Doktor Steiners maskiert materialistischen & intellektualistischen Feinde

Wenn man es darauf anlegen will, kann man schon Anstoss nehmen am Vorspann eines Vortrags, den Rudolf Steiner am 27. 12. 1911 in Hannover hielt- fast auf den Tag genau ein Jahr vor der Gründung der Anthroposophischen Gesellschaft am 28. 12. 1912.

Beide Termine fanden in der intensiven Nachweihnachtszeit statt. Im Vortrag ein Jahr zuvor grenzte sich Steiner aber bereits von Theosophen ab (weil diese das Denken verteufeln würden) und benutzte bereits die Begriffe Anthroposophie und Geisteswissenschaft als Synonyme. Die Einleitung seiner Vortragsreihe erscheint wie eine Art Sammlung aller Kräfte, um Anthroposophie nun wirklich „auf die Erde zu bringen“ - zu realisieren zunächst in der persönlichen Praxis: „Und damit soll sich uns wiederum einer der Wege eröffnen vom Leben des Alltags zu dem, was uns für Seele und Geist Anthroposophie oder Geisteswissenschaft sein kann. Wir wissen, dass Anthroposophie, indem wir uns immer mehr und mehr in das vertiefen, was sie uns geben kann, einfließt in unser Empfinden, einfließt in unser Wollen, einfließt in diejenigen Kräfte, die wir brauchen, um uns den mannigfaltigsten Ereignissen des Lebens gewachsen zu zeigen.“

Gegen Steiners Willen, an dieser Stelle einen deutlichen Anstoss in Richtung Vereinsgründung zu geben, ist ja nichts einzuwenden. Das Unangenehme beginnt vielleicht damit, dass er Anthroposophie als „Verkündigung“ bezeichnet. Steiner entwirft dann ein simplifizierend- manichäisches Weltbild - eines, auf das sich, nebenbei bemerkt, alle möglichen reaktionären Interpreten Steiners gern (in diesem Fall völlig zurecht) bis heute beziehen: „Es ist die Denk- und Empfindungsrichtung, die wir als die materialistische bezeichnen, als die materialistische im weitesten Umfange. Und sie stürmt sozusagen an gegen jene andere Denkrichtung, welche mit der Anthroposophie selber gegeben ist, gegen die spirituelle Geistesrichtung.“

Das ist die Mutter aller Verschwörungstheorien: die „Denkungsart im weitesten Umfange“.

Der Mann ist im Schwung, und es wird nicht besser. Er spricht von Kampf und den vielen Maskierungen, die der feindliche Materialismus einzunehmen in der Lage sei. Und dann das: „Denn es wird genug materialistische Strömungen geben, welche sich, wenn wir so sagen dürfen, spirituell maskieren werden, und es wird zuweilen schwer zu unterscheiden sein, wo eigentlich der Materialismus steckt und wo die spirituelle Geistesströmung wirklich zu finden ist.
Damit hat Steiner das selbst eingeleitet, was von nun an immer, auch über des Meisters Tod immer der Todesstoss in jeder anthroposophischen Debatte zu werden pflegte: Der Andere sei „maskiert materialistisch“.

Dann folgt Steiners Vorwurf des „Intellektualistischen“ und damit verbunden die Feststellung, dass jegliche Kritik automatisch den Kritisierenden als Intellektuellen (und damit als materialistisch) entlarve: „Dieser Zustand ist derjenige, dass sich ein solcher Mensch, um sich anzuschicken, Geisteswissenschaft zu widerlegen, auf den bloßen Verstandesstandpunkt, auf den bloßen intellektualistischen Standpunkt stellen muß.“

Mit der Formulierung „Halten wir dabei ein wenig still und versuchen wir jetzt, uns von einer ganz anderen Seite her unserer Aufgabe zu nähern“ leitet er nach diesem -in meinen Augen- Ausflug ins Zuspitzen und Dämonisieren des „Intellektualistischen“ einen im übrigen hoch interessanten Vortrag über das Verhältnis von Sinneswahrnehmung und Erkenntnis ein. Warum nun diese Tonlage Steiners an dieser Stelle? Vielleicht ging es ihm darum, in dieser besonderen Weihnachtszeit die Anhänger wirklich zu einen, um einer eigenen Vereinsgründung entgegen zu arbeiten, um einen gemeinsamen simplen Nenner für Alle zu finden?  Tatsächlich finden wir in den Dokumenten von GA 252* unschwer den Kontext, nämlich die gerade erfolgte Gründung eines „Bundes“ zwischen der deutschen Sektion und denen, die aus rein politischen Gründen im Ausland nicht mehr theosophisch bleiben wollten:

An den Vormittagen der Kurstage finden Beratungen über den «Bund» statt, der im Anschluss an die Generalversammlung der deutschen Sektion im Dezember 1911 in Berlin beschlossen worden war. - Dieser Bund beruhte auf einer Initiative der damals in Berlin anwesenden ausländischen Mitglieder, die nach einer Möglichkeit suchten sich der Arbeit Rudolf Steiners anzuschließen, ohne Mitglieder in der T.G. bleiben zu müssen, wo ihnen in ihren Heimatländern Schwierigkeiten bereitet wurden.“ (GA 262, S. 252)

So kam dann das auch explizit aus seinem Mund, wovon Rudolf Steiner in den genannten Zitaten offenbar angetrieben war: „Inzwischen hat sich die Lage in der T.G. verschärft und die faktische Begründung des «Bundes» ist umso dringender. Gegen Ende der Verhandlungen taucht der Gedanke auf, dass es auch für die Deutschen nötig sein könnte, eine Organisation bereit zu haben für den Fall, dass man aus der T.G. ausgeschlossen würde. Als Namen für den Bund schlägt Rudolf Steiner «Anthroposophische Gesellschaft» vor.“ (GA 262, 252f)

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*Rudolf Steiner Marie Steiner-von Sivers
Briefwechsel und Dokumente 1901 - 1925, 2002
D O R N A C H /S C H W E IZ

Kommentare

  1. Sehr treffend bemerkt. Das sind wirklich ungeschickte Formulierungen Steiners, die viel Unheil angerichtet haben und bis heute anrichten. Das Argument kann man ja machen, dass bestimmte Aspekte der Lehre und des Lebens in der T.G. damals möglicherweise Ausdruck eines versteckten Materialismus waren. Aber eine differenziertere Betrachtung und vorsichtigere Formulierung wäre doch dringend angezeigt gewesen.

    Auch hätte es sich für einen so überzeugten Monisten wie Steiner geziemt, den hier postulierten Gegensatz zwischen der "materialistischen" und der "spirituellen" Strömung dialektisch zu vermitteln. Hat er ja an anderen Stellen durchaus getan.

    Ferner fehlt die notwendige Umstülpung des Gedankens: wenn es spirituell maskierten Materialismus gibt, dann muss es auch "spirituelle" Impulse geben, die sich im Gewand des reinen "Intellektualismus" maskieren. Hat Steiner nicht selbst behauptet, dass sein philosophisches Frühwerk eine solche "Maskierung" war? Dass auch Schiller, Hegel, Fichte solche Maskenträger waren?

    Wäre die Geschichte der Anthroposophischen Bewegung wohl anders verlaufen, wenn Herr Doktor hier angemerkt hätten: Hüten Sie sich vor übereilten und pauschalen Verurteilungen, liebe Freunde, und urteilen Sie nicht nach dem äusseren Schein. Hinter manchem, was sich spirituell gibt, steckt in Wirklichkeit Materialismus; und manches, was als reiner Intellektualismus erscheint, ist in Wirklichkeit Ausdruck tiefer Spiritualität. Und im übrigen vergessen Sie nie, dass das sogenannte "Spirituelle" und "Intellektuelle" und "Materialistische" Ausdruck ein und desselben Geistes sind, und dass alles Wirkliche seinen Sinn und Wert hat.

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    1. Ja, treffend bemerkt und auch von Dir nochmal treffend beschrieben.
      Was mich aber immer stört ist, dass man Intellektualismus und Materialismus so in einem Atemzug behandelt, als seien es identische Dinge...
      Ausserdem halte ich es für nicht korrekt, Steiners Materialismus(-Begriff) mit unserem heutigen vollkommen gleichzusetzen, da unser heutiger Materialissmus [eigentlich vollkommen leicht durchschaubar] weitgehend virtuell ist...

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  2. Ja, wirklich sehr gut, Michael, vor allem die Erkenntnis, dass die polarisierte Gegenüberstellung von "spirituell" und "(maskiert) materialistisch" die Mutter aller Verschwörungstheorien darstelle. Was fehlt, ist eine grundlegend neue Debatte über den Begriff "spirituell", der heute eine Modevokabel geworden ist. Es stimmt: so wie knallharte Atheisten moralisch viel höherstehen können, als ego- und profitsüchtige Esoterik-Manager, selbsternannte Gurus oder fundamentalistische Gotteskrieger, so kann tatsächlich auch ein Intellektueller in seiner nüchternen und aufrichtigen Wahrheitssuche mehr dem "Weltgeist" dienen, als jemand, der blind an Engel und Atlantis glaubt. Überhaupt käme es auch mal darauf an, das "Spirituelle" ganz im Kleinen, Unscheinbaren, Alltäglichen zu finden, im Friseursalon, in der Fabrik, auf der Strasse, beim ganz einfachen Menschen mit seinen offensichtlichen und noch unentdeckten intuitiven Fähigkeiten, Visionen, Träumen, "Eingebungen" etc. Das hat noch keiner gemacht. Steiner selbst beinhaltet hier ungeheure Widersprüche: einerseits ist nach ihm der "Geist" vollkommen ausgegossen ins Materielle, lebt also auch noch in jedem Müllhaufen, andererseits thront er in lichten, reinen kosmischen Höhen, von wo er manchmal "hinabsteigt". In diesem Widerspruch wurzelt auch der "verschwörungstheoretische" Dualismus von "materiell" und "spirituell".

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    1. " als jemand, der blind an Engel und Atlantis glaubt"

      @akashaworld

      Ok, du sagst, dass von "Gläubigen" keine wie auch immer geartete Gefahr ausgeht? Das stimmt.

      Du unterschlägst aber, dass dann im Umkehrschluss die gefährlichste Spezies diejenige sein muss , deren Angehörige nicht glauben, sondern (meinen zu) "wissen", dass es beispielsweise Engel gibt und Atlantis gegeben hat.
      Diejenigen also, die "wissen", dass ihre Spiritualität jeder Intellektualität überlegen ist, es ein Nebeneinander und Miteinander mit gegenseitiger Befruchtung und Begegnung auf Augenhöhe also gar nicht geben kann!
      Du verfällst hier klar in denselben Dualismus, den du Steiner vorhältst und den du selbst zu verdammen nur vorgibst.

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    2. Natürlich sind die "spirituell Gläubigen", die - manichäisch - den "Materialismus" verdammen, ohne selbst irgendetwas in der Hand zu haben, die gefährlicheren, als die nüchternen Skeptiker und Suchenden. Was ist daran so schwer zu verstehen? Steiner spricht eben genau nicht von einem "Nebeneinander mit gegenseitiger Befruchtung" sondern von sich ausschliessenden Positionen und davon, dass er natürlich die überlegene einnimmt.

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  3. Mag VT sein, dennoch war der Materialismus und der Intellektualismus für eine spirituelle Weltbetrachtung, wie die theosophische, eine Gefahr. Im Vortrag ging es dann weiter mit einer anderen Gefahr: eine moralische Überlegenheit.

    “Das ist der eine Weg, den eine Weltbetrachtung dem Menschen geben kann. Aber es gibt noch einen anderen Weg. Dieser andere Weg eröffnet sich uns dann, wenn wir ein Gefühl in uns entwickeln für die Hoheit und Kraft und das Überwältigende dessen, was wir moralische Ideale nennen…“ 135.13

    Vgl. Brief nr.97 (juni 1911): 'Eriksen hat sich also mit einer Vidar-Loge von dem Dummchen Blytt abgelöst. Die Mitglieder dieser Vidar-Loge scheinen alle recht froh über die Trennung zu sein. Es scheint ja tatsächlich ganz unmöglich gewesen zu sein, gegen die übermächtige Dummheit der Blytt irgend etwas zu machen. Zumal doch derlei gar so beschränkte Menschen auch in unbegrenzter Weise hochmütig sind.'

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