Über Schwierigkeiten und Aussichten des Nachdenkens über Esoterik im Rahmen des gegenwärtigen akademischen Diskurses.


Die folgenden Paragraphen könnten am Anfang meiner Einleitung zu SKA Band 6 stehen, ich bin aber nicht sicher, ob Inhalt und Ton der Gelegenheit angemessen sind. Jegliches Feedback ist willkommen.



[…] diesen Vorzug haben die theosophischen Systeme vor allen bisher geltenden, daß in ihnen wenigstens eine Natur ist, wenn auch eine ihrer selbst nicht mächtige, in den andern dagegen nichts als Unnatur und eitel Kunst. Aber so wenig Natur der recht verstandenen Kunst, so wenig ist die Fülle und Tiefe des Lebens recht verstandener Wissenschaft unerreichbar.[1]

(Friedrich Wilhelm Joseph Schelling)



Das Reden über esoterische Diskursformen im Kontext etablierter Wissenschaftsdiskurse ist eine schwierige Sache. Das wusste schon Immanuel Kant im achzehnten Jahrhundert. Kant hatte sich intensiv mit den Schriften Immanuel Swedenborgs (1688–1772) beschäftigt und bestimmte zentrale Aspekte seiner Vernunftkritik in der Auseinandersetzung mit dem schwedischen Visionär entwickelt. Als er jedoch 1776 eine Schrift über Swedenborg veröffentlichte, die Träume eines Geistersehers, vermied er sorgfältig jede Formulierung, die als Anerkennung oder gar Identifikation mit Swedenborg verstanden werden könnte und trat dezidiert als aufklärerischer Entzauberer der swedenborgischen ›Geisterlehre‹ auf. »Kant hat sich klar gemacht«, schreibt Wouter Hanegraaff dazu, »dass er, wenn er Swedenborg ernst nimmt, – d. h. wenn er ihn in den Bereich des akzeptierten und akzeptablen Diskurses hineinzieht – Gefahr läuft, auf diese Weise zusammen mit Swedenborg selbst von seinen Kollegen aus diesem Bereich ausgegrenzt zu werden«.[1]
Wer heute dem akademischen Publikum eine kritische Ausgabe der Schriften Rudolf Steiners vorlegt, begibt sich ebenfalls in das von Hanegraaff angedeutete unsichere Terrain zwischen gesellschaftlich ›akzeptierten und akzeptablen‹ und ›nicht akzeptablen‹, vom wissenschaftlichen Establishment geächteten Theoriediskursen.[2] Er hat sich darauf einzustellen, dass, wenn er Steiners Denken nicht ausdrücklich als in irgendeiner Hinsich illegitim ausweist, es gar in seinem eigenen Anspruch ernst nimmt und somit »in den Bereich des akzeptierten und akzeptablen Wissens hineinzieht«, von seinen akademischen Kollegen unter Umständen mit derselben Ächtung belegt wird, wie der in ihren Augen ›illegitime‹ Gegenstand seiner Untersuchung selbst.[3] Eine solche Delegitimierung droht also nicht nur dann, wenn ein Autor bestimmten vom akademischen Establishment geächteten Wissensformen ausdrücklich zustimmt oder sie gar in das eigene Denken aufnimmt; sie kann bereits dann erfolgen, wenn er sich nur in sachlicher, nicht-wertender und nicht-derogativer Art mit der theoria non grata auseinandersetzt.[4]
Das erfuhr etwa der Wissenschaftsphilosoph Olaf Müller, als er bei seiner Antrittsvorlesung an der Universität Göttingen über Goethes Farbenlehre sprach und dabei Rudolf Steiner erwähnte:
Das hätte mich fast Kopf, Kragen und Karriere gekostet. Ich machte nämlich den Fehler, am Anfang Rudolf Steiner zu erwähnen. Nicht, dass ich mich auf ihn hätte stützen wollen. Im Gegenteil, ich nannte ihn als Kontrast zu dem, was ich vorhatte. […] Wie ich später erfuhr, darf man den Begründer der Anthroposophie noch nicht einmal erwähnen, wenn man akademisch auf Nummer sicher gehen will; so jedenfalls sahen es einige Mitglieder der riesigen Göttinger Philosophischen Fakultät, die mir aus alledem einen Strick drehen wollten. […] Das glimpfliche Ende der Geschichte verdanke ich zuallererst dem beherzten Einsatz der Fachphilosophen aus der Fakultät, denen sich die meisten Vertreter von insgesamt dreißig Fächern doch noch anschlossen.[5]
Während ein normalisierter akademischer Diskurs über einen Swedenborg oder einen Jacob Böhme mittlerweile problemlos möglich ist, stellt Steiner auch gut neunzig Jahre nach seinem Tod immer noch eine akademisch tabuisierte und in vielen Bereichen nicht zitierfähige Größe dar. Allerdings zeichnet sich auch hier ein Wandel ab. Der akademische Diskurs über die so genannte ›Esoterik‹ ist mittlerweile so offen geworden ist, dass innerhalb desselben eine kritische Aufarbeitung seiner eigenen, lange eingeübten Delegitimationsmechanismen stattfindet. Dieses dürfte wohl über lang oder kurz zur Überwindung eben dieser Mechanismen führen. Ferner hat sich durch die Arbeiten Hanegraaffs und anderer Vertreter der modernen Esoterikforschung in den letzten zwanzig Jahren immer deutlicher gezeigt, dass in historischer und systemtischer Hinsicht der esoterische Diskurs insgesamt in vieler Hinsicht gar nicht so sehr das ›Andere‹ und ›Gegenteilige‹ der wissenschaftlich-kritischen Entwicklung darstellte, sondern eher die Rolle eines verstoßenen Aschenputtel spielte. So kann das oben angedeutete Verhältnis des Aufklärers Kant zum Mystiker Swedenborg in mancher Hinsicht als symptomatisch für das Verhältnis von exoterischer Wissenschaft und esoterischer Alternativkultur im abendländischen Geistesleben insgesamt angesehen werden.
Umgekehrt ist auch auf Seiten führender Vertreter und Advokaten des traditionell ›geächteten‹ esoterischen Diskurses verschiedentlich auf die Notwendigkeit einer Verständigung mit dem wissenschaftlichen Mainstream hingedeutet und hingearbeitet worden ist. So von Friedrich Wilhelm Joseph Schelling in der einleitend von uns zitierten Äußerung zur Theosophie: Schelling konzidiert einerseits, dass theosophisches Wissen in der Tat ein »seiner selbst nicht mächtiges« Wissen sei, eine Diskursform, welche sich nicht in den Bereich des traditionell als ›rational‹ Geltenden beschränken lässt und nicht zu dem in der Lage ist, was seit Kant als unverzichtbare Anforderung an eine kritische Wissenschaft gilt: sich und anderen völlige Rechenschaft über die eigenen Voraussetzungen und Bedingungen geben zu können. Die Akademie hatte also nach Schelling guten Grund, die theosophischen Wissensansprüche mit der gleichen Vehemenz zurückzuweisen, wie Kant und seine Nachfolger im 18. Jahrhundert die ›naive‹ vorkritische Metaphysik und die ›Träume der Geisterseher‹. Schelling lenkt unseren Blick aber zugleich auf eine mögliche Überwindung dieser Spaltung. Denn dem historisch seiner »selbst nicht mächtigen« theosophischen Wissen kommt seiner Ansicht nach, anders als demjenigen der bisherigen rationalen Wissenschaft, »wenigstens eine Natur«, ja die »Fülle und Tiefe des Lebens« selbst zum Ausdruck. Und diesem Leben traut er sehr wohl zu, in Zukunft einmal durch kritische Reflexion seiner selbst mächtig zu werden. Die wissenschaftliche Form auf der anderen Seite stehe zwar historisch, nicht aber per se diesem ›Leben‹ unvereinbar gegenüber; sie habe bisher einfach noch nicht vermocht, sich mit diesem in Einklang zu versetzen. Und so steht nach Schelling als Anforderung an eine künftige Wissenschaft die Aufgabe im Raum, dieser Fülle und Tiefe in gleicher Weise mächtig zu werden, wie der sinnlich erfahrbaren Welt. Theosophie hingegen stehe vor der Herausforderung, mit der Zeit selbst wissenschaftlich und kritisch zu werden.
Besser als mit diesem Gedankengang Schellings kann man kaum den Kernanspruch der Esoterik Rudolf Steiners auf den Punkt bringen, wie er in den Texten dieses Bandes hervortritt. Steiner machte sich keine Illusionen darüber, dass die verschiedenen theosophischen Traditionen des Abendlandes, auch und besonders in der zu seiner Zeit hervorgetretene anglo-indische Theosophie, den von Kant und seinen Nachfolgern etablierten Ansprüchen kritisch-wissenschaftlicher Erkenntnis, die er anerkannte, nicht genügen. Er sah aber zugleich, wie Schelling, in diesen Traditionen etwas Lebendiges, Kraftvolles und Urtümliches, was auf der anderen Seite den etablierten kritischen Wissenschaften seiner Meinung nach abhanden gekommen war. Und so setzte er sich wie dieser das Ziel, das Beste in beiden Wissenstraditionen miteinander zu vereinen um so die Theosophie »ihrer selbst mächtig« und zu einer kritischen Wissenschaft im modernen Sinne des Wortes zu machen, und andererseits die kritische Wissenschaft in tieferer Weise, als diese das aus sich selbst heraus könnte, an die »Fülle und Tiefe des Lebens« heranzuführen. Damit war Steiner, wie schon ein Jahrhundert zuvor sein romantischer Doppelgänger Schelling, seiner Zeit weit voraus und in gewisser Weise ein Vorbote gegenwärtiger Esoterikforschung.
Indem sich auf diese Weise sowohl im neueren akademischen Diskurs wie auch bei führenden Vertretern der modernen Esoterik Bestrebungen abzeichnen, die traditionelle Spaltung dieser beiden Wissens- und Diskursformen von innen heraus zu überwinden, besteht Grund zu der Annahme, dass beide sich in absehbarer Zeit vielleicht zu gegenseitigem Nutzen wieder einander annähern werden. Die hiermit vorgelegte textkritische Ausgabe der anthropologischen Schriften Rudolf Steiners ist von der Überzeugung in die Fruchtbarkeit einer solchen Anäherung getragen und wird somit hoffentlich bei Esoterikern wie in der akademischen Welt lebhaftes Interesse finden.


[1] Hanegraaff (2008), 164.
[2] Vgl. Hanegraaff (2012).
[3] Während der in unseren Einleitungen versuchten rein immanenten Deutung des steinerschen Denkens von den Vertretern akademisch etablierter Steinerforschung (Helmut Zander, Hartmut Traub, Ansgar Martins) fast einhellig eine verdächtige, unkritische, ja ideologische Nähe zum anthroposophischen Denken bescheinigt wurde, tobten innerhalb der orthodoxen Anthroposophie regelrechte Entrüstungsstürme darüber, dass hier jemand wagte, Steiner aus sich selbst heraus, aber nach den Standards kritisch-akademischer Forschung zu interpretieren. Die Kritische Ausgabe geriet so zwischen die Fronten einer beinahe reflexhaft ablaufenden Delegitimations-Rhetorik zwischen akademischer und binnenanthroposophischer Steinerdeutung: beide verhielten sich zu des Verfassers Einleitungen in derselben Weise, wie sonst gegenüber dem jeweils entgegengesetzten Lager: den Akademikern war die SKA nicht geheuer, weil sie ›zu anthroposophisch‹ sei; den Anthroposophen, weil sie ›zu akademisch‹ sei.
[4] Die monumentale Studie des Religionshistorikers Helmut Zander, Anthroposophie in Deutschland (2007), mit der knapp achzig Jahre nach Steiners Tod eine sowohl von der Anthroposophie wie von der Öffentlichkeit wahrgenommene akademische Steinerforschung eigentlich erst einsetzte, kann als Bestätigung dessen gelesen werden, dass dieser Mechanismus auch heute noch das Verhältnis von akademischer Wissenschaft und Esoterik bestimmt. Obwohl Zander offensichtlich von Steiner ähnlich fasziniert ist, wie seinerzeit Kant von Swedenborg, und dem Anthroposophiebegründer einen substantiellen Teil seiner Lebenszeit gewidmet hat, findet sich in seinem Werk kaum eine Seite, auf der er nicht sorgfältig darauf bedacht ist, das steinersche Denken in der einen oder anderen Weise als illegitim auszuweisen und seiner akademischen Leserschaft versichert, dass er dieses Denken in seinem Selbstanspruch natürlich nicht ernst zu nehmen bereit ist.
[5] Vgl. http://farbenstreit.de/der-autor/vorgeschichte/ (aufgerufen am 18.12.2015).


(Aktualisiert am 18.12.2015)

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