Willkommen in der neuen Welt, ihr Rest- Demokraten oder: Anthroposophen feiern das Ende des Liberalismus

Guten Morgen, ihr Rest- Demokraten, aufgewacht. Während Dornach sich - wie gehabt und in Ingrids unterem Beitrag über die „Weltkonferenz“ geschildert- mit sich selbst beschäftigt und unter „Welt“ vor allem seine eigene Spiegelung sieht - diesmal nicht esoterische Abweichler oder „Konstitutionsfragen“, sondern das Verhältnis von angeblich esoterischem Innenkreis mit der „Peripherie“ -, sehen Andere wie Bobby auf dem Waldorfblog das „Waldorfbürgertum“ mit den momentan ideologisch führenden Ex- Waldorfschülern Daniele Ganser und Ken Jebsen, stramm nach Rechts und die offenen Arme des KGB- Sprösslings Putin fallen. Spätestens, seitdem der neue amerikanische Präsident von Putin per Hackerangriffen und 500- Milliarden- Öl- Deals ins Amt durchgewunken worden ist, der dieselben rassistischen, anti- islamischen, anti- europäischen Tiraden schwingt wie die Waldorfbürger, sind diese nun auch offensichtlich im neuen Mainstream angekommen. Willkommen in der neuen Welt! Die Verschwörungstheoretiker, Brexiter, Mauererrichter, Isolationisten, Anti- Demokraten und Journalisten- Hasser haben teilweise die Macht übernommen und werden die EU im kommenden Jahrzehnt in die Zange nehmen, die Uhr zurück drehen und ihre schmutzigen Eigeninteressen, kleptokratischen Kreise und Ölgeschäfte gegen die Umweltstandards des ausgehenden 20. Jahrhunderts verteidigen wollen. Das kleptokratische Zeitalter, das medial auf allen Kanälen und per Twitter, YouTube & Facebook auf jedes Smartphone in der Hosentasche sendet, nebelt die Geister zuverlässig und postfaktisch ein.

Erz- Anthroposophen wie der Brexiter Jeremy Smith, der in der EU und Islam die größten Feinde der Menschheit sieht (in manchen Posts schlimmer als Pol Pot), transportiert seinen latenten Antiamerikanismus zwar nur zögernd auf die Personalie Donald Trump, schwenkt aber dann, siegessicher, bereits wieder um auf typisch inner- anthroposophische Themen. Er wirft daher Frank Thomas Smith, dem Herausgeber von Southern Cross Review, in „An open letter to Frank Thomas Smith“ eine Art Mysterienverrat vor, weil dieser die bis zum Ende des 20. Jahrhunderts intern gehaltenen Texte Rudolf Steiners für die esoterische „Erste Klasse“ übersetzt und somit auch im englischsprachigen Raum verfügbar gemacht habe - darunter viele seit etwa einem Jahrhundert kursierende Meditations- Mantren Steiners. Näheres dazu in Alicia Hamberg Blog.

Smith als sprachgewandter anthroposophischer Traditionalist sieht darin auch deshalb eine Gefahr, weil der Inhalt dieser Texte weiteres Material für anthroposophische Gegner, aber auch für esoterische „Touristen“ liefern könnte (als wären die nicht längst in Yoga- und Advaita- Kurse abgewandert)  : „You have given scoffers and opponents the chance to quote these lessons, which are bound to seem fantastic and absurd to those who have as yet no understanding of the spiritual world from which we all come. You have given opportunities, specifically warned against by Steiner, for spiritual tourists to engage in esoteric chatter without getting to grips with the esoteric content of life itself.“ Kritiker und Touristen werden genügend Material in der bisher erschienenen weit über 300bändigen Steiner- Gesamt- Ausgabe gefunden haben. Vielmehr geht es Smith doch eher um den letzten Rest einer anthroposophischen Identität, die sich mühsam auf die verbliebenen exklusiven Texte des Meisters - und auf die den Zeitgeist opponierenden Positionierungen eines angeblichen Anti- Mainstreams stützt- eines so obsolet wie das andere. Wer heute „oppositionell“ sein will, darf den Tweets des neuen amerikanischen Präsidenten folgen oder Björn Höckes Visionen der „Umvolkung“ und der deutschen Schande, die er nicht im Holocaust, sondern im Berliner Denkmal sieht, anhängen: "Wir Deutschen sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat." Oder er darf anti- mainstreamig im „Goetheanum“ nachlesen, wie Daniele Ganser zum hundertsten Mal die FSB- Sicht auf die Hintergründe von 9/11 ausführt. Diese angebliche Opposition zum Zeitgeist ist nicht nur längst Mainstream, sondern hat die Macht tatsächlich in der Hand. Guten Morgen, ihr Rest- Liberalen, euch grüßt sie surreale russisch -ungarisch - türkische Pseudo- Demokratie und twittert euch mit trumpigem Unsinn zu. Wo bitte bleibt da die anthroposophische Identität?

Vielleicht in der Schizophrenie? Populäre anthroposophische Blogs wie Mikeondoor verbinden das säuselnde Knistern anthroposophischer Wissensbrocken, Vorträge und Designs - etwa über Steiners Rosenkreuzmeditation - problemlos mit Pro- Putin- Propaganda, Hetze gegen die deutsche Verteidigungsministerin - sie sei Kriegshetzerin und Psychopath-  und einer antiamerikanischen Verteidigung von Donald Trump: „Immer noch ist in Westmedien von „russischen Hackern“ die Rede, die im Auftrag Putins die US-Wahlen zugunsten Donald Trumps manipuliert haben sollen. Beweis gibt es dafür keinen – anders als für die US-Einflussnahme auf die russischen Präsidentenwahlen 1996.“ „Westmedien“ ist in diesem Beitrag ein Begriff, den man sich im Mund zergehen lassen muss. Hier verlagert sich die traditionell US- kritische anthroposophische Positionierung in offene Verehrung des russischen Diktators und nimmt den Duktus und Tonfall des ehemaligen DDR- Fernsehens an. Ja, die Stasi lebt und gedeiht und betreibt heute Rosenkranzmeditationen über Donald Trump.

Vielleicht verlagert sich die anthroposophische Identität eher ins astrologische Nirvana. Christian Birkner erklärt uns anhand astrologischer Konstellationen schon mal, warum Donald Trump einfach gewinnen musste: „Man sieht in diesen beiden Horoskopen außerdem, worum es ihnen eigentlich geht. Clinton geht es um Interessengemeinschaften, denen sie sich für ihren Wahlsieg und ihre Macht verpflichtet hat (Saturn aus 2 mit Pluto in 2 und einem gefährlichen Mars dabei). Trump geht es gleichfalls um einen Saturn. Doch er will damit etwas Neues, eine Veränderung nach Anschauungen, die aus der Taufe gehoben werden sollen (Rezeption von 9 zu 12 regiert den Saturn in 11 aus 1).“ Dazu singt Ken Jebsen das immergleiche Waldorf- Liedchen vom Trumpismus.

Oder man hängt direkt an den Lippen des Anthroposophen, New- World- Order- Anhängers und Astrologen Terry Boardman (sehr beliebt als Redner in anthoposophischen Historiker- Seminaren), der aktuell auch die Notwendigkeit des Trumpismus aus der Lage der Sterne erklärt. Er sieht noch nicht ganz das Ende des „Materialismus“ gekommen, den er mit der englischsprachigen Welt gleichsetzt, wohl aber den Beginn ihrer Jahrhunderte lang währenden Agonie: „The impulse of materialism and English-language cultural dominance will not end for a long time yet, for it is now (from around 2020) entering its 400 year-long downward phase – ‘destabilisation/weakening’ and then ‘decay’ – when it will become weaker and weaker over the next 4 centuries until it finally collapses or fades away entirely.“

Das Anglo- Amerikanische Weltreich, es taumelt: „From the 1840s until today has been the age of Anglo-American empire. That is now cracking, weakening, becoming unstable.“ Der nun antretende „Bulle“ Trump ist da die richtige Person zur richtigen Zeit, die von Boardman komplett aus planetarischen und stellaren Positionen erklärt wird: „Donald Trump, like him or loathe him, is the man who has emerged in this moment of transition. If one looks at an astrological chart of where planets and Zodiac constellations related at the time of his birth, the commencement of his earthly destiny, certain themes become visible, now that he is in the latter phase of his life. He has a down-to-earth, Taurean feeling for buildings and property and has made his career out of it; he has an unstoppable bull-like nature emphasised by much Mars energy in his horoscope, but he is also an unpredictable Gemini, an Air sign. His feeling for family and for America and its past (Make America Great Again! – nostalgia for the past) is rooted in his Venus and Saturn, both in Cancer. He wants to communicate that feeling in an emotional way (Mercury in Cancer) but often does so in a drastic, shocking fashion (Uranus in Gemini) as well as a typical Geminian sanguine chattering style (his frequent use of Twitter, the internet messaging facility via smartphones). A battling, ambitious, lead-from-the-front personality (Mars in Leo), his Jupiter in Libra gives him open-mindedness and a certain impartiality or flexibility.“

Das klingt doch nicht übel, vor allem die "Open- Mindedness". Freilich, erklärt Boardman dem staunenden Anthroposophen, sei amerikanische Globalisierung durch Elvis Presley, Big Macs und Microsoft doch nicht „michaelisch“- so wenig wie der Islamismus. Erst recht nicht die so verhasste EU, obwohl sie sich gegen die US- Weltkonzerne und ihre Dominanz auflehne: „In the anthroposophical movement before the EU referendum (on June 23rd this year), this writer came across a number of people who argued that the EU was cosmopolitan and anti-nationalistic and therefore, indeed, ‘Michaelic’. However, European elites,  in attempting to establish their United States of Europe, have been beholden to Washington and Wall St., a few acts of resistance to American corporations notwithstanding.“ Nein, im Gegenteil, das ganze EU- Projekt sei die Verschwörung einer kleinen, supergeheimen Elite, die als „Supernationalisten“ einen europäischen Staatsapparat aufbauen sollten, der ausschließlich ihren Interessen diene: „..the ongoing EU project, by contrast, is an artificial intellectual construct created by a small number of elitists to serve the perceived self-interest of their countries, as well as a few genuine supranationalists who dreamed of a federal United States of Europe.“ So etwas liest man von Anthroposophen allerorten, von Smith bis hin zu selbst erklärten "Historikern".

Nach Terry Boardman haben diese Eliten - auch die der Clintons- nun durch den Brexit und Trump, also durch den Zerfall der amerikanischen Hegemonie und der europäischen Ordnung, den entscheidenden Schlag durch die skeptischen, vor allem älteren und ländlich wohnenden Wähler erhalten. Die seit 50 Jahren herrschende „Mainstream“- Presse sei vernichtend geschlagen worden: „But they themselves were in many cases woefully ignorant of the lies put about by the opponents of Brexit and Trump because they tended  – if they paid attention to the mainstream media at all – to pay too much attention to utterly one-sided media sources such as The Guardian, the BBC and the New York Times, which on the issue of the EU, for example, had spread lies and disinformation for over 50 years!“ Auch die aufgeklärten „Experten“ seien lediglich Agenten dieser Systeme, die wiederum nichts als Konstrukte geheimer Organisationen hinter den Kulissen seien- vornehmlich der Jesuiten und Freimaurer, die sich einen vorgeblich „linken“ oder „rechten“ politischen Anstrich gäben: „One also finds in these countries that decisions are sometimes made in opaque, non-transparent, ways from behind the scenes by invisible agents. Whereas the first case – that of the shepherds seeking to herd the flock – is archetypally found in the Roman Catholic Church, the second case – the ‘invisible hand’ from behind the curtain – has long been present in those countries in which Freemasonry is deeply rooted, notably, the three main countries with imperial pretensions over the past 300 years: Britain, France and America. From an interesting observation that Steiner made 100 years ago, one can see that the shepherd and the sheep scenario is one that particularly permeates the Left in politics and stems historically from the Catholic Church, especially the Jesuits, whereas ‘the invisible hand’, when things suddenly happen and one is never quite sure how or why, but it is evident that they have, has its historical origins in the lodge culture of secretive Freemasonic brotherhoods. This is especially operative on the Right in politics – most notably in the English-speaking world.“

Nun haben die Schafe geblökt und reißen - so Boardman- die demokratische „Maske“ und den angeblichen geheim gelenkten Terror des Liberalismus herunter („Steiner indicated that against this historical background, those elite forces in the West that know how to work with the grain of history for their own ends have sought to establish, behind the mask of democracy – a mask, Steiner said, that bankers especially appreciate -  what is today often called the ‘liberal global world order’.“).

Den Einfluss autokratischer Einflüsse von russischer und türkischer Seite erwähnt Boardman nicht, sondern setzt auf die Notwendigkeit „neuer Ideen“ in der in seiner Perspektive begrüssenswerten Zerschlagung der demokratischen Systeme und ihrer freien Presse: „But as the people awaken, they will need new ideas if they are not to fall once more for the tricks of the Establishment and its media lackeys.“ Boardmans neo- faschistischer Jubel über das „Erwachen“ der Anti- Demokraten zeigt doch, dass er ein „michaelisches Element“ in der Destruktion Europas und Amerikas sieht. Der mörderische Kleptokrat Putin winkt und zwinkert uns michaelisch zu; Terry Boardman pfeift dazu ein New- World- Order- Liedchen. Hier ist der anthroposophische Reflex mit seinen paranoiden, autoritären Zügen endgültig in sein anti- liberales, menschenverachtendes Endstadium eingetreten, zu dem allerdings Viele, wie die oberen Beispiele, gern die Begleitmusik spielen. Alles im michaelischen Sinne, natürlich.