Gebrauchsanleitung für die authentische anthroposophische Erfahrung

Eine anthroposophische Generation zuvor propagierte noch ein intellektueller, wissenschaftlich geprägter Autor, Georg Kühlewind, eine Art Authentizität in Sachen „geistiger Erfahrung“- nämlich tatsächlich nur von dem zu sprechen und zu berichten, worüber man selbst Kenntnisse habe. Was für ein Dissident! Da wäre ja wenig bis nichts übrig geblieben, wenig zu „renommieren“ (schon ein Lieblingswort Rudolf Steiner, selbst seiner Frau gegenüber verwendet) und noch weniger, um Tagungen sowie die ohnehin schmalen Geldbeutel zu füllen. Was soll man denn vermarkten, wenn man nichts zu verheißen und zu versprechen hätte?

Es war schon zu Steiners Zeiten ein bestehendes Problem, dass sich nur eine überschaubare Anzahl von Zuhörern und Mitgliedern tatsächlich authentisch ein, wie Steiner in „Okkultes Lesen und okkultes Hören“* schrieb, „gewisses Gefühl der Zusammengehörigkeit mit den Wesen der höheren Hierarchien“ zueigen machen konnte, ein „wahrhaftiges Eindringen in die geistigen Welten“ mit den damit einher gehenden „religiös- fromme(n) Gefühle(n)“ (S. 56). Stattdessen grassierte ein verbales Kreisen um das Thema für die, die sich gern mit dergleichen beschäftigen wollten. Allerdings gelang damit nicht die große michaelische Verwandlung des Denkens, die Steiner propagierte, sondern es entstand ein vielfach dogmatischer neo- religiöser Post- Katholizismus mit allen Nebenwirkungen, die mit derlei Selbstbetäubung einher gehen können.

Auch in seinen Karma- Vorträgen, kurz vor seiner finalen Erkrankung 1924, ruderte Steiner, als er seinen Zuhörern die komplexen meditativen Karma- Übungsmuster erläuterte („—dieser Wille wird zum Sehen“)** bald zurück. Vermutlich nahm er die atemlosen Zuhörer wahr, als er direkt an seine Darstellungen anschloss: „Denn sogenannte okkulte Erlebnisse - und das sind ja solche-, die verlaufen nicht so, dass man damit renommieren kann. Wenn man anfängt zu renommieren damit, dann hören sie sogleich auf.“ (Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge II, S. 126). Stattdessen erläuterte er vage als Zeichen realer geistig tragender eigener Präsenz „das Gefühl (..), Sie seien ausgefüllt mit etwas, wovon Sie sich ganz deutlich sagen: Es ist ein luftförmig gewordenes Metall.“ Die „tragende Präsenz“, in der sich der Meditierende „metallisch durchdrungen“ fühlen soll, das „Innerlich-Erfülltsein“ (S. 130) ist eines der Charakteristika, die so konkret wie möglich signalisieren sollen, dass man, nach all den vergeblichen Mühen doch wieder „Mut“ bekommen soll, „und Sie sagen sich: Es wird schon werden.“

Vielleicht machte sich Rudolf Steiner auch selbst damit, angesichts seiner Kundschaft, etwas Mut, denn direkt danach wendet er sich gegen die „Verrücktheit“ in Bezug auf Hindernisse, die man dringend vermeiden sollte als strebsamer Anthroposoph. Er meinte damit vor allem das „Launenhaftsein“ und die „Schwärmerei, die ja schon der Anfang der Verrücktheit ist“ (S. 132). Die strenge Logos- Schule, als die er selbst Anthroposophie aufgefasst haben muss, sah er so angelegt, dass man durch „wirklich intensiv(es)“ Arbeiten aus „der leisesten täglichen Verrücktheit herausgerissen“ (S. 132) werden würde.

Lassen wir offen, wie weit das geklappt hat. Die heutige Facebook- und Goetheanum- Fraktion erscheint dem geneigten Zeitgenossen verrückter denn je. Politische und okkultistische, mystische und nationalistische Extreme scheinen zu dominieren, das populistische Geschwätz und spekulative Ausspinnen tausendfach medial verstärkt. Man findet die Goldkörnchen durchaus unter dem Teppich von Lärm, aber mit der Lupe. Der Anspruch authentischer eigener Erfahrung erscheint ersetzt durch das Erreichen möglichst vieler Like- Klicks in sozialen Medien. Oder man findet die Erfahrung in tausend Wochenendseminaren im esoterischen Erlebnisparadies. Derlei Kicks versprechen auch Friedensforscher und Populisten mittelprächtiger, teils schmutziger Machart. Es scheint immer schwerer, im allgegenwärtigen Gebell und Geschrei eine realistische Stimme heraus zu hören, vor allem in einer anthroposophischen Mediengesellschaft, die selbst- referentiell, sich gegenseitig bestärkend, Kritik ausblendend, die mühsame Darstellung von Methodik ausblendend, agiert. Blödsinn verstärkt Blödsinn, auch wenn es anthroposophisch klingender Blödsinn ist.

Erstes Kennzeichen des geschulten Denkwillens, der sich selbst zurück nehmen kann, ist und bleibt doch die Dialogfähigkeit. Das Steinersche „Es wird schon werden“ aus dem Jahre 1924 klingt nahezu 100 Jahre, ein paar Weltkriege und mediale Revolutionen später noch weiter entrückt. Man ist heute im anthroposophischen Zusammenhang dankbar für klare Gedankenführung ohne propagandistischen Bombast und Popanz, ohne Absturz in bizarres okkult- politisches Spekulieren und ohne aufgeregte Anleihen in politisch undurchsichtigen, meist rechtslastigen Zusammenhängen.

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*Rudolf Steiner, Okkultes Lesen und okkultes Hören, GA 156, Dornach 1987/2
**Rudolf Steiner, Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge. Zweiter Band, GA 236, Dornach 1972/4

Kommentare

  1. Danke für deinen Beitrag. So eine Textverfassung birgt denjenigen Keim in sich, der aus der Zukunft in die Gegenwart in der Art und Weise hinein gebildet ist, auf das er weiterhin dafür Zuversicht ausbilden kann, dass das in der Vergangenheit veranlagte wiederum so in Wandlung erhoben werden wird, dass es jenseits von jeglichen Standpunkten, also in derjenigen Strömung sich wird finden können, die im Fluss des Weltgeschehens, für dessen „Rauschen“, der zunehmende Zusammenklang sein will.

    ~ B.

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