Collage zum „großen Tier“


Ingrid Haselberger

 



(Foto aus der Ausstellung.
Bezeichnung: bpk - NSDAP, ca 1937)

Aus einem Text zur Ausstellung „Blut und Geist – Bach, Mendelssohn und ihre Musik im Dritten Reich“, die ich vor einigen Tagen in Leipzig besucht habe (zu sehen im Gartenhaus des Mendelssohn-Museums, noch bis zum 15. Mai): 


»Mendelssohn-Bartholdy gilt als der Wiederentdecker der Bachschen Musik. Im Jahr 1829, mit 20 Jahren, führte er erstmals seit Bachs Tod dessen Matthäuspassion in der Berliner Singakademie wieder auf und rückte damit Bachs bis dahin fast vergessene, nur in Liebhaber-Zirkeln gepflegte Musik in das Zentrum eines neuen, nationalen Musikinteresses. Hundert Jahre später sollte sich das Bild vollständig gewandelt haben. Während Bach nun als der „Deutscheste der Deutschen“ gilt und ihm von Hitler und Goebbels öffentlich gehuldigt wird, erscheint der „Jude“ Mendelssohn als gefährlicher „Zwischenfall“ der Musikgeschichte, der zur „Verweichlichung“ der deutschen Musik im 19. Jahrhundert entscheidend beigetragen habe.
Die Behandlung beider Komponisten ist Teil und Lehrstück einer sich im Dritten Reich schließlich weitgehend selbst speisenden und verbreitenden, mörderischen Rhetorik von „deutscher Überlegenheit“ und „jüdischer Bedrohung“. Manch einer glaubte mit ideologischem Eifer daran. Andere wollten sie vielleicht eher nationalkonservativ, als Ausdruck von Nationalstolz und eines bereits im 19. Jahrhundert verwurzelten, aber latenten Antisemitismus verstanden wissen. Manche gaben lediglich ein Lippenbekenntnis zur neuen Ideologie ab, um die eigene Karriere nicht zu gefährden, um eine Publikationsgenehmigung zu erhalten, um für eine attraktive Stelle in Betracht gezogen zu werden oder die vorhandene nicht zu verlieren, oder um in einer „Gratwanderung aus Verantwortlichkeit“ die Besetzung der eigenen Stelle mit „noch Schlimmeren“ zu verhindern. Wieder andere spickten ein oberflächliches Bekenntnis mit ironisch-verschwommenen Zusätzen. All das machte im Ergebnis keinen Unterschied. Denn für jeden weiteren ergab sich das Bild einer immer totaler werdenden Ideologie, deren Bekenntnisanspruch er sich nur auf die Gefahr eines Außenseiterdaseins hin würde entziehen können. Und umso mehr Kollegen und Rivalen sich bereits im Sinne der neuen Ideologie geäußert hatten, umso mehr zahlte es sich aus, noch etwas radikalere Ansichten zu vertreten, und nicht als lauwarmer Mitläufer zu erscheinen. Als diese Ideologie dann praktisch wurde – in den Nürnberger Gesetzen, den Berufsverboten, der Enteignung jüdischen Besitzes, in der für alle sichtbaren Vertreibung und Deportation – , war man durch das eigene, vorangegangene Bekenntnis zur neuen Ideologie bereits gebunden und erschien eine wirksame Kritik, selbst wo sie noch gefahrlos möglich gewesen wäre, ohne Selbstwiderspruch unmöglich.«

Bei der Schilderung dieses – ja: Mechanismus  dachte ich an diesen Text von Simone Weil, aus dem Band „Schwerkraft und Gnade“, unter der Überschrift „Das große Tier“:
»Nur dadurch, daß er in den Bereich des Transzendenten, der Übernatur, des eigentlichen und echten Geistes eintritt, wird der Mensch dem Sozialen überlegen. […]
Im Bereich dessen, was nicht der Übernatur angehört, ist die Gesellschaft das, was uns wie durch eine Schranke von dem Bösen [von gewissen Formen des Bösen] trennt; eine Gesellschaft von Verbrechern oder Lasterhaften, und bestände sie auch nur aus einigen wenigen, hebt diese Schranke auf.
Was aber treibt uns, einer solchen Gesellschaft beizutreten? Entweder die Notwendigkeit oder der Leichtsinn oder, in den meisten Fällen, eine Mischung aus beidem; man glaubt, man binde sich nicht, denn man weiß nicht, daß, mit Ausnahme des Übernatürlichen, einzig die Gesellschaft uns hindert, natürlicherweise die abscheulichsten Verbrechen zu begehen und den verworfensten Lastern zu verfallen. Man weiß nicht, daß man ein anderer werden wird, denn man weiß nicht, wie weit sich in einem selber der Bereich dessen erstreckt, was durch äußere Einflüsse verändert werden kann. Man bindet sich immer ohne zu wissen.«


Mit dem „großen Tier“ in der Überschrift bezieht Simone Weil sich übrigens nicht auf die Zahl 666 aus der Offenbarung des Johannes, sondern auf eine Stelle aus dem sechsten Buch von Platons Politeia:
»Daß ein jeder der um Geld lehrenden privaten Lehrer, die jene „Sophisten“ nennen und für Gegner ihres Treibens halten, nichts anderes in seinem Unterrichte verbreitet als eben nur jene Grundsätze der politischen Volksmenge, über die sie in den Versammlungen salbadert, und dies dann Staatsweisheit nennt. Dies gemahnt einen dann gerade so, wie wenn jemand bei Haltung einer ungeheuren und starken Bestie ihre Leidenschaften und Begierden in der Hinsicht kennen lernte, wie man ihr näher treten und wie man sie antasten dürfe, wann sie am wildesten oder am zahmsten sei und aus welchen Gründen, sowie unter welchen Bedingungen sie gewöhnlich Töne hören lasse, und auf welche Töne eines anderen sie besänftigt und aufgebracht werde; und wenn er alles dies dann durch Beobachtung und Zeitaufwand erlernt hätte, es dann Wissenschaft hieße, in eine wissenschaftliche Form brächte und hinsichtlich dieser Lehrsätze sowohl wie jener Neigungen ohne gründliche Kenntnisse der eigentlichen Begriffe von Schön oder Häßlich, von Gut oder Schlecht, von Gerecht oder Ungerecht doch alle diese Ausdrücke von den Sinnesarten des ungeheuren Tieres brauchte, indem er das gut hieße, was diesem Vergnügen machte, und das schlecht, worüber es aufgebracht würde, dabei aber sonst gar keine andere innere vernünftige Begründung geben könnte, als daß er die unbedingten Naturbedürfnisse gerecht und schön hieße; aber von dem großen Unterschiede zwischen dem eigentlichen Naturtriebe und dem wahrhaft Guten weder eine klare Ansicht bekommen hätte noch ihn einem anderen zeigen könnte. Würde bei solchem Verfahren, bei Zeus, einer dir nicht als ein entsetzlicher Lehrer vorkommen?«


Beim Nachlesen des Platon-Textes wiederum dachte ich an diesen Artikel von Andreas Weiß über Harry G. Frankfurt, aus dem ich vor kurzem zitiert habe:
»Bullshit, geht es nach Frankfurt, ist eine Aussage, die mit Wahrheit und Wahrheitsfindung so gut wie gar nichts zu tun hat. So betont er auch explizit den Unterschied zu einer klassischen Lüge. Denn um zu lügen, muss die Person, die die Wahrheit falsch darstellen möchte, sich zumindest darum kümmern, was denn nun wahr ist und somit gefälscht werden muss. Der Lügner hat in diesem Sinne mehr mit Wahrheit zu tun als ein Bullshitter. Dieser nämlich kümmert sich bei seiner Aussage und deren Inhalt nicht einmal um die Wahrheit oder Falschheit dessen, was er behauptet, sondern es geht ihm grundsätzlich nur um die möglichst positive Darstellung seiner selbst. Man könnte mit Frankfurt behaupten, dass der- bzw. diejenige das Interesse um der eigenen Wichtigtuerei willen heuchelt. […]
»Jeder kennt Bullshit. Jederträgt sein Scherflein dazu bei.« Damit sind wir für Frankfurt schlichtweg alle „Bullshitter“ (und Bullshitterinnen, um der Sache gerecht zu werden) und mehr als nur peripher in diese Problematik involviert. Für Frankfurt ist das Problem demnach tieferreichend und in jedem Einzelnen zu finden.
Die moderne Gesellschaft ist geradezu in all ihren Bereichen auf „Bullshit“ ausgerichtet und nicht nur eine bestimmte Gruppe ist davon betroffen: In der heutigen Zeit werden die Menschen nahezu genötigt, über jedes Thema oder Problem eine Meinung bereitzustellen. Deshalb sei Bullshit „immer dann unvermeidbar, wenn die Umstände Menschen dazu zwingen, über Dinge zu reden, von denen sie nichts verstehen“. Um dieser Erwartung gerecht zu werden, haben sich die Mitglieder der „New-Media“-Gesellschaften eine tiefe Kompetenz im Produzieren von Bullshit angeeignet.«


Alle diese Texte schlossen sich für mich zu einem Ganzen zusammen, als ich das Gespräch zwischen dem 90jährigen Hugo Portisch und seinem 80jährigen Freund Wolf Biermann in der TV-Sendung „Stöckl.“ sah (hier noch einige Tage lang nachzusehen).
In seiner Antwort auf die Frage, ob Angela Merkel für ihn als ehemaligen Kommunisten wählbar sei, spricht Biermann (ab Minute 23.15) von der »Grundkrankheit der Demokratie: daß man nämlich vom Pack gewählt werden muß, um an die Macht zu kommen.«

Und er zitiert Benjamin Disraeli, der bereits im 19. Jahrhundert sagte: 
»Die Welt hat Staatsmänner satt, die von der Demokratie zu Politikern degeneriert werden.«
Biermann weiter:
»Der einzige Staatsmann, den wir im Moment in Deutschland haben, ist eine Frau – die nicht nach den nächsten Wahlen schielt. Woher sie diese   Sturheit   nimmt – also nicht aus dem kommunistischen Manifest, wie Sie schon ahnen. Aber aus einem tiefen evangelischem Christentum.«
Einwurf Barbara Stöckl: »Und vielleicht aus der Naturwissenschaft, als Physikerin...«
Wolf Biermann: »Weil sie bis drei zählen kann, was ja nicht schadet: sie weiß auf jeden Fall, daß die Gesetze der Natur in der Natur gelten. Und auch in der menschlichen Natur.
Und sie ist aus meiner Sicht die einzige, die nicht (oder sagen wir: nur wenig) angefressen ist von der Grundkrankheit der Demokratie...«
Für Wolf Biermann, der mit 16 Jahren aus freien Stücken (und zum Entsetzen vieler Freunde) in die DDR gegangen ist, wäre es früher ganz undenkbar gewesen, in dieser Weise über die »Grundkrankheit der Demokratie« oder sogar über »das eingeborene Elend der Demokratie« zu sprechen.
Winston Churchills allbekannten Satz von der Demokratie, die die schlechteste aller Regierungsformen sei, aber er kenne keine bessere, habe er in seiner DDR-Zeit »nur halb verstanden« – vom ersten Teil habe er geglaubt, Churchill mache einen Witz: 
»Erst als ich in den Westen kam, hab ich begriffen: der erste Teil stimmt auch! Das kannst du aber nicht merken, wenn du in der Diktatur lebst. – Allein dafür hat sich die Ausbürgerung schon gelohnt!«

Über die »Utopie des Kommunismus« sagt Biermann, dessen Vater 1943, als Wolf sieben Jahre alt war, als Jude und Angehöriger des kommunistischen Widerstandes in Auschwitz ermordet wurde:

»Das Schlimme daran ist nicht, daß sie nicht zu verwirklichen ist. Das weiß jeder Anfänger. Das Schlimme daran ist, daß sie mit Notwendigkeit in die schlimmsten Höllen führt, die es jemals gegeben hat.
Und das ist auch der einzige Grund, warum ich mit dem Kommunismus brechen mußte. Als ausgewachsener Mann hatte ich erst die Kraft dazu. Vorher hatte ich sie nicht, weil ich immer Angst hatte, meinen ermordeten Vater nochmal totzuschlagen... «



Hier schließt sich für mich der Kreis.
Es kommt nicht darauf an, für welche Ideologie ich mich entscheide.
Sondern es kommt darauf an, ob es mir gelingt, mich so frei zu halten, daß ich dann, wenn die Ideologie, wie es im Ausstellungstext heißt, »praktisch wird«, nicht zu einem Teil eines großen Tiers“ werde, sondern Mensch sein kann.
Oder ob ich, wie Wolf Biermann, sogar die Kraft aufbringe, mich zum Preis des Selbstwiderpruchs – so frei zu machen...

Rudolf Steiner dazu (in GA 254):
»Die Menschen müssen sich bestreben, gegen die Zukunft hin ihren Verstand individuell, richtig individuell handhaben zu lernen, ihren Verstand nicht unbewacht zu lassen; ja, ja niemals ihren Verstand unbewacht zu lassen. Das ist sehr notwendig, und es ist gut, wenn man weiß, in wie schönen, starken, vollen Worten Ahriman an die Menschen herantritt und versucht, wenn es auch der Mensch sich nicht gefallen lassen will, aber wie doch Ahriman versucht, den Menschen den Verstand - verzeihen Sie den Ausdruck - wie die Würmer aus der Nase herauszuziehen. Immer mehr werden die Menschen es nötig haben, auf solche Momente zu achten. Denn gerade solche Momente benutzt Ahriman zu seinem Handwerk, wo der Mensch bei vollem Tagwachen in eine Art von Schwindelzustand kommt, in eine Art von bewußtem Dämmerungszustand, wo er sich nicht recht heimisch fühlt in der physischen Welt, wo er beginnt, sich dem Zirkeltanz des Universums zu überlassen, wo er nicht mehr gehörig als Individualität auf seinen Beinen und Füßen stehen will. Das sind die Momente, wo man sich hüten muß, denn da bekommt Ahriman leicht Oberwasser in unserer Umgebung.
Wir schützen uns am besten dadurch, wenn wir uns immer mehr und mehr bestreben, ein klares und genaues Denken zu entfalten, so genau wie möglich zu denken, nicht einfach so hinzuhuschen im Denken über die Dinge, wie das heute gerade gesellschaftlicher Usus ist. Nicht hinwegspringen über die Dinge, sondern klar denken.
Man sollte sogar noch weiter gehen: Man sollte versuchen, sich immer mehr und mehr zu hüten, gangbare Redensarten und Worte zu gebrauchen. Denn in dem Augenblick, wo man gangbare Worte gebraucht, die man nicht aus dem Gedanken, sondern aus der Sprachgewohnheit heraus hat, wird man, wenn auch nur für einen kurzen Moment, gedankenlos. Und das sind ganz besonders gefährliche Momente, weil man nicht darauf achtet. Man sollte darauf achten, daß man es vermeidet, solche Worte, bei denen man nicht genügend nachdenkt, zu gebrauchen. Eine solche Selbsterziehung sollte derjenige, der es mit den Aufgaben der Zeit ernst nimmt, gerade in solchen Intimitäten in ganz hervorragendem Maße in Angriff nehmen ...«
  Und sehr viel kürzer (GA 4, letzter Satz):
»Man muß sich der Idee erlebend gegenüberstellen können; sonst gerät man unter ihre Knechtschaft.«

Kommentare

  1. Liebe, sehr geehrte Ingrid. Danke u. a. auch für die Verlinkung einer relevanten Stelle von Platons Politeia. (Natürlich nicht allein wegen dem, die Textzitate-Zusammenstellung ist in meinen Augen sehr gelungen und schlüssig.) Ist dies der Abschnitt bei Platon, der vom "gesetzmäßigen" Zyklus (titanischer, daher nicht göttlicher, bei Platon "nicht ideeller") immerwährender Wiederkehr des Gleichen handelt? Wo auf Ochlokratie die Tyrannis folgt, dann Oligarchie und Plutokratie folgen, die unseligen Abarten der Ideale der Demokratie, Aristokratie und Monarchie. Die dann ganz den Schweregesetze des ungebremsten Prinzip der Folgerichtigkeit des nur Realen anheimgegeben sind?
    Ich versuchte mal vor Jahren, die Übersetzungen von Schleiermacher, der zu jedem Band noch einmal soviel Kommentare verfaßte, ich konnte nur einen Satz zu lesen anfangen, um am Ende selbigen Satzes mir eingestehn zu müssen, daß ich bereits den Anfang vergessen hatte. Wie im Hochgebirge mußte ich Schritt auf Schritt tun, bis mir der Sensenmann, nicht nur Todes-Sinnbild, sondern auch das der fehlenden Zeit, einen entgültigen Streich durch das Unterfangen setzte...
    Die Stelle mit den drei "Herrschafts"-Systemen hätte ich gern mal, gerade jetzt zu dieser Zeit, vollständig gelesen.
    Gruß, mischa

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    1. Lieber Mischa,

      ich muß gestehen: ich habe Platons Politeia bisher noch nicht im Zusammenhang gelesen. Ich wurde durch Simone Weil darauf aufmerksam und habe dann im Internet nach der Stelle aus dem 6. Buch gesucht, auf die sie sich bezieht.
      Da stieß ich natürlich zunächst auf die Schleiermacher-Version, die auch mir sehr schwierig zu lesen schien, sodaß ich diesen Text schon fast weglassen wollte. Aber dann fand ich die verlinkte Fassung von Teuffel/Wiegand, und ich sehe jetzt, daß es auch noch eine dritte gibt, von Karl von Prantl.
      Da ich längere Texte nicht gern im Internet lese und die Reclam-Übersetzung von Karl Vretska sehr gute Rezensionen hat, hab ich mir das Büchlein gestern bestellt. Ich bin gespannt – und finde es sehr schön, die unterschiedlichen Übersetzungen gegebenenfalls vergleichen zu können.
      Dem ausführlichen Überblick hier entnehme ich, daß die Beschreibung der unterschiedlichen Staatsformen, von der Du sprichst, aus dem 9./10. Buch stammt.

      Herzlichen Gruß,
      Ingrid

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  2. Ergänzend vielleicht noch zwei Zitate:

    »Man muß sich der Idee als Herr gegenüberstellen, sonst gerät man unter ihre Knechtschaft.«

    Rudolf Steiner: Die Philosophie der Freiheit 1894

    »Was für eine Philosophie man wähle, hängt sonach davon ab, was man für ein Mensch ist: denn ein philosophisches System ist nicht ein todter Hausrath, den man ablegen oder annehmen könnte, wie es uns beliebte, sondern es ist beseelt durch die Seele des Menschen, der es hat. Ein von Natur schlaffer oder durch Geistesknechtschaft, gelehrten Luxus und Eitelkeit erschlaffter und gekrümmter Charakter wird sich nie zum Idealismus erheben.«

    Johann Gottlieb Fichte: Erste Einleitung in die Wissenschaftslehre 1794

    Danke für den interessanten Artikel, insbesondere die Ausführungen von Wolf Biermann haben mir gut gefallen.

    Lieber Gruß,
    Hassan حسن

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    1. Lieber Hassan,

      danke für das Fichte-Zitat (das Steiner'sche aus der PhdF bildet ja den Schluß meines Artikels)!

      »Was für eine Philosophie man wähle, hängt sonach davon ab, was man für ein Mensch ist« – das klingt sehr schlüssig und scheint auf den ersten Blick zu bedeuten, daß es auf das Innere eines Menschen ankommt, zu welcher „Philosophie“ er sich hingezogen fühlt.

      Allerdings scheint das der Erfahrung eines mir nahestehenden, bald 95jährigen Menschen zu widersprechen. H. erzählt, in der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg sei es mehr oder weniger dem „Zufall“ überlassen gewesen, »ob einer ein Nazi oder ein Sozi wurde«: als junger Bursch hatte man ein „Idol“ - das war entweder der ältere Bruder, oder ein um ein paar Jahre älterer Freund, dem man nacheiferte; es konnte auch ein bekannter Sportler sein…
      Und es kam auf die politische Einstellung dieses „Idols“ an. Denn selbstverständlich eiferte man ihm auch darin nach – und wurde daher entweder ein glühend begeisterter Nazi oder ein ebenso glühend begeisterter Sozi...

      Freilich: wenn man das Schicksal eines Menschen (und damit auch den „Zufall“, der ihm ein bestimmtes „Idol“ auf den Weg stellt) so betrachtet, wie Rilke es hier formuliert:

      »Es ist nötig - und dahin wird nach und nach unsere Entwicklung gehen -, daß uns nichts Fremdes widerfahre, sondern nur das, was uns seit lange gehört. Man hat schon so viele Bewegungs-Begriffe umdenken müssen, man wird auch allmählich erkennen lernen, daß das, was wir Schicksal nennen, aus den Menschen heraustritt, nicht von außen her in sie hinein. Nur weil so viele ihre Schicksale, solange sie in ihnen lebten, nicht aufsaugten und in sich selbst verwandelten, erkannten sie nicht, was aus ihnen trat; es war ihnen so fremd, daß sie, in ihrem wirren Schrecken, meinten, es müsse gerade jetzt in sie eingegangen sein, denn sie beschworen, vorher nie Ähnliches in sich gefunden zu haben. Wie man sich lange über die Bewegung der Sonne getäuscht hat, so täuscht man sich immer noch über die Bewegung des Kommenden. Die Zukunft steht fest, lieber Herr Kappus, wir aber bewegen uns im unendlichen Raume.«

      — dann stimmt’s wieder.

      Herzlichen Gruß,
      Ingrid

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  3. »Allerdings scheint das der Erfahrung eines mir nahestehenden, bald 95jährigen Menschen zu widersprechen.«

    Liebe Ingrid,

    ich denke es gibt, in der jeweiligen Situation, oder aber rückblickend, immer einen Unterschied zwischen richtig oder falsch. Oder gut oder schlecht.

    Genau dahin sollte das Zitat von Johann Gottlieb Fichte deuten.

    Man solle sich das allerdings nach meiner Ansicht nicht zu zugespitzt vorstellen: Statt gut und schlecht mag es auch weniger schlecht und schlecht geben.

    »Was für eine Philosophie man wähle, hängt sonach davon ab, was man für ein Mensch ist« – das bedeutet nicht, daß es bedeutunglos wäre, welche ›Philosophie man wähle‹; sondern daß die gewählte Philosophie eine Bewertung der Individualität des Menschen ermöglicht.

    Das war mir wichtig, und das wollte ich noch einmal hervorheben.

    Lieber Gruß,
    Hassan حسن

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  4. Lieber Hassan,

    das ist interessant. Ich bin nicht sicher, ob ich Dich richtig verstanden habe, und habe dazu zwei Fragen:

    »… daß die gewählte Philosophie eine Bewertung der Individualität des Menschen ermöglicht.«

    Wem ermöglicht sie eine solche Bewertung?
    Und: nach welchen Kriterien?

    Herzlich,
    Ingrid

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    1. Liebe Ingrid,

      ich denke, in den meisten Fällen genügen die Kriterien und Bewertungsmaßstäbe der betreffenden Person, auf sich selber angewandt.

      Um in ein anderes konkretes Beispiel vorzurücken: Viele Menschen würden Kleidung aus nachhaltig ökologischer Herstellung den Vorzug geben. Konkret ist dies jedoch schwer möglich, da nachhaltig produzierte Kleidung als ›unmodern‹ und sehr teuer gilt. Hier scheint eine Umsetzung des Wunsches nicht möglich, und alles bleibt, wie es ist.

      Tatsächlich (um beim Beispiel zu bleiben) gibt es jedoch eine große Bekleidungsmarke, die überwiegend nachhaltig und ökologisch produziert (und das von seriösen Verbänden überprüfen lässt). Ob man das weiß oder nicht hängt von einem selber ab: Ob einem das Thema wichtig genug ist, und ob man sich die Zeit nimmt, sich zu informieren.

      Lieber Gruß,
      Hassan حسن

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    2. Lieber Hassan,

      danke für Deine Antwort.

      Für mich gibt es kein absolutes (ab-solutus: losgelöst, zB von Ort, Zeit, Situation…) richtig oder falsch — und daher auch keine „absolut richtige“ Philosophie, die man ein für allemal wählen kann, und natürlich erst recht keine absoluten Kriterien, nach denen man eine Individualität bewerten (im Sinne von „gut“ oder „böse“) könnte.

      Zudem unterscheide ich - wie auch Rudolf Steiner - zwischen Persönlichkeit und Individualität.

      Du sagst:
      »Was für eine Philosophie man wähle, hängt sonach davon ab, was man für ein Mensch ist« – das bedeutet nicht, daß es bedeutunglos wäre, welche ›Philosophie man wähle‹; sondern daß die gewählte Philosophie eine Bewertung der Individualität des Menschen ermöglicht.
      Wenn Du damit meinst, im Rückblick kann eine Persönlichkeit bewerten, ob sie selber damals (nach ihren eigenen Kriterien) „richtig“ oder „falsch“ gehandelt hat — dann stimme ich Dir grundsätzlich zu.
      Interessanter als die Bewertung selbst wäre allerdings für mich die Frage, ob die Bewertungskriterien heute dieselben sind, nach denen man damals zu einer Entscheidung gekommen ist, oder ob sich diese Kriterien in der Zwischenzeit geändert haben. Und ob man das in die „Bewertung“ mit einbezieht.

      Wer sich in der Weise für eine Ideologie (oder auch Philosophie) entscheidet, daß er sie für absolut, zu allen Zeiten und unter allen Umständen die „einzig richtige“ hält, macht sich aller Wahrscheinlichkeit nach zu ihrem Knecht…

      Im Kontext meines Artikels bleibe ich daher bei meiner Formulierung:
      »Es kommt nicht darauf an, für welche Ideologie ich mich entscheide.
      Sondern es kommt darauf an, ob es mir gelingt, mich so frei zu halten, daß ich dann, wenn die Ideologie, wie es im Ausstellungstext heißt, »praktisch wird«, nicht zu einem Teil eines „großen Tiers“ werde, sondern Mensch sein kann.«


      Ob man etwas weiß oder nicht, das hängt, wie Du sagst, heute weitgehend »von einem selber ab: Ob einem das Thema wichtig genug ist, und ob man sich die Zeit nimmt, sich zu informieren.«
      Volle Zustimmung!
      An Deinem Bespiel von C&A (und übrigens auch H&M) und der Biobaumwolle zu Discounter-Preisen sieht man übrigens sehr schön, daß auch hier die Frage, was nun „richtig“ oder „falsch“ ist, bzw „schlecht“ oder „weniger schlecht“, nicht so leicht „absolut“ beantwortet werden kann:
      »Bleibt also festzuhalten: C&A und H&M tun eine ganze Menge, um nachhaltige Baumwolle aus der Nische in die Masse zu tragen – sei es über streng oder weniger streng zertifizierte Baumwolle, Recycling oder die Förderung von Biobaumwoll-Kleinbauern. Mit ihrer Marktmacht schaffen sie, Bio-Klamotten zum billigen Massenprodukt zu machen. Dass dafür Abstriche an der Bio-Qualität gemacht werden, ist nicht weiter verwunderlich – schließlich haben wir es hier mit Wirtschaftsunternehmen und nicht mit NGOs mit Weltverbesserungsauftrag zu tun.

      Aber: Billige Massenware regt auch zum schnellen Massenkonsum an. Damit wird auch das Bio-Kinderkleid Teil der Ex-und-Hopp-Kultur – und die ist eben nicht nachhaltig. Noch besser wäre ein schlauer Kleidungs-Mix aus Secondhand, leihen, tauschen, weitergeben – und selten mal einem neuen Teil. Das kann dann aber auch was kosten – und von einem wirklichen Bio-Label wie Armed Angels oder recolution stammen.«



      Herzlich,
      Ingrid

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  5. Steiner: »Man muß sich der Idee erlebend gegenüberstellen können; sonst gerät man unter ihre Knechtschaft.«

    Dieser Satz klingt so, als sei der kleine Finger ein Knecht der Hand.

    ~ B.

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    1. Wenn man eine Idee nicht von der Hand weisen kann, dann kann man sie um den kleinen Finger wickeln...

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  6. Ingrid stellt Gedanken Steiners hin, ohne selbst Gedanken hierzu "hier" zu entwickeln.
    Aufgrund des Hinweises von Burghard Schild und Birkholz, nochmals den Satz von Steiner gelesen, dann übergegangen zum Lesen des längeren Absatzes davor.

    Im Zusammenklang fällt nun dies auf:"Denn gerade solche Momente benutzt Ahriman zu seinem Handwerk, wo der Mensch bei vollem Tagwachen in eine Art von Schwindelzustand kommt, in eine Art von bewußtem Dämmerungszustand, wo er sich nicht recht heimisch fühlt in der physischen Welt, wo er beginnt, sich dem Zirkeltanz des Universums zu überlassen, wo er nicht mehr gehörig als Individualität auf seinen Beinen und Füßen stehen will. Das sind die Momente, wo man sich hüten muß, denn da bekommt Ahriman leicht Oberwasser in unserer Umgebung."

    Darin: "sich dem Zirkeltanz des Universums zu überlassen". Dies fällt nun besonders auf. Der Mensch - nach Steiner - überlässt sich dem kosmischen Geschehen, der dort geltenden Verhältnisse, während es seine Aufgabe als Mensch ist (oder wäre, nach Steiner), seine "Vernunft" zu gebrauchen. Also die menschlich erworbene Vernunft. Das heißt doch, der "Zirkeltanz" (der Wesenheiten), kennt nicht Vernunft. Das bedeutet, wenn ich mich der Idee (die aus dem Kosmos geboren im Menschen auftaucht, sich entwickelt), ohne "Erleben" widme, fällt sie aus der menschlichen Ebene heraus, wird zum "Dogma", zur Diktatur, zum bestimmenden Gesetz, ohne Bezug auf den Menschen ("Erleben").
    Bei diesen Betrachtungen kommt dann sicherlich die Notwendigkeit der "Freiheit" des Anderen. Letzten Endes können die verschiedenen "Erlebnisweisen" nur durch eine geltende, angenommene Verfassung, daraus erwachsenes Recht in sinnvolle Übereinstimmung gebracht werden, damit nicht Willkür des einzelnen Erlebens mit der Umwelt stattfindet.

    Gönnte mir nun ein gutes E-Piana. Das Erleben der einzelnen Töne im Zusammenspiel schafft nun von Menschenhand im irdischen "Zirkeltanz" "Vorlagen" für die Götterwelt, also Forderungen an "Ahriman", an "Luzifer", bzw. "entthront" sie ihrer Fratzenhaftigkeit, entstanden auch durch das Werk Steiners selbst. Es findet ein Ringen statt, wer hat schon die Buddhawürde erreicht und würde dann trotzdem den zirkelgestochenen Menschen beistehen?!

    Habe ob des Artikels von Ingrid bei anthrowiki zu GA 4 nachgeschaut, dort die Bemerkungen Steiners gelesen, wie das Lesen die Träume mit den Skeletten hervorruft. Es bleibt offen, ob das Lesen des Buches jetzt noch solche intimen Wirkungen im Menschen hervorruft.

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    1. Wird "Anthroposophie" zum Zirkeltanz,
      dann kommt,
      ja was,
      die "Bratpfanne",
      ein kosmischer Hinweis
      für die Stutgarter Freunde der Anthroposophie.

      oder: "Ahrimans Zirkeltanz"

      E.S.

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    2. »Ingrid stellt Gedanken Steiners hin, ohne selbst Gedanken hierzu "hier" zu entwickeln.«

      Meine Text-Collage beinhaltet nicht nur Texte Steiners. Und meine eigenen Gedanken zeigen sich einerseits in der Auswahl und Abfolge der Texte, andererseits in meinen Zwischentexten.

      Besonders wichtig war mir dies hier:
      »Es kommt nicht darauf an, für welche Ideologie ich mich entscheide.
      Sondern es kommt darauf an, ob es mir gelingt, mich so frei zu halten, daß ich dann, wenn die Ideologie, wie es im Ausstellungstext heißt, »praktisch wird«, nicht zu einem Teil eines „großen Tiers“ werde, sondern Mensch sein kann.
      Oder ob ich, wie Wolf Biermann, sogar die Kraft aufbringe, mich – zum Preis des Selbstwiderpruchs – so frei zu machen...«

      Danke für Deine Gedanken »zum "Dogma", zur Diktatur, zum bestimmenden Gesetz, ohne Bezug auf den Menschen ("Erleben")«
      Ja.
      Dazu fallen mir nun auch noch Archiatis Ausführungen zur „heiligen Institution“ ein, die ich vor längerer Zeit
      an anderer Stelle zitiert habe
      .

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    3. Ingrid, ich habe "Deine" Gedanken wohl als Abfolge der Texte - und auch Zwischenbemerkungen "erlebt".
      Das (Dein) Herausstellen des letzten Satzes von Steiner ermöglichte im Mitleben Deiner Gedankenfolgen tiefer in das Verstehen Steiners einzutauchen. Dies wurde erweitert durch dessen Hinweis auf die Skelette.
      @...
      der humoristische Hinweis auf Doppel-Dunkel, schwarze Schrift auf schwarzen Grund erbrachte den Gedanken, wie hell Hellsichtigkeit ist, gepaart mit Vernunft, die Welt, den Kosmos zu erkennen, die Musik Mittler, Künder... .
      Die Nacht der "Skelette" wurde so vielfältig erweitert und klärte sich am Tage durch eine Dokumentation zu Mohammed, die mir ein Sohn zusandte:
      https://www.youtube.com/watch?v=Lds1mBBnczQ&feature=youtu.be
      Kannte manche Einzelheit bisher nicht. Die Hinweise Steiners zur Wesenheit Christi werden für Europa, im Zusammenspiel des nun hier lebenden Islams bedeutungsvoller. Der Hinweis von Ingrid zur "Bratpfanne", der mit Hinweis auf "Kreissäge" einen schier ungeheurlichen Schreckensmoment menschlichen Lebens - damit für die Gemeinschaft der Anthroposophen - erfährt, lässt - für mich - die Bedeutsamkeit des gemeinsamen Ringens, bei allem Spott, Verletzlichkeit, Versagens, Missverstehen erahnen, echte Freundschaft hat ihre Quelle vor der Geburt, reift über den Tod hinaus.... .

      das Dunkle im Innern der Kaaba ist schaurig (herausfordernd-interessant), Frucht der N-acht. Dank an die Spötter, Gaukler..... .

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    4. @Ernst
      Mein Dunkel-Blog-Kommentar bezog sich ausschließlich auf das Anonym, dass Deiner Bratpfanneassoziation nicht bis zur Sprachgestalterin folgen konnte und sich darum ins Maggi-Kochstudio verirren müsste...

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    5. Inspiration fragt nicht danach, an wem etwas gerichtet ist.

      E.S.

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  7. @ E.S. "Bratpfanne"

    In Stuttgart gibt es ein Restaurant, in dem man im Dunkeln essen kann.
    Da sieht man nicht, wie viele (Fett) Augen aus der Suppe rausgucken.
    Und wenn dort Reisbällchen serviert werden, dann auf Geodreieck. Man kann die dann mit dem Zirkel greifen.
    Aber Vorsicht ! Bevor die Kellner servieren, tanzen die zwei Stunden im Kreis, bis die ganz schwindelig werden. Deswegen mein Hinweis:
    Schlabberlätzchen mitbringen.
    Es grüsst: Das Magie-Kochstudio

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    1. Ich plane ja einen anthroposophischen Dunkel-Blog:
      Schwarze Schrift auf schwarzem Grund...

      Man muss durch reines Schnüffeln in der Akasha-Chronik erriechen, was die anderen geschrieben haben und anonym sind wir dann alle...

      Es grüsst: Das Rudolf-Steiner-Karma-Kochstudio

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    2. Zur Info an die Anonymen:
      Ernsts „kosmischer Hinweis“ auf die Bratpfanne bezog sich wohl auf dies hier.

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