Erkennendes Fühlen

Wie bei so vielen Begriffen - wie auch „reines Denken“- kann man sich nur bemühen, dem Begriffswirrwarr im anthroposophischen Kontext einige - hoffentlich erhellende- Aspekte hinzuzufügen. Wie bei vielen ähnlichen Begriffen findet man durchaus unterschiedliche, ja widersprüchliche Aspekte darin.

Im „erkennenden Fühlen“ entdeckt man bei der Beobachtung des Denkens und in der Folge in der Realisation prozessualen Bewusstseins bewusste und unbewusste Aspekte- die sich durchaus in fortlaufender Entwicklung bzw. gerade in den letzten Jahren generell in rapidem Verfall befinden.

Die unbewussten Aspekte bewirken im Alltag die in sich stimmige Folge von gedanklichen Fragmenten zu einem intentionalen Ganzen: Ein in sich stimmiger Gedankenverlauf ohne logische Sprünge, der sich einbettet in den Kontext der Erfahrung, aber auch der sozialen Umgebung bzw. in deren Erwartungshaltung - schließlich in einen logischen Gesamtkontext, ohne die Intentionalität - die persönliche Färbung - zu verlieren. Georg Kühlewind nannte das das „hinter dem Denken“ bemerkbare „Fühlen der Logizität“, als „orientierende Kraft“.*

Bei anderen Personen kann man das Überwiegen einer Anpassung an eine Peergroup- etwa das Anbiedern-, aber auch das Überwiegen der Intentionalität - etwa im Rechthabenwollen - ebenso bemerken wie ein surreales, unlogisches Abdriften. Das erkennende Fühlen im Gedankengang hat in diesem Sinne etwas Ausgleichendes, Verbindendes, aber auch Verbindliches. Die ganze Person wird in diesem mitschwingenden Empfinden wahrnehmbar. Letztlich war das Erlernen von Sprache und Bedeutung beim sich entwickelnden Kind nicht anders als durch erkennendes Fühlen der Bedeutung von Begriffen und Begriffszusammenhängen erlernbar. Die Fähigkeit, die beim Kind wie beim Erwachsenen selbst nicht bewusst wird, kann aber mehr oder weniger gestört sein. Das zeigt sich, wenn Fanatismen auftreten, oder wenn der empathische Aspekt, sich je nach Gesprächspartner verständlich machen zu können, geschwächt ist- oder wenn es an der logischen Stringenz in der Entwicklung von Gedanken fehlt. So wie Schwächen Anderer unmittelbar, intuitiv bemerkbar sind - eine gleichfalls empfundene Wahrnehmung- so schwer ist es, die eigenen Schwachpunkte in dieser Hinsicht zu bemerken.

In der gesamten modernen Gesellschaft unterliegt dieses mitschwingende Logizitäts- Empfinden einer kontinuierlichen Erosion. Offensichtlich werden diese intuitiven Fähigkeiten durch die Datenmengen, Informationsbits und vorgekauten Meinungen in Peergroups, Medien und in den Echo- Kammern der Sozialen Netzwerke korrumpiert, gelähmt und abgestumpft: "Alternative Wirklichkeiten" haussieren. Dort, wo das individuelle, sachliche und stringente Verfolgen und Ausdrücken von gedanklichen Zusammenhängen geschwächt wird, klopft eine existentielle Unzufriedenheit an, die auf einer fortdauernden Verunsicherung beruht, aber auch einer zunehmenden Schwächung des Urteilsvermögens. Die Fähigkeit, sich sachlich auszudrücken und sachlich zu verstehen, gehört eben zu den ur- menschlichen Bedürfnissen, den Notwendigkeiten des individuellen Geistes, um sich grundlegend zu orientieren.

Es ist wohl an der Zeit, das erkennende Fühlen mehr und mehr ins Bewusstsein zu heben, um nicht immer stärker dem (ein Begriff Kühlewinds) blinden Mich- Fühlen zu verfallen, das anfällig macht für Fanatismen und politische Führer, die Orientierung versprechen. Das Evidenz- und Logizitätsfühlen ist in bewusster Hinsicht aber nur in einem fokussierten, voraussetzungslosen, an nichts anlehnenden kontinuierlichen Denkwillen möglich, der meditativer Natur ist. Eine solche in sich ruhende, energetische Bewusstseinsebene, auf der sich das Ich-bin im Denkstrom selbst erfährt, ist heute jedem Menschen zugänglich und klingt im Hintergrund des Erlebens mit, sobald und sofern die Bannung der Fokussierung an die Gegenstandswelt gelockert wird. Diese Fähigkeit ist Kultur- unabhängig und gehört zu den existentiell menschlichen Grundfähigkeiten. Sie wird nicht bewusst, weil das Gegenstandsbewusstsein fragmentiert erlebt wird. Eine intellektuell- willentliche Fokussierung, Stärkung und „Reinigung“ hebt sie lediglich ins Licht. Rudolf Steiner hatte diese Grundfähigkeit das Geistselbst- bei Rupert Spira (um nur ein Beispiel aus der Advaita- Bewegung zu nennen) wird sie die Erfahrung des „Ich-bin“ genannt. In der öffentlichen gedanklichen Meditation unten z.B. geht Spira eine Stunde lang auf das Mantram „Das Ich-bin ist der Weg, die Wahrheit und das Leben“ ein- gewöhnungsbedürftig, aber sehr realistisch in Bezug auf die hier gemeinte Evidenz- Erfahrung.

Auch Kühlewind* bestätigt: „Je kontinuierlicher das Denken wird, umso mehr geht es in das erkennende Fühlen über, aus dem es stammt, löst sich im Fühlen auf, wird „global“, (..) wird weniger scharf und analytisch, aber umso umfassender. Der Weg zum erkennenden Fühlen führt durch das konzentrierte reine Denken. Das ist das ursprüngliche Fühlen, sowohl beim einzelnen Menschen als auch bewusstseinsgeschichtlich.


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*Georg Kühlewind, Der sanfte Wille“, S. 36

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