Ein ganz gewöhnlicher russischer Mord

Bildquelle Bill Browder
Bill Browder ist berühmt dafür, sich als einer der wenigen internationalen Investoren Russlands offen gegen Präsident Putin gestellt zu haben- wofür er wohl zum „Staatsfeind Nummer 1“ in Russland geworden ist- so jedenfalls der Untertitel seines Buches*. Browder, Sohn jüdischer amerikanischer Kommunisten, war nur aus Trotz Banker und Investor geworden- kein gehätscheltes Kind einer privilegierten Kaste. Er hatte versucht, in London beim damaligen Zeitungsmogul Robert Maxwell zu arbeiten, der in den Jahren davor in vielerlei Geschäfte verwickelt war**. So verkaufte er für den Mossad einen Vorläufer der heutigen NSA- Software namens Promis sowohl an Palästinenser als auch an Moskau: „Maxwell needed little convincing and, in his usual ebullient manner when there was a deal to be profited from, said he had a computer company through which to sell Promis. Degem Computers Limited was based in Tel Aviv and was already playing a useful role in Mossad’s activities.“**

In die Software, die jeglichen elektronischen Datenverkehr abhörte, war ein Backdoor implantiert, der es dem Mossad erlaubte, problemlos mitzuhören: „Shortly afterward Robert Maxwell flew to Moscow. Officially he was there to interview Mikhail Gorbachev. In reality he had come to sell Promis to the KGB. Through its secret trapdoor microchip, it gave Israel unique access to Soviet military intelligence, making Mossad one of the best-briefed services on Russian intentions.“** Als Browder in die Firma einstieg, ging es mit Maxwells Imperium derartig bergab, dass Maxwell sowohl britische Rentenfonds wie israelische Financiers im großen Maßstab betrog. 1991 wurde Maxwell ermordet, und Browder stand auf der Straße.

In Red Notice schildert Browder in herzhafter Offenheit, wie er es als einziger Investor wagte, in der Nach- Gorbatschow- Ära im mafiösen Russland ernsthaft einen Investment- Fond aufzubauen. Es war die Zeit der Massenprivatisierung von sowjetischem Staatseigentum wie Ölquellen; jedermann konnte erstmals Aktien erwerben. Browder konkurrierte mit den Oligarchen, die diese Volksaktien zunächst im großen Stil aufkauften, um deren Wert in der Folge durch betrügerische Schiebereien im Milliardenbereich wiederum zu verwässern. Die westlichen Investoren fanden sich nach und nach ein, so dass Browders Hermitage- Fond erheblich an Wert gewann. Browder zog 1995 ganz nach Moskau- ein gefährliches Pflaster: „Selbstverständlich hatte ich Vorsichtsmaßnahmen getroffen, und ich vertraute den 15 Bodyguards, die Edmond mir zur Verfügung gestellt hatte. Solange der Konflikt andauerte, fuhr ich in Moskau stets in einem Konvoi aus einem Führungsfahrzeug, zwei Begleitfahrzeugen und einer Nachhut.“* 1998 geriet Russland in eine sehr ernsthafte Liquidität- Krise, wodurch auch Heritage in den Strudel des Rubel gerissen wurde- trotz massiver Stützungskäufe durch die Weltbank und den IWF: „Der Rubel befindet sich im freien Fall. Die Regierung hat aufgehört, die Währung zu stützen. Analysten sagen, er wird 75 Prozent an Wert verlieren.“*

Heritage verlor 90 Prozent an Wert, alle Investoren verloren das Vertrauen. Browder aber blieb und fing von vorne an. Allerdings wurde die Lage immer gefährlicher, da die Oligarchen ihre Betrugsmanöver verstärkten und jeden aus dem Weg räumten, der ihre Geschäfte störte. Browder hatte offensichtlich um die Jahrtausendwende Unterstützung durch politische Kreise im Hintergrund, da er sonst nicht überlebt hätte: „Diese Diebstähle fanden in allen Branchen statt, vom Bankwesen bis zur Rohstoffförderung, aber das größte Unternehmen Russlands tat sich dabei besonders hervor – der Öl- und Gasriese Gazprom.“* Seine Nachforschungen und Publikationen zu gewaltigen Diebstählen fanden wohl die Unterstützung des neuen Präsidenten Putin: „Man könnte sich fragen, warum Wladimir Putin zuließ, dass ich all das überhaupt tat. Weil unsere Interessen sich eine Zeit lang überschnitten, deswegen tat er es. Bei Putins Amtsantritt als Präsident im Januar 2000 wurde er dem Titel nach zwar Präsident der Russischen Föderation, aber die tatsächliche Macht des Präsidenten hatten Oligarchen, Regionalgouverneure und organisierte Verbrecherbanden an sich gerissen. Putins oberste Priorität war von Anfang an, diesen Männern die Macht wieder zu entreißen und sie wieder dem zurückzugeben, dem sie rechtmäßig gehörte, dem Kreml – oder genauer gesagt sich selbst.“*

2003 hatte Browder Fond den Wert einer Milliarde Dollar überschritten- das weckte Begehrlichkeiten. Zudem hatte Putins Gruppe den großen Konkurrenten Chodorkowski kalt gestellt und in der Folge zu 9 Jahren Gefängnis verurteilt: „An einem frühen Samstagmorgen im Oktober 2003, ich trabte gerade auf dem Laufband in meiner Wohnung und sah CNN, erschien eine Eilmeldung auf dem Bildschirm: Michail Chodorkowski, CEO von Jukos und der reichste Mann Russlands, war verhaftet worden.“ Die Anteile Chodorkowkis und seiner Investoren beliefen sich auf rund 50 Milliarden Dollar, die bis heute nicht erstattet worden sind, sondern schlicht im Putin- System verschwanden. Zudem nützte die öffentliche Zurschaustellung des gefangenen Oligarchen, um in ganz Russland Angst und Schrecken zu verbreiten. Nach Browder war es das größte Erpressungsmanöver aller Zeiten: „Nach Chodorkowskis Verurteilung gingen die meisten russischen Oligarchen, einer nach dem anderen, zu Putin und fragten: »Wladimir Wladimirowitsch, was kann ich tun, damit ich nicht auch in einem Käfig lande?« Ich war nicht dabei, also sind das alles Vermutungen, aber ich stelle mir vor, Putin antwortete darauf etwa so: »50 Prozent.« Nicht etwa 50 Prozent für die Regierung oder 50 Prozent für das Amt des Präsidenten, sondern 50 Prozent für Wladimir Putin.

Aber auch Browder geriet nun in die Schusslinie des etablierten Systems. „Leider war ich zu unaufmerksam, um zu bemerken, dass Putin und ich uns auf Kollisionskurs befanden. Nach Chodorkowskis Verhaftung und Verurteilung änderte ich mein Verhalten nicht im Geringsten. Ich machte genauso weiter wie vorher – und prangerte russische Oligarchen namentlich an. Doch jetzt gab es einen Unterschied. Jetzt verfolgte ich nicht mehr Putins Feinde, sondern kam Putins eigenen wirtschaftlichen Interessen in die Quere.“ Im November 2005 wurde Browder daher bei der Einreise nach Russland verhaftet und für immer des Landes verwiesen- trotz vielfältiger diplomatischer Interventionen. Er zog die Gelder seines Fonds vorsichtshalber nach und nach aus dem Land ab. Keine Minute zu spät, denn Putins Leute eröffneten das klassische russische „Raider“- Verfahren. Dabei wird die Firma durch korrupte Richter einem völlig Unbekannten - in diesem Fall einem überführten Killer- überschrieben und ausgebeutet. Heritage war zwar abgewickelt, aber die neuen Eigentümer erhielten von russischen Finanzbehörden über 200 Millionen bereits gezahlte Steuern zurück. Danach wurden Browder und seine Mitinvestoren des Steuerbetrugs angeklagt: „Meiner Ansicht nach hatte Wladimir Putin persönlich meine Ausweisung aus Russland autorisiert, und wahrscheinlich hatte er auch die Versuche gebilligt, unsere Vermögenswerte zu rauben, aber mir erschien es undenkbar, dass er zugelassen haben könnte, dass Staatsbeamte seiner eigenen Regierung 230 Millionen Dollar stahlen.

Die Mitarbeiter Browders verließen in den nächsten Wochen auf abenteuerlichen Wegen das Land- teilweise in entlegensten Gegenden von Freunden über asiatische Grenzen geschleust. Der junge, idealistische Sergej Magnitski aber vertraute noch immer der Rechtssprechung Russlands. Wiktor Woronin, der Leiter einer Abteilung des FSB, veranlasste die Verhaftung Magnitskis, der in der Folge mehr als ein halbes Jahr durch Gefängnisse geschleift, gequält, isoliert und demoralisiert wurde, um eine Schuld einzugestehen, die es erlauben würde, die Gelder des Browder- Fonds doch noch einzufordern. Nach einem Schauprozess wandte sich auch die deutsche „Leutheusser-Schnarrenberger mit einem langen Fragenkatalog an die russischen Justizbehörden."*- aber vergeblich. Wenige Monate später schlugen Gefängniswärter den geschwächten, aber ungebrochenen Magnitski in seiner Zelle mit Knüppeln tot. Trotz aller Vertuschungsversuche der russischen Regierung war dies einer der bestdokumentierten Fälle eines politischen Mordes in Russland. Er schlug internationale Wellen und beschäftigte sowohl die Eu wie die amerikanische Regierung: „In den 358 Tagen seiner Haft verfassten er und seine Anwälte insgesamt 450 Beschwerden, die in allen Einzelheiten dokumentierten, was ihm wann, wie und wo angetan wurde. Aufgrund dieser Beschwerden und der Belege, die seither noch zutage gefördert wurden, ist der Mord an Sergej Magnitski der am besten dokumentierte Fall von Menschenrechtsverletzungen in Russland in den vergangenen 35 Jahren.“* Die Namen von 60 in Russland verwickelten Personen sind seitdem international bekannt und spielen seitdem zumindest in Fragen des Finanzverkehrs und der Verweigerung von Einreisen eine Rolle.

Trotz alledem war es aber doch ein „ganz normaler“ russischer Mord: „Wie jeder bezeugen kann, der Tschechow, Gogol oder Dostojewski gelesen hat und worauf Sergej selbst uns immer wieder hingewiesen hatte, haben russische Geschichten kein Happy End. Die Russen sind mit Not, Leiden und Verzweiflung vertraut – nicht mit Erfolg und gewiss auch nicht mit Gerechtigkeit.“*
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*Red Notice: Wie ich Putins Staatsfeind Nr. 1 wurde (German Edition) by Bill Browder
**Gideon's Spies: The Inside Story of Israel's Legendary Secret Service by Gordon Thomas. Anm: Keine Empfehlung für dieses Buch, auch wenn es einige Informationen bietet

Kommentare

  1. Schindler über den ‘Spezial-Krieg‘ seit 2013 (Magnitsky-Act, Ende 2012):

    ‘The move of the FSB into foreign intelligence against the West has been noted in many countries since 2013. In many cases, FSB operatives are appearing in NATO countries to supplement normal SVR and GRU operations, including the harassment of American diplomats.’
    (http://observer.com/2016/06/moscow-rules-of-espionage-go-global-if-you-think-its-kgb-it-is/)

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    1. Schindler - auch auf Twitter- als Ex- NSA- Mitarbeiter stets eine seriöse Quelle.

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    2. Hier noch, in aller Deutlichkeit, ein Artikel aus der FAZ. Putins Regime ist nicht liiert mit der Mafia, es ist die Mafia: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/russland-das-verbrecherische-regime-13994403.html

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    3. Ja, das sind leider in der Substanz alles Fakten. Es ist faktisch gesehen eine ganz schlimme und üble Sache, die Verschmelzung staatlicher Strukturen mit der Mafia.
      Aber ist das Ganze denn wirklich nur eine russische Spezialität?
      Postfaktisch soll uns doch durch einseitige antirussische Hetze nur subliminal eingetrichtert werden, "demokratische" Regierungen würden keine Mafiosi in ihren Reihen kennen. Dabei sind doch politisch motivierte Morde z. B. sowohl im heiligen freiheitlich-demokratischen Reich amerkanischer Nation sowie im wirklichen Ursprungsland der Mafia immer wieder vorgekommen.

      Wurde da nicht ein siebenmaliger Regierungschef wegen Journalistenmord zu 24 Jahren Knast verurteilt???
      Und später dann wieder freigesprochen, vermutlich weil sonst seine Mafia-Kumpel einen Grossteil der Richterprominenz buchstäblich in die Luft gejagt hätten.

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    4. Die italienischen Verhältnisse haben sich aber doch - dank der aufopferungsvollen Arbeit von Staatsanwälten und Journalisten und dank der Einbindung in den EU- Raum- grundlegend verbessert- zumindest insofern, dass die Kumpanei zwischen Politik und Verbrechen aufgebrochen worden ist. Auf internationaler Ebene sieht die Sache anders aus. Die anonymen, gewaltigen Geldströme sind keineswegs unter Kontrolle.

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    5. ‘However, this is not a "mafia state"—policy is not wholly subordinated to criminal profit—nor is it one in which the whole of the underworld is an instrument.’ (Newsweek 7/28/16)

      Die Nachrichtendiensten kontrollieren die organisierte Kriminalität in Russland durch Erpressung und Privilegien. Putin erwähnte 1999 ‘the target-oriented loan and tax instruments and the provision of privileges against state guarantees’.

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    6. Putin reagiert zunehmend aggressiv auf westliche Sanktionen und den "Magnitski-Act"- die hier im Artikel erwähnten finanziellen Einschränkungen für die russische korrupte Elite im Ausland. Damit wird das korrupte System im Kern getroffen: http://www.the-american-interest.com/2016/10/04/is-it-a-threat-or-desperation/

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