Lehrer, Eingeweihter – Wunderding

Aus einem berührenden, Ende 1912 geschriebenen Brief klingt die Sorge um den Freund: ja, Dr. Steiner mag gut sein, man mag glücklich sein darüber, daß eine Kraft wie die seine in der Welt ist - - -  aber kann es auch gut sein, den eigenen Willen, die eigenen Kräfte »einem einzelnen subjektiven Willen an[zu]vertrauen, mag es auch ein genialer sein«?
In der in ebensolchem vertrauten Herzenston gehaltenen Antwort versucht der Angesprochene, der Freundin die Sorge zu nehmen, zu erklären, daß »der Weg zum Doktor« keineswegs »das Aufgeben des Willens« ist, sondern im Gegenteil die »Vergrößerung der schöpferischen Unabhängigkeit« --- und zu schildern, warum Doktor Steiner für seine Schüler ein »Wunderding« ist.
Im folgenden ein Auszug aus den beiden Briefen, abgedruckt im Buch Andrej Belyi. Geheime Aufzeichnungen. Erinnerungen an das Leben im Umkreis Rudolf Steiners.
(Die Steiner-Zitate sind Rückübersetzungen aus dem Russischen.)
 
Margarita Kyrillowna Morosowa an Andrej Belyi (Ende 1912):

Treuer und lieber Freund Boris Nikolajewitsch!

Diesen Augenblick erhielt ich Ihren Brief, und ich schreibe sofort wieder!
[…]
Vor allem beschwöre ich Sie, nicht zu denken, Sie müßten mit mir polemisieren, deshalb verstehe ich Ihre Briefe auch nicht als Polemik, sondern höre mit ganzer Seele Ihrer leidenschaftlichen Rede zu, die auf dem Wege über mich an alle gerichtet ist! Nicht auf die Worte höre ich und möchte ich mit allen Seelenkräften lauschen, nicht auf den theoretischen Sinn, nicht einmal auf die religiösen Ansichten, sondern darauf, «wovon dies alles handelt» und «wozu es führt»!
Glauben Sie mir, ich bin zutiefst interessiert an Steiner, dafür genügt es mir, daß Sie zu ihm gegangen sind, ihm geglaubt haben und sich ihm gewidmet haben! Wie und was, welcher Art seine Theorien sind, wie er als Gelehrter, als Philosoph ist – weiß ich nicht, kann ich nicht beurteilen, aber das ist für meine Seele auch nicht so wichtig! Ich möchte gern, indem ich Sie anhöre, die Früchte der «Sache Steiners» ins Auge fassen! 
Aus tiefster Seele stelle ich mir selbst Fragen, es sind nur Fragen. Und was können wir alle eigentlich in den Untergründen des Lebens anderes als Fragen stellen!
[…]
Und nun sehe ich mit Besorgnis, daß Sie Ihren Willen und Ihre Kräfte einem einzelnen subjektiven Willen anvertrauen, mag es auch ein genialer sein. 
Dann bewegt mich sehr die Frage, wie wohl, wenn man in der Welt, in der Ehe, im Kampf, in der Kultur steht, alle diese okkulten Übungen möglich sind. Reichen da die menschlichen Kräfte? Mir ist klar, daß ich, wenn ich dem Leben entsage und in eine Kloster gehe, mich einem Starez unterordne und unter seiner Führung beginne, in mir innere Kräfte zu entwickeln! Aber wenn ich im Leben stehe, sind nicht schon der Lebenskampf, das Leben selbst, die Arbeit, die ständige Entbehrung, die Notwendigkeit, anderen zu geben, andere zu lieben, genug?! Gebe Gott, daß die Kräfte auch dazu reichen, aber nun soll man Kräfte für die Unterordnung unter eine einzelne Persönlichkeit hergeben und sie für schwierige Übungen verwenden, nicht auf dem Wege der Lebensarbeit an seinem Posten, sondern auf dem Wege der Hingabe (wenn auch einer zeitweiligen) an einen passiven Zustand.
Lieber, seien Sie mir um Christi willen nicht böse, verstehen Sie, daß nicht eine Dame mit einem Federbusch mit Ihnen spricht, sondern meine Seele mit ihrem Zweifel umgeht. Ich bin von ganzer Seele glücklich, daß es auf der Welt so eine Kraft wie Steiner gibt, aber ich bin tief traurig und fürchte, daß diese Kraft, anstatt in den Seelen die Kräfte zu steigern und ihnen auf dem Lebensweg eine Hilfe zu sein und sie nicht von ihrer Lebensaufgabe hinwegzuführen, sie statt dessen auf sich selbst konzentriert und sie in ihr Unbekanntes vertieft!
[…]
Ich bringe Ihnen meine Furcht zum Ausdruck! Ich glaube Ihnen, daß Sie gut sind, glaube auch, daß Steiner gut ist und über Gutes spricht und nachdenkt, aber seine Wege? Weiß er selbst, wohin sie führen?
Lieber, schreiben Sie, was machen Sie? Was macht Assja? Werden Sie noch lange dort sein? Ich weiß, daß Sie hierher auf Ihren Lebensweg zurückkehren werden, ich weiß, daß Sie für ihn jetzt alles opfern!


Christus mit Ihnen,

Ihre M. Morosowa

Aus der (knapp 30 Buchseiten umfassenden) Antwort Andrej Belyis (Januar 1913, Berlin):

Liebe, vertraute
Margarita Kyrillowna,
Werden Sie mir diesen merkwürdigen, unfrisierten Brief verzeihen 
[…]
Liebe, Gute: Ihr Brief strahlt eine solche Wärme aus; und so ist es mir leicht und angenehm, auf Ihre Zweifel am Doktor zu antworten (genauer, an seiner Sache): […] Doktor Steiner: Schüler von Haeckel und sehr gut informiert über die neuesten wissenschaftlichen Entdeckungen; […] sein Beruf ist die Geheimwissenschaft, aber er besitzt leidenschaftliche religiös-philosophische Überzeugungen. 
[…]
Der Doktor ist Okkultist; aber auch ein religiöser Verkünder und ein Mystiker, ähnlich wie S.N. Bulgakow politischer Ökonom ist; aber die Religiosität von S.N. hat retrospektiv seine politischen Ansichten verändert, wie früher die politische Ökonomie Einfluß hatte auf den Weg, auf die Intensität des Herangehens an ein religiöses Problem überhaupt; so hatte der Okkultismus des Doktors Einfluß auf die Intensität seines Eingehens auf ein religiöses Problem; und umgekehrt: die christliche Verkündigung des Doktors wirkt sich heute auf seine Ansichten von den Aufgaben und Zielen der Geheimwissenschaft aus. Okkultismus und Religion haben genausoviel Berührung miteinander, wie die Religion mit Fragen der politischen Ökonomie Berührung hat: sie haben Berührung, dürfen aber nicht miteinander vermischt werden. Und mein Vertrauen zum Doktor in der Sphäre der Geheimwissenschaft hat Berührung mit meiner Begeisterung für seine mystische und religiöse Mission: sie haben Berührung, dürfen aber nicht miteinander vermischt werden: auf dem Gebiet der Geheimwissenschaft studiere ich beim Doktor; auf den Gebieten der Mystik, der Religion, begeistere ich mich, erkläre ich mich einverstanden, streite ich, vergleiche ich meinen Standpunkt mit dem seinen, nehme ich mir, was ich brauche usw. Die Lehre und das liebevolle Vertrauen, die Geheimwissenschaft und die individuelle Mystik des Doktors vermischen sich in den Seelen seiner Schüler nicht; die Freiheit der persönlichen Initiative, die Freiheit des Gedankens, des Verhältnisses zum Doktor sind unbegrenzt; persönliche Initiative und persönliches Schöpfertum werden beim Doktor lediglich beflügelt: wer das nicht versteht, versteht weder am Doktor noch an der Schülerschaft beim Doktor etwas.
[…]
 

Ihre Worte vom Aufgeben des Willens sind völlig verständlich, denn sie entstehen natürlicherweise im Nebel der Moskauer voreingenommenen, schimärischen, intellektuellen und nur intellektuellen Vorstellungen vom Doktor und von seinem Weg. Man braucht den Doktor nur einmal persönlich zu sehen oder einmal mit ihm zu sprechen, um zu begreifen, wie unbegründet und scholastisch die Meinung ist, die Sache des Doktors sei ein Kloster und nicht der Aufbau einer neuen, religiösen Kultur, und der Weg zum Doktor sei das Aufgeben des Willens anstelle der Vergrößerung der schöpferischen Unabhängigkeit.
Hier haben Sie es: «Kein Lehrer der Esoterik hat, indem er diese Regeln (d.h. der Meditation, Konzentration, Kontemplation) gibt, die Absicht, durch sie über Menschen zu herrschen. Niemand schätzt und hütet die menschliche Selbständigkeit so wie die Lehrer des Okkultismus... Der Orden, der alle Eingeweihten umfaßt, ist von einer Wand umgeben... Tritt nun der Eingeweihte aus dem geschlossenen Raum nach außen und nimmt Verkehr mit den Menschen auf, dann tritt für ihn ein drittes strenges Gesetz in Kraft: <Achte auf jede deiner Taten und ... Worte so, daß durch dich kein Mensch einen Druck auf seinen freien Willensentschluß erleidet>...» («Der Weg zur Einweihung», russ. Übers. S 64) und weiter: «Wer sich überzeugt hat, daß ein Lehrer der Esoterik von eben dieser Stimmung durchdrungen ist, der wird nicht um seine Selbständigkeit fürchten, wenn er den praktischen Regeln folgt, die ihm geboten werden» (ebenda, S. 64).
Habe ich mich überzeugt, daß es so ist? Ich habe mich mehr als genug überzeugt, denn ich sah zuviele Menschen ringsum, deren Tragödie nicht darin bestand, daß der Doktor ihren Willen band, sondern darin, daß er ihren beharrlich bewiesenen Willen nicht aufgriff und es vermied, auf diesen oder jenen Entschluß Einfluß zu nehmen.
Und daß Doktor Steiner ein Eingeweihter ist, das ist mir ebenso klar wie z.B., daß Nietzsche kein Unbegabter ist. Das, gestatten Sie, weiß ich: da wir alltäglich in der Umgebung des Doktors leben, haben wir uns einfach daran gewöhnt, solche Tatsachen des Beweises hierfür zu sehen, daß wir ganz bewußt unseren Mund verschließen und schweigen müssen, um nicht selbst bei nächsten Freunden als Lügner dazustehen. 
[…] der Doktor ist nicht deswegen für mich ein Hierophant, weil man aus seinen Büchern die Gebärde weiser Erhabenheit ablesen kann, sondern er ist dewegen für mich ein Lehrer, weil er mit seinem ganzen Leben nichts anderes tut, als seinen Schülern die kranken und müden Füße zu waschen. 
[…]
Ich habe doch eine seltene Fähigkeit: einen Brief von 40 Seiten zu schreiben, der über den Doktor das erklärt, was für Schüler des Doktors etwas Selbstverständliches ist. Denn es versteht sich von selbst; der «Okkultismus» des Doktors, seine «Einweihung», und «Weisheit» sind für uns erhellt und erwärmt von seinem weltoffenen Wirken, seiner Selbstaufopferung und seiner unermeßlichen christlichen Menschenliebe.
Einen vielseitigeren Menschen als diesen kenne ich nicht: in den Zeiten zwischen allem Wichtigen gibt er sich mit Kindern ab, gräbt ein bäuerliches Weihnachtsspiel nach Art der bäuerlichen Mysterienspiele Ungarns aus und übt es ein, befaßt sich persönlich mit dem Mischen von Farben, liest ägyptische Hieroglyphen, erfindet neue Farben, kennt sich wunderbar in der Geschichte der Malerei aus; nach seiner Methode ist irgendwo eine Mühle mit einem neuen System der Drehung der Räder gebaut worden. Doktor Steiner ist: Mathematiker, Naturforscher, Goetheexperte, Novalisverehrer, persönlich mit deutschen Dichtern der Moderne bekannt, ehemaliger Theaterexperte, ehemaliger Erzieher (er hat einen Idioten erzogen: jetzt scheint der «Idiot» ein vernünftiger Mensch zu sein); außerdem gibt er Doktor Peipers (einem Schüler) Hinweise, wie die Methoden der okkulten Medizin anzuwenden sind, und kennt selbst die Heilkräfte von Pflanzen.
[…] 
Ja, verstehen Sie Vertraute: lassen wir alle Fragen von Okkultismus, Einweihung, Weisheit beiseite, so stehen wir doch vor einem Wunder: Doktor Steiner. Ich kenne nichts Schöneres, Sonnenhafteres, Wärmeres, Energischeres, Heitereres als Doktor Steiner.
Bei Gott, ohne Übertreibung: er ist selbst das heitere, allumfassend begeisternde Licht.

* * *

Vertraute, Gute: mein ganzer Brief ist ja ein richtiges Durcheinander; 
[…]
Ich sehe Sie, Vertraute: und ich sehe, Sie sagen: «B.N. läßt sich fortreißen. Doktor Steiner ist für ihn ein Wunderding.» Aber es ist doch so: es ist nicht schwierig zu glauben, daß so etwas Vielseitiges und Sonnenhaftes wie der Doktor, den ich beschrieben habe, fesselt; aber es ist schwierig zu glauben, daß der Doktor, den ich in der Vielfalt seiner Erscheinungsformen beschrieben habe, ein blasses Schema des echten Doktors ist. Wenn Sie glauben werden, daß es so ist, dann wird Ihnen das etwas ironische Schweigen der melancholisch veranlagten Schüler des Doktors bei Kritik an seinen Büchern und Handlungen verständlich werden; und Sie werden meine cholerische Begeisterung bei der Beschreibung des Doktors verstehen und meinen ganzen Verdruß, daß die Freude meines Glaubens an das Wunderding, genannt der Doktor, von denen, die ich gern habe, lediglich aus Unkenntnis, d.h. zufällig, nicht geteilt wird...

* * *
[…]
Assja und ich gratulieren Ihnen zum russischen Neujahr. Wir wünsche Ihnen Licht, Freude und Glück. Und viel Mut.
Nun Christus mit Ihnen
Ich verbleibe Ihr Sie sehr verehrender
Boris Bugajew 
   

Kommentare

  1. Hallo Ingrid, Thank you so much for this posting. It really opens up a window of the whole guru question as well as the evolution of consciousness since Steiner died in 1925.

    First of all, this statement is the most elegant definition of anthroposophy I have ever read. We should make it a bumper sticker.

    die Vergrößerung der schöpferischen Unabhängigkeit

    What is Anthroposophy?

    THE ENHANCEMENT OF CREATIVE INDEPENDENCE

    What strikes me is how much Boris still elevates Steiner into the superior position of a guru --- despite the "3rd rule of initiation"--- to never do anything in word or deed to impinge upon the free will of a student.

    Today, I believe that the principle of initiation has become "democratized" completely, so that each and every one of us is a hierophant for the other. Thus neither Steiner nor anyone else is in some elevated position as a "spiritual teacher." Existence itself initiates all of us.

    I am reminded of the opening lines of the Beatles' song: "I am the Walrus."

    "I am he as you are he as you are me and we are all together . . . "

    Thank you for being my very own Viennese hierophant, Ingrid!

    herzlich,

    Hollywood Tom
    Hierophant to the Stars (and a few asteroids)

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  2. Hallo Tom,

    :-) yes, I thought that you might like my Blogbeitrag.

    »What strikes me is how much Boris still elevates Steiner into the superior position of a guru --- despite the "3rd rule of initiation"--- to never do anything in word or deed to impinge upon the free will of a student.«
    Isn’t that interesting? He even says that the tragic of some of his fellow „Steiner-Jünger“ was that Steiner refused to impinge upon their free will (»denn ich sah zuviele Menschen ringsum, deren Tragödie nicht darin bestand, daß der Doktor ihren Willen band, sondern darin, daß er ihren beharrlich bewiesenen Willen nicht aufgriff und es vermied, auf diesen oder jenen Entschluß Einfluß zu nehmen.«).

    What Steiner indeed has „imposed“ on his students seems to be this: Don’t ask anyone else what to do and how to do it, especially not me. Find your own intuition and then follow it.
    And as a guru (teacher) he tried to teach his students how to find their own intuition: Die Stufen der höheren Erkenntnis (GA 12, SKA 7) — as I am sure you know very well, the highest step is called Intuition.

    Anthroposophy – as I see it – in a nutshell.

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  3. Lieber Tom,
    da dies ein deutsches Blog ist und ich zudem weiß, daß Du ausgezeichnet Deutsch lesen und schreiben kannst, schreibe ich auf Deutsch weiter:

    Ich habe diese Briefauszüge aus zwei Gründen gepostet, die mir alle beide sehr am Herzen liegen:

    Erstens der liebevolle und um ehrliches Verständnis des „Gegners“ bemühte Ton, in dem alle beide Briefe gehalten sind. Das hat eine Qualität, die ich in vielen anthroposophischen (natürlich nicht nur anthroposophischen) Diskussionen schmerzlich vermisse.
    Und zwar nicht etwa „um des lieben Friedens willen“, sondern um der Erkenntnis willen. Dazu meine hier schon oft zitierte Lieblingsstelle aus GA 45:
    »Jede Ansicht kann eine wahre sein, wenn sie treu das Beobachtete wiedergibt. Und sie ist erst dann widerlegt, wenn nachgewiesen ist, daß ihr eine andere berechtigterweise widersprechen darf, welche von demselben Gesichtspunkte aus gegeben ist. Ein Unterschied hingegen von einer Ansicht, die von einem anderen Gesichtspunkt aus gegeben ist, besagt in der Regel nichts.«


    Der zweite Grund ist die von Andrej Belyi (privat: Boris Bugajew) so klar herausgearbeiteten Trennung des Lehrers vom »religiösen Verkünder«.

    Dort, wo Rudolf Steiner lehrt (also in der Geheimwissenschaft), studiert er vertrauensvoll bei ihm und „folgt“ ihm als sein Schüler. Ähnlich wie er einem Lehrer in einer Kunst oder Wissenschaft „folgen“ würde – er lernt die für die Ausübung der Kunst notwendige Technik, er studiert den derzeitigen Stand der Wissenschaft — in diesem Fall eben: den derzeitigen Stand der Geheimwissenschaft.
    [Sicherheitshalber sei angemerkt: sie heißt nicht etwa deshalb Geheimwissenschaft, weil sie geheimgehalten werden soll. Es wäre auch wohl kaum das richtige Mittel zur Geheimhaltung, Schriften darüber der allgemeinen Öffentlichkeit zu übergeben.
    Sondern – ähnlich wie die Naturwissenschaft nicht die natürliche Wissenschaft, sondern die Wissenschaft von der Natur ist – Geheimwissenschaft ist die »Wissenschaft von dem, was sich insoferne im «Geheimen» abspielt, als es nicht draußen in der Natur wahrgenommen wird, sondern da, wohin die Seele sich orientiert, wenn sie ihr Inneres nach dem Geiste richtet.« (GA 13, Vorrede zur 16.-20. Auflage)]

    Dort aber, wo Rudolf Steiner als »religiöser Verkünder« spricht (meiner Ansicht nach auch: als Sozialreformer, als Pädagoge, als Landwirt…), dort »begeistere ich mich, erkläre ich mich einverstanden, streite ich, vergleiche ich meinen Standpunkt mit dem seinen, nehme ich mir, was ich brauche usw.«

    Ich würde mir wünschen, daß auch heute immer mehr Menschen zumindest die Möglichkeit einer solchen Trennung sehen.

    ***

    Und noch zu Deinen »I am the Walrus«-Gedanken:
    »Today, I believe that the principle of initiation has become "democratized" completely, so that each and every one of us is a hierophant for the other. Thus neither Steiner nor anyone else is in some elevated position as a "spiritual teacher." Existence itself initiates all of us.«
    Dennoch gibt es auch weiterhin Lehrer, die sich nicht nur selbst von ihrem Leben „initiieren“ lassen, sondern die es zu ihrem Beruf gemacht haben, ihre Erfahrungen so in Begriffe zu fassen, daß sie sich an andere Menschen weitergeben lassen — und die auf diese Weise nicht nur ihre eigene Entwicklung, sondern die Entwicklung der Menschheit insgesamt befördern helfen.

    Oder sollte die Evolution in dieser Hinsicht (wann genau eigentlich?) bereits an ihr Ende gelangt sein?


    Herzlich,
    Ingrid

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  4. Ein wirklich ausgezeichneter Beitrag von Ingrid hier in diesem Blog. Allerdings werden die üblichen Steiner-Basher und der Blogbetreiber keine sonderliche Freude daran haben, passt er doch so gar nicht ins grundsätzliche Konzept. Vermutlich wird sich deswegen auch die Anzahl der Kommentare in Grenzen halten.

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  5. Im Anglo-Amerikanismus, die westliche Einweihungswissenschaft, gelte die Abhängigkeit umgekehrt:

    ‘Derjenige, der direkt, unmittelbar in der geistigen Welt etwas erfährt, der also die Geheimnisse der geistigen Welt kennt, der kann ja dem andern nicht sagen, daß er sie durch eigene Erfahrung kennt … denn verrät er, daß er aus eigener unmittelbarer Erfahrung Einweihungserkenntnisse besitzt, so begibt er sich lebenslänglich in Abhängigkeit von dem, dem er sein Geheimnis verrät.‘ 197.37 (1920)

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    1. Lieber Ton,
      danke für den Hinweis - das finde ich sehr interessant!
      Es ist allerdings unvollständig und daher ein wenig mißverständlich zitiert - man könnte glauben, derjenige, dem der Eingeweihte sein Geheimnis verraten hat, hätte ihn nun irgendwie „in der Hand“ und könnte ihm persönlich etwas Übles antun.
      So ist es aber nicht gemeint. Sondern:

      »Sie können von westlichen Vertretern der Einweihungwissenschaft immer wieder und wiederum hören, daß es eigentlich ganz untunlich sei, daß jemand von sich selber aus die selbsterkannte Einweihungswissenschaft verbreitet. Sie werden daher immer finden, daß, wenn wirklich Eingeweihte des Westens durch öffentliche Schriften Einweihungswissenschaft zur Darstellung bringen, sie es ablehnen, selber erfahrungsgemäß von den Dingen, die sie mitteilen, etwas zu wissen. Sie finden es als eine typische Tatsache, daß irgend jemand Dinge mitteilt, die durchaus Einweihungswissenschaft sind, […] da wird dann eine Vorrede dazu gemacht, das gehört einfach zur Technik der Behandlung der ganzen Sache, und darin wird gesagt: Es ist selbstverständlich, daß ich alle diese Dinge nicht von mir habe, denn hätte ich sie von mir, so würde ich sie nicht mitteilen. […] Und wenn dann die Frage entsteht, warum so verfahren wird, dann bekommen Sie eine gewisse Antwort, die innerhalb bestimmter Grenzen für westliche Einweihungswissenschaft durchaus zutreffend ist. Da wird Ihnen gesagt: Derjenige, der direkt, unmittelbar in der geistigen Welt etwas erfährt, der also die Geheimnisse der geistigen Welt kennt, der kann ja dem andern nicht sagen, daß er sie durch eigene Erfahrung kennt […], denn verrät er, daß er aus eigener unmittelbarer Erfahrung Einweihungserkenntnisse besitzt, so begibt er sich lebenslänglich in Abhängigkeit von dem, dem er sein Geheimnis verrät.
      […]
      Diese Anschauung, die überwunden werden muß von der neueren Zeit, die kann gar nicht in Mitteleuropa gelten, und es muß gerade der Geist, der in Mitteleuropa sein sollte, diese Anschauung bekämpfen.
      […]
      Es ist eine Eigentümlichkeit dieser westlichen Einweihungswissenschaft, daß derjenige, der dort eingeweiht ist, nur etwas hat von seiner Einweihung, wenn er wenigstens einen Schüler hat, der seine Vorstellungen wiederholt. Es nützt gar nichts, die Einweihungswissenschaft nur für sich allein zu haben. Geradeso wie Sie geradeaus sehend mit Ihren Augen auf keinen Gegenstand treffen, so treffen Sie nicht auf Ihre eigenen geistigen Begriffe, wenn sie als westlicher Eingeweihter nicht schauen können auf die Wiederholung Ihrer Vorstellungen bei einem anderen. In der mannigfaltigsten Form wird das schon angedeutet, aber man erkennt es nicht richtig. In der Tat, wenn es so ist, dann gilt es, daß derjenige, der einem andern verrät, daß er selber ein Eingeweihter ist, lebenslänglich in die Gewalt dieses anderen kommt; denn der andere kann ihm den Dienst aufsagen und kann ihm sagen: Ich wiederhole deine Vorstellungen nicht. - Es kommt eine gewisse Abhängikeit heraus unter diesem Prinzip. […]
      Nun gibt es gegenüber dieser Abhängigkeit von der Anhängerschaft nur ein einziges: Die Gemeinschaft zu haben mit dem Christus, der ja seit dem Mysterium von Golgatha auf der Erde wirklich zu finden ist. Wer in dieser Gemeinschaft nicht mit einem nichtsinnlichen Menschenwesen, sondern mit dem unter die Menschen gegangenen ersten Bruder die Gemeinschaft hält, […] der braucht nicht davor zurückzuschrecken, seine eigene Weisheit an die Mitwelt mitzuteilen.« (GA 197, S 37f)

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  6. Kritisch besehen war Belyi neben Künstler auch ein Russe, von dem Steiner Dezember 1918 sagte:
    “Der Russe ist mehr als ein anderer Mensch auf den Seher angewiesen, er ist aber auch empfänglich für das, was der Seher ihm bringt. … Er sieht diejenigen Geister, die gewissermaßen voller Licht sind. Er sieht nicht den Tod, er sieht nicht das Verderben, er sieht dasjenige, was den Menschen durch die Erhabenheit gleichsam ertrinken macht, was ihn vor allen Dingen mit der großen Gefahr durchdringt, demütig und immer demütiger zu sein, sich vor dem Erhabenen auf die Knie zu werfen.“ 186.152 f.

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