Im Baum der Mythen und Religionen kommt Anthroposophie schlecht weg

Quelle
Im Baum der Mythen kommt Anthroposophie deshalb so schlecht weg (immerhin kommt sie überhaupt vor!), weil sie als Zweig des Golden Dawn erscheint- eines Kultes, der sich Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts von London und Paris ausgehend breit machte.
Darüber unten mehr.

Nun zunächst zur Quelle des Artikels, nämlich Ultraculture, einem Magazin, das sich dediziert einer Gegenkultur im Sinne des Magick verschrieben hat. Das mag einen gewissen Blickwinkel erklären. Die Gegenkulturen und Kulte nehmen die linke - überwiegende - Seite des ganzen religiösen Spektrums ein, obgleich es einen gemeinsamen Nährboden gibt. Die Herleitungen aus älteren Kulturen erscheinen als vage, aber dennoch als sehr fragwürdig. Zum Beispiel sieht der Ersteller der Karte, Simon E. Davies, auch die "Rosenkreuzer" (oder was er darunter versteht) als reinen Nebenarm der Theosophie, wohl in Unkenntnis des Alters der originalen Schriften von Johann Valentin Andreae über Christian Rosenkreutz- darunter die berühmte Chymische Hochzeit als Text zur Anregung einer Initiation modernen, mitteleuropäischen Stils. Letztlich führt Davies sowohl Rosenkreuzertum als auch Anthroposophie auf die griechisch- römische Kultur zurück- auch wenn er sich nur auf "Kulte" bezieht. Sie werden sicherlich viele weitere Ungereimtheiten in dieser Karte finden.

Das mit dem Verhältnis zum Golden Dawn ist natürlich interessant. In letzter Zeit hat Judith von Halle das Thema "Londoner Rosenkreuzer" auf den Tisch gebracht: "Rudolf Steiner sei seit „den ersten Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts geheimer Großmeister aller in London bestehenden Rosenkreuzer- Logen“ gewesen, über deren leitende Mitglieder er überhaupt erst „in nennenswerten Kontakt zu den führenden Mitgliedern der Theosophischen Gesellschaft getreten war." (siehe Link auf einen Text von mir bei den Egoisten)

Die dominante Londoner Loge dieser Zeit war aber der Golden Dawn mit seinen Ablegern: "Daher reiste er durch ganz Europa- und fand ausgerechnet Rudolf Steiner: "All he endet up with were a few Meetings with the mystic Rudolf Steiner, who was going through a Rosicrucian Phase" (Farrell, S. 138). Es kann also keine Rede davon sein, dass Steiner bislang mit diesen Londoner Logen bekannt gewesen oder gar, wie von Halle behauptet, deren "Großmeister" gewesen sei. Diese ersten Treffen mit ihm dienten nur dazu, Steiner okkult auszuplündern und aus dessen Kenntnissen "ritual equivalents" (Farrell, dito) für die illegitimen magischen Zirkel zu stehlen- ein übrigens in der Vergangenheit dieser Kreise häufig betriebenes Spiel. Es ist zu vermuten, dass Felkin auch Edith Maryon nicht aus edlen Motiven an Steiner vermittelte." (weiter aus "Der fabelhafte Mr. Felkin")

Man suchte für die höheren Grade des hauseigenen Kultes irgend etwas Substantielles. Die Abgesandten kamen von Rudolf Steiner entweder mit leeren Händen zurück, oder blieben, wie Edith Maryon, zur Rekonvaleszenz und geistigen Gesundung einfach gleich bei ihm in Dornach. Trotz der Niederlage kam es zur angeblichen Kooperation mit Steiner, was die Entwicklung der höheren Grade betrifft. Eine reine Unterstellung, die jedoch in diesen Kreisen nicht selten tradiert wurde und wird. Zudem dreht man die Schraube dann wie in der oben gezeigten Karte so, dass man - in diesen Kreisen- den Golden Dawn vorschiebt, aber Anthroposophie immerhin noch auf der dunklen Seite des religiösen Spektrums sieht.

Kommentare

  1. Hallo Michael,

    I just noted your Beitrag on WC

    Tom
    =============

    Translating his title:

    In the Tree of Myths and religions, Anthroposophy comes off badly. 

    Michael questions the accuracy of many links and assumptions made by the map maker and the reason anthroposophy comes off so badly is that it is seen as a side branch of the Golden Dawn. 

    Ironically, many of the dubious claims of the Golden Dawn are being currently revived by Anthroposophy's own Stigmata Girl, Judith von Halle, who claims, e.g.,  that Rudolf Steiner was the secret Grand Master of the London Rosicrucian Lodge and thus a lot closer to the Golden Dawn than most Anthros believe. 

    But even though anthroposophy comes off badly because of these inaccuracies, nonetheless, it is still thereby gaining public recognition. Thus does Michael subscribe to the classic Public Relations mantra: "The only thing worse than bad publicity is no publicity."

    Tom

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  2. Dieser Stammbaum ist in okkulter Hinsicht auch nichts anderes als eine Rassenlehre für physische menschliche Existenzen (allenfals historisch 'interessant')...

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  3. Davies verwendet für die Anthroposophie ein Triskelion-Symbol (Triskele): Leib-Seele-Geist. Die Theosophie setzt er in 1200 d.g.Z. und die Rosenkreuzer in 1407 d.g.Z.

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  4. Vielen Dank für diesen interessanten Hinweis!

    Lieber Michael, Du schreibst:
    »Die Gegenkulturen und Kulte nehmen die linke - überwiegende - Seite des ganzen religiösen Spektrums ein« und sprichst von der »dunklen Seite des religiösen Spektrums«.
     
    Ist das nicht ein Mißverständnis?

    Hier sieht man eine erläuternde Kopfzeile: links (grün) finden sich die europäischen Religionen/Kulte/spirituellen Gemeinschaften, dann geht es nach rechts weiter über Afrika (braun), den Mittleren Osten (gelb), Ostasien (rot) bis nach Amerika (blau), Australien und Ozeanien (grün)…
    Diese Aufteilung mag der Versuch einer (allerdings sehr groben) geographischen Annäherung sein: Europa im Westen, Asien weiter östlich, und (da die Erde rund ist) Amerika noch weiter östlich…

    Simon E. Davies geht – freilich spekulativ – von einer proto-nostratischen Sprache aus, aus der sich die Sprachen der nostratischen Sprachfamilie entwickelt haben, und von einem damals allen Menschen gemeinsamen Glauben.
    Es scheint ihm weniger darum zu gehen, einzelne Religionen auf bestimmte Entwicklungswege/Zusammengehörigkeiten oder gar auf „Dunkles“ und „Helles“ festzulegen, als vielmehr darum, die Möglichkeit des ihnen allen gemeinsamen Ursprung darzustellen:
    "This graphic illustrates how this Nostratic faith may have spread out across the continents, follwing the path of human migration, evolving into the multitude of religions we are familiar with today."

    Interessant finde ich, daß Theosophie, Anthroposophie oder die Rosenkreuzer bei Davies nicht das Geringste mit dem Christentum zu tun haben – und auch, daß "Christianity" eindeutig dem "Middle East" zugeordnet ist. Offenbar kommt Davies hier jeweils auf das Entstehungsdatum der jeweiligen Religion an, das ja auch jedesmal fein säuberlich angeführt ist (hier gab es für mich Neues zu lernen: in "BCE" und "CE" steht das "C" nicht für "Christ", sondern diese Bezeichnungen dienen offenbar der Loslösung der Jahreszahlen von der christlichen Religion – unter Beibehaltung der Zählung des Gregorianischen Kalenders).

    Ich bin auch nicht sicher, daß Davies die Anthroposophie wirklich als Zweig des Golden Dawn versteht; vielleicht ist es einfach (möglicherweise aus Platzgründen) etwas mißverständlich dargestellt – auf den ersten Blick hätte ich angenommen, die Anthroposophie werde hier als „Geschwister“ sowohl von Golden Dawn als auch Thelema gesehen, abstammend von der – laut Davis – allen dreien gemeinsamen „Mutter“ Theosophie. 
    In einer früheren Version fehlten Golden Dawn und Thelema…
    Dafür waren in dieser früheren Darstellung nicht nur die Theosophie und Anthroposophie, sondern auch „Scientific Methods“ (beeinflußt von „Christianity“ und „Islam“) und „Quantum Mechanics“ enthalten, was damals (vor 8 Monaten) eine Diskussion in den Kommentaren auslöste…
    Dort sind auch diese schönen Sätze zu finden:
    »Some theorists—particularly the Integral school that stems from Sri Aurobindo, Jean Gebser and Ken Wilber—have posited that religions (and all human knowledge) advance in an upward spiral of development. While elegant, the theory has the downside of offending everybody whose religion is not at the top of the pile.«

    In einer ganz anderen Darstellung ist es mir zwar gelungen, einerseits Rosenkreuzer, Freimaurer und den Golden Dawn zu finden (rechts oben, blau/violett), andererseits die Theosophische Gesellschaft und Krishnamurti (links unten, rot) – sehr weit entfernt voneinander und scheinbar ohne jede Verbindung. Die Anthroposophie fand ich hier bisher nicht.

    Herzlich,
    Ingrid

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    1. Ich habe mich da vertan, was die linke Seite betrifft, Entschuldigung. Danke auch für die Links und die Möglichkeit, die Karten direkt zu vergleichen!!

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    2. Aber man sieht an diesem Irrtum sehr schön, welch große Suggestivkraft Bilder haben… ohne diese nachträglich entdeckte Kopfzeile habe ich es zunächst ganz ähnlich gesehen.

      Für mich erhebt sich übrigens auch noch die Frage, ob die Anthroposophie überhaupt zum „Baum der Mythen und Religionen“ gehört/gehören will.
      Wenn man sie nicht als Glaubensgemeinschaft, sondern als Geisteswissenschaft ansieht – müßte man sich dann nicht ebenso dagegen wehren, sie hier aufzunehmen, wie einige Kommentatoren es vor acht Monaten bezüglich der „Scientific Methods“ taten?

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    3. Ich halte die Bezeichnung 'Mythen & Glaubensgemeinschaften (Myth & Religions)' für alle aufgeführten 'Wurzeln/Knoten' für nicht zutreffend; zutreffender fände ich die Bezeichnung 'nodes of esoteric systems' (oder so ähnlich).
      Schon der Titel 'Here’s the Greatest Map of Religions Ever Made' klingt mir mehr nach Sensationsmache für Laien (denen so langsam etwas dämmert) denn für ein brauchbares Arbeitsmaterial...

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    4. Es gehe bei Davis‘ Baum um Magie d.h. Willenswirkungen. Dazu gehören auch paganistische (heidnische, animistische, polytheistische, schamanistische) Religionssysteme.

      Steiner hat Magie als dritter, praktischer Weg (Adeptentum, Meisterschaft, Schamanismus, Intuition) vom Hellsehen und eigentlichen Einweihung differenziert (z.B. GA 56 und 114).
      “Und man kann durch Kombinierung von Gefühl und Willen wirken, das ist dann die christlich-rosenkreuzerische Methode.“ (GA 103).

      Über Religion im allgemeinen:
      ‘Das religiöse Bekenntnis hat dadurch etwas Durchgreifendes im Seelenleben; seine Einflüsse verstärken sich im Laufe der Zeit immer mehr, weil sie in fortdauernder Wiederholung wirken. Deshalb erlangen sie die Macht, auf den Ätherleib zu wirken. — In ähnlicher Art wirken die Einflüsse der wahren Kunst auf den Menschen.‘ Geheimwissenschaft, 13.74 (vgl. Erziehung des Kindes, 34.339).

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    5. Wie im ursprünglichen post nachzulesen ist, geht es Davis nicht um Magie, sondern einfach darum, daß Menschen zu allen Zeiten und auf unterschiedliche Weise versucht haben "to make sense of the world"; er versucht, darzustellen, wie sich die verschiedenen Systeme auseinander entwickelt und aufeinander Einfluß genommen haben – und so hatte er in der Urfassung seiner Darstellung Scientific Method und Quantum Mechanics mit aufgenommen. Er verteidigte das:

      »Remember, religion was humanities first attempt at trying to understand the their reality (albeit deluded and inaccurate in most cases).
      But like all things, religion evolved and adapted, striving to understand the 'mind of god'. Eventually, these ventures led to the rise of mathematics, chemistry and physics. With this insight into the deeper mechanics of reality, God became less relevant.
      When the west adopted these principles, skepticism became more common place, and now thankfully, atheism and science is helping to dispel the myths that many people sadly still cling onto today.
      In conclusion, I don't mix science with religion, I only infer the facts, that many facets of science evolved from religious people trying to understand the nature of their world.«

      Inzwischen unterscheidet er faith based systems von evidence based systems – für letztere wird es wohl irgendwann einen zweiten „Baum“ geben. Überhaupt scheint das Ganze ein work in progress zu sein, und Verbesserungsvorschläge werden gerne angenommen, wie in den Kommentaren nachzulesen ist.
      Ich nehme an, Anthroposophie ist für ihn (ebenso wie etliche andere der angeführten Religionen) eine Randerscheinung, mit der er sich bisher nicht sehr ausführlich beschäftigt hat.

      Der Titel "Here’s the Greatest Map of Religions Ever Made" stammt übrigens nicht von Davies selbst, sondern von Jason Louv, der das Ganze auf seiner Ultraculture-Seite gepostet hat.

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    6. Dem einen gefällt eherSowas (mit 30% Off - Christmas Offer) und der andere hängt sich lieber Sowas auf...
      [Einfach Geschmacksache...]

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    7. »This chart outlines the origins of spiritual awareness (e.g. shamanism & animism), illustrating how these primitive ideologies branched off into more complex belief systems. Eventually they would adapt and evolve into the organised religions we are all familiar with today, such as Catholicism, Wicca and Scientology.«

      :-) Für mich erhebt sich immer deutlicher die Frage, wie wünschenswert es für Anthroposophen sein kann, die Anthroposophie hier unter die "organised religions" mit aufgenommen zu sehen...

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  5. Einverstanden, Louv ist der Magie-Mann und Davies eher der Einweihungs-Mann. Davies nennt die erste Periode Animismus, die zweite Polytheismus, die dritte Montheismus. Aber es sind bei ihm alle mehr oder weinger entwickelte Glaubenssysteme mit Eingeweihten, Mythologien, Riten usw.

    Allerdings sah Steiner diese Entwicklung von Glaubenssytemen gerade umgekehrt:
    “So lebte sich der Urmensch in die Außenwelt hinein, daß ihm die Außenwelt ebenso erscheinen mußte - sie ist ja auch so - wie das eigene Innere. Man nennt das heute Animismus. Man mißversteht aber damit heute vollständig, was da eigentlich zugrundeliegt, indem man den Animismus so ansieht, als ob der Mensch das, was er in sich erlebte, in die Außenwelt hinausprojiziert hätte. Was er in der Außenwelt erlebte, das war eine ganz elementare Tatsache seines Bewußtseins, so selbstverständlich, wie uns die Bedeutung der Farben- und Tonerschei-nungen ist.“ usw. 215.58

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    1. Andererseits sieht Steiner den »Gottesbegriff aus dem Menschenherzen geboren« – ähnlich wie »Feuerbach, der da sagt, der Mensch habe Gott nach seinem Bilde geschaffen.« (GA 51, S 315).
      Wieder denke ich an Lou Andreas-Salomé und »die ursprünglich götterbildenden Regungen und die von schon vorhandenen Göttern gebildeten Regungen, die sich allmählich im Verlauf der Religionsentwicklung nothwendig ergeben«, und die »sich, logisch und historisch betrachtet, wie zwei ganz von einander verschiedene Empfindungskomplexe [verhalten], und beinahe wie Ursache und Wirkung.«

      Ich finde eigentlich nicht, daß Davies’ Sichtweise (»religion was humanities first attempt at trying to understand their reality«) der von Rudolf Steiner widerspricht.

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  6. Peter Tradowsky rezensiert:
    Wolfgang Gädeke
    Stigmatisation und Erkenntnis
    Verlag Urachhaus Stuttgart 2015
    In seinem 2015 erschienenen Buch setzt sich Wolfgang Gädeke mit den Aussagen Judith von Halles auseinander und damit auch mit ihrer durch die Stigmatisation grundsätzlich veränderten Leiblichkeit und Bewusstseinsverfassung. Letztlich will er – wie er meint - das Fragwürdige oder Unhaltbare einiger ihrer Aussagen belegen. Mit einer Überfülle von einseitiger Gelehrsamkeit, die beeindruckt und wohl auch beeindrucken soll, will er zeigen, dass die Darstellungen Judith von Halles mit den Aussagen des Neuen Testamentes und denen Rudolf Steiners nicht übereinstimmen, während sie selbst auf diese Übereinstimmung wert legt und immer wieder auf diese hinweist. Dadurch soll - umfang- und wortreich - ihre Glaubwürdigkeit in Frage gestellt und sozusagen vor ihr gewarnt werden. Würde das Buch auf ein Drittel, ja ein Viertel seines Umfangs zusammengestrichen, kämen die eigentlichen Aussagen des Autors besser zu Geltung.

    Als erstes wird die Darstellung der Jordantaufe untersucht. Johannes hat bei der Taufe den Menschen tatsächlich so lange unter Wasser gehalten, bis durch den beginnenden Sterbeprozess der Ätherleib sich lockert und die Lebensrückschau beginnt. Dadurch wurde der Mensch seiner Sünden gewahr und konnte zu einer Lebensumkehr kommen. Bei dem nathanischen Jesus war eine solche Einsicht in die menschliche Sündhaftigkeit nicht notwendig, weil er an der Entwicklung durch Erdenleben nicht teilgenommen hatte, sündenrein war. Insofern ist der Schluss von der Taufe des gewöhnlichen Menschen auf die Jordantaufe des Jesus von Nazareth keineswegs einleuchtend und überzeugend. Für Rudolf Steiner kommt es nur darauf an, dass der Ätherleib des Jesus so gelockert wird, dass der Christus-Geist den Jesus-Leib ergreifen, in ihn einziehen kann. In vielen bildlichen Darstellungen der Taufe Jesu wird dieser als im Wasser stehend dargestellt. Immerhin ist daran zu erinnern, dass die stigmatisierte Anna Katharina Emmerick die Taufe Jesu auch so beschrieben hat wie Judith von Halle, was auf einer gleichartigen Wahrnehmung beruht.
    So ist festzuhalten, dass es diese unterschiedliche Darstellung der Taufe Jesu gibt. Aber ist es nicht wesentlicher, das Übereinstimmende zu sehen: die beginnende Inkarnation des Christus-Geistes in den Menschen Jesus von Nazareth?! Und von dieser wird übereinstimmend berichtete.
    Eine weitere Frage ist: Wie hat das Kreuz auf Golgatha sinnlich-sichtbar ausgesehen? War es ein Y-Kreuz, ein Gabelkreuz, ein T-Kreuz oder ein lateinisches Kreuz? Übereinstimmend sprechen die drei Stigmatisierten aufgrund ihrer Wahrnehmungen von dem Gabelkreuz auf Golgatha. Für Gabelkreuze gibt es in der Christenheit durchaus Beispiele, aber ganz überwiegend wird das T-Kreuz und vor allem das lateinische Kreuz dargestellt. Dies letztere findet sich auch bei Rudolf Steiner. Diese Kreuzesform kann umfassend und tiefgehend in ihrer Bedeutung erfasst werden, was W. Gädeke auch leistet. Grundsätzlich ist es aber nicht möglich, durch Gedanken irgendetwas über den Inhalt einer Sinneswahrnehmung auszusagen. Das ist ein methodischer Fehler, denn das Denken erfasst Gedanken, das Wahrnehmen Wahrnehmungen. So kann durch bloßes Denken nichts über die historische Kreuzesform ausgesagt werden. Judith von Halle kann aber – wie auch Anna Katharina Emmerick – wie ein Augenzeuge konkrete Angaben machen.
    Auch bei der kritischen Auseinandersetzung W. Gädekes mit der Abendmahldarstellung Judith von Halles geht es ihm letzten Endes doch nur darum, die Darstellungen Judith von Halles in Frage zu stellen oder ihr mehr oder weniger bedeutende Fehler nachzuweisen.

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  7. Mit dem umfangreichen Kapitel „Die Auferweckung des Lazarus“ (S. 99 bis S. 150) ist es notwendig, sich ausführlicher zu befassen. Da geht es um die fundamentale Frage, wie die Auferweckung des Lazarus zu verstehen ist, bzw. was sich dabei sichtbar und unsichtbar ereignet hat. Zunächst sei an ein Wort Rudolf Steiners erinnert, das von grundsätzlicher Bedeutung ist und leider in diesem Zusammenhang nicht berücksichtigt wird. In dem letzten (10.) Vortrag des Zyklus „Von Jesus zu Christus“ heißt es: „So kann manches auch heute nur als halbe Wahrheit angedeutet werden. Wer Geduld hat, um mit uns zu gehen, sei es in dieser oder in einer anderen Inkarnation, je nach seinem Karma, wer gesehen hat, wie aufgestiegen werden konnte von der Beschreibung des mystischen Weges im christlichen Sinne bis zur Beschreibung der objektiven Tatsache dessen, was eigentlich der Sinn dieser christlichen Einweihung ist, der wird auch sehen, dass noch viel höhere Wahrheiten aus der Geisteswissenschaft heraus im Verlaufe der nächsten Jahre oder des nächsten Weltalters werden zutage gefördert werden.“ (S. 214) Also das, was in diesem Zyklus an tiefgehenden Erkenntnissen über Tod und Auferstehung Christi vermittelt wird, ist nur die „halbe Wahrheit“. Wie alle Wissenschaften ist auch die Geisteswissenschaft nicht ein abgeschlossenes System, insbesondere nicht in Beziehung auf die Christus-Wesenheit.

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  8. Und immer ist auch an das Novalis-Wort zu erinnern: „Wer hat die Bibel für geschlossen erklärt? Sollte die Bibel nicht noch im Wachsen begriffen sein?“ (Novalis: Paralipomena zu Glauben und Liebe Nr. 344)
    In dem Zyklus „Das Johannes-Evangelium“ (GA 103) hat Rudolf Steiner auf die Problematik der Evangelium Darstellung der Lazarus-Johannes-Wesenheit hingewiesen. „Sie werden sehen, dass es zwar in einer sehr verschleierten Darstellung geschieht, dass sie sich aber für den, welcher eine solche verschleierte Art überhaupt entziffern kann, als Einweihung darstellt.“ Mit diesem Hinweis korrespondiert die kurz vorher stehende Aussage: „Für den Übergang sollte jemand noch einmal auf die alte Art eingeweiht werden, aber in die christliche Esoterik.“ (GA 103, 1962, S. 72/73) Die alte Einweihung und die christliche Esoterik bilden aber den Gegensatz von alt und neu. In Lazarus vollzieht sich der Übergang von der alten zu der neuen Einweihung, wodurch er zum Johannes wird. Das Einzigartige an diesem Übergang ist aber, dass er nicht mit dem todähnlichen Schlaf, sondern mit dem tatsächlichen Tod endet.
    Denn Johannes ist in die christliche Esoterik eingeweiht. Das sind deutlich zwei Vorgänge; der zweite ist das Geborenwerden eines neuen Gliedes der Menschenwesenheit. Von diesem Geborenwerden spricht Judith von Halle. Auf diese Andeutungen Rudolf Steiners sollte hingewiesen werden, um einen Übergang zu der Darstellung Judith von Halles zu schaffen, die also keineswegs im Widerspruch zu diesen Hinweisen Rudolf Steiners steht.
    In Beziehung auf die Lazarus-Johannes-Wesenheit ist doch die entscheidende Frage: Hat diese Wesenheit eine materielle, leibliche Kontinuität oder nicht? Gädeke bejaht das, J. von Halle verneint das. Die von J. von Halle dargestellte Auffassung ist zweifellos etwas Neues, das so weder durch die Evangelien noch durch die Darstellungen Rudolf Steiners direkt gestützt wird, sonst wäre es ja nicht etwas Neues. An Lazarus wurde die alte, vorchristliche Einweihung von Christus selbst vollzogen, die durch das Lockern des Ätherleibes zu einem Erleben der Geistwelt wie nach dem Tode führte. Dabei war der Einzuweihende in den todähnlichen Tempelschlaf versenkt, aus dem er zurückgeholt werden musste, um Zeugnis ablegen zu können von der Wirklichkeit des Geistes. An Lazarus wird diese alte Form der Einweihung zum letzten Mal vollzogen und damit auch beendet. Damit endet auch das Erdenleben des reichen Jünglings Lazarus, was so nicht im Evangelium berichtet wird. Das Ende ist da, das Nichts, nun kann nur die Schöpfung aus dem Nichts kommen.
    Für Lazarus wird von Christus – wie in einer Vorwegnahme der Auferstehung - ein neuer physischer Leib geschaffen, das „Phantom“, der „Geistleib“, der „unverwesliche Leib“, der „zweite oder neue Adam“, die „Formgestalt des Menschen als der reale Gedanke in der Außenwelt“. Mit diesen vielfältigen und vielschichtigen Ausdrücken charakterisiert Rudolf Steiner in dem Zyklus „Von Jesus zu Christus“ (GA 131) das, was durch die Auferstehung Christi geschieht und der weiteren Erdenentwicklung einverleibt wird. „Seine Auferstehung ist ein Geborenwerden eines neuen Gliedes der menschlichen Natur: eines unverweslichen Leibes.“(Dort: 7. Vortrag) An dem Jünger, den Er lieb hatte, vollzieht Christus schon vorab diesen Akt. Aber es heißt auch in dem selben Vortrag: „Aber es trat eben das Ereignis von Golgatha ein und bewirkte eine vollständige Wiederaufrichtung der verlorenen Entwicklungsprinzipien des Menschen.“ Von Golgatha geht der Blick in die ferne Vergangenheit und in die weite Zukunft.

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  9. Durch die von Christus an Lazarus vollzogene Verleihung des Phantoms, des unverweslichen Leibes, wird Lazarus zu dem Jünger Johannes, den der Herr lieb hatte. Den Wesensaufbau dieses Jüngers stellt J. von Halle nun so dar: der physische Leib ist ein Geistleib, das Phantom, das unverweslich ist, das ihm von Christus selbst verliehen wird; den Ätherleib hat er von Johannes Zebedäus erhalten. In dieses Leibesgebilde ist eingegliedert der Astralleib und das Ich des Lazarus, das in Verbindung steht mit den geistigen Gliedern von Johannes dem Täufer. Das Besondere an dieser Leiblichkeit ist, dass sie irdische Substanz in sich eingliedert und dadurch sinnlich sichtbar wird, so wie das auch bei der Christus-Wesenheit gewesen ist, die im Erdenleben in einem sinnlich sichtbaren physischen Leib erschien.
    Diese Darstellung der Lazarus-Johannes-Wesenheit stützt sich in Beziehung auf den physischen Leib, den Geistleib, und in Beziehung auf den Ätherleib (Johannes Zebedäus) nicht auf die unmittelbare Autorität Rudolf Steiners. Sie erweitert und vertieft die Erkenntnis des Lazarus, der „als er des Christus Genosse auf Erden war, dasjenige, was er durchgemacht hatte, als er von Lazarus durch die Initiation des Christus Jesus zu dem Johannes geworden ist.“ (Letzte Ansprache, GA 238, Ausgabe 1974, S. 169)
    Diese fragmentarische Aussage ist von Frau Dr. Kirchner-Bockholt wie folgt ergänzt worden: „Lazarus konnte aus den Erdenkräften heraus sich in dieser Zeit nur voll entwickeln bis zur Gemüts- und Verstandesseele; das Mysterium von Golgatha findet statt im vierten nachatlantischen Zeitraum, und in dieser Zeit wurde in Vollkommenheit entwickelt die Verstandes- oder Gemütsseele. Daher musste ihm von einer anderen kosmischen Wesenheit von der Bewusstseinsseele aufwärts Manas, Buddhi und Atman verliehen werden. Damit stand vor dem Christus ein Mensch, der von den Erdentiefen bis in die höchsten Himmelshöhen reichte, der in Vollkommenheit den physischen Leib durch alle Glieder bis zu den Geistesgliedern Manas, Buddhi, Atman in sich trug, die erst in ferner Zukunft von allen Menschen entwickelt werden können.“(Ebd. S. 175)
    Diese Zusammenfassung korrespondiert mit der oben zitierten Aussage über das Geborenwerden eines neuen Gliedes der Menschenwesenheit. Insofern es sich bei der Darstellung Judith von Halles um eine durch Erfahrungen erworbene neue Erkenntnis handelt, die nicht im Widerspruch zu der Rudolf Steiners steht, ist es natürlich jedem frei gestellt, sie aufzugreifen oder abzulehnen.
    W. Gädeke erschließt sich diese Gliederung der Lazarus Wesenheit, wie sie J. von Halle vermittelt, nicht. Letztlich ist er der Ansicht, dass „sich ihre vielfach fantastisch erscheinenden Darstellungen für eine Erklärung dieser Fragen erübrigen.“ (S. 149) Die Bedeutung, die die Eingliederung des Geistleibes in die Lazarus-Johannes-Wesenheit für die zukünftige Entwicklung des Christentums hat, kann er nicht erkennen. Insofern geht seine Kritik an den Darstellungen J. von Halles vorbei.

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  10. „Das vierte Wort Jesu am Kreuz“ wird von Gädeke in seinem Buch ab Seite 187 behandelt, vor allem um zu zeigen, dass die Darstellung Judith von Halles in ihrem Buch „Und wäre Er nicht auferstanden...“ (besonders in dem Vortrag: Das Mysterium von Golgatha als Ende der alten und Beginn der neuen Einweihung ab S. 65) im Wesentlichen verfehlt ist. Dabei geht es um die Worte Jesu, die im Deutschen mit „Du hast mich verlassen“ bzw. „Du hast mich erhöht, verherrlicht“ wiedergegeben werden. Rudolf Steiner hat über beide überlieferte Versionen gesprochen und beiden einen Sinn gegeben, wobei er einmal die Übersetzung „verlassen“ als falsch und „erhöhen“ als die richtige bezeichnet. (Gädeke S. 188) Aus der Tatsache, dass Rudolf Steiner später in den Zyklen „Das Matthäus-Evangelium“ und „Das Markus-Evangelium“ nur über die Bedeutung „verlassen“ spricht, scheint Gädeke zu schließen, dass Rudolf Steiner von seiner früheren Darstellung abgerückt, dass sie nicht mehr so bedeutungsvoll sei. Auf diese Weise kommt Gädeke dazu, alle Darstellungen als verfehlt hinzustellen, die gerade zeigen, dass die gegensätzlichen Worte wesentlich sind, um das Sterben Christi am Kreuz zu verstehen. So weist er auch Judith von Halles Darstellung zurück, die sie auf Grund der von ihr gehörten Christus-Worte gibt. Abgesehen von der wortreichen Belehrung, die doch nur von einem winzigen Kreis von Spezialisten nachvollzogen werden kann, ist das Ergebnis dieser Untersuchung, dass Christus am Kreuz nicht von Erhöhen oder Verherrlichen gesprochen hat. Gädeke vermeidet zwar klar zu sagen, dass er damit auch in einen Widerspruch zu Rudolf Steiner gerät, der zwar von Fortschritten, Vertiefungen seiner geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse gesprochen hat, nie aber von der Rücknahme solcher Erkenntnisse.

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  11. Und so ist es erstaunlich, dass sich Gädeke der doppelte Sinn des Christus-Wortes nicht erschließt, obwohl das aus der gegebenen Darstellung immerhin möglich wäre.
    Was in dem genannten Vortrag von Judith von Halle angedeutet ist, sei hier auf einem anderen Weg ausgeführt, um die das Wesentliche verdeckende Kontroverse zu überwinden. In einer erhabenen Weise ist in dem Sterben Christi am Kreuz das Urbild, auch das Vorbild des Sterbens jedes Menschen gegeben. Denn tatsächlich spielen sich in dem Sterben jedes Menschen die gegenläufigen Vorgänge ab: das Ich löst sich, verlässt immer mehr die drei Leibesglieder, diese Lösung des Ich wird – besonders auch von den Miterlebenden – als Verlassen in dem Sterbevorgang erlebt, das Ich steht für sich allein, einsam vor der Pforte der geistigen Welt.
    Und polar dazu ereignet sich die höchst mögliche Durchdringung des physischen Leibes durch das Ich, in dem die polaren Vorgänge vereinigt sind. Das ist das Erhöhen, das Verherrlichen des Geistes durch das Ich in der Materie. Das findet sich z.B. in einer Darstellung Rudolf Steiners in der „Allgemeinen Menschenkunde“ (5. Vortrag, Schluss): „Denn die Wirklichkeit ist nicht in der Umgebung, ist auch nicht in der Erscheinung, sondern es ist so, dass die Wirklichkeit erst nach und nach auftaucht durch unser Erobern dieser Wirklichkeit, so dass das Letzte, was an uns herantritt, erst die Wirklichkeit ist. Im Grunde genommen wäre das die richtige Wirklichkeit, was der Mensch in dem Augenblicke erschaut, wo er sich nicht mehr aussprechen kann, in jenem Augenblicke nämlich, wo er durch die Pforte des Todes geht.“
    Dieser Atemvorgang beim Sterben des Menschen kann auch medizinisch verstanden werden: „So sind es wieder die astralischen Kräfte, die in Todesnähe die Einatmung einseitig vertiefen. Dieser Atemtypus führt schließlich zum 'Singultus', zu heftigen, vereinzelten Inspirationen. Immer tiefer senken sich die astralischen Kräfte in die Leiblichkeit, bis sie zuletzt das Ätherische völlig verdrängen und in einer allerletzten tiefen Inspiration das Leben endet:“ (Lothar Vogel: Der dreigliedrige Mensch, Dornach 1979, S. 190)
    In diesem Sinne ist erst im Sterben der Höhepunkt der Inkarnation gegeben, der Mensch dringt mit seinem Astralleib und Ich ein in die Substanz der Erde, mit der sich Christus durch die Auferstehung verbunden hat. Das einzigartige ist, dass Christus dieses Todes-Erleben des Menschen mit den Worten „erhöhen“ oder „verherrlichen“ aussprechen kann. So kann auch das Wort empfunden werden: In Christo morimur. Judith von Halle hat auf ihrem Weg versucht, diesen doppelten Sinn des Christus-Wortes zu erkennen und verständlich zu machen. Letzten Endes kommt es doch darauf an, die Worte und Taten Christi zu verstehen.
    Ein merkwürdiges Missverständnis ist es, wenn Gädeke meint, einen Gegensatz zwischen dem plötzlichen Auftreten der Stigmata und dem allmählichen, grad- und schrittweisen Empfangen des Phantoms zu bemerken. Denn in dem plötzlichen Auftreten der Stigmata findet im Grunde der selbe Vorgang statt, nur schneller und umfassender. Aber auch der Stigmatisierte behält den Erb-Leib und ist nach wie vor eine sinnlich sichtbare Erscheinung.

    Nicht nachzuvollziehen ist, dass Gädeke „die Aussage, dass der unverwesliche Leib dem Menschen von Erdenleben zu Erdenleben bleibt“ nur als eine Behauptung ansehen kann, „die sich kaum auf eine Äußerung Rudolf Steiners stützen kann.“(S. 169) Hier kann es sich doch nur um ein elementares Missverständnis handeln. Denn: „In einem Leben erscheint der Geist des Menschen als Wiederholung seiner selbst mit den Früchten seiner vorigen Erlebnisse in vorhergehenden Lebensläufen. Dieses Leben ist somit die Wiederholung von andern und bringt mit sich, was das Geistselbst in dem vorigen Leben sich erarbeitet hat.“( Theosophie, Kapitel: Wiederverkörperung des Geistes und Schicksal) Diese geisteswissenschaftliche Grunderkenntnis gilt für alles, was sich das Ich erarbeitet, also auch für das, was sich das Ich in Beziehung auf den „unverweslichen Leib“ erarbeitet hat.

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  12. Aus der geistigen Arbeit des Ich gehen aus der Umwandlung des physischen, ätherischen und astralischen Leibes der Geistesmensch, der Lebensgeist und das Geistselbst hervor. Diese geistigen Glieder sind als solche unzerstörbar, sie bleiben dauerhaft mit dem Menschen verbunden; was geistig in Wahrheit erarbeitet wurde, kann in einer folgenden Inkarnation nicht verloren gehen. Es kann unwirksam sein, in den Hintergrund treten oder verdeckt werden, aber es bleibt in der Gesamtwesenheit des Menschen erhalten.

    Ein dem entsprechendes Missverständnis findet sich auch auf S. 182. Milliarden von Menschen können nach dem Grad ihrer individuellen spirituellen Entwicklung eben gradweise etwas von dem Phantom einverleibt bekommen haben. Demgegenüber gibt es eine wahrhaft winzige Zahl von Stigmatisierten, die aus einem einzigartigem Schicksal in einem wesentlich höheren Grad das Phantom empfangen haben, wenn auch nicht umfassend. Die Schicksalsfrage nach dem Grund der Stigmatisation bleibt natürlich offen. Für Gädeke erschließt sich aber das gradweise Empfangen des Phantoms nicht.

    Eine grundsätzliche Frage ist mit dem Kapitel „Somnambulismus“ in dem Buch von W. Gädeke aufgeworfen, die Frage nämlich, inwieweit es überhaupt berechtigt ist, die Stigmatisation als etwas anzusehen, was durch den Begriff „Somnambulismus“ verstanden und geklärt werden kann. Dabei darf nicht übersehen werden, dass die Worte „somnambul“ und „Somnambulismus“ keineswegs wertfrei sind, sie sind im Sprachgebrauch stimmungsmäßig schwer belastet. Insofern bringt Gädeke Judith von Halle und alle Stigmatisierten in einen Zusammenhang, der ihnen durchaus nicht gerecht wird. Denn die Stigmatisierten erleben – oder besser gesagt – erleiden ein im höchsten Maße ungewöhnliches, einzigartiges Schicksal.

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  13. Gädeke legt in dem umfangreichen Kapitel „Somnambulismus“ (S. 201 bis 244) im Wesentlichen dar, dass es in Rudolf Steiners Darstellungen des Somnambulismus zwei Arten desselben gibt, eine die als bedenklich, eine die als erkenntnismäßig weiterführend anzusehen ist. Das eine beruht auf einer Art Verdichtung, Verkrampfung, das andere auf einer Lösung, Lockerung des Ätherleibes. Gädeke sieht Anna Katharina Emmerick als eine solche „gute“ Somnambule an, so wie diese angeblich von Rudolf Steiner einmal als eine „außerordentlich gute Somnambule“ bezeichnet wurde. Damit ist aber nichts über den Zusammenhang von Somnambulismus und Stigmatisation gesagt. Rudolf Steiner hat nirgends von einem Zusammenhang von Somnambulismus und Stigmatisation gesprochen.
    Das kann schon ein Blick auf die Zahlen lehren. Denn es gibt wohl eine große Zahl von Somnambulen, aber nur eine winzige Zahl von Stigmatisierten. Seit Franziskus von Assisi hat es wohl einige Milliarden Christen gegeben, von denen mehr oder weniger viele als somnambul bezeichnet werden können, aber nur etwa dreihundert Stigmatisierte. Die schicksalhaft eintretende Stigmatisation ist also eine geradezu solitäre Erscheinung.
    Die Stigmatisation ist nicht nur ein Geschehen im ätherischen und astralischen Leib, sondern vor allem ein Ereignis, das eine radikale Veränderung am physischen Leib hervorruft. Die Stigmata sind eine sinnlich sichtbare leibliche Erscheinung, das aus ihnen fließende Blut zeigt die Umwandlung des Blutsystems an, das Auftreten der Blutungen zu bestimmten Zeiten ist Folge des unmittelbaren Darinnenstehens in dem kosmischen Zeitenstrom. Die Nahrungslosigkeit ist nur möglich aufgrund eines völlig andersartigen Aufbaus der organischen Leiblichkeit, die Abbau der Nahrungsmittel und Aufbau der Körperlichkeit nicht kennt. Wie auch immer diese Phänomene gedeutet und erklärt werden mögen, sie stellen in der physischen Welt etwas dar, was nicht nur an den Fundamenten der heutigen materialistischen Welt rüttelt, sondern diese ad absurdum führt. Die Welt wird in ihren Grundfesten von der gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Erkenntnis nicht erfasst. Daher ist der Unglaube durchaus verständlich, den insbesondere Ärzte – auch anthroposophische – dem Phänomen der Stigmatisation entgegenbringen. Dabei gehört es zu den geisteswissenschaftlichen Grunderkenntnissen, dass im Menschen neue Kräfte und neue Stoffe gebildet werden. Im dritten Vortrag der „Allgemeinen Menschenkunde“ (GA 293) heißt es: „Sobald man nämlich meint, dass niemals Kräfte wirklich neu gebildet werden, wird man nicht zu einer Erkenntnis des wahren Wesens des Menschen gelangen können. Denn dieses wahre Wesen des Menschen beruht gerade darin, dass fortwährend durch ihn neue Kräfte gebildet werden. Allerdings in dem Zusammenhang, in dem wir in der Welt leben, ist der Mensch das einzige Wesen, in welchem neue Kräfte...und sogar neue Stoffe gebildet werden.“

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  14. Und am Schluss dieses Vortrags steht: „Was geschieht denn tatsächlich in der menschlichen Wesenheit? Auf der einen Seite steht die Knochen-Nervennatur, auf der anderen Seite die Blut-Muskelnatur. Durch das Zusammenwirken beider werden fortwährend Stoffe und Kräfte neu geschaffen. Die Erde wird vor dem Tode dadurch bewahrt, dass im Menschen selber Stoffe und Kräfte neu geschaffen werden.“
    Solche Erkenntnisse sollten berücksichtigt werden, wenn über die Stigmatisation gesprochen wird. Denn diese zeigt doch leibhaftig eine radikale Umwandlung der Menschen-Natur. Das Auftreten der Stigmata an einem Menschen kann als ein Zeichen verstanden werden, das wie eine Botschaft der geistigen Welt zu den Menschen spricht, die Frage aufwerfend nach dem Christus-Wesen. Denn die Stigmata erinnern daran, dass sie zuerst an dem Auferstandenen erschienen sind. Indem Gädeke den Somnambulismus ausführlich in dem von ihm vermuteten Zusammenhang mit der Stigmatisation behandelt, verdeckt er diese selbst fast ganz.
    Vor allem berücksichtigt Gädeke den konkreten Gegenwarts-Menschen Judith von Halle nicht. Er geht auch mit keinem Wort auf die von ihr in ihren Büchern vielfach dargestellte Forschungsmethode ein. Dadurch wird der Eindruck erweckt, als wäre sie zu einer bewussten wissenschaftlichen Arbeit nicht fähig.
    Sie hat Architektur studiert und arbeitet als Architektin. Sie hat Rudolf Steiner Wesen und Werk kennengelernt und fühlt sich mit ihm zutiefst verbunden. Durch das Studium der Geisteswissenschaft hat sie sich diese zu eigen gemacht, so dass sie schon vor ihrer Stigmatisation anthroposophische Vorträge gehalten hat, was meist vergessen wird.
    Die Stigmatisation ist in der Karwoche 2004 spontan und überraschend aufgetreten, ohne dass diese gewollt war, sich angekündigt hätte oder bewusst vorbereitet wurde. Sie ist als ein Schicksalsereignis anzusehen, das wie alle Schicksalsereignisse von der geistigen Welt bewirkt wird und sich aus dem Gang des Ich durch die Erdenleben ergibt. Dieser Gang ist in dem höheren Ich bewusst, verbirgt sich aber dem gewöhnlichen Vorstellungsbewusstsein.
    In höchstem Maße ist es zu bedauern, dass dieses Ereignis in dem Kreis der Anthroposophen, in den es doch eintrat, nur von einem mehr oder weniger großen Kreis gewürdigt werden konnte, dass vielmehr ein zersetzender Streit ausbrach. Der Mensch Judith von Halle konnte in seinem Schicksal von einigen nicht verstanden und offen aufgenommen werden, und hätte doch des Schutzes bedurft.

    Peter Tradowsky

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  15. Von Halle ist ‘wie eine Augenzeuge‘ (Tradowsky), hat ‘neue Erkenntnis‘ (tatsächlicher Tod), aber scheint dennoch primär abhängig von der Somnambule Emmerich zu sein. Emmerich/Brentano beschreibt 1864 z.B. die Erweckung des Lazarus (google U5VJAAAAYAAJ): “Ich war auch in Bethanien und sah, dass Lazarus gestorben ist.“ S.355.

    Tradowsky: „Immerhin ist daran zu erinnern, dass die stigmatisierte Anna Katharina Emmerick die Taufe Jesu auch so beschrieben hat wie Judith von Halle, was auf einer gleichartigen Wahrnehmung beruht. …Judith von Halle kann aber – wie auch Anna Katharina Emmerick – wie ein Augenzeuge konkrete Angaben machen…. Insofern es sich bei der Darstellung Judith von Halles um eine durch Erfahrungen erworbene neue Erkenntnis handelt, die nicht im Widerspruch zu der Rudolf Steiners steht, ist es natürlich jedem frei gestellt, sie aufzugreifen oder abzulehnen.

    In Lazarus vollzieht sich der Übergang von der alten zu der neuen Einweihung, wodurch er zum Johannes wird. Das Einzigartige an diesem Übergang ist aber, dass er nicht mit dem todähnlichen Schlaf, sondern mit dem tatsächlichen Tod endet.“

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  16. Knecht Ruprecht meint:
    Peter(chens Tradowskywitschs) Mondfahrt ist zuende: D zieht in den Krieg ... Stadler hin, Stadler her ... da hilft auch kein Krieagra. Auf den Knien nach Dornach!!!

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  17. Ich habe Herrn Gädekes Buch nicht gelesen (und ich habe das auch nicht vor) – aber sein Schlußwort (ich fand es hier) scheint mir nicht für „Krieg“ zu sprechen, ganz im Gegenteil.
    Und weil es mir zudem noch aus dem Herzen spricht, zitiere ich es hier:

    »Auch gegenüber den Aussagen Rudolf Steiners ist es falsch, alles ungeprüft und gläubig für wahr anzunehmen, nur weil es von ihm gesagt oder geschrieben worden ist, wie es genauso falsch ist, alles das von ihm grundsätzlich abzulehnen, was man zunächst nicht versteht oder überprüfen kann. Wenn wir diese Haltung auch gegenüber Judith von Halle einnehmen, dann dürfen wir hoffen, auch mit denen in Frieden leben zu können, die im Einzelnen ein anderes Urteil fällen als wir selbst.
    Selbst wer die Ergebnisse der Forschung von Judith von Halle für falsch hält, braucht nicht vor ihr zu warnen wie vor einem falschen Propheten. Denn ›an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen …‹ Man kann doch in Ruhe abwarten, welche Früchte ihre Forschungen auf den verschiedenen Lebensfeldern zeitigen werden.«

    Herzlichen Gruß in die Runde,
    Ingrid

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