»... und mehr bedarfs nicht.« Gedanken zur Not-Wendigkeit der Kunst


Ingrid Haselberger

Vor einiger Zeit wurde hier im Blog die Frage gestellt: »Darf man sich mit der kosmischen Struktur von Pflanzen beschäftigen, wenn die Kanonen grollen, die Demagogen locken und die Menschen zerstückelt werden?«
Burghard begann seine Antwort darauf mit den Worten: »Ja! Und warum darf man? Einfach von daher, dass ein Bedarf besteht.«
Daran fühlte ich mich erinnert, als ich die Rede Konrad Paul Liessmanns zur Eröffnung der Salzburger Festspiele hörte. Er begann mit ganz ähnlichen Fragen:
»Wir leben in bewegten Zeiten: Terroranschläge, Amokläufe, ein dubioser Militärputsch in der Türkei, Brexit und die tiefe Krise der Europäischen Union, soziale Spannungen und Ängste allerorten, Kriege und Bürgerkriege, unzählige Menschen auf der Flucht und eine Kommunikationstechnik, die uns all dies hautnah, im Live-Stream erleben lässt. Nahezu reflexartig stellt sich die Frage, ob es überhaupt noch möglich ist, sich in solchen Zeiten ruhigen Gewissens dem Schönen und der Kunst, der Feier des ästhetischen Augenblicks und dem Genuss eines rauschenden Festes hinzugeben. Müsste nicht die Kunst selbst angesichts dieses Weltzustandes wenn nicht verstummen, so doch ihre Stimme in einem politischen Sinne erheben, müsste sie nicht eingreifen, zumindest aufmerksam machen, über sich hinausweisen auf jene unerträglichen Zustände, müsste sie nicht die aufrüttelnde Aktion anstelle der Verehrung des Schönen setzen?«
Reflexartig, sagt Liessmann, stellen sich diese Fragen, die die Antworten jeweils bereits in sich zu tragen scheinen. In seinen Antworten auf diese (und noch etliche andere) Fragen widersetzt Liessmann sich diesen Reflexen – und kommt schließlich zu einem ähnlichen Ergebnis wie Burghard.
Er zitiert Hölderlins Ode An die Parzen:
Nur Einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen!
   Und einen Herbst zu reifem Gesange mir,
      Daß williger mein Herz, vom süßen
         Spiele gesättiget, dann mir sterbe.

Die Seele, der im Leben ihr göttlich Recht
   Nicht ward, sie ruht auch drunten im Orkus nicht;
      Doch ist mir einst das Heilge, das am
         Herzen mir liegt, das Gedicht, gelungen,

Willkommen dann, o Stille der Schattenwelt!
   Zufrieden bin ich, wenn auch mein Saitenspiel
      Mich nicht hinab geleitet; Einmal
         Lebt ich, wie Götter, und mehr bedarfs nicht.
Und er knüpft daran die folgenden Gedanken über Kunst und Freiheit:
»Das Kunstwerk, wenn es denn gelingt, genügt, um dem Leben nicht nur einen Sinn, sondern eine nahezu religiöse Aura zu verleihen, die es von allen anderen Bedingungen und Angelegenheiten des Daseins radikal entfernt. In dieser Absage an die Welt, in dieser Konzentration auf die Kunst liegt selbst eine Kritik, die nicht aktionistisch eingreift, nicht einmal Missstände benennt, sondern sich zurückzieht in eine ganz andere Sphäre, in der nur eines gilt: das gelungene Werk. Gelingen kann dieses aber nur, wenn es sich jenem Recht verdankt, das sich im Leben nicht oder noch nicht durchsetzen konnte. Es ist dies, bei Hölderlin und weit über ihn hinaus, ein Leben in Freiheit
Das Faszinosum der Kunst, so Liessmann, liegt »in einem unerbittlichen Anspruch auf ein Gelingen […], das dem Leben selbst weder zugemutet noch abgerungen werden kann.«
Für den Musiker, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, etwas, was ein anderer aufgeschrieben hat, zum Erklingen zu bringen, bedeutet das Ringen um das Gelingen ein fortwährendes Üben.
Dabei üben wir nicht etwa nur Fingerfertigkeit oder Atemtechnik, sondern sehr viel mehr:
Wir üben, aktiv mit unseren Gefühlen umzugehen, statt uns von ihnen überwältigen zu lassen. Im Alltag sagen wir sehr treffend »ich freue/ärgere/kränke mich« --- aber meist brauchen wir dazu einen Anlaß: ich freue/ärgere/kränke mich über etwas oder jemanden... und in Wirklichkeit sehen wir uns selber dabei passiv: »XY freut/ärgert/kränkt mich«.
Wenn ich eine Arie singe, die ganz andere Gefühle ausdrückt als die, die ich zufällig privat gerade habe, dann bleibt mir gar nichts anderes übrig, als mich innerlich selbst zu ärgern, zu freuen, zu kränken, mich glücklich oder unglücklich zu machen, mich in Zorn hineinzusteigern, mich übertrieben vor einer Maus zu fürchten oder mich in Trauer oder gelassener Resignation an vergangenes Glück zu erinnern...
Ich denke an Orpheus, den Dichter der griechischen Mythologie, der mit seinem Gesang wilde Tiere, das wütende Meer und selbst die Götter der Unterwelt besänftigte – ich habe es immer so verstanden, daß er seine Fähigkeiten zunächst im Umgang mit den „wilden Tieren“, dem „wütenden Meer“ und den „Göttern der Unterwelt“ in seinem eigenen Inneren entwickelte.
Es bleibt nicht aus, daß sich solches Üben auch auf den Alltag auswirkt.
Als Natalie Dessay vor Jahren in Wien die Titelrolle in der „Schweigsamen Frau“ von Richard Strauss und Stefan Zweig sang (ein scheinbar bescheidenes, schüchternes Mädchen verwandelt sich nach der Hochzeit in eine wilde Furie), fragte man sie, was denn ihr Mann dazu sage, wenn er sie so als Megäre sehe... sie lachte und antwortete in etwa: »Mein Mann freut sich immer, wenn ich solche Rollen in der Oper singe, denn dann bin ich zu Hause wieder ein ganz friedliches Lamm...« 
Und mein verehrter Lehrer Walter Berry sagte in einem Interview:»I brauch ka Psychotherapie! Wenn i „Wozzek“ sing zum Beispiel, da sing i mir auf der Bühne alle meine Neurosen oba, und dann krieg ich noch Geld dafür...«
Sogar das Mißlingen läßt sich üben – wie fühlt es sich an, wenn ein Ton mir in der Kehle erstirbt (in Wien sagen wir: verreckt)? Wie kann ich danach dennoch weitersingen, gewissermaßen „wiederauferstehen“?
Wer in dieser Weise übt, gewöhnt sich nach und nach ab, eine äußere Ursache oder gar einen Schuldigen „dort draußen“ zu suchen, wenn etwas nicht sofort gelingt. Oder wenn es trotz langen Übens nicht gelingt. Oder wenn es mißlingt, obwohl es doch früher schon einmal gelungen ist (auf vergangenen Lorbeeren ausruhen gilt nicht, es kommt jedesmal von Neuem nur auf die Gegenwart an: Hic Rhodos, hic salta!). 
Ein Ausspruch Daniel Barenboims fällt mir ein, aus dem gemeinsam mit Edward Said verfaßten Buch Parallels and Paradoxes (Barenboim und Said gründeten 1999 das West-Eastern-Divan-Orchestra, in dem junge Musiker aus Israel und den arabischen Ländern gemeinsam musizieren; heuer bei den Salzburger Festspielen, auf dem Programm Werke von Mozart und Wagner...):
»... the study of music is one of the best ways to learn about human nature. This is why I am so sad about music education being practically nonexistent today in schools. Education means preparing children for adult life; teaching them how to behave and what kinds of human beings they want to be. Everything else is information and can be learned in a very simple way. To play music well you need to strike a balance between your head, your heart, and your stomach. And if one of the three is not there or is there in too strong a dose, you cannot use it. What better way than music to show a child how to be human?«
(Meine Übersetzung: Das Studium der Musik ist eine der besten Arten, etwas über die menschliche Natur zu lernen. Deshalb bin ich so traurig darüber, daß Musikerziehung heutzutage in den Schulen praktisch nicht existiert. Erziehung heißt, Kinder auf das Leben als Erwachsene vorzubereiten; sie zu lehren, wie sie sich benehmen und welche Art Mensch sie sein wollen. Alles andere ist Information und kann sehr einfach gelernt werden. Um gut zu musizieren, mußt du eine Balance zwischen deinem Kopf, deinem Herzen und deinem Bauch finden. Wenn eins von diesen dreien nicht da ist, oder in zu starker Dosis da ist, dann kannst du's nicht gebrauchen. Was könnte einem Kind besser als die Musik zeigen, wie das geht: ein Mensch zu sein?)

Konrad Paul Liessmann schließt seine Rede so:

»Vielleicht leben wir in den kostbaren Augenblicken, da wir solch einem Gelingen beiwohnen dürfen, vielleicht sogar dazu etwas beitragen können, nicht wie Götter; aber wir leben – endlich – einmal so, wie Menschen leben sollten.
Und mehr bedarfs nicht.« 


siehe auch: 

»...und mehr bedarfs nicht.« III 

»...und mehr bedarfs nicht.« IV

 


Kommentare

  1. Liebe Ingrid,

    danke für deinen Beitrag.

    Schön! Von daher gesehen, das in der Textfassung die Verfassung von dessen Gehaltsträgern sich aussprechen kann. Und so, in einem jeweiligen Leser, wie in dessen Aufrechterhaltung der Verfassungen, selbige sich einander gewahren, weiterhin gegenseitig anerkennen und so für diejenige Gutschrift miteinander tätig sein können, anhand derer diejenige Schönschrift erübt werden kann, derer das Buch des Lebens bedarf.

    ~ B.

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