Runden zum ersten Mal festlegte.

      Die Gliederung der Kosmogonie in sieben Runden lag natürlich in den theosophischen Texten vor. Die Bezeichnung der vierten Runde als "Erde" findet sich schon bei Sinnett (Esoteric Buddhism). Eine klare Charakterisierung der dritten Runde als die des "Mondes" liegt bei Blavatsky vor (The Secret Doctrine). Von Blavatskys Gebrauch der Begriffe "solar Pitris" und "lunar Pitris" war ferner eine Bezeichnung der zweiten Runde als die der "Sonne" impliziert (ich finde das aber in theosophischen Texten nicht direkt ausgesprochen). Die Charakterisierung der ersten Runde als die des Mineralreiches und des Elements der "Wärme" und der zweiten Runde als die des Ätherischen und der "Luft" liegt bei Besant vor (The Ancient Wisdom, wahrscheinlich von Blavatsky, muss ich noch finden), nicht aber die Bezeichnungen "Saturn" und "Sonne" - obwohl diese vom mythologischen und astrologischen Kontext natürlich nahelagen.

      Also meine Frage präziser: Kennt irgendjemand eine Quelle, besonders im Umfeld der Theosophie oder des neueren Okkultismus, in welcher die erste und zweite Stufe des kosmogonischen Prozesses mit Saturn/Kronos/Feuer und die zweite mit Sonne/Helios/Luft in Verbindung gebracht wird? Wenn es nichts gibt, könnte die Bezeichnung der ersten beiden ersten Stufen Steiner zugeschrieben werden.

      Die Frage nach Vorbildern für die Bezeichnung der drei künftigen Stufen (Jupiter, Venus, Vulcan) wäre dann noch eine andere...

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    2. Im Allgemeinen beruht die Reihenfolge der Wochentage darauf, dass ein Tag in 4 Teile zerlegt wird und jedem Teil ein Planet zuerteilt wird (siehe 262.129). Oder auch in 24 Teile:

      As each day is divided into 24 hours, the first hour of a day is ruled by the planet three places down in the Chaldean order from the planet ruling the first hour of the preceding day; i.e. a day with its first hour ruled by the Sun ("Sunday") is followed by a day with its first hour ruled by the Moon ("Monday”) … yielding the familiar order of the days of the week. (en.wikipedia.org/wiki/Planetary_hours)

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