Erschaffe Dich selbst

Nein, mit dem etwas provokativen „“Erkenne dich selbst“ heißt: Erschaffe dich selbst““ hat Kühlewind in einem wenig bekannten Buch* keineswegs frühe Anleitungen für narzisstische Positionierungen des Einzelnen im postfaktischen Zeitalter gegeben- und auch keine neoliberalen Selbstoptimierungs- Botschaften verschickt. Es geht ihm vielmehr um die meditative Annäherung des modernen, an die Objektwelt gefesselten Individuums an die innere „Durchsichtigkeit des Logoselements“ durch eine intensivierte Konzentration: „Das Selbst erschafft sich in der gesteigerten Aufmerksamkeit, wenn sie stark genug wird, sich selbst zu erfahren..

Bis zu diesem inneren Wendepunkt bleibt das Ich gefesselt an die Inhalte seines Denkens, an die Informations- Bits, mit denen es gefüttert wird bis zum Überdruss- heute, im digitalen Zeitalter, mehr denn je. Die Spiegelung der massenhaften Wissens- Brocken füttert ein Selbst, das sich in Formen seiner Empfindsamkeit prägt, wobei die Selbstfühligkeit eine geliehene, brüchige Sicherheit vermittelt, die immer intensivere seelische Muster, immer mehr Input benötigt, schwankend zwischen Konsumismus, Zorn, Unzufriedenheit und primitiven Impulsen der Peergroups in den sozialen Netzwerken. Die „freie, nicht gestaltete Aufmerksamkeit“ lebt sich zwar aus- sei es im Beruf, in Fähigkeiten, sozialen Gestaltungsmöglichkeiten, künstlerischen Tätigkeiten oder esoterischen Seminaren- bleibt aber fragmentarisch in ihrer Wirksamkeit, so lange das Denken und Empfinden nicht auf einer höheren Ebene sein Selbst „aus dem Nichts“ zu begründen in der Lage ist. Die Konfrontation mit diesem Nichts ist aber heute endemisch- schicksalhaft kaum zu vermeiden. Die individuellen Katastrophen, die Abstürze, die aufbrechende Verzweiflung sind ebenso Zeichen dieses gärenden Prozesses wie das äußere politische und wirtschaftliche Chaos.

Es ist sinnvoll, einen Schwerpunkt des Bewusstseins zu suchen, um nicht mitgerissen zu werden von den verzehrenden grassierenden ideologischen und emotionalen Wellen- oder sich einzuigeln in einer selbstzufriedenen Abstumpfung und Rechthaberei. Das Erschaffe-dich-selbst erfährt sich als reine, freie Aufmerksamkeit, die auf nichts beruht und an nichts anlehnt. Sie besteht aus sich selbst, in einem beweglichen Willen, der sich in bewusster Stille im Gleichgewicht hält. Allein das aufzubringen ist schon eine Kraft der Hingabe; in der höchsten, aber leeren Konzentration.

Lösen sich in der ersten Phase die gegebenen seelischen Muster nach und nach auf, fasst sich das sich haltende Selbst nach und nach, begründet sich in völliger Transparenz: „Die auflösende Formkraft, nunmehr formfrei, wird in die Kraft des höheren Selbstbewusstseins metamorphosiert: Dadurch entsteht ein höheres Selbst, das zugleich das Bewusstsein seiner selbst ist, Selbstbewusstsein also, sich selbst erfahrende Aufmerksamkeit.“

An der Stelle dieser Metamorphose bislang gebundener, geformter Willenskräfte strömt in die Transparenz kraftvoll das ein, was bislang einzeln, blitzartig auftretende Intuition war. Das blitzartige Verstehen wird als der Kern des wirklichen, ungebrochenen Selbst begriffen; das Verstehen erlebt sich selbst und wird zur Identität: Das Logoselement wird in der eigenen Mitte zur Kraft, die sich selbst hält: „Die Kraft in den Formen hat gelernt, ohne Formen zu bleiben und ein formfreies Selbst zu werden.“ Damit begreift sich der Mensch selbst als „geistige Welt“, die keineswegs jenseitig und verborgen ist. Gerade die Erfahrung der Unverborgenheit begründet die eigene Existenz.

Von hier ab sind dem gestaltenden Willen, der Fähigkeit zur Hingabe, der Kraft zum Beginnen keine Grenzen gesetzt: Das Ich-bin macht alles neu. Die Selbsterfahrung besteht in Zeit- und Ortlosigkeit. In der Stille lernt es, sich in immer weiter wachsender Dynamik in Hingabe zu üben.

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*Georg Kühlewind, Der Gral oder Was die Liebe vermag, Ostfildern 1997, S. 20f

Kommentare

  1. "Von hier ab sind dem gestaltenden Willen, der Fähigkeit zur Hingabe, der Kraft zum Beginnen keine Grenzen gesetzt: Das Ich-bin macht alles neu"

    Meine kritischen Gedanken dazu hatte ich ja hier des öfteren diskutiert.

    Noch einmal meine Frage: Wie konkret sieht das aus, das "Ich-bin macht alles neu"...? Was genau macht es neu? Etwas, das über das gedanklich-ideelle hinausgeht?

    Oder mehr das Bekannte in der Art "...ich war in einer tiefen Krise...bin jetzt wie neugeboren..."?

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    1. "Was genau macht es neu?" Mich selbst: In überbordender Freude am Leben, endloser Neugier und Energie, durch die verengenden biografischen Perspektiven hindurch. Aber auch energetisch und mit einer inneren Sicherheit, das das eine Lebenskraft ist, die nicht an ein Leben gebunden ist- dass das Selbst ein kosmisches, in sich bestehendes Wesen ist, das sich immer wieder gestaltend erprobt, und dass diese Inkarnation nur eine kreative Form ist- aber auch menschlich, dass man das mit jedem einzelnen Menschen gemeinsam hat, und dass wir alle uns als "dieser" oder "diese" erproben.

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