Zwiegespräche mit der Erde

In Karsten Masseis Zwiegesprächen* findet man (allen Zweifeln zum Trotz, dass da wieder jemand etwas aussagen möchte über „Elementarwesen“) eine in eigener Sprachdiktion, auf aphoristische Art und in klarem, prägnanten Stil präsentierte anthroposophische Methodik vor -in Bezug auf das, was Massei „innerer Erfahrungsweg“ nennt.

Keine Sorge, es wird nicht trocken und dröge.  Der Erfahrungsweg ist natürlich im engeren Sinne so wenig ein „Weg“ wie eine „vorgedankliche Wahrnehmung“ (Massei, S. 67) etwas sein kann, was tatsächlich zeitlich vor jedem Gedanken geschieht, denn räumliche und zeitliche Bezüge haben in dem Erfahrungsfeld, um das es hier geht, keinen Sinn mehr. Dennoch unternimmt Massei in kurzen Feld- und Wiesen- Spaziergängen Runde um Runde eine Annäherung an die Natur. Er holt vielleicht sogar den Leser, der mit den Händen ringend und verständnislos die Augen rollend herum steht, am Wegesrand ab und nimmt ihn mit. Hier erklärt er ein paar Heilkräuter, dort fordert er auf, still zu sein, und eine Reihe von Blüten seelisch auf sich wirken zu lassen. Das wird jeder, der gern mit offenen Augen durch die Natur geht, gern lesen.

Dann aber geht es auch für diejenigen, die vertiefte meditative Erfahrung suchen, an vielen Stellen um Zugänge zu kaum auslotbaren Tiefen. „Präsenz im Jetzt“ (S. 60) ist nur der methodische Ansatzpunkt, um sich konkret auf das zuzubewegen, was der Anthroposoph gern theoretisierend reine Wahrnehmung nennt: „Unmittelbar, rein und leicht treten die Wahrnehmungen der Dinge und Wesen durch die Sinnestore in die Seele“ (S. 61), um für den Spaziergänger vielleicht den geübten Blick zu ergänzen mit einem gänzlich ungetrübten Blick: „Die Sinne werden zu dem erhoben, was sie eigentlich sind: zu Organen, mit denen die Seele das Leben der Erde erkennt.“ (S. 61) Und schon ist Massei auf dem Spaziergange leichtfüßig enteilt.

Aber nicht ohne erkennen zu lassen, dass diese so leicht scheinenden Schritte durch Kräuterwiesen brachliegende menschliche Sehnsüchte und Fähigkeiten ansprechen, die praktisch in allen Biografien an die Oberfläche pochen, aber vielleicht nicht verstanden oder sogar missgedeutet werden. Gut, mag man sagen, aber sind solche Aussagen wie „Der Wille muss schon lernen zu schweigen“ nicht wie aus dem 08/15- Eso- Seminar? Ja, an manchen Stellen schrammt das Buch über die Eso- Schwelle - nämlich immer dann, wenn es lehrbuchhaft wird. Glücklicherweise geht Massei aber dann auch mit dem Leser unter blühenden Lärchen spazieren, ohne dabei besonders viel zu sagen.

Warum dieses Buch? Der Eine liest es, weil er die Natur liebt und hier verstanden wissen kann - der Andere, weil er bei Massei einen eigentlich klassischen anthroposophischen Schulungsweg auf erfrischend neue und konkrete Art dargelegt findet, der Dritte, weil er hier genau die Nahtstelle sucht, an der so Viele von uns doch festhaken- die Verbindung von Natur und Selbst als inneres Erfahrungsfeld- nicht nur als gedankliches Konstrukt.

In diesen „Zwiegesprächen“ liegt man in dieser Hinsicht richtig- allein wegen des eigenen Nachvollzugs dieser Gedanken erfolgt ja auch im Leser entlang der inneren Linien des Buches ein Nachklang. Damit möchte ich sagen, dass dies für mich eines dieser Bücher ist, die in der Lage sind, tatsächlich anregend zu wirken.

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Karsten Massei, Zwiegespräche mit der Erde. Ein innerer Erfahrungsweg

Kommentare

  1. Freut mich, hier eine eher positive Rezension über Karsten Massei zu lesen, ich schätze ihn sehr, auch seine anderen Bücher (hatte ein paar Mal Mailkontakt mit ihm, wg Fragen zu seinen Texten/Übungen).

    "weil er bei Massei einen eigentlich klassischen anthroposophischen Schulungsweg auf erfrischend neue und konkrete Art dargelegt findet" - finde ich auch, zumal er auch immer wieder Dinge wie Körperbewusstheit, Atem, Gefühl, im Hier und Jetzt sein, usw. betont, welche im anthrop. Weg eher marginal behandelt werden.

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  2. Das Leibesbewußtsein scheint bei Steiner als Organbewußtsein im Ansatz anwesend in den weiteren Stufen der Rosenkreuzerschulung (13.392 f.) und in den medizinischen Kursen; in Grenzen der Naturerkenntnis als Weg nach dem Innern (322.105 f. und 119); und in Das Initiatenbewußtsein als anderen Weg (243.185 f.).

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    1. Bei Massei ist der Ansatz etwas anders, manchmal eher therapeutischer Art, im Sinne von "Versöhnung mit dem Körper" oder bestimmten Aspekten der Achtsamkeitsmeditation.

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