Der Blick von außen


Ingrid Haselberger

 

In seiner Rede anläßlich der Verleihung des Friedenspreises des DeutschenBuchhandels sagte Navid Kermani:

Ich würde jedem Muslim widersprechen, dem angesichts des „Islamischen Staates“ nur die Floskel einfällt, daß die Gewalt nichts mit dem Islam zu tun habe.
Aber ein Christ, ein christlicher Priester, der damit rechnen muß, von Andersgläubigen vertrieben, gedemütigt, verschleppt oder getötet zu werden, und dennoch darauf beharrt, diesen anderen Glauben zu rechtfertigen – ein solcher Gottesdiener legt eine Größe an den Tag, die ich sonst nur aus den Viten der Heiligen kenne.
Jemand wie ich kann den Islam nicht auf diese Weise verteidigen. Er darf es nicht.
Die Liebe zum Eigenen – zur eigenen Kultur wie zum eigenen Land, und genauso zur eigenen Person – erweist sich in der Selbstkritik.
Die Liebe zum Anderen – zu einer anderen Person, einer anderen Kultur und selbst zu einer anderen Religion – kann viel schwärmerischer, sie kann vorbehaltlos sein.
Richtig: die Liebe zum Anderen setzt die Liebe zu sich selbst voraus. Aber verliebt verliebt wie es Pater Paolo und Pater Jacques in den Islam sind – verliebt kann man nur in den Anderen sein.
Das Thema klingt auch an in diesem Gespräch der Süddeutschen Zeitung mit Kermani und seinem katholischen Freund, dem Schriftsteller Martin Mosebach. 
 
Liebe Deinen Nächsten, gerade auch dann, wenn er Dir feindlich gegenübersteht... ich weigere mich, in die Falle des Inklusivismus zu gehen, und bezeichne Navid Kermanis Einstellung daher nicht als „christlich“, sondern als zutiefst menschlich.
Sie erinnert mich an einen Satz, den Jens Peter Jacobsen den Atheisten Niels Lynhe sagen läßt:
»Denke nicht daran, wer recht hat, auch nicht an die Größe des Unrechts; Du sollst nicht gerecht sein gegen ihn; denn wohin kämen die Besten von uns mit der Gerechtigkeit; nein; aber denke an ihn, wie er die Stunde war, da du ihn am tiefsten liebtest.«

http://www.amazon.de/Ungl%C3%A4ubiges-Staunen-%C3%9Cber-das-Christentum-ebook/dp/B014S1LA5U/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1454457647&sr=1-1&keywords=ungl%C3%A4ubiges+staunen Navid Kermani blendet zwar das, was ihm als Unrecht erscheint, niemals aus, aber es ist dennoch (oder vielleicht gerade deswegen) ein  verliebter Blick von außen, den er in seinem Buch Ungläubiges Staunen. Über das Christentum versucht. Er nähert sich dem Christentum über die Kunst. Über die Gemälde und Skulpturen von Botticelli, Caravaggio, El Greco, Dürer, Giotto, Rembrandt, Leonardo da Vinci, um nur einige zu nennen. Auch die Werke anonymer Meister sind darunter, und sogar das Kölner Domfenster von Gerhard Richter nimmt er zum Anlaß für seine unkonventionellen Betrachtungen.
Es ist ein sehr schönes Buch, das weder als theologische noch als kunstgeschichtliche Dissertation daherkommt, sondern sehr subjektive und oft überraschende Blickwinkel eröffnet und immer wieder nachdenklich macht – und, gewissermaßen als Zugabe, auch deutlich erkennen läßt, wie die Religion und die Kultur, in der Kermani aufgewachsen ist, ihn selbst geprägt haben. 
 
Hier einige kurze Auszüge:

In Rom:
Seinem Buch hat der Freund ein Zitat des zurückgetretenen Papstes vorangestellt, das nichts Neues sagt, doch immer wieder neu zu sagen ist: «Große Dinge werden durch die Wiederholung nicht langweilig. Nur das Belanglose braucht die Abwechslung und muß schell durch anderes ersetzt werden. Das Große wird größer, indem wir es wiederholen, und wir selbst werden reicher dabei und werden still und werden frei.» In Rom wurde ich ohnehin neidisch auf das Christentum, neidisch selbst auf einen Papst, der auch solche Sätze sagt, und wenn ich den Gedanken der Inkarnation in nur einem Menschen nicht für grundverkehrt hielte und speziell die katholische Vorstellungswelt mir nicht so heidnisch vorkäme, mich die Ordnung nicht abstieße, die alle und eben auch die menschlichen Verhältnisse hierarchisiert, die Demonstration von Macht in jeder katholischen Kirche, dazu die bis in den Blutrausch reichende Leidensvergötterung, womöglich hätte ich mich seinen Praktiken nach und nach angeschlossen, hätte die lateinische Messe besucht und wäre mit Pausen in den Singsang eingefallen, wenngleich anfangs mehr aus ästhetischen Gründen, vielleicht auch aus Faszination für die beispiellose Kontinuität einer Institution, die aus Gottes Angehörigen eine Gemeinschaft bildet. Nur ihr ist sie auf Dauer gelungen. Wer weiß, vielleicht wäre auch mir eines Tages das Wunder erschienen, das dieses prächtigste aller Himmelsgebäude hervorgebracht hat. So halte ich die Möglichkeit zwar weiterhin für falsch – aber ich erkenne, mehr noch: spüre, warum das Christentum eine Möglichkeit ist.

Zur spätantiken Holztafel Maria Advocata im Kloster Sata Maria del Rosario (Rom):
Die großen blauen Augen schauen dich an, als hätte der viel kleinere Mund anfangs noch wie der Mystiker Halladsch gerufen: Rettet mich, Leute, rettet mich vor Gott. Das hat sie auch, Hilfe gerufen, anfangs, als sie es erfuhr, ich bin mir sicher. […]
Nur das Unermeßliche selbst hat nicht einmal diese Jungfrau erlebt. Würde man es zeigen, wäre es keine Ikone mehr. Die Leute würden weglaufen vor Angst. Wenn es eins ist, wäre das Wunder der katholischen Kirche, daß sie es nicht tun, daß sie nicht wegrennen. Aus mir unerklärlichen Gründen zelebrieren sie gerade das Abstoßendste, das zugegeben das Wahrhaftigste sein mag, aus Sadismus, wenn man es böse deutete, oder Wirklichkeitssinn, was es hoffentlich ist. Nur Maria halten sich die Katholiken rein, und das begreife ich so gut. Sie malen Madonnen, um sich zu trösten, weil es ohne Trost nicht geht, malen Bilder eines makellosen Gesichts. Jungfräulichkeit bedeutet für mich nichts anderes: rein – und damit immanent gesprochen: gereinigt – von der Erfahrung.

Zur Begegnung Joachims und Annas an der Goldenen Pforte von Giotto di Bondone (Padua):
Endlich ahne ich, warum mir die Szene ans Herz ging, die Giotto ganz oben in einer Ecke der Cappella degli Scrovegni beinah versteckt hat. Es ist nicht die Zärtlichkeit allein, der absolut unerwartete, in der europäischen Malerei wohl bis in die Moderne einzigartig gebliebene und zumal für eine Heilsgeschichte unerhörte Kuß auf den Mund, den sich zwei Liebende in aller Öffentlichkeit geben. Es ist auch nicht nur das Alter der beiden, Joachims Bart schon beinah weiß, auch in Annas Haaren mehr graue als braune Strähnen und um ihre Augen Falten, die man vom Boden der Kapelle noch erkennt – selbst im heutigen Westen Europas, in dem sich alle alles allerorten herauszunehmen scheinen, würden zwei ungeniert knutschende Alte, wenn schon nicht Anstoß erregen, doch verwunderte, mißfällige Blicke auf sich ziehen. Nein, was mich mit solcher Wärme erfüllte, daß ich am liebsten der Frau um den Hals gefallen wäre, die seit einer gefühlten Ewigkeit meine Frau ist, war auch das Ungelenke der Berührung. Joachim und Anna sind keine geübten Knutscher, das sieht man sofort. Eigentlich stehen sie zu weit voneinander entfernt, ihre Füße mindestens einen Meter auseinander, um sich bequem zu küssen. Mögen die Gewänder ihre Bewegungen bedecken, müssen sie sich doch weit nach vorne beugen, damit sich die Münder berühren. […]
Was ich am wenigsten mit dem Christentum verband, war Lust. Ich hatte gute Menschen vor Augen, wenn ich mir Christen vorstellte, aber nicht schöne; vernünftige Predigten, aber sterbenslangweilige; Nächstenliebe, aber nicht Sex. Schließlich bin ich im protestantischen Siegen geboren und nicht im katholischen Rom. […]
Allein, ich merkte, daß mein Widerwille schwand. Das lag weniger daran, daß ich über die Jahre so viele andere Gesichter des Christentums sah, herrlich gemalte zumal. Es lag vor allem daran, glaube ich, daß der Hedonismus zum Heiligsten der kapitalistischen Propaganda wurde und die Selbstentfaltung zur Ideologie, die jede Entsagung unter Verdacht stellt. Was die Religion nicht und nicht einmal Siegen vermochten, nämlich Begierde und Wollust, Verführung und Nacktheit mir zu verleiden, gelang erst der alltäglich gewordenen Pornographie. […]
Und dann entdecke ich den Kuß, den Giotto ganz oben in einer Ecke der Cappella degli Scrovegni beinah versteckt hat, und dachte an meine ungelenken Siegener. Und ich dachte, daß ich ihnen Unrecht getan habe, als ich ihnen die Lust absprach. Wie gern hätte ich es gesehen, daß sie sich wie Joachim und Anna küßten.

Und schließlich, innerhalb von Kermanis Blick von außen auf das Christentum, ein christlicher Blick von außen auf den Islam – zur Chartula des Heiligen Franziskus, Sacro Convento, Assisi:
Franziskus allein widerstand. Während die Christenheit, damit auch alles christliche Schrifttum, von der Ideologie des Heiligen Krieges erfüllt war, ist von ihm keine einzige positive Erwähnung, gar Unterstützung des Kreuzzugs bekannt. Während die Bulle Mohammed einen «Sohn des Verderbens» nennt und den Islam mit dem apokalyptischen Titel des «Tieres» bedenkt, ist von Franziskus nicht eine feindselige oder auch nur überhebliche Bemerkung über die Sarazenen überliefert. Während die christliche Welt allein zu Franziskus' Lebzeiten nicht weniger als drei Kreuzzüge gegen die Sarazenen führte, marschierte er selbst ohne Waffen, ohne jeden Schutz, auch ohne Geld oder Besitz mit nur einem, ebenfalls barfüßigen, Bruder ins Lager des Sultans al-Malik-al-Kamil, des Feindes und Antichristen, und rief in offenbarer Kenntnis des islamischen Salam alaikum: «Der Herr gebe euch Frieden.» Der Entschluß, während des Fünften Kreuzzugs auf Friedensmission in den Orient zu reisen, ist auch deshalb so bemerkenswert, weil Franziskus kein historisches Vorbild hatte – außer, in gewisser Weise, das Evangelium selbst. Franz allein war die ganze Friedensbewegung.
[…] Soweit ging die religiöse Überhöhung des Krieges, daß der Papst das Friedensabkommen verwarf, das Friedrich II. am 18. Februar 1229 in Jaffa mit al-Malik schloß […]. Die Begründung: Durch die kampflose Befreiung der Heiligen Stätten wären die Christen der Möglichkeit beraubt worden, das Heil durch die Aufopferung ihres Lebens zu erwerben. So unmenschlich, auch entschieden unchristlich man den Gedanken heute finden mag, muß man ihn religiös dennoch ernst nehmen – so ernst wie die religiöse Rhetorik des «Islamischen Staates» –, damit die Kühnheit, Originalität und theologische Brisanz der Mission erkennbar wird, die Franziskus unternahm. Der, mit dem sich Christen heute wie mit keinem anderen Heiligen identifizieren, stand praktisch allein gegen seine Zeit, stand bis hin zur offenen Mißachtung des Kirchenrechts gegen ein Christentum, wie er es links und rechts vorfand. Und sollte allein bleiben […]
Es half nicht, daß Franziskus bis zum Ende auf der Universalität der christlichen Liebe bestand. «Wir waren ungebildet und jedermann untergeordnet», erinnerte er in seinem Testament an das Gebot, jedermann untertänig zu sein, also eben nicht nur den Angehörigen des eigenen Glaubens, und erklärte die Erwiderung des Salam alaikum mit göttlicher Eingebung: «Der Herr hat mir geoffenbart, daß wir als Gruß sagen sollen: Der Herr gebe dir den Frieden.» Schon bald nach seinem Tod taten sich auch Franziskaner als Kreuzzugsprediger hervor und waren die Sarazenen in den Hagiographien ihres Ordensgründers die «rohen Barbaren» und «gefühllosen Herzen», von denen Franziskus an keiner Stelle gesprochen hatte.
[…]
Bei einer franziskanischen Historikerin, Schwester Kathleen A. Warren, fand ich den Islam […] zärtlicher beschrieben, als ich mich wohl je trauen werde: «Er [gemeint ist Franziskus; I.H.] dürfte von ihrem Gott gehört haben, dem Einen und Einzigen, dem Gott Abrahams, Moses und Jesu, dessen wichtigste Eigenschaft die Barmherzigkeit ist. […] Er hörte von der Ehrfurcht, die sie für den Namen Gottes hatten. Er hörte von der Anwesenheit Gottes auf Erden in Gottes Wort, dem Heiligen Koran. Er erlebte die Ehrfucht vor diesem Wort in ihrem aufmerksamen Hören, im auswendigen Nachsprechen auf ihren Zungen, in den Kalligraphien, die allein die Moscheen schmückten. Er erlebte die Worte als eine lebendige Gegenwart unter ihnen. Er hörte und sah fünfmal täglich ihr bedeutungsreiches und ergreifendes Gebet, das von dem Muezzin angekündigt und mit der rituellen Reinigung vorbereitet wurde. Dies war ein Gebet des Herzens, das den ganzen Körper einbezog. Es erkannte den Kampf an, den es bedeutet, sein eigenes Herz Gott zuzuwenden, und die fortwährende Versuchung, sich selbst an die Stelle Gottes zu setzen. […] Es feierte den Schöpfer, dem wir alles Gute in der Welt verdanken, und hielt die Geschöpfe dazu an, ihre Dankbarkeit nicht nur in Worten, sondern ebenso in Taten zu erweisen […] In seiner mystischen Form versicherte sich das Gebet der Verwurzelung des Menschen in Gottes Liebe […] Denn Liebe ist der Weg und das Mittel und das Ziel bis hin zur radikalen Verwandlung, so daß selbst der Feind zum Freund werden kann. […] Was immer andere über die Sarazenen dachten, Franziskus lernte sie als gläubige, betende, vom Frieden erfüllte Menschen kennen.»
Ja, im Herbst 2014 kommt es mir selbst unwirklich vor, was ich über den Islam lese, während ich mich mit dem Leben des heiligen Franziskus beschäftige. Denn gleichzeitig lese ich auch die Zeitungen, scrolle abends im Internet die Schlagzeilen herunter. So wie in den Büchern über die Kreuzzüge das Christentum immer nur in Verbindung mit etwas Schrecklichem steht, erschrecke ich bei jeder Zeitungslektüre über den Islam, heute morgen erst wieder die Nachrichten von der Enthauptung einer weiteren amerikanischen Geisel oder von Säureattentaten auf junge, nicht genügend verschleierte Frauen in Isfahan. Aber die Zeit damals hat auch einen Franziskus hervorgebracht, und die Zeit heute wird ebenfalls Heilige hervorbringen, mit denen sich die späteren Muslime, so Gott will, identifizieren. «Wenn man euch grüßt mit einem Gruße, so grüßt darauf mit einem schöneren oder gebet den gleichen wieder.» (Sure 4,86)

Kommentare

  1. Liebe Ingrid! Vielen Dank für den Blickwinkel der einen die facettenreiche Schönheit der Vielfalt eröffnet ohne sich dabei im binären System 1 0 des Urteils zu befinden. " Das Buch der von Neil Young getöten" ist mein Lieblingsbuch. Hört sich wie ein Tarantinofilm. ist aber eine zarte Ode an Neil Youngs Gitarrenläufe mit dem Gerumpel von seiner Begleitband Crazy Horse ja und wie diese Musik sein schreiendes Kind in den Schlaf brachte...

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    1. Lieber Hermann, vielen Dank!
      Ja – auch ich freue mich immer, wenn ich Menschen aufspüre, die ohne diesen binären Filter schauen können.
      Übrigens spricht Kermani im hier betrachteten Buch zwar davon, daß die Katholiken »aus mir unerklärlichen Gründen gerade das Abstoßendste« zelebrieren, und von ihrer »bis in den Blutrausch reichenden Leidensvergötterung« - - - aber in Der Schrecken Gottes: Attar, Hiob und die metaphysische Revolte zeigt er, daß das durchaus nicht Sache der Katholiken allein ist/war… da haben die Weltreligionen mehr gemeinsam, als man zu glauben gewohnt ist.

      Jetzt aber: viel Freude beim Candyman!
      Herzlich, Ingrid

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