»... und mehr bedarfs nicht.« IV Die Kraft, Mensch zu bleiben


Ingrid Haselberger

 

Baruch Milch sah keinen anderen Weg, als sich selbst von seinen Gefühlen und Sehnsüchten abzuschneiden, sein Herz zu verhärten, den Himmel als leer anzusehen, jedem Glauben an eine gütige oder auch nur gerechte höhere Macht abzuschwören – und sich fortan in eisiges Schweigen zu hüllen.

Das Konzert-Drama Defiant Requiem erzählt von einem anderen Weg:

DEFIANT REQUIEM
Verdi at Terezín
Idee und Dirigent: Murry Sidlin

Ich habe schon viel über Theresienstadt gelesen – ich denke an ...trotzdem Ja zum Leben sagen von Viktor Frankl, an die Kinderzeichnungen von Helga Weissová, an die Oper Brundibar und die Kinder aus Theresienstadt; ich denke auch an den folgenden Ausspruch des 1944 in Auschwitz-Birkenau umgekommenen Komponisten Viktor Ullmann, dessen Lieder ich vor einiger Zeit gesungen habe (u.a. nach Texten von Albert Steffen – Ullmann war Anthroposoph):
Theresienstadt war und ist für mich Schule der Form. Früher, wo man Wucht und Last des stofflichen Lebens nicht fühlte, weil der Komfort, diese Magie der Zivilisation, sie verdrängte, war es leicht, die schöne Form zu schaffen. Hier, wo man auch im täglichen Leben den Stoff durch die Form zu überwinden hat, wo alles Musische in vollem Gegensatz zur Umwelt steht: Hier ist die wahre Meisterschule, wenn man mit Schiller das Geheimnis des Kunstwerks darin sieht: den Stoff durch die Form zu vertilgen – was ja vermutlich die Mission des Menschen überhaupt ist, nicht nur des aesthetischen, sondern auch des ethischen Menschen.
Aber noch nie hat mich ein Bericht über Terezín so sehr berührt wie diese Aufführung des Requiems von Giuseppe Verdi, eingebettet in die Schilderung des Rahmens, in dem sie damals, 1944, insgesamt 16mal zustandekam.

»Arbeit macht frei« – so stand (und steht es bis heute) über dem Tor des Konzentrationslagers Theresienstadt.
Inmitten des Elends dieses Ortes erkennt der charismatische Dirigent, Pianist und Chorleiter Rafael Schächter: nicht Arbeit, sondern Musik ist es, die die hier Gefangenen frei machen wird!
In einem der Keller steht ein altes Klavier, und er wagt es, zunächst heimlich, einen Chor zusammenzustellen. Er beginnt mit allgemein bekannten tschechischen Liedern – doch nach und nach kommt es zu immer anspruchsvolleren Aufführungen. Smetanas „Verkaufte Braut“ ist darunter, und Mozarts „Figaro“... und die Nazis haben nicht nur nichts dagegen, sondern kommen schließlich sogar zuhören.
Während es Juden im gesamten von Deutschland besetzten Gebiet verboten ist, sich zu versammeln, Musikinstrumente zu spielen oder abends auszugehen, finden die Inhaftierten im KZ Theresienstadt eine seltsame künstlerische Freiheit.

Aus seinem früheren Leben in Prag hat Rafael Schächter einen Klavierauszug des Requiems von Giuseppe Verdi ins Lager geschmuggelt. Um eine Aufführung dieses anspruchsvollen Werkes zustandezubringen, übt er mit den Mitwirkenden (unter ihnen beileibe nicht nur geübte Sänger!), bis sie jede einzelne Stelle auswendig können – denn sie haben nur diesen einzigen Klavierauszug.
Es gibt zunächst Diskussionen darüber, ob es nicht einer Selbstaufgabe gleichkäme, wenn Juden in dieser Situation ein christliches Werk singen – wäre es nicht angebracht, sich um jüdische Themen zu kümmern, etwa Händels Oratorien?
Doch Rafael Schächter hat es sich in den Kopf gesetzt, das Dies Irae in eine Botschaft für die Nazis umzuformen. Was diese gequälten Menschen ihren Peinigern auf Deutsch nicht sagen können – in lateinischer Sprache werden sie es ihnen singen: Am Tag des Zornes wird kein Sünder entkommen...
Schächter ist von der Größe des Vorhabens durchdrungen und verlangt den Mitwirkenden alles ab. Es soll ein Statement werden – »the biggest, perhaps the last, that they would make together. It had to be perfect. When it came to Rehearsals, he was mercyless.«

Die erste Aufführung ist ein unbeschreibliches Erlebnis, sowohl für die Sänger als auch für die Zuhörer – doch unmittelbar danach wird der Chor jäh dezimiert: 5000 Menschen werden nach Auschwitz deportiert, darunter viele, die mitgesungen haben... Schächter muß neue Chormitglieder gewinnen und gewissermaßen von vorne beginnen.
Insgesamt kommt es zu 16 Aufführungen (und drei Neuanfängen nach Deportationen).
Die letzte wird von den Nazis instrumentalisiert und findet vor einem Komitee des Internationalen Roten Kreuzes statt, als Zeichen dafür, wie schön es die Juden hier in Theresienstadt haben. Zudem entsteht der Propagandafilm Der Führer schenkt den Juden eine Stadt (die Überlebende Marianka May sagt darüber: »Deception is not the right word. There must be worse words for that.«).
Die Sänger hoffen, daß die ausländischen Gäste den gewaltigen Betrug durchschauen werden, wenn sie mit voller Herzenskraft und authentischer Verzweiflung singen... daß wenigstens ein paar Fragen gestellt werden – – – das gelingt nicht: »...they wanted to believe what they saw...«

Die Aufführung vor dem Internationalen Roten Kreuz am 23.6.1944 sollte die letzte bleiben. Zwei Wochen später sind alle Kinder, die für den Propagandafilm posiert haben, deportiert. Und auf der Liste für den Abtransport am 15. Oktober findet sich nicht nur fast der gesamte Chor, sondern auch Rafael Schächter...


Man könnte also sagen: Alles war vergeblich.
Die mit allen Kräften ausgesandte Botschaft ist nicht angekommen, alle Mühe, alle Beharrlichkeit und Ausdauer, aller Enthusiasmus, alle eingesetzten Herzenskräfte konnten nichts ändern am Gaskammern-Schicksal vieler, vieler Menschen...

Man könnte fragen: Wo war Gott?

Das damalige Chormitglied Marianka May antwortet auf diese Frage:
God sent us the Verdi — God sent us the music — God sent us Rafael Schächter — and the lectures — God sent us the way to live.
Of course God was there.
The question was: Where was MAN? Man was empowered by God to do good — compassion, love — where was man?

Und dennoch.

Es gibt, seit dem Jahr 2002, das Konzert-Drama Defiant Requiem, das die innere Situation dieser Menschen für uns Heutige erahnbar macht.

Jeder Abschnitt beginnt mit dürftiger Klavierbegleitung... nach und nach erst setzt das Orchester ein und vermittelt so eine Ahnung von der Illusion der Sänger in Theresienstadt, von ihrer Hoffnung auf ein grandioses Konzert, mit großartigem Orchester, nach dem Krieg, im schönsten Konzertsaal Prags...
Man sieht Plakate und hört Bruchstücke des vielfältigen Theresienstädter Kulturlebens, Theater, Konzerte, Kabarrettabende; und man hört das Pfeifen des Deportationszuges... 
Zwischen den Sätzen werden auf einer großen Leinwand im Hintergrund Ausschnitte aus Interviews mit überlebenden Mitwirkenden gezeigt. Zwei Schauspieler (im Wiener Konzerthaus waren es Erwin Steinhauer und Katharina Stemberger) sprechen Texte der bereits Verstorbenen.

Die Erinnerung in den Herzen der Überlebenden ist sehr lebendig. Sie sprechen Englisch, mit für mich rührend österreichisch klingendem Akzent. Mit leuchtenden Augen erzählen sie von der schwersten Zeit ihres Lebens.

Edgar Krasa (damals Lagerkoch und Schlafsaalgenosse Rafael Schächters):
Rafael Schächter was a godsend to all the prisoners, for, after a day’s work, he engaged large numbers of prisoners in performing, and even larger numbers in attending [the concerts]. Singing, we found, was not just taking our minds off the daily misery for the time we were singing, it gave us a lift, something that we carried with us into the next day, and it helped us to overcome whatever was put upon us during the day until we again met and sang. Schächter drowned out the prison mentality that had overcome everybody there.

Und noch einmal Marianka May:

We just tried to reach something that's bigger than we are. And let's hope that we ARE singing to God. And God can't help, but HEAR us.
I think when you are more a soul than a person, I don't think the soul has to be nourished by anything but heavenly music. The soul doesn't need anything else.

This room became the protective walls of something good, something meaningful, something healing, and something that showed everyone who was really listening that Rafi had put all of us, the singers and the audience, to another world. This was not the world of the Nazis. This was OUR world. 

We proved beyond the shadow of any doubt that yes, they have our bodies, yes, we have no more names, we have numbers, but they DON'T have our soul, our mind, our being. What we ARE cannot be taken away, also it won't be taken away at the moment we are shot.
I am not a holocaust survivor as much as a Requiem survivor.
I didn't only survive the Requiem, I got it as a present to take with me all my life.

Im Jahr 2002 wurde das Defiant Requiem in Portland (Oregon) uraufgeführt.   
Vier Jahre später kam es zu einer ersten Aufführung an dem Ort, wo alles begann: im Keller des ehemaligen Konzentrationslagers Terezín. Einige damalige Mitwirkende saßen im Publikum, die Söhne Edgar Krasas waren unter den Sängern...

Murry Sidlin, der Erschaffer und Dirigent dieses Konzert-Dramas
This is to me a very religious moment. 

One of the most important things we can do is to once again sing this music to these walls which heard it many years ago and haven't heard it since. 

All of this is to say – to not only the survivors but those who didn't survive – that they have been heard and we so honour them.
Here there were, surrounded on an hourly basis by man's worst, and these jewish prisoners and the creative people here were determined to remind everyone of man's best. 
We all have a powerful emotional storehouse. And we don't necessarily have the language to get at the power of our feelings. When common language cannot longer get even close to what it is we're feeling – that's when art begins.

* * *

siehe auch: 

»...und mehr bedarfs nicht.« III 



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